Energiepolitische Geisterfahrt: Eon-Chef plädiert für die Wende der Wende

Energiepolitische Geisterfahrt: Eon-Chef plädiert für die Wende der Wende

Eon-Chef Birnbaum redet Tacheles (Foto:Imago)

Deutschland war schon immer stolz auf seine großen Ideen. Den Buchdruck. Das Automobil. Die Bratwurst. Und nun die Energiewende. Ein Projekt, das so ambitioniert ist, dass man es fast mit einer Weltumsegelung vergleichen könnte – nur, dass wir unterwegs erst den Kompass erfinden, dann die Seekarten zeichnen und am Ende feststellen müssen, dass das Schiff irgendwo im Gebirge gelandet ist. Das bisherige Motto: Erst einmal Windräder und Solarfelder hinstellen, möglichst viele, möglichst schnell. Der Strom findet seinen Weg dann schon irgendwie. Dass dieser Weg oft quer durchs Land führt, vorbei an überlasteten Netzen und über die Konten von ein paar sehr glücklichen Netzbetreibern, scheint zweitrangig. Hauptsache, die Ausbauzahlen stimmen und die Pressefotos sehen schön aus.

Nun meldet sich Eon-Chef Leonhard Birnbaum zu Wort. Ein Mann, der Strom nicht aus der Steckdose bekommt, sondern aus der Unternehmensbilanz. Er ruft zu einer Wende der Wende auf. Klingt kompliziert, ist aber im Grunde einfach: Weniger blind bauen, dafür gezielter. So wie man auch nicht zehn Kühlschränke kauft, nur weil es gerade ein Angebot gibt, und vor allem nicht, wenn die Küche schon voll ist. Birnbaum beschreibt, was jeder Energiepraktikant im ersten Lehrjahr lernt: Strom dort zu erzeugen, wo er nicht gebraucht wird, ist teuer. An der Küste drehen sich die Rotoren, während im Süden die Industrie auf Strom wartet. Das Netz ächzt, die Kosten steigen und am Ende wundern sich Bürger und Unternehmen, warum ihre Rechnung so aussieht, als hätten sie heimlich ein Schwimmbad beheizt.

Die Realität hält sich selten an Tabellen

Besonders “liebevoll” nimmt Birnbaum die Subventionspraxis auseinander: Wind und Sonne seien zwar kostenlos, doch das drumherum sei ein Goldesel für alle, die sich rechtzeitig in die Fördertöpfe setzen. Manche Anlagen hätten sich längst selbst getragen, würden aber weiter gefördert, als seien sie zarte Orchideen, die ohne Geldregen verwelken. Der Eon-Chef hält wenig von Planwirtschaftsromantik. Die Fünfjahrespläne, die den Strombedarf in der Zukunft angeblich auf die Kilowattstunde genau kennen, hätten den Charme einer Wettervorhersage im Juli für den Dezember, stellt er trocken fest. Die Realität hält sich selten an Tabellen.

So kommt es, dass an manchen Sonntagen der Strompreis ins Negative fällt, weil Sonne und Wind gleichzeitig Überstunden machen, während niemand zu Hause ist, um das Bügeleisen anzuschalten. Der Überschuss wird dann für teures Geld abgeregelt. Das ist so, als würde man ein perfekt gebratenes Steak wegwerfen, weil der Tisch schon gedeckt ist. Birnbaums Vorschläge klingen altmodisch und deshalb fast radikal – und man fragt sich, wie es sein kann, dass man sie seit Jahren ignoriert hat: Erst denken, dann bauen! Mehr Digitalisierung, damit Strom flexibel genutzt werden kann! Verbraucher und Betriebe sollen ihren Bedarf verschieben können, statt starr am Tagesrhythmus zu hängen! Subventionen streichen, die keinen erkennbaren Nutzen mehr bringen!

Wie Autobahnen ins Nichts

All das könnte Milliarden sparen – und dennoch genug grünen Strom liefern. Natürlich ist nicht zu übersehen und sollte der Vollständigkeit halber nicht vergessen werden, dass auch Eon von geordneten Netzausbauplänen profitiert. Doch selbst wenn in Birnbaums bitterer Bestandsaufnahme Eigeninteresse mitschwingt, ist der Kern seiner Kritik doch schwer zu bestreiten. Niemand würde Autobahnen ins Nichts bauen, nur weil die Asphaltproduktion so gut läuft. In der Energiepolitik jedoch scheint es geradezu ein Wettbewerb zu sein, wer die meisten Baustellen pro Quadratkilometer vorzuweisen hat.

Ob die Regierung Merz den Weckruf dieses Energiemanagers ernst nimmt, bleibt offen. Vielleicht beschließt man, alles noch einmal zu prüfen, vielleicht werden nur ein paar Pflaster geklebt, bis die nächste Wahl vorbei ist. Vielleicht pfeift man Birnbaum auch zurück. Sicher ist nur eins: In Deutschland ändert sich meistens erst etwas, wenn vorher feierlich versprochen wird, dass alles so bleibt, wie es ist. Und so dreht sich die Wende weiter im Kreis. Nur diesmal vielleicht mit etwas weniger Schwindel. Das alles mutet nur noch verrückt an – zumindest für “Undoofen” in diesem Land.

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11 Antworten

  1. Und was soll uns das jetzt sagen? Der verlinkte Artikel in der „Welt“ steckt hinter einer Bezahlschranke und der Beitrag von Herrn Münch zitiert vom eon-Chef lediglich: „Weniger blind bauen, dafür gezielter.“

    Ja was denn „gezielter“ bauen? Windräder oder Solarparks? Oder doch Kohle-, Gas- und Kernkraftwerke?

    Eine Energiewende hin zu Sonne- und Windkraft könnte nur mit Speichertechnologien funktionieren, die wir nicht haben und die keine Sau bezahlen kann. Sagt der eon-Chef das auch?

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  2. Sofern man keinen national wiederkehrenden Birnbaumtag einführt, werden die gescheiten Worte des Herrn Birnbaum vermutlich schon in kurzer Zeit verklungen sein.

  3. @Ein Projekt, das so ambitioniert ist,
    nun ja – aber dazu braucht es erstens Leute, die etwas von der Materie verstehen und zweitens Leute, die das angegebene Ziel auch erreichen wollen.
    Also immer nach dem Motto : wer will – findet Lösungen – wer nicht will – Ausreden.
    Und die kommunistischen Funktionäre und Ideologen wollten die Ziele nicht erreichen – wie wollten das, was dann auch passierte – die Vernichtung Deutschlands.
    Wer erinnert sich noch : „Deutschland ist ja ein superreiches Land – und das will ich ändern !“
    Was Deutschland in Politik, Justiz und Medien hat, sind Ausreden-Erfinder und Abzocker !
    Und da geht nichts – sie können sich nur noch zurücklehnen und den Untergang genießen !

  4. Eine uralte Weisheit der Dakota besagt:
    „Wenn Du entdeckst, dass Du ein totes Pferd reitest, steig ab.“
    Das sollten die sogenannten Energieexperten beherzigen.

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  5. Birnbaum ist nicht glaubwürdig. Ob er überhaupt den Charakter der Energiewende gleich am Anfang erkannt hat? Warum hat er nicht früher interveniert? Manager, die erst im Nachhinein ein Problem erkennen, sind völlig ungeeignet.

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  6. DAS fällt dem netten Herrn Birnbaum jetzt erst ein oder auf ? Seit 2021 auf dem Posten, muss er ja eine extrem lange Lunte haben….. Aber mit 6-7 € Mio. jährlich lässt sich auch das gut verschmerzen. Mir scheint, ihm ist langweilig…. !

  7. EON ist der größte Abzockverein unter der Sonne.
    Wehe dem, der seinen Strom von denen bezieht. Der kann das ein
    oder andere blaue Wunder erleben. Speziell in Sachen Abrechnung.

  8. Wie viele Milliarden Euro könnte man einsparen, wenn sich Industrieführer, statt einen Kotau vor dem grünen Wahnwitz zu vollziehen, sich diesem entgegenstellen würden?

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  9. Wir brauchen Anlagen, die stabilen Strom erzeugen, der nach Bedarf nah am Verbraucher ohne teure Netze gesteuert werden kann, der preiswert erzeugt werden kann, der keine unbeherrschbaren Risiken birgt und weitere Vorteile erschließbar werden lässt.

    Die Chinesen haben bereits einen Thoriumreaktor erfogreich getetstet. 2 solcher etwa containergroßen kleinen Reaktoren der neuen Generation sollen den größten Tanker der Erde über die Meere bewegen.

    Die Karawanken in Österreich sind voll mit Thorium, dessen Abbau nicht gefährlich ist, wie es beim Uran der Fall ist. Diese Reaktoren sind nicht fähig, einen Supergau zu erzeugen.
    Außerdem kann mit diesen neuen Typen bei praktischer Forschung der Atommüll verwertet werden, so dass keine teuren Endlager für Millionen Jahre notwendig sind. Hier könnten also schon die finanziellen Rücklagen eingesetzt werden, falls es dese überhaupt noch gibt.
    Diese Anlagen könnten meist im Automatik-Betrieb laufen und ferngesteuert werden.
    Sogar die Beschickung mit neuen Brennstoff dürfte mit Robotern möglich werden.
    Menschen müssen sich im Gefahrenbereich nicht aufhalten.

    Und auf den Feldern könnten die Bauern wieder Lebensmittel anbauen, anstatt Slizium-Scheiben mit giftigen Bestandteilen aufzustellen.

    Dann können Kohle, Öl und Gas besser als Grundstoffe der chem. Industrie genutzt werden.

    Die Kernfusion wird in 100 Jahren noch keinen preiswerten Strom erzeugen und ITER ist nur ein Versuchsreaktor, der soviel Strom braucht wie eine ganze Stadt und ist immer noch nicht fertig,

    Deshalb werden in Deutschland Scheindiskussionen geführt, damit die bisherigen Fehler nicht eingestanden werdem müssen.

    Ja, genau diese Konzernführer haben auch versagt, also sollten die neuen Reaktoren ins Eigentum der Bürger übergehen. Dann käme die Automatisierungsrendite uns allen zu gute.
    Und wenn etwas nicht so läuft wie von den Experten versprochen, dann wird das korrigiert werden, wenn die mündigen Bürger der Boss sind.

    Die Gravitation der Sonne durch kümstliche Magnetfelder ersetzen zu wollen, das wird keine technisch stabile Angelegenheit, die einen Dauerbetrieb in absehbarer Zeit ermöglicht. 75 Jahre Forschung, aber kein wirklicher Durchbruch.

    Selbst „Grün“ eingestellte Organisationen hatten sich noch 2017 mit dem Thema Thorium beschäftigt.

    https://www.greenfacts.org/de/thorium-kernbrennstoff/index.htm

    Klar, da wollten die Grünen noch keine Kriegspartei sein.
    Aber der Atomwaffensperrvertrag hat die Atomkiegsgefahr nicht verhindert, sondern hat die etablierten Atommächte in eine Lage gebracht, andere Länder zu erpressen.

    Auch dafür gibt es eine bessere Alternative.
    Viele kleine Mini-Atommächte werden nie zum Erstschlag fähig sein, können aber als Bündnis jeden anderen davon abhalten, einen solchen zu führen.

    Dann muss nur noch geklärt werden, dass kein Bündnis gegen ein anderes Volk geschmiedet werden kann.

    Dort wo die mündigen Bürger das Sagen haben, werden Kriegstreiber gar nicht erst an die Macht kommen.

    Damit ist klar, wo unsere Prioritäten gesetzt werden müssen.
    Preiswerte Energie bedarfsherecht erzeugen, Frieden und Zusammenarbeit auf Augenhöhe zum gegenseitigen Vorteil ohne Menschen mit Dollaraugen, deren Gehirn zwangsläufig im suboptimalen Tunnelblick arbeitet.

    Wissenschaft und Technik im Interesse des Volkes verwenden und nicht gegen die Freiheit in Verantwortung, das sind die wahrhaftigen Herausforderungen eines Epochewandels, der nicht übersehen und auch nicht aufgehalten werden kann, lediglich mit atomarer oder biogenetischer Selbstvernichtung.

    Aber das wäre dann keine Lösung.

    Wir sind 8 Jahre weiter nach 2017 und China hat gezeigt, dass es geht.
    Und in der Automatisierung gibt es jeden Tag Fortschritte in der Welt.
    Den Nutzen daraus, das sollte das Erbe an unsere Kinder und Enkel werden.

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