Erdbeeren und Ekel: Karls Erlebnisdörfer im “Spiegel“

Erdbeeren und Ekel: Karls Erlebnisdörfer im “Spiegel“

Karls Erlebnisdorf: Prädestiniertes Ziel für linksgrünen Zersetzungsjournalismus (Foto:Imago)

Es gibt Texte, die verraten mehr über ihre Verfasser als über ihren Gegenstand. Der aktuelle “Spiegel”-Artikel über “Karls Erlebnisdörfer” von Anja Rützel gehört in diese Kategorie. Vordergründig geht es um Erdbeersenf, Erdbeerseife, Erdbeerkarussell – den süßlichen Überschuss einer Erlebniswelt, die in der Saison 4.500 Beschäftigten Lohn und Brot bietet; einer Welt, die aus einem Früchtchen eine Totalität mit inzwischen sieben Erlebnisparks bundesweit und 205 Millionen Euro Jahresumsatz macht. Aber in Wahrheit handelt der Text nicht von Erdbeeren als Erlebnis, sondern von etwas anderem: von der Unfähigkeit des postmodernen, linksgrün sozialisierten Milieus, sich zum Gewöhnlichen, Traditionellen, eben Vorpolitischen noch ungebrochen zu verhalten. Rützel beschreibt Karls mit jener Mischung aus angewiderter Faszination und höhnischer Gelehrsamkeit, die den kulturjournalistischen Ton der Gegenwart zur Zumutung macht. Man spürt in jeder Zeile das Bedürfnis, sich über den Gegenstand zu erheben und zu mokieren, ihn zugleich aber als symptomatisch für „die Deutschen“ auszuschlachten. Schon der Grundgestus ist der der Distinktion: Hier schreibt nicht einfach jemand über einen populären Freizeitort, sondern jemand, der sich dem dort verkehrenden Publikum moralisch, ästhetisch und geistig überlegen fühlt. Gerade deshalb trieft der Text so sehr vor jener überheblich-moralinsauren Haltung, die im “Spiegel” längst kein Betriebsunfall mehr ist, sondern ein Stilprinzip.

Diese Attitüde zeigt sich schon dort, wo Karls beschrieben wird als „unsere Erinnerung an ein Dorf, in dem wir nie gewesen sind“. Das ist ein glänzender Satz – nur eben nicht über Karls, sondern über das Milieu, das ihn hervorbringt. Denn verächtlich gemacht wird hier nicht bloß ein Freizeitpark; verächtlich gemacht wird die Sehnsucht nach Überschaubarkeit, nach Wiedererkennbarkeit, nach einem Ort, an dem die Welt nicht in ihrer ganzen ideologischen Zersplitterung auftritt; man könnte fast “Heimat” schreiben. Dörflichkeit wird nicht mehr als soziale Form verstanden, sondern als sentimentales Requisit in der als peinlich empfundenen Kulisse einer ästhetisch minderwertigen Simulation. Wer so schreibt, kann mit dem wirklichen Dorf ebenso wenig anfangen kann wie mit seiner populären Nachbildung.

Die Verachtung der heilen Welt

Gerade darin liegt die eigentliche Arroganz des Textes. Das Dorf erscheint nur noch als Objekt urbaner Ironie. Entweder ist es rückständig, kitschig, falsch, oder gar nur Erinnerungskostüm für Menschen, die es nie wirklich getragen haben. In jedem Fall wird es nicht ernst genommen. Das ist typisch für die linksgrüne Journaille: Sie verteidigt zwar abstrakt die Provinz, den ländlichen Raum, die Vielfalt der Lebensformen – aber nur, solange alles in die richtigen diskursiven Vokabeln eingezäunt bleibt. Sobald das Dorf als wirkliche Sehnsuchtsform auftritt, als Wunsch nach “heiler Welt”, nach Bindung und Ordnung, nach Familienhaftigkeit und harmloser Wiederkunft, wird es zum Gegenstand publizistischen Spotts. Dabei ist die Verallgemeinerung, die Rützel selbst betreibt, von einer beinahe lächerlichen Selbstblindheit: Da werden „die Deutschen“ als Liebhaber eines „ländlichen Freizeitparks“ beschrieben, und sofort hängt über allem der Duft kultursoziologischer Herablassung. Über sieben Millionen Besucher pilgern jährlich dahin; also muss es ein Massenphänomen sein – und was ein Massenphänomen ist, darf im “Spiegel”-Kosmos nur noch als Ausdruck verdrängter Sehnsüchte, regressiver Bedürfnisse oder ontologischer Vereinfachung erscheinen. Der Besucher darf nicht einfach Freude haben; er muss anthropologisch erklärt, psychologisch zerlegt und ästhetisch abgewertet werden.

Besonders aufschlussreich wird das dort, wo Rützel traditionelle Sozialformen aufs Korn nimmt, wie sie etwa auf Merchandisingprodukten gepriesen werden: Aus erdbeerigen Retroschildern wie „Hotel Mama“ oder „Omas sind wie Mamas, nur mit Puderzucker“ destilliert sie prompt eine „Familienordnung, in der Liebe daran gemessen wird, wie lückenlos Frauen Dienstleistungen erbringen“. Hier verdichtet sich wahlich die ganze Misere de Rützel’schen Weltsicht in einem Satz: Aus einem harmlosen, vielleicht kitschigen, vielleicht etwas altbackenen Familienwitz wird sofort eine Unterdrückungsordnung gemacht. Nicht das Spielerische, nicht das volkstümlich Überzeichnete, nicht das Heimelige wird gesehen, sondern nur noch die verdächtige Struktur vermeintlich sklavischer Dienstbarkeit. Man muss sich diese gedankliche Verkrampfung auf der Zunge zergehen lassen: Da kann eine Mutter nicht einfach Mutter sein, eine Großmutter nicht einfach Großmutter, ein familienbezogener Scherz nicht einfach ein familienbezogener Scherz, nein; über alles muss das Raster einer Foucaultschen Machtanalyse gelegt werden. Jede Selbstverständlichkeit wird in Herrschaft übersetzt, jede Tradition wird zur Zumutung, jede soziale Form wird so lange dekonstruiert, bis nur noch ein unguter Rest aus Dienst, Last und falschem Bewusstsein übrigbleibt. Nicht Karls wird hier entlarvt, sondern eine Autorin demaskiert sich selbst, die offenbar gar nicht mehr anders kann, als permanent gegen Natürlichkeit anzudenken, ja ihr kognitiv zu wehren.

Die Pflicht zum inneren Widerstand

Das ist der nächste entscheidende Punkt. Rützel schreibt, nach einigen Stunden “Erdbeeroverkill” möchte man sich gegen all das auflehnen, „falsch, falsch, falsch“ rufen. Treffender kann man die Existenzform des modernen, moralingetränkten Kulturmenschen kaum beschreiben. Er lebt nicht mehr in der Welt, sondern im Dauerwiderspruch gegen sie. Er kann nicht einfach hinnehmen, genießen, beobachten, teilnehmen, sondern muss fortwährend innerlich protestieren. Das Falsche steht für ihn nicht am Rand, sondern überall: Im Dorf, im Familienwitz, im Fahrgeschäft, in der Ontologie der Erdbeere. Darin liegt etwas zutiefst Tragisches. Denn dieser moderne Mensch ist nicht frei, sondern gefangen – gefangen in einer Parallelwelt des permanenten Bewertens. Er denkt ununterbrochen, aber er lebt nicht mehr. Er erschrickt nicht vor großen metaphysischen Fragen, sondern ringt mit Erdbeerklobrillen und Puderzucker-Omas. Und selbst dort, wo das Leben sich leicht, harmlos, populär und ein wenig albern gibt, reagiert er nicht mit Gelassenheit, sondern mit jener angestrengten Haltung, die alles nur noch unter dem Aspekt des Falschen wahrnehmen kann. Die zynische Dekonstruktion alles Vertrauten, Natürlichen, Friedlichem entspricht der eigenen inneren Orientierungslosigkeit.

Hier wird die soziale Schizophrenie des Modernisten sichtbar. Einerseits kämpft er gegen die Welt an, weil sie ihm zu einfach, zu traditionell, zu übersichtlich, zu wenig dekonstruiert ist. Andererseits sehnt er sich nach genau dieser Einfachheit zurück. Denn derselbe Text, der sich über Karls, das Dorf und die Familienordnung lustig macht, enthält auch den vielleicht ehrlichs-ten Satz des ganzen Pamphlets: „Warum nicht einfach reinplumpsen lassen in die rote, süße Soße und bis zum Grund sinken, warum nicht selbst zur Erdbeere werden?“ Treffender kann man den Zustand des spätmodernen Bewusstseins kaum beschreiben. Denn genau das bleibt als Essenz: Das Milieu, das alles Traditionelle verlacht, sehnt sich insgeheim nach Auflösung im Einfachen. Es kann nicht mehr glauben, aber es beneidet die Glaubensfähigkeit. Es kann nicht mehr bejahen, aber es giert nach Orten, an denen Bejahung noch möglich scheint. Es verspottet die Erdbeerordnung und träumt zugleich davon, Teil von ihr zu werden. Statt Kritik gibt es ein Bekenntnis zum eigenen Gespaltensein.

Erdbeerrot und ideologiegrau

Deshalb ist dieser “Spiegel”-Text als Spiegel der Gegenwart so interessant: Er zeigt, wie der moderne Mensch zwischen Ekel und Hingabe schwankt. Er verachtet das einfache Dasein, weil es einfach ist – aber er beneidet es zugleich, weil es noch Sein ist. In einer unübersichtlichen Welt, schreibt Rützel selbst, böten Karls Dörfer eine „sehr einfache Ontologie“. Genau das ist der Punkt. In einer Welt der radikalen Relativierung, der Identitätsfluidität, der permanenten moralischen Revision wird selbst die Erdbeere zur Attraktion, weil sie noch etwas ist. Eine Frucht, ein Geschmack, ein Zeichen, eine Ordnung, ein Kreislauf. Das mag banal sein. Aber es birgt mehr Wirklichkeit als viele Leitartikel. Rützels Text will Karls als Kitsch entlarven – und entblößt doch nur die geistige Erschöpfung des eigenen Milieus, das davon  lebt, allem Natürlichen, Gewachsenen und Vorgefundenen zu misstrauen. Es kann mit Familienbildern nur noch als Herrschaftsformen umgehen, mit Dörfern nur noch als Simulationen, mit Sehnsucht nur noch als regressivem Bedürfnis. Aber weil der Mensch auf Dauer nicht von Kritik allein leben kann, bricht im Text immer wieder die unterdrückte Versuchung zur Hingabe durch. Nicht trotz, sondern gerade wegen der Verachtung. Das macht den Text nicht wertlos, sondern ungewollt wahr. Denn in ihm erscheint die linksgrüne Journaille in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit, ja Zerrissenheit: überheblich gegen das Gewöhnliche, feindselig gegen das Traditionelle, süffisant gegen das Populäre – und zugleich heimlich erschöpft vom eigenen Reflex, alles zersetzen zu müssen. Sie lebt in einer Welt, in der man ständig problematisieren, aber nie leben soll; in der man ständig denken, aber nie wohnen soll; in der man ständig entlarven, aber nie lieben soll.

Karls ist darum gar nicht der eigentliche Gegenstand hier. Der eigentliche Gegenstand ist der moderne Mensch, der das Leben nicht mehr leben kann, ohne sich zugleich von ihm zu distanzieren. Er will sich gegen die Erdbeerwelt auflehnen – und in sie hineinfallen. Er will „falsch, falsch, falsch“ rufen – und selbst zur Erdbeere werden. Treffender kann man Monomanie kaum formulieren. Vielleicht liegt genau darin die Pointe. Nicht Karls ist die Hölle. Die Hölle ist die Existenzform jener, die selbst im harmlosesten Rest von Volkstümlichkeit noch Unterdrückung wittern, aber zugleich ahnen, dass ihre eigene, sterilisierte Gedankenwelt dem Menschen kein Zuhause mehr bietet. Erdbeerpüree auf Döner ist dabei nur ein – vielleicht eigenwilliges – Accessoire. Die eigentliche Zumutung ist ein Bewusstsein, das gegen alles ankämpft, was es insgeheim am meisten vermisst.


Disclaimer: Der Autor, selbst DDR-Dorfkind, ist vor 12 Jahren auf Rügen zur Zirkower Niederlassung von Karls geradelt und hat trotz mancherlei Amüsement für sich entschieden, von weiteren Besuchen abzusehen.

Werbung

9 Kommentare

  1. wer bitte schön liest noch das Schwanzlutscherblatt? Wahrscheinlich sind sie mit Gutscheinen für das Erlebnisdorf von ihren Auftraggebern bezahlt worden.

    10
  2. Anja Rotze, das kulturmarxistische Funkenmariechen der Propagandaindustrie, hat politisch korrekt in die Spiegel-Schüssel geschissen. Möge sie sich selbst an ihrem eigenen Aroma beweihräuchern!

    10
  3. Upps, habe ich was verpennt? Früher 1x im Jahr nen Halt eingelegt, bissel was angeschaut und gekauft. Im Laufe der Zeit ist mir das System Dahl zu links, systemhörig und digital geworden und ich habe mich verabschiedet. Kenne einige Mitarbeiter (aktuell und ausgeschieden) persönlich und die Meinung ist extrem unterschiedlich. Das Gesamtsystem würde ich nicht verteufeln aber ich bin eben rausgewachsen.

  4. ich kann garnicht in Worte fassen, welche Ekel dieser linksgrüne Morast in mir hochkommen läßt.
    Sie kennen nur Zerstörung. Hass und Hetze.
    Wahrscheinlich haben sie als Kind nie die Geborgenheit einer klassischen Familie kennen gelernt. Deshalb sind sie von Neid zerfressen

  5. Rützel beneidet Menschen, die die das Kitschige an den Erdbeer-Events genießen, aber dabei eben nicht in eine Tonne voller Erdbeermus hineinfallen und selbst zu Erdbeeren werden.

  6. Über Mohammeds Halal-Paradies würde diese Dame wohl anders schreiben, wahrscheinlich mit enthusiastischer Erregung und Begeisterung. Aber ‚Karls‘? Bah, so ein gewöhnlicher scheissdeutscher Name! Da kann man ja nur schreien „falsch, falsch, falsch“!

  7. „……dass ihre eigene, sterilisierte Gedankenwelt dem Menschen kein Zuhause mehr bietet.“ Ich präzisiere – ihre eigene, unrealistisch ideologisiert, moralisch verkommener und in geistiger Krankheit sterilisierter Gedankenwelt …..!

  8. „Drittes Feuer in 4 Wochen: Anschlagsserie auf Karls Erdbeerhäuschen!“ (Bild, 12.07.2026)
    Hat aber alles nichts mit nichts zu tun – brennt halt leicht, bei heißem Wetter. Unideologische Brandgefahr, ganz sicher. Nicht dass sich die versammelte, vergammelte Linke gerade ein neues Feindbild gesucht hätte. Aber nein.

Werbung