Es werde Lärm

Es werde Lärm

Blasting bis zur Ertauben: Dauerbeschallung und Reizüberflutung (Symbolbild:Imago)

Neben den vier Jahreszeiten gehört die Stille zu den Feinden der Neuen Normalität. Supermärkte, Hotels und Gaststätten sind inzwischen flächendeckend mit amerikanischen Songs verlärmt. Einsprüche dagegen verpuffen folgenlos oder können bestenfalls die Lautstärke einbremsen. Angestellte gestehen verlegen ein, dass sie die Anlage nicht abstellen dürfen und keinen Einfluss auf das Programm haben. Was steckt dahinter? Als musikalische Dauerberieselungen schon vor Jahrzehnten begannen, öffentlich Räume zu unterwandern, wurde dies noch mit einem angeblich konsumfördernden Effekt erklärt. Falls dies je für bestimmte Konsumenten zugetroffen haben sollte, kann man dies bei dem heutigen Soul-, Rap- und Fusionsgedudel ausschließen. Nicht einmal privat hören breite Kreise der Bevölkerung so etwas.

Anfragen bei scheinbar eigenverantwortlichen mittelständischen Unternehmen beunruhigen. Man könne die Musik nicht einfach auf Kundenwunsch abstellen, da „die Programme einer zentralen Steuerung unterliegen“. Big Brother schaut nicht nur möglichst überall zu, sondern sorgt auch für den akustischen Konsum. Missachten die Lärmverantwortlichen Kundenwünsche und -beschwerden, ist klar, dass die Ausstrahlung kontrolliert wird, um eine Dauerberieselung sicherzustellen.

Altbekannte Strategie

Da es sich inzwischen fast durchgängig um US-amerikanische Produktionen handelt, darf man annehmen, dass die GEMA-Einnahmen in die USA abgeleitet werden. Dies erklärt zwanglos, warum Eigentümer oder Pächter mit Hausrecht gar keinen Einfluss mehr haben. Wahrscheinlich werden sie mit einigen Brosamen vom Kuchen für ihre Entrechtung bei Laune gehalten.

Es geht aber wohl nicht nur um Geld. Optische und akustische Reize nehmen das Denken gefangen und verhindern eigene Gedanken. Nur in einer reizarmen Umgebung gilt: Ich denke, also bin ich. Muss das Gehirn Reize verarbeiten, erstirbt der innere Monolog. Eigene Gedankengänge können sich nicht entfalten. Es handelt sich um eine altbekannte Strategie, Menschen ein Eigenleben zu nehmen. Wer nicht mehr selber denkt, hört auf, eine potentielle Störquelle zu sein. Wird die Beschallung – wie heute bei Festivitäten üblich — überlaut eingestellt, ist nicht nur das Schicksal zum Hörgeräteträger vorgezeichnet. Menschen sind zusammengekommen, können aber gar nicht mehr miteinander kommunizieren. Ein Austausch findet nicht mehr statt. Man kann gleich zu Hause bleiben – und das wohl auch erwünscht.


Univ.-Doz.(Wien) Dr. med. Gerd Reuther ist Facharzt für Radiologie, Medizinaufklärer und Medizinhistoriker. In neun Büchern setzt er sich kritisch mit der Medizin und der Wahrnehmung der Geschichte auseinander. Sein letztes Buch heißt „Tatort Vergangenheit. Wie eine Fake Past unsere Zukunft diktiert.“. Dr. phil. Renate Reuther ist Historikerin. Gemeinsam haben sie den Essayband „Wer schweigt, hat schon verloren“ verfasst.

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann freuen wir uns, wenn Sie unsere Arbeit mit einer Zuwendung unterstützen.

18 Antworten

  1. „Optische und akustische Reize nehmen das Denken gefangen und verhindern eigene Gedanken. Nur in einer reizarmen Umgebung gilt: Ich denke, also bin ich. Muss das Gehirn Reize verarbeiten, erstirbt der innere Monolog. Eigene Gedankengänge können sich nicht entfalten. Es handelt sich um eine altbekannte Strategie, Menschen ein Eigenleben zu nehmen.“

    Die akustische Umweltverschmutzung vom Kirchenglockengeläut oder gar dem Muezzinruf aus Lautsprechern im öffentlichen Raum muss daher Einhalt geboten werden; die Kirchen, egal welcher Konfession, stören nachhaltig MEIN Eigenleben!

    Carpe diem.

    15
    10
    1. Nunja, amerikanische Musikkultur beschallt uns seit den 50gern.
      Gegen Rock´n Roll hatte ich auch nie was einzuwenden und auf „Fahrstuhl-Musik“ höre ich nicht, wie die meisten Anderen.
      Ich muß wohl mal drauf achten, beim nächsten Einkauf, aber ich bin sicher, es gibt dringender Probleme zu lösen.
      Wie mein Vor-Schreiber schon meinte: Die muslimische Landnahme mit all ihren Facetten ist auch für mich schlimmer.
      Disharmonisches Gedudel, gepaar mit den Katzen-Geschrei vom Minarett.
      Das gehört mit Sicherhewit NICHT zu Deutschland.
      Noch immer nicht.
      Aber es breitet sich aus. Und wir für uns tötlicher sein als das „Corona-Virus“, dass, hätte man nicht so ein Faß aufgemacht, auch nur eine kurze „Grippewelle“ verursacht hätte und dann verschwunden wäre wie alle
      Ableger solcher Infektionen.
      Mein gesunder Menschenverstand sasgte mir damals schon:“ Schau aus dem Fenster, korreliert das Bild ,was ich sehe mit der Berichterstattung?“
      Hat es nicht und von daher wusste ich, man will uns reinlegen.
      Schaue ich heute aber aus dem Fenster, sehe ich Moscheen und höre das Gebrülle.
      DAS ist real. Und mein gesunder Menschenverstand sagt:“ Vorsicht! Da braut sich was zusammen! Wer oder was macht, dass das so ist und zu welchem Zweck?“
      Und das macht mir Angst. Denn es ist real.

  2. Und wieder aboslut richtig. Der Austausch findet nicht statt, weil gar nichts entstanden ist durch den fehlenden inneren Monolog. Witziger Weise ist mir das bei mir selbst aufgefallen die Tage, dass ich eigentlich nicht so lange brauchen würde um etwas zu verarbeiten, wenn ich mich nicht mit Medien ablenken würde. Aufgeschoben ist ja nciht aufgehoben. Und wenn man dann mal im Zug sitzt oder sonstwo und reflektiert ist man erstaunt wie lange das dauert und oft genug ist es nicht mit einmal getan. Soviele Stunden ohne Beschäftigung zählt eigentlich schon zur Folter für die meißten Menschen. Aber auch das Phenomen ist menschlich und nicht von Medien abhängig. Die Stoiker haben schon drauf hingewiesen und auch der Buddha.
    Was mich an diesen ungewollten Dauerberieselungen stört ist, das es sich für mich wie eine emotionale Vergewaltigung anfühlt. Man versucht mir Emotionen aufzuzwingen die ich nicht will….als Skorpinmond bin ich vorsichtig mit dem Zeug. Ich empfinde es als aggressive Manipulation. Dieser innere Kampf macht mich diffus…das ich nicht in der Lage bin ein zu kaufen, ich fühle mich gehetzt…ich muss den Ladne verlassen ohne was eingekauft zu haben und bin dann völlig erschöpft. Im Zug hört man immer wieder mal diese primitiven Rythmen, als das damals aufkam…diese seltsame Musik….falls man das so nennen mag, war das nur unter Leuten beliebt, die Drogen konsumieren. ich selbst nutze Musik als Droge an sich. Aber kontrolliert so wie ich es will und wann ich will. Sie war ja nie was anderes. Aber eigentlich nutze ich meine Musik auch nur wenn ich einen im Tee hab…. :))) Der Tee wirkt dann besser :)) Ach vielleicht sollt ich zu dem Thema lieber nichts schreiben….wer im Glashaus sitzt…. :))

    5
    5
  3. „Unser“ örtlicher Baumarkt hat auch Dauerberieselung, aber noch schlimmer als die hier erwähnte, die spielen deutschsprachigen Mist. Schlager und so ein Zeug.

    Ich will nichts im Baumarkt hören, keine Werbung und keine „Musik“.

    23
    1
    1. In „unserem“ Supermarkt läuft seit Jahren keine Musik mehr und das ist eine Wohltat. Insbesondere weil jetzt auch in schöne Lieder keine Werbeaansagen mehr reingedrückt werden. Diese Art von Werbeterror war besonders fies und heimtückisch.

      16
  4. Ich kann dem nur zustimmen. Das ist auch bei Filmen so. Man achte mal auf die Atmo und der dann entstehenden Wirkung bei 70er Jahre Filmen. Seit mindestens den 90ern werden das eigene interpretieren und Abtauchen in die Szenen, respektive dem Film, verhindert. Man wird emotional gesteuert. Auch ist die Musik seit 20 Jahren nur noch zum kotzen. Sekten, wie Taylor Swift Fan(atiker), haben sich ausgebreitet. Und ich kenne als Kind den 70er Disco, die Melancholie und Metal der 80er und den Electro der 90er. Ich behaupte vielfältigen Sound und Arrangements zu mögen.
    Aber der Schrott seit den Nuller Jahren….
    Genauso wie die Filmbranche..nur noch Narzissten Propaganda-Scheiße. Fast nur, natürlich.
    Der heutige Larry Johnson Auftritt bei Dialogue Works, Nima, sollte man sich mal anhören. YouTube.
    DER WESTEN IST EINE HARDCORE PSYCHIATRIE!!
    Und grundböse…

    22
    1
  5. Selbverständlich steckt dahinter System.
    Der selbständig denkende Bürger ist unerwünscht und lästig. Doofe Deppen braucht die Regierung.
    Den Deppen kann man jede gequirlte Kacke erzählen, sie nehmen die sofort für bare Münze.

    Und leider ist die aktuelle deutsche Schlagermusik mit Melodien, die nicht ins Ohr gehen, und oft idiotischen Texten zumeist auch nur gequirlte Kacke.
    Ein blödes Volk kann auch nur blöde Musik produzieren. Dasselbe gilt für Filme.
    Deutsche Krimis beispielsweise bestehen hauptsächlich aus Gelaber mit vielen dummen Gesichtern. Keine Action. Langweilig und öde. Aber dem typischen Bumsbürger gefällt das.
    Ist halt blöd, wenn man blöd ist, gell?
    😜

    17
    1
    1. „Ist halt blöd, wenn man blöd ist, gell?“

      Nicht für den, der blöd ist, denn der hält sich für klug, aber alle anderen für blöd.

  6. Es handelt sich um psychological warfare, das war mein erster Gedanke. Es stellt sich indessen die Frage, wer die MACHT hat, so etwas für Unternehmen verbindlich einzuführen und aufrechtzuerhalten ?

    Weiterhin stellt sich die Frage nach – auch – gesundheitlichen Beeinträchtigungen und der Möglichkeit, dagegem zu klagen, in unserem „vorbildlichen“ Rechtsstaat ?

  7. Was wäre eine Alternative zu amerikanischer Musik? Edle Klassik, französiusche Chansons, Meditationsmusik, deutsche Schlagermusik, …

    4
    9
    1. Meditation wäre schon mal was. Die Leute gehen dann tiefenentspannt einkaufen.
      Mit Pferdehaar auf Katzendarmmusik kann ich nichts anfangen.
      Französische Musik ist ein Graus und deutsche Schlagermusik kommt gleich nach Blasmusik. Mit beiden Musiken konnte ich noch nie was anfangen. Schon, weil ich die Texte verstehe. Zum Glück verstehe ich kein Englisch und kann mich dahingehend auf die Musik konzentrieren. Die Sänger sind eh störend und versauen die Musik.

      Da das jeder Mensch anders sieht, ist es vielleicht besser, die Dauerberieselung einfach auszuschalten.
      Stille ist etwas Wunderbares.

      1. Ihrem letzten Satz kann ich mich nur anschließen!

        Glücklicherweise lebe ich in einem Mietshaus, in dem entweder keiner der anderen Mieter Musik hört oder so leise, daß diese tatsächlich nur die berühmte Zimmerlautstärke erreicht.
        Dafür hört man die Tiere ringsherum, den Regen und den Wind in den Bäumen, ab und zu mal Nachbarn, die sich auf der Straße unterhalten, oder ein vorbeifahrendes Auto. Diese Form der Stille macht mich froh. Nur sehr, sehr selten stelle ich mir mal selber Musik an.

        Aufgewachsen bin ich allerdings in einem Haushalt, in dem in jedem Zimmer der großen Wohnung ein Radio dudelte, oft mit unterschiedlichem Programm. Vor allem meine Mutter liebte das ständige Gedudel während ihrer Hausarbeit, und ich war von kleinauf daran gewöhnt. Das änderte sich aber peu à peu nach meinem Auszug.

  8. Das ist keine Musik, die da abgespielt wird, das ist einfach nur Krach und der macht mich aggressiv. Aber die meisten Menschen sind ja durch ihre ständig bei sich getragen Smartphones sowieso schon so abgestumpft, daß die gar nichts mehr merken. Einfach nur eine stumpfsinnige Masse.

  9. Gegen den lokalen Discounter mit dem großen roten ‚K‘ habe ich den Kampf inzwischen aufgegeben: In ohrenbetäubender Disco-Lautstärke wechseln sich dort Durchsagen über die aktuellen Tagesangebot mit alten US-Schlagern und Werbung für lokale Unternehmen ab. Unzählige Male habe ich mich beim Personal beschwert und die Zentrale von ‚K-Land‘ angeschrieben. Manchmal war anschließend die Lautstärke etwas reduziert – um nach einigen Wochen noch lauter zu plärren! Zwei Lösungsansätze haben sich bewährt: a) Dort nicht mehr einkaufen. Leider nicht immer möglich, da in anderen Discountern häufig die Kühltruhen leer sind. b) Gehörschutz-Stöpsel z.B. von Moldex. Diese dämpfen den Lärm zumindest auf ein erträgliches Maß herunter, so dass man sich noch selber ‚denken hören‘ kann. Auch im öffentlichen Personennahverkehr haben sie sich als nützlich erwiesen, wenn das Goldstück im Abteil mal wieder seine Bereicherungs-Musik auf volle Lautstärke aufdreht oder die Kinderschaar der südländischen Großfamilie kreischend durch den Zug randaliert.

  10. Was mich besonders stört, ist, daß mittlerweile jedes noch so kurze Video mit Musik eingefaßt ist. Manchmal sind es wichtige Informationen oder Wortbeiträge, die derart mit Hintergrund-Musik ummantelt werden, daß man das gesprochene Wort kaum versteht.
    Pervers ist die Musik-Untermalung bei Katastrophenbeiträgen- und Videos. Warum muß, während Menschen gegen die Naturgewalten ankämpfen oder verletzt werden , das in Musik eingepackt werden.
    Das ist schon „unterste Schublade“ in meinen Augen …

  11. Es ist halt lästig überall das Kaufhaushintergrundgedudel. Soweit bekannt ist, soll es beruhigend und verkaufsfördernd wirken, allein, mir kommt es gefühlt so vor, als ob das schon längst überholte amerikanische Studien aus den 1970-iger Jahren sind. Mich nervt das Gedudel. Auch im Autoradio seit ewigen Zeiten derselbe Kram. Es gibt geschätzt so einhundert oder zweihundert Titel und die werden ohne Ende rauf und runter abgespielt. Die Welt ist voller toller Musik, aber hierzulande ist wüstenartige Ödnis angesagt. Unsere sog. „Experten“ machen da natürlich den anzunehmenden intellektuellen Bullshit-Fehler, anzunehmen, daß das, was der Mensch kennt, auch bevorzugt. Man könnte diese Art zu Argumentieren auch auf folgendes Beispiel übertragen: Wenn Sie ein Gefängnis nur mit Haferschleimbrei beliefern, ist die Annahmequote auch hundert Prozent. Weil es nicht anders zu essen gibt aber der Mensch essen muß, kriegt man immer die hundert Prozent Zustimmung. Soviel zu unseren „Experten“. Die Art von Experten, die uns regieren.