
Fledermausrepublik – so könnte man Deutschland nennen, seit die A 20 bei Bad Segeberg nach Jahren des Stillstands wieder Fahrt aufnimmt, nachdem sich das Land Schleswig-Holstein und Umweltverbände diese Woche auf zusätzliche Schutzmaßnahmen verständigt haben. Juristisch ist das sauber, politisch lehrreich – und komisch ist es obendrein: Erst wenn wir Tunnelleitlinien für nächtliche Insektenjäger, Schutzzonen, Monitoring und sogar eine Landesstiftung durchbuchstabiert haben, darf der Bagger husten. In China stünde die Autobahn schon längst, während wir noch immer die akustische Aktivität im Quartiermonitoring protokollieren. Die Pointe: Ausgebremst wurde die A 20 wegen unzureichender Fledermausprüfungen bereits 2013 (!); jetzt erst, zwölf Jahre später, wird nachgerüstet: mit einer mit 14 Millionen Euro ausgestatteten Landesstiftung Fledermausschutz, um Schutzmaßnahmen für die bedrohten Tiere umzusetzen. Der BUND zieht im Gegenzug seine Klage gegen den Bau des zehn Kilometer langen A20-Abschnitts von Weede bis Wittenborn zurück – und plötzlich geht es weiter. Man kann das als Sieg des Rechts feiern (Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) sprach von einem “historischen Tag”) – oder auch als Mahnung, dass Verfahren in Deutschland eher in Fledermausjahren als in Menschenjahren gezählt werden.
Warum gerade die Fledermaus? Weil sie – wie Juchtenkäfer, Kammmolch und Zauneidechse – streng geschützt ist. Die EU-Habitatrichtlinie verpflichtet alle Mitgliedstaaten zu einem rigiden Schutzregime: Nicht nur Töten ist untersagt, sondern schon Stören sowie das Zerstören von Brut- und Ruheplätzen. Ausnahmen gibt es, aber nur bei zwingenden Gründen des überwiegenden öffentlichen Interesses, nach Alternativenprüfung und mit Ausgleich – jede Schraube ein Schriftsatz. Das gilt zwar in ganz Europa; die gleichwohl riesigen Unterschiede in der Auslegungspraxis und Befolgung der Regel liegen weniger im Schutzniveau als in der Verwaltungskultur und im Tempo. Die deutsche Spezialität ist, “Schutz” in unendliche Prozeduren zu verwandeln. Wo kein Wille ist, ist auch kein Weg.
bats & bridges zugleich
Die Fledermaus erzählt noch eine zweite, typisch deutsche Geschichte: Selbst fertige Bauwerke tragen ihre Nachwirkungen. Die Waldschlößchenbrücke in Dresden hat in den Sommermonaten nächtliche Tempolimits zum Fledermausschutz – eine Art „Flüstermodus“ für Infrastruktur wegen eines possierlichen Tierchens namens Kleine Hufeisennase. Biologisch lässt sich das begründen: „Hufi“ kann sich mit ihrem Echo-Signal nur auf kurze Distanz orientieren und fliegt zudem nah an der Erdoberfläche. Dadurch wird das Flattertier schnell zum Opfer vorbeifahrender Autos, die schneller als mit Tempo 30 unterwegs sind. Politisch wirkt es wie ein ironischer Kommentar zur Moderne: Wir haben die Brücke gebaut, aber fahrt bitte leise drüber! Allein in den ersten sechs Jahren nach Brückeneröffnung kassierte die Stadt 3,6 Millionen Euro von Temposündern. Dass darüber seit Jahren weiter gestritten wird, gehört zur Folklore deutscher Verkehrspolitik. Überhaupt hat Dresden ein gespanntes Verhältnis zu Fledermäusen: Ursprünglich sollte das seit vielen Jahren vor sich hingammelnde „Römische Bad“ unterhalb von Schloss Albrechtsberg ab 2023 endlich saniert werden. Doch während das dafür benötigte Kleingeld langsam zusammenkommt, machen nun die Flattertiere den Planern einen Strich durch die Rechnung. Denn ganzen 16 (!) Fledermausarten, von denen einige in Sachsen vom Aussterben bedroht sind, dienen die Hohlwände und Gewölbedecken des denkmalgeschützten Bads als Refugium. Aus Rücksicht auf die Tiere, die sich im Winter mittels Körperwärme gegenseitig vor dem Erfrieren schützen, können die Arbeiten immer nur zwischen April und August stattfinden.
Zurück nach Bad Segeberg. Humor hilft, die Ökonomie zu verstehen: Während wir den Trassenknick für eine Wochenstube neu berechnen, staut sich der Verkehr anderswo, Pendelzeiten steigen, Emissionen wandern von der Baustelle auf die Ausweichroute. Der Artenschutz wird dadurch nicht zwangsläufig besser – er wird nur später entschieden. Das Lehrstück A 20 zeigt, dass man “bats & bridges” zugleich haben kann: wenn Auflagen präzise sind, Entscheidungen final und nicht iterativ endlos, und wenn Beteiligung und Rechtsschutz vorne im Verfahren wirksam sind statt immer wieder hinten zu detonieren.
Zwischen „zu langsam“ und „zu locker“
Der internationale Blick erdet die Debatte: In Tschechien beschleunigt ein reformiertes Linear-Gesetz seit 2024 strategische Infrastruktur mit verkürzten Fristen und gebündelten Genehmigungen; Gerichte diskutieren gerade, wie viel Beschleunigung dem Rechtsschutz zumutbar ist. Polen nutzt seit 2003 seine Sonderstraßengesetze (specustawa drogowa) mit sofort vollziehbaren Entscheidungen – bauen, während noch gestritten wird. Das Vereinigte Königreich bündelt Großvorhaben über Development Consent Orders (gemäß Planning Act 2008) mit festen Prozessschritten. In den USA setzen die 2023/24 beschlossenen NEPA-Reformen („Builder Act“) harte Zeit- und Seitenlimits. Spanien “fast-tracked” mit Königlichen Dekreten – schnell, aber mit dünnerer Parlaments- und Öffentlichkeitsbeteiligung. In China dominiert die Zielerreichung – die Bauzeiten sind kurz, der Artenschutz hat selten die Bremserrolle wie hierzulande. Der Befund: Der Schutzstatus ist international nicht zwingend niedriger, die Prozessarchitektur ist es sehr oft.
Bleibt die rhetorische Frage, ob Eidechsen in Tschechien oder Muscheln in Brasilien weniger wert sind? Nein. Europas Eidechsen stehen unter denselben EU-Regeln; Brasilien wiederum schützt andere, teils hochbedrohte Süßwassermuscheln – nur arbeitet man dort weniger über starre Artenverbote, sondern über Einzellizenzen und Habitatfragen, bei schwächerem Vollzug. Das Ergebnis ist selten ein Baustopp, häufiger ein schleichender Habitatverlust. Zwischen „zu langsam“ und „zu locker“ liegt also der schmale Grat der Verantwortung. Wenn die A 20-Einigung etwas lehrt, dann dies: Das Problem ist nicht die Fledermaus, sondern unser Umgang mit ihr. Wer klare Daten erhebt, Auflagen vorab festzurrt und Rechtswege strafft, baut früher – und schützt besser. Dann würde man hierzulande vielleicht nicht ganz so schnell bauen wie in China… aber immerhin, bevor die nächste Fledermausgeneration ausfliegt.
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5 Antworten
In Deutschland hat man ein besonderes Talent: Sich selbst immer wieder ein Bein zu stellen.
😜
Positionspapier der evangelischen Kirche: Grünes Licht für Kriegstüchtigkeit
https://www.nachdenkseiten.de/?p=142050
Deutsche Grundformel:
Was schadet, wird erklagt, was nutzt, wird zerklagt!
Niemand geht es um den Schutz von irgendwas, das sind Vorwände für gehässige Blockaden, Verhinderungen, Einschränkungen und Tyrannei durch Überwachung, Maßregelung und Einforderung von Kadavergehorsam.
„Rasen betreten verboten“ ist eben das einzig hervorstechende, das deutsche Kultur ausmacht.
Ach, Sie kennen das System wohl auch schon länger! 😂
Und was schon gebaut ist und längst funktioniert und Wohlstand schafft, wird in die Luft gesprengt.