Faschismus als Leerformel – und Herrschaftstechnik

Faschismus als Leerformel – und Herrschaftstechnik

Haltungsflaschen – Prost! (Foto:ScreenshotFacebook)

Die gegenwärtige Faschismusdebatte, die am Wochenende in der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung” (FAZ) und der ”Welt” wieder mal hochkochte, leidet nicht an einem Mangel an moralischer Erregung, sondern an einem Mangel an begrifflicher Disziplin. Genau darin lag bereits die Pointe der Diagnose vom “Faschismus als Popphantasie“: Der Faschismusbegriff ist im spätliberalen Kulturbetrieb nicht mehr historische Kategorie, sondern ästhetisch-politischer Verdachtsgenerator. Er dient nicht mehr dazu, ein präzise bestimmbares Herrschaftsphänomen zu erkennen, sondern Abweichung zu markieren, Distanz zu verweigern und den Gegner in einen moralisch unberührbaren Fernbereich zu verbannen.

Der Autor beschrieb schon vor einem Jahr diese Entleerung auf “Tumult” ausdrücklich als „kulturpolitische Begriffsverwahrlosung“; der Begriff wurde als flexible Keule gegen Pop- und Tech-Stars, politische Gegner und schließlich gegen jede nonkonforme Haltung sichtbar. Mehr noch: Err geistert inzwischen als moralische Universalwaffe durch den Diskurs, markiert nicht mehr ein klar umrissenes Herrschaftsphänomen, sondern eine Haltung, ein Klima, ein Unbehagen – kurz: alles, was aus dem Raster der spätliberalen Selbstverständigung fällt. Der zweite Schritt dieser Verwahrlosung ist dann das Oxymoron. Wer von „demokratischem Faschismus“ spricht, wie die Soziologen Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey, benennt keinen neuen Sachverhalt, sondern markiert die Stelle, an der der Begriff endgültig vom historischen Gegenstand abgelöst wird. Denn Faschismus, so der von beiden entfaltete Einwand, setzt gerade die Suspendierung pluralistischer Verfahren, das Primat der Bewegung über das Recht, Gewalt- und Führerkult sowie die Negation individueller Freiheitsrechte voraus; Demokratie dagegen lebt von Rechtsbindung, Opposition, Gewaltenteilung und Machtwechsel.

Vom Begriff zur Atmosphäre

Das Wortpaar funktioniert also nur noch rhetorisch: Es adelt moralische Erregung zur Analyse und macht aus politischem Misstrauen eine quasiwissenschaftliche Diagnose. Gerade darum sind die beiden aktuellen Konferenzberichte in der FAZ von Rüdiger Soldt aus Konstanz und der “Welt”  von Lennart Pfahler und Alexander Dinger aus Berlin so aufschlussreich: Sie zeigen nämlich nicht einfach eine Debatte über Faschismus, sondern die Infrastruktur einer Gesellschaft, die den Begriff asymmetrisch verteilt. Zwischen beiden Schauplätzen spannt sich das eigentliche Drama: Nicht die Rückkehr des historischen Faschismus, sondern die Transformation des Begriffs selbst. In Konstanz diskutierten Historiker und Soziologen unter dem Titel „Das Gespenst des Faschismus“ über „Postfaschismus“, über graduelle „Faschisierung“, über symbolische Kommunikation, Härte, Nihilismus und die Unterminierung rechtlich gebundener Volkssouveränität.

Sven Reichardt beschreibt damit einen Prozessbegriff; Amlinger und Nachtwey knüpfen den Faschismus an destruktive Untergangsphantasien. Am Ende bleiben drei Warnzeichen: “Politainment” statt Wirklichkeitssinn, die Nichtsanktionierung von Gewalt und die Auflösung der rechtlich gebundenen Volkssouveränität in Volksgemeinschaftsideologie. Das alles ist nicht belanglos. Aber bemerkenswert ist, worauf diese Suchbewegung zielt: auf den rechten, rechtspopulistischen oder protofaschistischen Verdachtsraum. Der Begriff soll offenbleiben, damit er anschlussfähig bleibt. Gerade weil, wie die FAZ selbst festhält, wesentliche klassische Merkmale fehlen – vollständige Paramilitarisierung, Gewaltkult, Siedlungsimperialismus, Genozid –, wird die analytische Schärfe nicht erhöht, sondern die Definitionszone erweitert. Der Faschismus ist dann nicht mehr das, was historisch vorliegt, sondern das, was man kulturell und psychologisch kommen sieht. Auch wenn klassische Merkmale wie Paramilitarisierung, ausgeprägter Gewaltkult oder expansiver Imperialismus gegenwärtig weitgehend fehlen, werden dennoch „Radikalisierungsprozesse“ diagnostiziert, die sich als faschistisch einordnen ließen.

Die Praxis des “Widerstands”

Diese semantische Dehnung hat Konsequenzen. Wo die harten Kriterien fehlen, treten weiche Indikatoren an ihre Stelle: ein rauerer Ton, kultureller Pessimismus, politische Zuspitzung, die Rede von Grenzen oder Souveränität. Faschismus wird zur Atmosphäre. Er liegt in der Luft, im Sprachgebrauch, im Stil. Er ist nicht mehr nachweisbar, sondern nur noch fühlbar. Das hat einen entscheidenden Vorteil: Ein solcher Begriff ist unanfechtbar. Wer widerspricht, bestätigt bereits den Verdacht. Während auf der einen Seite bereits rhetorische Verschärfungen als Indiz einer drohenden Faschisierung gelten, zeigt sich auf der anderen Seite ein Milieu, in dem Gewalt nicht nur gedacht, sondern zumindest als legitime Option imaginiert wird. Genau hier beginnt die Dialektik der gegenwärtigen Debatte: Sie ist hochsensibel gegenüber potentieller Gewalt auf der einen Seite – und erstaunlich tolerant gegenüber artikulierter Gewaltbereitschaft auf der anderen.

Denn parallel dazu berichtet die “Welt” aus Berlin über eine linke Konferenz mit dem programmatischen Titel „Cables of Resistance“. Dort versammeln sich anarchistische Aktivisten, Technologiekritiker und radikale Milieus; Sicherheitsbehörden sehen in Teilen des Umfelds das ideologische Vorfeld von Sabotagezellen wie den „Vulkangruppen“.
Das publizierte Manifest spricht davon, man habe „genug von den Tech-Giganten“, man „schlage zurück“, wolle „Big Tech lahmlegen“, ja, bestimmte Technologien müssten sogar „abgeschafft“ werden. Pfahler und Dinger schildern zudem die inhaltlich Nähe der Rhetorik zu Bekennerschreiben realer Anschläge auf Infrastruktur. Hier nun liegt der eigentliche Skandal der Debatte. Denn während in Konstanz bereits harte Migrationsrhetorik, kultureller Pessimismus oder politisches Politainment als Signaturen einer drohenden Faschisierung gelesen werden, artikuliert sich in Berlin ein Milieu, das den politischen Angriff auf technische Infrastruktur nicht nur imaginiert, sondern sprachlich normalisiert.
Auf der Berliner Konferenz wird „Big Tech“ als „faschistischer Opponent“ bezeichnet, gegen den man das eigene „Portfolio“ des Widerstands erweitern müsse; zugleich wurden unliebsame Journalisten ausgesperrt und Teilnehmer zur Gesichtsbedeckung beim Betreten des Gebäudes aufgefordert. Wer hier noch nicht einmal die Nähe zu Gewaltkult, Feindstrafrecht und paramilitärischer Ästhetik des Politischen bemerken will, demonstriert vor allem eines: dass der Faschismusvorwurf nicht nach struktureller Gewaltfähigkeit vergeben wird, sondern nach ideologischer Zugehörigkeit.

Instrument der Disziplinierung

Mit anderen Worten: Der Begriff funktioniert heute weniger als Beschreibung eines totalitären Typs denn als Lizenzsystem, ja der Legitimation: Wer den Gegner zum Faschisten erklärt, entbindet sich selbst von den üblichen Maßstäben politischer Auseinandersetzung. Rechts ist faschistisch, sobald es den Ton verschärft; links bleibt antifaschistisch, selbst wenn es den Angriff vorbereitet. Das erklärt auch, warum die akademische Rede von der „Faschisierung“ so oft mit einem blinden Fleck für den autoritären Zug der Gegenwart einhergeht. Dieser Zug zeigt sich nämlich nicht nur in Straßenmilieus oder auf der Rechten, sondern im Bündnis aus moralischer Delegitimierung, administrativer Einschüchterung, diskursiver Ausschließung und einer wachsenden Bereitschaft, abweichende Positionen nicht zu widerlegen, sondern als Gefahr zu markieren. Genau das ist der Punkt, an dem die Kritik an der popkulturellen Faschismusinflation in eine allgemeinere Diagnose übergeht: Wo der Begriff allgegenwärtig wird, wird er zum Instrument der Disziplinierung.

Die gegenwärtige Debatte sagt daher weniger über eine reale Wiederkehr des Faschismus aus als über das Selbstverständnis ihrer Träger. Sie zeigt ein Milieu, das zwischen Angst und Macht schwankt: Angst vor Kontrollverlust, Macht im Zugriff auf Deutungshoheit. Der Faschismus wird zum Spiegel. In ihm erscheinen nicht nur die projizierten Gefahren, sondern auch die eigenen autoritären Impulse: der Wunsch nach Ausschluss, nach moralischer Reinheit, nach der Delegitimierung des Gegners. Das erklärt auch die eigentümliche Unschärfe der Begriffsverwendung. Ein präziser Begriff würde Grenzen ziehen – und damit auch die eigene Position begrenzen; ein diffuser Begriff hingegen bleibt verfügbar. Er kann jederzeit ausgeweitet werden.

Entzauberung als intellektuelle Pflicht

Eine konsequent konservative Perspektive wird deshalb weder in die dumme Gegenbehauptung verfallen, der heutige Staat sei einfach schon „faschistisch“, noch wird sie das linke Monopol auf historische Alarmbegriffe anerkennen. Sie wird zunächst auf begrifflicher Nüchternheit be-stehen: Faschismus ist nicht jede Härte, nicht jeder Souveränitätsanspruch, nicht jede nationale Selbstbehauptung und nicht jede Kulturkritik. Er ist auch nicht das bloße Unbehagen des akademischen Milieus an Volk, Grenze, Ordnung oder Mehrheit. Wer den Begriff retten will, muss ihn verknappen. Zugleich aber muss man die eigentliche autoritäre Versuchung der Gegenwart benennen. Sie liegt im moralisch aufgerüsteten Antifaschismus, der den politischen Gegner nicht mehr als Teil des Gemeinwesens, sondern als hygienisches Problem behandelt; sie liegt in einem intellektuellen Klima, das die Legalität relativiert, sobald die „richtige“ Sache ruft; und sie liegt in jener eigentümlichen Verbindung aus Technikkritik, Endzeitpathos und Aktionsromantik, die im Berliner Sabotagemilieu bereits weit konkreter hervortritt als in vielen der in Konstanz beschworenen rechten Schreckensbilder.

Am Ende ist die aktuelle Faschismusdebatte deshalb vor allem ein Symptom. Sie verrät weniger über die Wiederkehr des historischen Faschismus als über die intellektuelle Verfassung eines Milieus, das seine Gegner nur noch mit Großvokabeln zu fassen vermag. Der antifaschistische Überschuss kompensiert einen analytischen Mangel. Und je schriller die Warnung, desto deutlicher wird, dass hier nicht nur Geschichte gedeutet, sondern Gegenwart bewirtschaftet werden soll. Der Faschismus ist zur letzten magischen Formel einer Klasse geworden, die ihre schwindende Überzeugungskraft durch moralische Endzeitworte ersetzt. Eben darum wäre der erste Akt geistiger Hygiene nicht die Ausweitung, sondern die Entzauberung des Begriffs. Wer den Begriff retten will, muss ihn verknappen. Erst wenn er wieder beschreibt, statt zu verurteilen, wird sichtbar, wo tatsächliche Gefährdungen liegen – und wo lediglich politische Auseinandersetzung stattfindet. Die Entzauberung der schiefen Terminologie ist daher kein Relativismus, sondern intellektuelle Hygiene. Sie ist die Voraussetzung dafür, zwischen realer Gewaltbereitschaft und rhetorischer Übertreibung zu unterscheiden, zwischen historischer Erfahrung und gegenwärtiger Projektion. Nur dann wird wieder sichtbar, wo wirkliche Gewaltsehnsucht, wirklicher Ausnahmezustandswille und wirkliche Verachtung des politischen Gegners heute tatsächlich sitzen.

9 Kommentare

  1. Kleiner Film-Tip für die. die ihn nicht kennen: Alan Parker’s „The Wall“, inspiriert durch die Pink Floyd-Platte. Ein visionärer Film, der ueber Faschismus mehr aussagt als 1000 Worte.

  2. https://report24.news/sicherheitsskandal-von-der-leyens-altersverfikations-app-nach-nur-2-minuten-gehackt/

    April 2026

    „Sicherheitsskandal: Von der Leyens Altersverifikations-App nach nur 2 Minuten gehackt!

    Ursula von der Leyen will das Internet kontrollieren. Ihr Werkzeug ist eine neue EU-Altersverifikations-App, die jeden Bürger zwingen soll, sich im Netz digital auszuweisen. Angeblich für den „Kinderschutz“. Doch die Programmierung ist ein Desaster. Ein Sicherheitsexperte brauchte nicht einmal zwei Minuten, um die Schutzmaßnahmen auszuhebeln.“

    Ist es ein krankhafter Kontrollzwang gegenüber den Bürgern oder gar Volkszüchtigung?

    Schaut Euch den krankhaften Kontrollzwang des sog. „Geldwäschegesetz“ an und nicht nur das, vielmehr wurde in Frankfurt eine Geldinstitutsüberwachung eingeführt, die den Geldverkehr der Bürger überwacht !

    Leider hat sich bei dieser Übergriffigkeit der EU u.a. auch die AfD geschlafen !
    Man hat wenig bis gar nichts von den Blauen gehört !
    Bargeld und der Zahlungsverkehr bedeutet Freiheit und Geldinstitute sind zum Denunziantentum an die extra dafür geschaffene neue Behörde gesetzlich verpflichtet worden!
    Ein Schelm der dabei denkt, das unter dem Joch der EU Grundrechte (Persönlichkeitsrechte) i.S.d. Grundgesetzes unter Vorspiegelung falscher Tatsachen/Gegebenheiten außer Kraft
    gesetzt sind !!!

    Die EU-Diktatur muss beendet werden, so fix als möglich, denn dieses „Traumgebilde“ oder sollte es doch eher als Versorgungseinrichtung für Politiker benannt werden !

    Für mich kommt die EU-Kommission über griffig rüber und es gibt für Bürger keine Interventionsmöglichkeiten, weil auch EU-Gerichte Bestätigungshilfen für die Kommission sind und zum System gehören.

    Gewaltenteilung als unabdingbare Voraussetzung für Demokratie scheint bei der EU nur schlecht bzw. gar nicht zu funktionieren !

  3. @das seine Gegner nur noch mit Großvokabeln zu fassen vermag.
    nun ja – das ist nicht nur intellektuelles Unvermögen, das ist auch Geschäftsmodell – dann ohne präzise Beschreibung kann man darunter alles fassen, was die eigenen Geschäfte stört, oder herausnehmen, wenn man es braucht.
    Ein leicht verständliches Beispiel vielleicht : Flugverkehr ist böse und weltenzerstörend – aber wenn linke Weltenretter fliegen, dann ist es gut ! Immer so, wie man es gerade braucht !

  4. Alle reden über „Faschismus“.

    Sie wissen aber nicht woher der
    Begriff kommt.

    Mussolini gründete eine Partei.
    Die Mitglieder nannte er die
    „Bündler“.

    Der Begriff „Faschist“ kommt aus
    dem Italienischen und bedeutet
    nichts anderes als „BUND“.

    Nach der heutigen Denkweise bin
    ich also schon ein Faschist, wenn
    ich das Wort „Heimat“ in den Mund
    nehme.

  5. Herr Hartung liegt, wie viele andere, mit der Bezeichnung unseres Systems als xy-liberal falsch. Es gibt hier keinen „spätliberalen Kulturbetrieb“, der Kulturbetrieb ist wie auch die Politik uam. ein sozialistischer, eine krude Mischung aus neokommunistischen und postmodernistischen (wokwe) Ideologemen und deren notwendig daraus entstehenden Zerstörungen. Die faulen Früchte stinken sozialistisch, von Liberalismus keine Spur.
    Ich bitte freundlich um begriffliche Klarheit.

  6. Herr Hartung liegt, wie viele andere, mit der Bezeichnung unseres Systems als xy-liberal falsch. Es gibt hier keinen „spätliberalen Kulturbetrieb“, der Kulturbetrieb ist wie auch die Politik uam. ein sozialistischer, eine krude Mischung aus neokommunistischen und postmodernistischen (wokwe) Ideologemen und deren notwendig daraus entstehenden Zerstörungen. Die faulen Früchte stinken sozialistisch, von Liberalismus keine Spur.
    Ich bitte freundlich um begriffliche Klarheit.

  7. Herr Hartung liegt, wie viele andere, mit der Bezeichnung unseres Systems als xy-liberal falsch. Es gibt hier keinen „spätliberalen Kulturbetrieb“, der Kulturbetrieb ist wie auch die Politik uam. ein sozialistischer, eine krude Mischung aus neokommunistischen und postmodernistischen (wokwe) Ideologemen und deren notwendig daraus entstehenden Zerstörungen. Die faulen Früchte stinken sozialistisch, von Liberalismus keine Spur.
    Ich bitte freundlich um begriffliche Klarheit.

  8. Ist Faschismus eine Ideologie, hat er als solche eine Lehre, oder ist er schlicht und einfach nur böswilliges Verhalten Andersgläubigen gegenüber?
    Ich sehe nur Letzteres, von allen Ideologen verübt. Haß spielt eine Rolle.