Ermittlungsverfahren gegen Historiker Rainer Zitelmann: Die Verengung des Sagbaren

Ermittlungsverfahren gegen Historiker Rainer Zitelmann: Die Verengung des Sagbaren

Historiker Zitelmann ist das nächste Opfer einer zynischen Gesinnungsjustiz (Foto:Imago)

Der Fall des Historikers und Publizisten Rainer Zitelmann ist mehr als eine juristische Randnotiz. Er steht exemplarisch für eine Entwicklung, die sich seit einigen Jahren in Deutschland beobachten lässt: die schleichende Verschiebung der Grenze zwischen legitimer Kritik und angeblichem Meinungsdelikt. Auslöser der Ermittlungen war eine Fotomontage, die Zitelmann auf X veröffentlichte. Sie stellte Adolf Hitler und Wladimir Putin gegenüber – jeweils mit dem sinngemäßen Versprechen, nach territorialen Zugeständnissen keine weiteren Forderungen zu stellen. Historisch bezog sich dies auf das Münchner Abkommen von 1938 und die damalige Appeasement-Politik gegenüber Hitler. Doch auf der historischen Aufnahme ist Hitlers Hakenkreuzarmbinde zu sehen – und genau darin sahen Berliner Ermittlungsbehörden nun den möglichen Tatbestand der Verwendung verfassungswidriger Kennzeichen.

Der Vorgang wirkt zunächst absurd: Ein Historiker, der vor einem aggressiven Diktator warnt, gerät wegen eines historischen Fotos ins Visier strafrechtlicher Ermittlungen. „Schon derartige Ermittlungsverfahren sind ein Akt staatlicher Repression. Das muss aufhören!“, empört sich Wolfgang Kubicki auf X. „Hakenkreuze und Hitler sind auf unzähligen Titelbildern von Spiegel und Stern zu sehen. Im Sinne der Berliner Polizei wären sie also ‚Wiederholungstäter‘“. Doch der Fall ist kein Einzelfall. Zitelmann reiht sich in eine Reihe ähnlicher Vorgänge ein. Zuvor hatten bereits Verfahren gegen den Medienwissenschaftler Norbert Bolz und den Journalisten Jan Fleischhauer Aufmerksamkeit erregt. Bolz kommentierte einen “taz”-Artikel ironisch mit der Formulierung „Deutschland erwache“ – ein satirischer Bezug auf die gleichlautende nationalsozialistische Parole. Fleischhauer wiederum zitierte in einem Podcast ironisch die Formulierung „Generation Deutschland erwache“.

Vom Kontext zur Form

In beiden Fällen wurde der Kontext – Kritik an autoritären Tendenzen beziehungsweise an politischer Radikalisierung – zunächst ausgeblendet. Der entscheidende Punkt ist: Nicht die Absicht, sondern die bloße Verwendung eines historischen Begriffs oder Symbols selbst geriet in den Fokus. Damit verschiebt sich die Logik der Meinungsfreiheit. Traditionell galt in der Rechtsprechung ein zentraler Grundsatz: Entscheidend ist der Kontext. Eine historische Darstellung, eine satirische Kritik oder eine warnende Analogie können nicht mit Propaganda gleichgesetzt werden. Die jüngeren Fälle zeigen jedoch eine andere Tendenz. Der Kontext tritt zurück, während einzelne Worte oder Bilder isoliert betrachtet werden.

Diese Entwicklung hat eine paradoxale Konsequenz: Gerade diejenigen, die sich kritisch mit Geschichte oder Politik auseinandersetzen, geraten leichter ins Visier als tatsächliche Extremisten. Denn sie arbeiten mit historischen Vergleichen, ironischen Zuspitzungen oder polemischen Analogien – den klassischen Mitteln politischer Debatte. Die Ermittlungen entstehen dabei selten aus eigenem Antrieb der Behörden. Häufig sind es An-zeigen oder Meldungen aus der sogenannten Zivilgesellschaft. Karlheinz Weißmann spricht in der “Jungen Freiheit” von einer neuen Art „Blockwartstellen“, deren Aufgabe darin bestehe, mögliche Verstöße zu melden und damit politische Loyalität zu demonstrieren. Ob diese Charakterisierung überzogen ist, sei dahingestellt. Unbestreitbar ist jedoch: Die Zahl solcher Meldestrukturen hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen – von NGO-Meldestellen bis zu Plattform-Moderationssystemen. Die Grenze zwischen zivilgesellschaftlicher Wachsamkeit und moralischer Überwachung wird dabei zunehmend unscharf.

Der Bruch der Intellektuellenbiographien

Auffällig ist außerdem, dass viele der Betroffenen ursprünglich aus dem linken oder liberalen Milieu stammen. Norbert Bolz war lange Zeit ein einflussreicher Kulturtheoretiker der Linken. Jan Fleischhauer begann seine Karriere im “Spiegel”, dem Flaggschiff des linksliberalen Journalismus. Rainer Zitelmann wiederum war Historiker und Publizist im akademischen Umfeld. Gemeinsam ist ihnen eine biographische Bewegung: Sie haben sich in zentralen Fragen von der dominierenden politischen Kultur entfernt. Gerade deshalb reagieren Teile des medialen Establishments besonders empfindlich. Wer von außen Kritik übt, gilt als Gegner. Wer aus den eigenen Reihen abweicht, gilt als Verräter. In der DDR existierte ein Begriff für solche Figuren: der „Diversant“. Gemeint war jemand, der die bestehende Ordnung nicht frontal angreift, sondern ihre inneren Widersprüche sichtbar macht.

Weißmann greift diese Figur des “Diversanten” auf, um den gegenwärtigen Umgang mit dissidenten Intellektuellen zu beschreiben. Für die Verteidiger „unserer Demokratie“ erscheinen sie als gefährlich, weil sie die Grenzen des Sagbaren verschieben. Genau darin liegt jedoch die klassische Aufgabe des Intellektuellen. Die europäische Geistes-geschichte ist voller Figuren, die bestehende Denkverbote infrage gestellt haben – von Voltaire bis Karl Popper. Ohne solche Grenzüberschreitungen gäbe es weder wissenschaftlichen Fortschritt noch politische Reform.

Der liberale Kern der Debatte

Der Kern des Problems liegt deshalb weniger in einzelnen Ermittlungen als in der kulturellen Atmosphäre, die sie ermöglicht. Eine liberale Gesellschaft lebt davon, dass historische Vergleiche, polemische Zuspitzungen und ironische Kritik möglich sind. Gerade der Nationalsozialismus wird dabei oft als historischer Maßstab herangezogen – manchmal klug, manchmal überzogen, aber grundsätzlich legitim. Wenn jedoch schon die bloße Darstellung eines historischen Bildes zum Anlass strafrechtlicher Ermittlungen wird, entsteht ein Klima der Vorsicht. Menschen beginnen, sich selbst zu zensieren. Die moralische Aufladung politischer Debatten hat diesen Prozess beschleunigt. Begriffe wie „unsere Demokratie“, „demokratische Kräfte“ oder „wehrhafte Demokratie“ werden zunehmend verwendet, um politische Grenzen zu definieren.

Der ursprüngliche Sinn dieser Konzepte bestand darin, antidemokratische Bewegungen abzuwehren; heute werden sie teilweise auch genutzt, um unerwünschte Meinungen aus dem Diskurs zu drängen. Der Übergang ist fließend. Der Fall Zitelmann, ebenso wie die Fälle Bolz und Fleischhauer, zeigt eine grundlegende Spannung moderner Demokratien: Wie schützt man eine freiheitliche Ordnung, ohne ihre Freiheit zu untergraben? Eine Demokratie, die aus Angst vor historischen Symbolen oder provokativen Vergleichen die Grenzen der Meinungsfreiheit immer enger zieht, läuft Gefahr, genau das zu verlieren, was sie verteidigen will. Die offene Gesellschaft lebt nicht von moralischer Homogenität. Sie lebt davon, dass auch unbequeme Gedanken ausgesprochen werden dürfen.

10 Kommentare

  1. legal illegal scheißegal… der tag kommt an dem wir die politidoten und abhängige justizler zu einer schlagkräftigen diskussion direkt zuhause gerne besuchen… demokratisch überzeugen ist alles… alice erlöse uns von dem dreck……. lies §20 grundgesetz absatz 4… und hau rein… es ist des bürgers pflicht !!!! alice erlöse uns von dreck….

  2. Was genau wollen die Behörden, die Justiz und die Gesetzgeber, was genau also will der Staat mit einem solchen Gesetz erreichen? Geschichtsfälschung? Wollen sie auch die Darstellung der Nazi-Diktatur zu einem Nazi-Symbol-freien Raum umgestalten?
    Die Symbole der Nazi-Diktatur und deren Parolen müssen im geschichtlichen Kontext erhalten bleiben, schon als Information, warum diese Symbole und Parolen im heutigen politischen Geschehen verboten sind.
    Jetzt, wo der Staat die Unterscheidung zwischen historischer Darstellung, Kritik der Nazi-Diktatur und -Ideologie einerseits und politischer Verwendung andererseits (selektiv!) aus den Augen verloren hat und damit (selektiv!) sich kognitiv überfordert zeigt, ist noch etwas anderes eben dadurch notwendig geworden: eine genaue Auflistung aller Symbole und Parolen, die unter Strafe stehen.
    (Nicht dass irgendein aufgewecktes Bürschlein im Denunzianten-Stadel auch noch das Nazi-Wahlwerbeplakat entdeckt mit der knappen Parole „Ja!“.)

  3. Egal wie weit hergeholt dieses Argument ist, es geht mir hier um etwas anderes. Als Historiker sollte er doch eigentlich historisches Wissen haben. Er beweist aber mit diesem Vergleich, dass er nichts weiß!
    Erstens haben das beide Politiker nie gesagt. Und zweitens ist das gegenüber Putin nur eine dummdreiste Unterstellung. Durch nichts kann er sie beweisen! Schwätzer!

  4. Der ganze Unfug von „verbotenen Symbolen“ gehört rigoros restlos gestrichen. Wo das hinführt kann man erahnen wenn man sich ansieht womit man in Habeckland Hausverbot erhält: https://landesmuseen.sh/de/wmh (siehe Punkt 4), bezeichnenderweise sind in der Schändersternchenhochburg linksextremistische oder religionsfanatische Umtriebe nicht verpönt.

  5. Also dieser Doppeldoktor Z ist ja sozusagen „nebenbei“ noch ein millionenschwerer Unternehmer (sowie damit natürlich auch Steuerzahler).
    Allerdings halte ich ihn nicht mehr für wirklich intellektuell seit er stolz verkündete, an den Massenimpfungen bereitwillig teilgenommen zu haben. Genutzt hat diese Konformität nun offensichtlich nicht mal etwas, Fazit:

    Mehrfachdoktor schützt vor Torheit nicht und jegliche Vergleiche zwischen etwa Putin und A dem Verbrannten verbieten sich sowieso auch rein inhaltlich.

  6. Alle Revolutionen, alle Diktaturen folgen dem gleichen Muster. Die Revolution frisst ihre Kinder, bzw. die Männer der ersten Stunde. Krass war das in der Stalin-Ära, wo alle Kommunisten der ersten Stunde von Stalin physisch ausgerottet wurden. Er dachte, sie könnten ihm Konkurrenz bedeuten.

  7. Spaßig. Wenn die Deutschen mal wieder eine In-der-Schuld-suhlen-Schmonzette drehen wie „Unsere Mütter, unsere Väter“ oder damals „Stalingrad“, dann wimmelt es nur so von diesen Zeichen und schwarzen Uniformen (“ Der Tiger“, unfassbar schlecht!)
    Aber das ist dann ja „künstlerische Freiheit“…
    Und jeden Tag Hitler-Dokus rauf und runter, das geht im Fernshenen, vor allem beim ZDF, auch.
    Es kommt wohl eher drauf an, WER das macht.

  8. Eigentlich ist das fast schon lustig.

    Denn inhaltlich liegt Zitelmann mit seiner dümmlichen und geschichtsklitternden Bildmontage voll auf Regierungslinie. Nur hat das entweder bei der Staatsanwaltschaft keiner begriffen, oder aber Zitelmann ist bei denen als „rechter“ Dissident und Ziel markiert und es geht nur darum, den anzuschiessen, egal womit oder warum.

    Die Interpretation der Zitelmann als Historiker komplett disqualifizierenden Bildmontage durch die Staatsanwaltschaft steht dieser an Dummheit jedenfalls in nichts nach.