Erinnerungen an eine geile Zeit

Elmar Hörigs Autobiographie "#Radiogott - Voll auf den Sender"

Elmi als SWR-Moderator , während der „time of his life“ (Foto:Imago)

Treue Fans lieben ihn wegen seines rabenschwarzen Humors, seiner im allerbesten Sinne subversiven Häme und wegen einer schier genialischen Schlagfertigkeit: Dass Elmar Hörig, der Kult-Radiomoderator Deutschlands oder zumindest der „alten“ BRD, früh den Vorläufererscheinungen einer jakobinerhaften Cancel-Culture zum Opfer fiel und – als politisch unkorrekte Dauerzumutung – von einem linken Zeitgeistestablishment verstoßen wurde (ein Los, das später unzählige weitere Medienpersönlichkeiten mit ihm teilten), hat seiner Popularität keinen Abbruch getan – auch wenn seine Resonanzräume zwangsläufig kleiner wurden und es lange still um ihn war. Auf Facebook tat er sich in den letzten zehn Jahren mit bissigen Kommentaren hervor, vor allem mit seinen „Morning Briefings„, die es seinen Followern beim Lesen am Frühstückstisch oft schwer machten, vor Lachen noch die Kaffeetasse zu halten, während alle anderen rote Pusteln und Schnappatmung kriegten.

Letztere – die Trolle und „Meldemuschis“ – sorgten am Ende dann, wie so heute längst üblich, dafür, dass Elmis Facebook-Seite mit ihren fast 100.000 Followern gesperrt und gelöscht wurde; soviel zum Thema Artikel 5 GG („eine Zensur findet nicht statt„). Seitdem beglückt Elmi nur noch einen vergleichsweise überschaubaren Inner Circle an Facebook-Freunden mit gelegentlichen Aphorismen und bitterbösen Kommentierungen des Tagesgeschehens auf seinem Privatprofil.

Doch jetzt gibt es wieder Stoff für die breitere Öffentlichkeit: Elmi, mittlerweile 72 Lenze jung, hat seine Autobiographie fertiggestellt – und die lautet (wie könnte es angesichts seiner Vita anders sein?): „#Radiogott„; passender Untertitel: „Voll auf den Sender„.  Bereits vor 20 Jahren, damals zwei Jahre nach seiner Entlassung als Kult-Moderator beim „Südwestrundfunk“ wegen eines bis heute legendären Witzes über „Warme Wochen bei der Bahn“ (der ihm von den diensthabenden Spaßbremsen der Senderleitung prompt als „Homophobie“ ausgelegt wurde) sowie dem fast zeitgleichen Aus für seine SAT1-TV-Show „Bube, Dame Hörig„, begann Elmi mit dem Abfassen seiner Memoiren. Was nicht bedeutet, dass er damals bereits mit seiner autobiographischen Stoffsammlung am Ende gewesen wäre – von wegen: „Fertig“, in allen erdenklichen Dimensionen dieses Begriffs, war er damals nicht und ist es heute nicht.

Fehltritte sind menschlich

Natürlich hat Elmi auch mal Mist gebaut, hat vielleicht unter die Gürtellinie geschlagen, die eine oder andere „sexistische“ oder zotige Pointe gebracht. Man musste die wenigen Ausreißer damals nicht gut finden und muss es auch heute nicht tun. Aber – so what? Authentizität, künstlerische- und Gedankenfreiheit schließen die Möglichkeit von Fehltritten ein. Diese sind genauso so menschlich wie die Schwächen, die sehr wohl auf die Schippe genommen werden dürfen und müssen. Wer gesellschaftliche Gruppen als heilige Kühe von passiver Satire- und Kritikfähigkeit ausnimmt, ist schon auf dem Spaltungstrip, und „Tabubrüche“ zu verteufeln oder gar zu sanktionieren ist immer schon der erste Schritt in die Tyrannei. Lieber 100 Hörigs als einen politisch korrekten Staatskomiker der milden Sorte.

Elmi jedenfalls, der in Deutschland und auf den Kanaren heimisch ist, nutzte nun die Corona-Zeit produktiv, um seine Lebensgeschichte fertigzustellen. Herausgekommen ist ein wortwitziger, in weiten Teilen nostalgisch anmutender Rückblick nicht nur auf ein bewegtes Leben, sondern auch auf eine Bundesrepublik, die für wenige Jahrzehnte wirklich „das beste Deutschland aller Zeiten war„, nachdem sie das Mirakel vollbracht hatte, so kurz nach Diktatur, Krieg und Stunde Null zu einem der „geilsten“ (Hörig) und lebenswertesten Orte auf Erden zu werden. Und es sah eine Zeitlang wirklich so aus, als wäre Deutschland auf einem guten Weg – bevor dann mit der linken Kulturrevolution nicht nur die alten Gespenster zurückkehrten, sondern ein Weg eingeschlagen wurde, der Deutschland diesmal endgültig in den Untergang führen wird, und zwar irreversibel. Als ungefähren Zeitpunkt dieser Zäsur sieht Hörig die Anschläge vom 11. September, als die einstige Libertinage, die nach Ende des Kalten Krieges vermeintlich errungene kurze Periode völliger Angstfreiheit zum Teufel ging.

Letzte großen Zeiten für Deutschland und das Radio

Hörig drückt das nicht ganz so pessimistisch aus, seine Skepsis versucht er eher aufs titelgebende Thema Radio zu begrenzen: „Ich hatte das Glück, im richtigen Augenblick im besten alle Länder zu leben. Ich dürfte in einem Medium arbeiten, das mir nahezu alle Freiheiten gab, mich zu entfalten. SWR3 war das genialste und beste Programm aller Zeiten. Nie wieder wird es in Deutschland ein solch erfolgreiches Radio geben wie damals… Schade eigentlich, aber ich bin froh, dass ich es miterleben durfte.“ Die Wehmut, die diesen Worten und Elmis Reminiszenzen zugrundeliegt, ist jedoch kein verbittertes Hadern mit der Vergangenheit, keine triviale Verklärung des „süßen Vogels Jugend“, sondern sie kündet von der Diskrepanz zwischen jener Ungezwungenheit, die in den 1970er und 1980er Jahren das gesellschaftliche Klima Deutschlands prägte, und der zunehmenden Bevormundung und Gesinnungsschnüffelei durch linksideologischer Spielverderber in praktisch allen Lebensbereichen, die inzwischen alle institutionellen Schaltstellen gekapert haben. Für Freigeister und Rebellen, wie Hörig immer einer war, ist da kein Platz mehr – genausowenig wie für die Freiheit, die die musikalischen Helden seiner Glanzzeit verkörperten.

Auch philosophische Anklänge finden sich in Hörigs Autobiographie: „Ich bin mir nicht sicher, ob unser Lebensweg vorgeschrieben ist. Vielleicht bieten sich für uns nur Chancen, die wir ergreifen können oder auch nicht. Darin liegt unser persönliches Schicksal, denke ich.“ Es sind eher ungewohnte Seiten einer einst eher vordergründig-schrillen, nunmehr nachdenklich gewordenen Medienpersönlichkeit, die in Ehren ergraut ist. „Man muss wissen, bis wohin man zu weit gehen kann„: Dieser Satz Jean Cocteaus drückt das Freiheits- und Kritikverständnis Hörigs recht gut aus – und er erklärt auch, warum für Menschen wie ihn im heutigen gesellschaftlichen Mainstream, im tolerierten Diskursraum eben kein Platz mehr ist: Ein „zu weit“ darf es nicht mehr geben. Das allseitige Herumgeopfere, das nervtötende Lamento dauergekränkter in Watte gepackter Minderheiten lässt weder brachialen noch subtilen Witz mehr zu. Aber während viele verstummt sind, hat Elmi glücklicherweise weder an Humor noch Biss eingebüßt – so dass wir uns hoffentlich auch nach dieser Autobiographie noch auf viele wohlgesetzten Statements und Projekte von ihm freuen dürfen. Vielleicht folgt ja irgendwann Teil II.

 

#Radiogott – Voll auf den Sender„, die Autobiographie von Elmar Hörig, ist als E-Book und Taschenbuch bei Amazon erhältlich und kann auch direkt mit persönlicher Signatur des Autors unter radiogott@gmx.de zum preis von 17 Euro (inklusive Versand, bitte Adresse angeben!) bestellt werden.

 

2 KOMMENTARE

  1. Der geilste Sender aller Zeiten heißt natürlich SWF3 !
    Als ich Elmi das erste mal hörte , blieb mir die Luft – weg – was erlaube…
    Dann hab ich mich in die Dreckfresse verhört , der hat es geschafft ,
    das 30 Leute vorm Radio knieten und um einen SWF3- Schwarzwaldelch
    bettelten . Nur geil , was bin ich froh . dass erleben ztu dürfen

  2. 1953 in Rheinland/Pfalz geboren, gelangte ich 1970 nach Hessen. Frankfurt am Main ist nahe genug an der Landesgrenze, um den Feindsender swr3 zu hören. Nur für die Tonbandaufnahmen und später für die Kassettenaufnahmen war hr3 besser geeignet. Immerhin ist UKW nach wie vor berauschend.

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