Eine App für das „Gute“: Social Scoring in Echtzeit

oder: Warum hat Putin kein Lastenfahrrad?

(Symbolbild:Shutterstock)

Was uns noch fehlt, ist eine „Wokeness-App“ – erst einmal in einem Probelauf, als Betaversion für das iPhone, das scheinbar jeder besonders engagierte Aktivist besitzt. Nichts gegen iPhones, die sind schon schick, werden aber teilweise unter Arbeitsbedingungen gefertigt, die Benutzer wie Jutta Dittfurth die ganze Nacht ins Kissen weinen lassen müssten. Aber egal: China ist weit weg und wurde auch von Greta Thunberg verschont, diesem mittlerweile etwas in Vergessenheit geratenen personifizierten Gütesiegel für das Wahre, Gute und Schöne.

Man könnte China sogar bei der Entwicklung einer solchen „Wokeness-App“ um Rat bitten, in Anlehnung an deren Sozialpunkte-System. In der Premium-Version gibt es dann eine SmartWatch dazu, die permanent Puls, Blutdruck und -zucker überwacht, um verdächtige Gefühlsregungen unmittelbar aufzuspüren. Schaut man etwa der afrikanischen Migrantin eine Zehntelsekunde zu lang auf den Kopfputz – es sind schließlich wirklich beeindruckende Konstruktionen dabei -, werden über das angeschlossene Online-Banking automatisch zehn Euro Spende an Seawatch e.V. überwiesen. Oder an Greenpeace, wenn das dem selbst erstellten Strafprofil für Mikroaggressionen eher entspricht.

Viel wichtiger wäre es jedoch, den Nutzern erst einmal ein wenig Orientierungshilfe im Alltag zu geben. Schließlich kann man sich nie sicher sein, welches Thema gerade „trendet”. Durch entsprechende Rückmeldungen an die App wären auch genaue Ortsangaben möglich: Während sich in „Lisas Latte-Lounge“ noch heftig darüber empört wird, dass demnächst auch Ungeimpfte wieder ihre verseuchten Körper auf den Cocktailsesseln aus veganem Leder niederlassen dürfen, debattiert man in der Teestube der Grünen Jugend noch darüber, ob Putins Offensive eventuell völkerrechtlich anders zu bewerten sei, wenn seine Soldaten mit dem Lastenfahrrad angereist wären. Luisa Neubauer hat die Denkrichtung vorgegeben – der „fossile“ Krieg ist zu verurteilen!

Gruppenfoto mit Regenbogenfahne

Hätte ich das nur schon als Kind gewusst, als meine Mutter mir verbot, „Star Wars“ zu gucken. Da das Imperium den Todesstern nicht mit Diesel betrieb, hatte der Film nämlich gar nichts mit Krieg zu tun. Und die berühmte Cantina im Weltraumhafen Mos Eisley sah noch multikultureller aus als eine Shishabar in Duisburg-Marxloh – ein Aspekt, der in unserer App unbedingt zu berücksichtigen wäre. Mit etwas Glück findet sie eine Location, in der ein Außerirdischer mit Rasta-Zöpfen nachhaltigen Döner verkauft, Zutritt nur mit dreifachem Booster möglich ist und grüner Tee aus der Ukraine in Recycling-Tassen verkauft wird. Ein Cent je Tasse wird an den Solidaritätsfonds für in der Pandemie arbeitslos gewordene Hamas-Aktivisten gespendet. Die haben zum Dank sogar ein Gruppenfoto mit einer Regenbogenfahne geschickt. Die war allerdings schon mal angezündet worden.

Bald dann schon wird sich der aufgeklärte Deutsche den Tag ohne seine „Wokeness-App“ gar nicht mehr vorstellen können. Als unverzichtbare Alltagshilfe begleitet sie ihn durch den Dschungel der politischen Korrektheit. Denn es gibt so viel zu beachten, das kann sich keiner mehr merken, wie bei einem Labyrinth, dessen Wände sich ständig verschieben. Sie sagt ihm, was gerade auf der Abschussliste ganz oben steht, welche Meinung er wo vertreten muss und was er auf keinen Fall tun darf. Welcher Buchladen verkauft noch alte Ausgaben von Pippi Langstrumpf? Nur nicht dort gesehen werden! Welchen Kaugummi kaut Alice Weidel? Nur nicht den gleichen kauen! Von welchem Diktator darf ein Prominenter sich zum Geburtstag gratulieren lassen und wo gibt es Gummistiefel aus fairem Handel? Wo in meiner Stadt kann ich ein Zeichen setzen?

Freilich wird gerade das unsere App störanfällig machen. Nicht auszudenken, wenn Hacker das System kaperten und Schindluder damit trieben: Man könnte den Menschen etwa erklären, dass es aus Solidarität mit der Ukraine gerade angesagt sei, mit einer Hakenkreuz-Fahne des Asow-Regiments durch die Stadt zu laufen. Oder mit umgekehrter Psychologie arbeiten: „Beatrix von Storch ist für Masken- und Impfpflicht!”, „Herbert Grönemeyer singt ‚Blueberry Hill‘ mit Putin” oder „Annalena Baerbock lehnt die Frauenquote ab!” könnten einige Verwirrung auslösen. Das kann doch unmöglich funktionieren, werden Skeptiker sagen – weil so dämlich keiner ist.

Anerzogene Knopfdruck-Betroffenheit

In einem Land jedoch, das die Lieferung alten NVA-Schrotts in Krisengebiete als humanitäre Maßnahme feiert, wundert mich inzwischen nichts mehr. Fehlt nur noch der Export von nicht gebrauchten Konfettikanonen aus Köln. Oder nehmen wir Karl Lauterbach: Dem glauben auch eine Menge Menschen. Das qualifiziert sie nicht gerade als selbständige Denker. Darüber, was geschähe, wenn unsere App etwa aufgrund eines Blackouts ganz ausfiele, mag man erst gar nicht nachdenken: Ein Heer orientierungsloser Deutscher tappte – überall durch rechte Attacken in Gefahr – hilflos durch die Straßen.

Als bodenständiges Ruhrpottkind mit rheinland-pfälzischem Migrationshintergrund sehe ich mich zunehmend eingeengt – womit ich sicherlich nicht die Einzige bin. Angefangen hat das Getöse mit der Einsetzung einer Sprachpolizei durch Möchtegern-Intellektuelle, denen es eigentlich vollkommen egal ist, was ein Mensch fühlt und denkt, wenn er nur die richtigen Formulierungen abspult. Ein gutes Beispiel dafür ist Bundespräsident Steinmeier: Immer wieder kuschelt er mit Linksextremisten und Antisemiten – aber weil er genau einstudiert hat, welche Formulierungen man im Bezug auf die deutsche Vergangenheit gebrauchen muss, nicken die „Guten“ jede Handlung von ihm ab, selbst wenn er nonverbal eine ganz andere Sprache spricht. Umgekehrt können einem ein Krieg, Völkermord oder jede andere menschliche Tragödie innerlich sehr nahe gehen – doch schon ein ehrliches „Was für eine Sch…” macht ihn zum Paria, denn er hat den Formalitäten nicht genügt. Den Bürgern wird Knopfdruck-Betroffenheit anerzogen, und damit kommt man in jeder Lage ausgezeichnet zurecht. Das Gesamtbild menschlicher Kommunikation, die bekanntlich auch aus Mimik und diversen Gesten besteht, gerät mittlerweile in Vergessenheit, es reichen ein paar einstudierte Gesichtsausdrücke, um in dieser Show zu punkten.

Angeblich leben wir – so wird uns täglich eingehämmert –  in der besten Demokratie aller Zeiten. Erstaunlich ist dann allerdings nur, dass unser Verhalten dem eines Bürgers ähneln soll, der eine Diktatur überleben will. Wenn es die besagte App schon gäbe, würde sie angesichts dieser Frage wohl schrille Dauerwarntöne von sich geben…

5 Kommentare

  1. ZITAT: „Warum hat Putin kein Lastenfahrrad?“

    Ganz einfach. Der reitet lieber auf Bären. Da sitzt man bequemer, und eine Sitzheizung gibt es auch.

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