„Faschos“ als Freiwild

„Faschos“ als Freiwild

Linke Kampfgesänge und Gewaltverherrlichung im Osten zu den Klängen der “Hinterlandgang“: Der “Zeit“ gefällt das

Es gibt Texte, die ihren Gegenstand untersuchen. Und es gibt Texte, die ihn atmosphärisch beglaubigen. Die in Demmin angesiedelte “Zeit“-Reportage „Faschos boxen gehört zur zweiten Gattung. Florentin Schumacher schildert darin ein linkes, ja ultralinkes Festival in einer Stadt, in der die AfD ungefähr die Hälfte der Stimmen erreicht. Auf der Bühne ruft die “Hinterlandgang”: “Sport im Osten?” und das Publikum antwortet rhytmisch: ”Faschos boxen!”. Es gibt Bengalos, Bier, Antifa-Parolen, Kinder mit Gehörschutz, vegane Abziehbilder, eine Handvoll Einheimische und zahlreiche Besucher von anderswo. Das alles könnte Stoff für eine exakte Milieustudie sein: Wie reagiert eine kulturell und politisch vergleichsweise kleine Minderheit auf eine demokratisch erfolgreiche Mehrheitsströmung? Warum hält sie Gewaltvokabeln für emanzipatorisch? Wo endet Kunstfreiheit, wo beginnt Einschüchterung? Und weshalb erscheint ihr nicht der Rechtsbruch, sondern der Wahlerfolg des Gegners als das eigentlich Anstößige?

Doch die “Zeit“-Reportage gerät immer wieder in eine eigentümliche Schwebe zwischen bemühter Scheindistanz und offener Sympathie für den zelebrierten Linksradikalismus. Sie benennt seine Rechtswidrigkeit, um unmittelbar danach seine mögliche Legitimität zur Diskussion zu stellen. Sie führt Gewaltparolen an, um sie sogleich als folgerichtigen Ausdruck einer „Realität“ zu rahmen. Sie erwähnt Straftaten gegen einen AfD-Politiker und verwandelt die demonstrative Uneinsichtigkeit der Beteiligten in eine jugendkulturelle Pointe. Der Text gibt vor, “offen” zu fragen; aber seine Fragen sind bereits politische Vorentscheidungen.

Nicht legal – aber vielleicht legitim?

Der zentrale Satz lautet: Adressen politischer Gegner veröffentlichen, Wahlplakate abreißen oder „Faschos boxen“ – das ist „alles nicht legal“. Aber könnte es „unter Umständen legitim“ sein? Wehrten sich so nicht wahrhaft wehrhafte Demokraten… oder disqualifiziert sich, wer zu solchen Mitteln greift? Schon diese Fragestellung ist bemerkenswert. Niemand würde nach einem rechten Angriff auf eine linke Veranstaltung zunächst räsonieren, ob der Vorgang zwar illegal, aber vielleicht demokratisch legitim gewesen sei. Niemand würde das Veröffentlichen linker Privatadressen, die Zerstörung grüner Wahlplakate oder die Parole „Sozen boxen“ in einen offenen Reflexionsraum zwischen Kunstfreiheit und Widerstand stellen. Zu Recht nicht. Hier aber erhält der Rechtsbruch einen moralischen Prüfauftrag: Er soll sich durch das Ziel adeln lassen, der Zweck soll – mit fadenscheinigem Vorbehalt – die Mittel heiligen. Das ist die klassische Versuchung politischer Gewalt: Das allgemeine Gesetz gilt, aber die eigene Sache sei ja allgemeiner als das Gesetz. Die Handlung ist rechtswidrig, doch das Bewusstsein des Handelnden rein. Er agiert zumindest aus Putativnotwehr im scheinbaren übergesetzlichen Notstand. Seinem Motiv nach beschädigt er nicht die Demokratie, sondern verteidigt deren vermeintlich tieferes Wesen gegen ihre formalen Irrtümer.

Genau gegen diese Selbstermächtigung richtet sich der demokratische Rechtsstaat. „Wehrhafte Demokratie“ bedeutet eben nicht, dass Aktivisten nach eigenem Ermessen Gegner markieren, Eigentum zerstören oder Gewalt androhen dürfen. Sie bezeichnet die rechtlich gebundene Fähigkeit des Staates als Träger des Gewaltmonopols, Verfassungsfeinde mit den dafür vorgesehenen Institutionen abzuwehren. Ob eine Partei verboten wird, entscheidet keine Rapgruppe, kein Festivalpublikum und keine Redaktion, – sondern allein das Bundesverfassungsgericht in einem geregelten Verfahren. Auch das Widerstandsrecht des Grundgesetzes ist kein Gutschein für die Opposition gegen missliebige Wahlergebnisse. Artikel 20, Absatz 4 greift erst, wenn jemand die verfassungsmäßige Ordnung zu beseitigen unternimmt und „andere Abhilfe nicht möglich ist“. Solange gewählt, geklagt, demonstriert, publiziert und parlamentarisch gestritten werden kann, ist gerade diese Voraussetzung nicht erfüllt. Wer eine legale Partei mit Millionen Wählern zum außerrechtlichen Notstandsfall erklärt, verteidigt nicht die Demokratie; er ersetzt sie durch seine private Freund-Feind-Einschätzung.

Wer darf sich gegen wen „verteidigen“?

Die Musiker rechtfertigen ihren Refrain mit „rechten Angriffen”, gegen die man sich “verteidigen” dürfe. Die Formulierung klingt zunächst unverdorben. Selbstverständlich darf sich jeder gegen einen gegenwärtigen rechtswidrigen Angriff verteidigen. Aber genau diese juristische und moralische Konkretion fehlt. Aus einzelnen oder behaupteten Angriffen wird ein allgemeiner Verteidigungszustand. „Faschos boxen“ bezeichnet dann nicht mehr die Notwehr gegen einen Angreifer, sondern eine soziale Kategorie, die erst benannt und anschließend körperlich verfügbar gemacht wird. Wie viele solche Angriffe gibt es tatsächlich? Die jüngsten bundesweiten Zahlen zeigen: 2025 wurden 1.598 rechtsmotivierte Gewalttaten registriert. Aber dieselbe Statistik weist auch 1.087 linksmotivierte Gewalttaten aus – ein Anstieg um rund 43 Prozent –, ferner 704 Gewalttaten aus ausländischer Ideologie und 98 aus religiöser Ideologie. Insgesamt registrierten die Behörden 4.156 politisch motivierte Gewaltdelikte. Diese Zahlen widerlegen das journalistische Weltbild, Gewalt sei im Wesentlichen ein rechter Impuls, auf den andere Milieus lediglich reagieren. Gewalt kommt von rechts, links, aus islamistischen Zusammenhängen, aus auslandsbezogenen Konflikten und aus antisemitischen Milieus verschiedener Herkunft.

Gerade beim Antisemitismus zerfällt die bequeme Einbahnstraße. Allein im vierten Quartal 2025 wurden 23 antisemitische Gewalttaten registriert; 14 davon entfielen auf den Bereich „ausländische Ideologie“, sieben auf rechtsmotivierte und eine auf religiös motivierte Kriminalität. Die Zahlen eines einzelnen Quartals sind kein vollständiges Gesamtbild. Sie zeigen jedoch, wie wenig eine ausschließliche Fixierung auf den rechten Täter der realen Bedrohungslage gerecht wird. Wo bleiben also gerade angesichts des CSD-Anschlags von Berlin die “Festivals gegen Islamismus”? Wo die Rap-Refrains gegen antisemitische Gewalttäter aus migrantischen Milieus? Wo wird die Frage gestellt, ob man sich gegen sie „verteidigen“ dürfe? Weshalb wird dort mit Recht auf Differenzierung, Prävention und die Vermeidung von Generalverdacht gepocht, während „Fascho“ als infantil-brutalistische Sammelbezeichnung selbst für einen gemäßigten AfD-Fraktionsvorsitzenden wie Enrico Schult genügt? Die Antwort liegt weniger in der Kriminalstatistik als in der kulturellen Hierarchie der Feindbilder.

Widerstand gegen eine Partei

Noch folgenreicher ist die Formulierung vom „rechtmäßigen Widerstand“ gegen rechtsextreme Übergriffe und gegen „eine in weiten Teilen als rechtsextremistisch eingestufte Partei“. Hier werden zwei grundverschiedene Dinge semantisch zusammengeschoben: der konkrete Übergriff und die Existenz einer Partei. Gegen einen Übergriff gibt es Notwehr, Polizei, Strafanzeige und Gerichte. Gegen eine Partei gibt es politische Konkurrenz, öffentliche Kritik, Wahlen und – bei Vorliegen strenger Voraussetzungen – als äußerstes Mittel ein Parteiverbotsverfahren. Der Ausdruck „Widerstand gegen eine Partei“ bei einer nicht verbotenen, zu Lands- und Bundestagswahlen zugelassenen Partei ist per se fragwürdig und verschiebt die AfD aus dem Raum legitimer Konkurrenz in den Raum illegitimer Herrschaft. Sie erscheint, obwohl sie in Opposition steht und sich Wahlen stellt, bereits als Regime, gegen das außerordentliche Mittel erwogen werden dürfen.

Die demokratische Entscheidung ihrer Wähler wird semantisch zur Besatzungslage. Das ist die eigentliche Pointe des “Zeit“-Elaborats: Die AfD wird nicht an konkreten Positionen gemessen, sondern vielmehr wird ihr Wahlerfolg selbst zum Beweis der “Gefahr” – und diese behauptete Gefahr wiederum legitimiert den “Widerstand” gegen ihren Wahlerfolg. So entsteht ein geschlossenes System. Je mehr Menschen die AfD wählen, desto dringlicher wird der „Widerstand“. Je stärker dieser scheinlegitime Widerstand Wähler beleidigt, Veranstaltungen stört oder Plakate zerstört, desto eher bestätigt er vielen Bürgern, dass die etablierten Milieus demokratische Entscheidungen nur anerkennen, wenn sie ihnen gefallen.

Der widersprüchliche DDR-Widerstand

Besonders aufschlussreich ist die Figur des 66-jährigen Bühnenhelfers Ingo Piontkowski, der in der DDR als „Schallplattenunterhalter“ tätig war: Er erinnert sich an die Vorgabe, 60 Prozent Ost- und 40 Prozent Westmusik zu spielen – und fügt mit augenzwinkernder Genugtuung hinzu, meist sei es andersherum gewesen. Danach heißt es unvermittelt, er blicke „mit Sorge“ auf die Landtagswahl. Ich hätte gern mehr erfahren. Was genau bereitet ihm Sorge? Welche politischen Forderungen genau? Welche persönlichen Erfahrungen hat er gemacht? Was hält er von einer Wahl, bei der Bürger in geheimer Abstimmung eine oppositionelle Partei stark machen? Und wie passt sein kleiner Stolz auf die Umgehung einer staatlichen Kulturquote zu seiner heutigen Nähe zu einem Milieu, das politische Abweichung erneut als gesellschaftliche Gefahr behandelt? Der “Zeit“-Text fragt es nicht. Die DDR-Anekdote dient als sympathischer Widerständigkeitsnachweis, die AfD-Sorge als moralische Reifeprüfung. Dass zwischen beidem ein Widerspruch liegen könnte, wird nicht weiter problematisiert; der Autor hat ihn vielleicht nicht einmal bemerkt.

Vielleicht war der damalige Ungehorsam eben weniger grundsätzliche Freiheitsliebe als kulturelle Vorliebe für Westmusik. Vielleicht hat sich nicht der Widerstandsgeist erhalten, sondern nur das Bedürfnis, jeweils auf der moralisch anerkannten Seite zu stehen. Damals bedeutete das, die staatliche Quote im Kleinen auszutricksen; heute bedeutet es, vor einer Partei zu warnen, die in der Region demokratische Mehrheiten gewinnen könnte. Aber Widerstand ist nicht schon deshalb freiheitlich, weil er gegen etwas gerichtet ist. Auch Konformisten pflegen gern die Erinnerung an ihre kleinen Abweichungen, sofern diese später zum herrschenden Narrativ passen.

Mittelfinger gegen die Polizei

Die “Hinterlandgang” rappt nicht nur gegen “Faschos”, sondern auch gegen “die Jungs in Blau”. Wie schon bei der bundespräsidial beworbenen linken Krawall-Combo “Feine Sahne Fischfilet“ stört dies anscheinend nicht weiter. Die Reportage nennt diese Zeile halb ironisch „polizeiskeptisch“ und fragt, ob der CDU-Bürgermeister von Demmin sie vielleicht nicht kenne. „Polizeiskeptisch“ ist ein schönes Wort. Es adelt die Beschimpfung als erkenntnistheoretische Haltung. Würde eine rechte Band den Mittelfinger gegen Migranten, Journalisten oder linke Lehrer richten, wäre wohl kaum von „Skepsis“ die Rede; dann spräche man von Menschenfeindlichkeit, Hass oder verbaler Gewalt. Hier zeigt sich die elastische Doppelmoral der Milieusprache: Gegenüber bestimmten Institutionen gilt verbale Aggression als authentischer Ausdruck von Protest, gegenüber anderen Gruppen gilt bereits der schiefe Witz als Vorstufe zum Terror. Die Bewertung richtet sich nicht nach der Form, sondern nach dem Ziel.

Dabei sind gerade Polizeibeamte häufig diejenigen, die zwischen Demonstranten und ihren Gegnern stehen, linke Veranstaltungen schützen und auch Personen verteidigen müssen, deren politische Überzeugungen sie selbst ablehnen. Wer ihnen pauschal den Mittelfinger zeigt, verkörpert nicht die wehrhafte Demokratie, sondern verachtet deren ausführendes Ordnungspersonal. Das bleibt in der Reportage Kulisse. Polizeifeindliche Parolen gehören zur Folklore des “guten” Lagers.

Plakatabriss als Jugendsünde ohne Reue

Am deutlichsten wird die moralische Asymmetrie im Umgang mit Enrico Schult. Vor der Landtagswahl 2021 sollen die beiden Musiker eines seiner Wahlplakate abgerissen oder überklebt und anschließend in einem Video erklärt haben, sie wollten „keine Faschos“. Einer der beiden räumt ein: „Wir haben Scheiße gebaut“ – allerdings nur „auf der rechtlichen Ebene“. Schlimm sei das nicht; so etwas gehöre zur “Jugend”. Der andere fügt an eine imaginäre Kamera gerichtet hinzu: „Es tut uns nicht leid.“ Das ist mehr als die Erinnerung an eine Jugendsünde; es ist die nachträgliche Billigung einer Straftat, mindestens ihre moralische Bagatellisierung. Das Gesetz sei verletzt worden, aber nicht die eigene Gerechtigkeit. Genau darin liegt das antidemokratische Moment: Das Wahlplakat des Gegners gilt nicht als Bestandteil des offenen Wettbewerbs, sondern als illegitime Zumutung, die entfernt werden darf.

Warum aber ist Schult ein „Fascho“? Schumacher liefert dafür keinen Beleg. Im Gegenteil: Er zitiert ihn mit der ausgewogenen Forderung nach einem äquidistanten Staatsschutz, der Rechtsextremismus, Linksextremismus und Islamismus gleichermaßen zu bekämpfen, legitime Positionen jedoch nicht vorschnell als extremistisch zu etikettieren hat. Den Musikern wünscht Schult sogar gutes Gelingen. Der vermeintliche “Faschist” argumentiert zudem rein  rechtsstaatlich; die selbsternannten Verteidiger der Demokratie rechtfertigen den Eingriff in seinen Wahlkampf. Dieser Widerspruch wäre der Kern einer ernsthaften Reportage gewesen. Stattdessen darf er als charmante Reibung zwischen lokalen Akteuren stehenbleiben. „Fascho“ ist hier außerdem keine historische oder politikwissenschaftliche Kategorie; es ist eine soziale Lizenz. Wer den Gegner so nennt, muss sich mit seinen konkreten Aussagen nicht mehr auseinandersetzen. Das Wort entzieht ihm nicht nur Respekt, sondern im nächsten Schritt auch den Anspruch auf Plakate, Veranstaltungen oder körperliche Unversehrtheit. Erst wird der Name entgrenzt, dann die Gewalt.

Festivalpublikum oder Antifa-Ausflug?

Die Reportage will das Festival als lokalen kulturellen Widerstand gegen eine übermächtige AfD erzählen. Doch ihre eigenen Beobachtungen untergraben diese Deutung. Als gefragt wird, wer aus Demmin komme, gehen nur vereinzelt Hände hoch. Leichter findet der Reporter eine Hamburger Studentin, die mit einem der Musiker in Greifswald studierte, oder einen Besucher aus Dessau. Das ist legitim. Konzerte müssen kein Einwohnerreferendum sein. Bands haben überregionale Fans, Freunde reisen an, politische Festivals ziehen Gleichgesinnte aus anderen Städten an. Bloß sollte man das Ereignis dann nicht als authentische Stimme eines widerständigen Demmin gegen seine “rechte Mehrheitsgesellschaft” ausgeben. Es handelt sich offenbar zumindest teilweise um linken politischen Protest- und Kulturtourismus. Ein mobiles antifa-affines Milieu besucht die Provinz, um dort seine eigene Minderheitenexistenz als lokalen Aufbruch zu feiern.

Die angereiste Hamburger Studentin ist nicht weniger wert als ein Demminer AfD-Wähler; sie sagt allerdings nur wenig über Demmin aus. Gerade darin liegt eine bekannte Struktur kultureller Interventionen im Osten: Aktivisten, Journalisten, Künstler und Projektträger finden einen Ort mit hohen AfD-Werten, erklären ihn zum gesellschaftlichen Labor und organisieren eine Gegenöffentlichkeit, deren Personal zu erheblichen Teilen aus universitären oder urbanen Netzwerken stammt. Anschließend gilt das Projekt als Beweis dafür, dass „der Osten“ eben doch anders sei. Natürlich ist er anders – nur möglicherweise ganz anders, als es die angereiste Gegenöffentlichkeit glaubt.

Joint-Atem und Bierbecherturm

Vier „echte Demminer“, so die Reportage, stehen Arm in Arm auf einer Bank. Sie rufen mit „Joint-Atem“, man müsse Demmin repräsentieren, bevor sie sich Nachschub für ihr „beeindruckendes Türmchen“ ineinandergestapelter Bierbecher holen. Später stimmen sie „Alerta, alerta, antifascista“ an. Auch das darf sein. Junge Menschen trinken, rauchen, grölen und besuchen Konzerte. Es wäre lächerlich, daraus eine politische Charakterdiagnose abzuleiten. Indirekt aber tut die “Zeit“-Reportage genau dies: Diese impressionistischen Details sollen Atmosphäre erzeugen, Nähe stiften und eine lokale Gegenkultur sichtbar machen. Der Joint-Atem wird zum Echtheitssiegel, der Bierbecherturm zum soziologischen Requisit. Vier berauschte Festivalbesucher stehen plötzlich für das “andere” Demmin. Welchen Aussagewert besitzt das nun für Wahlgründe und Wahlverhalten? Nahezu keinen.

Man erfährt nicht, weshalb ungefähr die Hälfte der Wähler in der Region AfD wählt. Man erfährt wenig über Löhne, kommunale Infrastruktur, Migration, öffentliche Sicherheit, Abwanderung, Energiepreise, medizinische Versorgung oder die Enttäuschung über andere Parteien. Stattdessen begegnet man politischen Typen: dem besorgten DDR-Helfer, den rappenden Sozialarbeitern, der Hamburger Studentin, dem jungen Dessauer und den bekifften Biertrinkern. Das ist Milieuliteratur, keine Wahlanalyse. Der weit überdimensionierte Text – mehr als 2000 Wörter über ein Festival mit knapp 700 Besuchern – sagt am Ende mehr über das Interesse der “Zeit” an kulturellen Gegenwelten aus als über Demmin. Eine kleine Gruppe wird sorgfältig ausgeleuchtet, weil sie den Deutungsbedürfnissen des westdeutschen Leitmediums entspricht – und die große Gruppe der AfD-Wähler bleibt suspektes Hintergrundrauschen: Zahl, Gefahr, „Rechtsdrift“. Diejenigen, die fast fünfzig Prozent ausmachen, erscheinen nicht als Bürger mit Gründen, sondern als Problem, gegen das andere begrüßenswerte “Haltung” zeigen.

Die romantische Antifa

Die ästhetische Strategie ist durchsichtig: Die Waldbühne verfällt, doch junge Leute bauen sie selbst wieder auf. Kabelbinder, Dixi-Klos, Zimmermannshose, DDR-Improvisationsgeist – hier entsteht sie also, die romantische Antifa des Hinterlands. Sie ist bodenständig, handwerklich, musikalisch, sozial engagiert und ein wenig rau. Sie geht in Schulen und Jugendgefängnisse, spricht mit gefährdeten Jugendlichen und möchte angeblich nicht fünfzig Prozent der Bevölkerung zu Feinden erklären. Das ist die stärkste Seite des porträtierten Duos: Gesprächsbereitschaft, lokale Bindung und Jugendarbeit verdienen Anerkennung. Umso unverständlicher ist jedoch die Gewaltpose. Wer nicht fünfzig Prozent der Bevölkerung zu Feinden abstempeln will, sollte vielleicht aufhören, deren gewählte Vertreter pauschal „Faschos“ zu nennen. Wer mit Jugendlichen sprechen möchte, sollte ihnen vielleicht nicht beibringen, dass Boxen eine politische Kategorie sein kann. Wer die Demokratie verteidigt, sollte vielleicht Wahlplakate nicht als Material für die eigene Releaseparty behandeln.

Vielleicht wissen die Musiker selbst, dass ihre Parole weniger Programm als Markenzeichen ist. “Faschos boxen” verkauft sich, schafft Zugehörigkeit, erzeugt Bühnenenergie und erspart komplizierte Differenzierungen. Der aggressive Refrain und der verständnisvolle Sozialarbeiter sind keine Gegensätze, sondern ein Geschäftsmodell: Härte auf der Bühne, Pädagogik im Interview. Die Reportage übernimmt diese Doppelstruktur. Sie zeigt die Parole, aber umgibt sie mit so viel Sympathiematerial, dass die Gewaltandrohung als jugendkulturelle Übertreibung verdunstet.

Die eigentliche demokratische Probe

Die Frage lautet nicht, ob es rechte Gewalt gibt. Die Frage lautet auch nicht, ob Musiker gegen die AfD auftreten dürfen. Natürlich dürfen sie das. Sie dürfen sie verachten, verspotten und politisch bekämpfen. Die demokratische Probe beginnt dort, wo der Gegner Rechte besitzt. Darf er Plakate aufhängen? Darf er Räume mieten? Darf er ohne körperliche Bedrohung auftreten? Darf er gewählt werden? Darf er eine Regierung bilden, sofern er Mehrheiten und Koalitionspartner findet? Darf sein Wähler als Bürger gelten, nicht bloß als Objekt antifaschistischer Sozialarbeit? Wer diese Fragen nur widerwillig bejaht, hat ein Problem mit Demokratie – unabhängig davon, wie häufig er das Wort „Antifaschismus“ verwendet. Die wehrhafte Demokratie ist gerade deshalb wehrhaft, weil sie nicht jedem selbsternannten Demokraten das Recht zur Gewalt überlässt. Sie bindet Abwehr an Verfahren, Zuständigkeiten und Beweise. Das Parteienverbot ist eine „zweischneidige Waffe“ des Rechtsstaates – nicht die Lizenz eines Konzertpublikums.

Illegal, aber legitim? Bei spontaner Hilfe für einen Angegriffenen kann diese Frage sinnvoll sein. Beim Rettungsakt, beim zivilen Ungehorsam in extremen Ausnahmesituationen, beim historischen Widerstand gegen eine Diktatur kann Recht und Gerechtigkeit auseinanderfallen. Aber Plakate abzureißen, Adressen zu veröffentlichen und Menschen unter einem beliebig ausgeweiteten Etikett zum Boxen freizugeben, ist kein Widerstand gegen eine Diktatur. Es ist der Ve-such, normalen politischen Wettbewerb mit einer vorgezogenen Notstandsmoral zu überschreiben. Leider breitet sich diese linke Notstandsmoral immer mehr aus. „Es kann legitim sein, was nicht legal ist“ – der Satz wird dem Holocaust-Überlebenden Martin Löwenberg zugeschrieben. Unter Berufung darauf behauptet die Linken-Bundestagsfraktionsvize Nicole Gohlke auf Facebook, „dass es Situationen geben kann, in denen das moralisch Richtige nicht mit dem geltenden Recht über-einstimmt – etwa wenn es darum geht, Menschenleben zu schützen oder schweres Unrecht nicht tatenlos hinzunehmen.“ Dann braucht man sich über die Selbstverständlichkeit des moralischen Überlegenheitsgefühls bei allen möglichen Klein- und Kleinstkünstlern nicht mehr zu wundern.

Die Provinz als moralische Bühne

Demmin wird in diesem “Zeit“ nicht wirklich betrachtet. Die Stadt wird gebraucht, weil sie die richtige Kulisse liefert: Abwanderung, Alterung, Arbeitslosigkeit, DDR-Ruinen, hohe AfD-Werte. Vor diesem Hintergrund kann eine kleine linke Szene als Lichtpunkt erscheinen. Die Provinz ist dunkel genug, damit die Bengalos moralisch leuchten. Doch eine Demokratie besteht nicht aus den schönsten Bildern einer Reportage. Sie besteht aus Bürgern, deren Entscheidungen auch dann zählen, wenn Journalisten ihre Festivals nicht besuchen. Vielleicht wählen viele Menschen in Demmin die AfD aus Protest. Vielleicht aus Überzeugung. Vielleicht aus falschen, vielleicht aus nachvollziehbaren Gründen. Diese Gründe zu erforschen wäre journalistisch mühsam. Man müsste zuhören, ohne sofort zu diagnostizieren. Man müsste soziale Erfahrung, nationale Identität, Migration, wirtschaftliche Verluste und kulturelle Ent-fremdung ernst nehmen. Leichter ist es, jene zu porträtieren, die bereits das richtige Urteil besitzen.

So wird aus einer Reportage über Demmin eine Trostschrift für das linksliberale Milieu: Seht, selbst im finstersten Dunkeldeutschland gibt es noch die Unseren! Sie trinken Bier, bauen Bühnen, tragen Antifa-Shirts und rufen aus, was in den Redaktionen nur mit Anführungszeichen gesagt werden darf! Der demokratische Aussagewert bleibt gering; doch der rituelle ist beträchtlich.

Wo der Faschismus beginnt

Die Reportage fragt, ob sich disqualifiziere, wer zu illegalen Mitteln greife. Die Antwort ist einfacher, als ihr lieb sein dürfte: Nicht jede Gesetzesverletzung macht jemanden zum Feind der Demokratie. Aber wer politische Gewalt oder Einschüchterung systematisch durch die moralische Qualität seines Ziels rechtfertigt, übernimmt bereits ein autoritäres Prinzip. Der Faschismus beginnt nicht erst bei Uniformen und Staatsstreich. Er beginnt auch dort, wo der Gegner aus dem gemeinsamen Recht herausdefiniert wird; wo ein Etikett die Prüfung ersetzt; wo Gewalt als reinigend gilt, sofern sie den Richtigen trifft; wo der demokratische Mehrheitsentscheid nur noch anerkannt wird, solange er das gewünschte Ergebnis produziert. „Faschos boxen“ ist deshalb keine antifaschistische Erkenntnis. Es ist eine intellektuelle Kapitulation.

Man muss nicht mehr begründen, wer Faschist ist. Man muss nur noch schlagen dürfen. Die eigentliche wehrhafte Demokratie spricht anders: Rechte Angriffe verfolgen. Linke Angriffe verfolgen. Islamistische Anschläge verhindern. Antisemitische Gewalt unabhängig von ihrer Herkunft benennen. Wahlplakate schützen. Gegner widersprechen. Wähler überzeugen. Regierungen abwählen. Alles andere ist kein Widerstand. Es ist politische Selbstermächtigung mit Festivalbändchen.

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12 Kommentare

  1. Das alles bekommt einen Sinn, wenn man es als das begreift, als das es gemeint ist: Die Entmenschlichung des „Anderen“.

  2. Der Anfang machte mich neugierig. Weil ich in Demmin geboren wurde. Aus der Stadt auch ein ehemaliger Funktionär der kommunistischen Jugend kam und die FDJ mit aufbaute. Karl Namokel. Eigentlich sollte Alfred „Nanu“ nach Berlin gehen. Aber meine Mutter wollte nicht nach Berlin gehen und ich bin froh nicht in die Nomenklatura hinein geboren worden zu sein. Es gab in der Stadt noch mehr Kommunisten mit denen meine Eltern verkehrten. Ich nannte sie damals Onkel.
    Jetzt muss ich wieder ein Artikel lesen der in allem rum rührt und müde macht, aber nichts was Demmin konkret betrifft. Es war wohl wieder der Aufhänger um alles los zu werden. Über Demmin gibt es da sicher noch viel mehr zu schreiben welches von historischer Bedeutung ist.

    1. Von historischer Bedeutung ist doch wohl das in der Stadt 1945 der größte Massenselbstmord der Neuzeit statt gefunden hat. Als die Sowjetsoldaten Demmin besetzten und niederbrannten gingen sehr viele Frauen mit ihren Kindern in den Fluss Peene und ertranken.
      Auch wurden Frauen vergewaltigt. Eine Tante von mir hatte es erwischt.
      Vieles was die Sowjetsoldaten von den den alten Häusern stehen ließen wurde dann von der Abrissbirne nieder gemacht. Statt blühende Landschaften, glühte die Abrissbirne wie ich vor einiger Zeit gesehen habe. Ich war erschrocken.
      Das prägt dann wohl mit Sicherheit die Einstellung der Demminer. Die oft in Dokus nur vorsichtig geäußert wird.
      Der erste Daumen runter stammt von mir und bin erstaunt wie man doch Leute hier manipulieren kann die keine Ahnung haben und einfach nur blind folgen.

  3. Der Artikel könnte dreimal so lang sein und würde doch nichts bringen.

    Glaubt denn tatsächlich jemand, daß sich etwas an der politischen Situation verbessert, wenn man sich die Finger wundschreibt?
    Was wir alle hier und auf anderen alternativen Nachrichtenseiten tun, ist doch nur Ausdruck unserer Hilflosigkeit und dient lediglich als Ventil für unseren Unmut.

    Währenddessen dreht sich das etablierte Politkarussel weiter, die Machthaber lachen sich schlapp und erfinden unablässig neue Schikanen gegen uns freiheitsliebende Bürger.
    Die Antifanten sind die neuen SA-Truppen, die Justiz ist zum Systemschutz verkommen, und das linksverstrahlte Verlierergesindel ist offenbar glücklich damit.

    Je weniger einer mit all diesen Dingen und Vorgängen zu tun hat, desto gemütlicher kann er leben.
    😜

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  4. Übrigens:
    Im Faschismus sind Politik, Justiz, Wirtschaft, Klerus und Medien ideologisch gleichgeschaltet und stets einer Meinung.

    Man erkennt das an der gemeinsamen Präsentation eines Symbols. Früher war es das Hakenkreuz, heute ist es der (gefälschte) Regenbogen.
    Was hat dieser auf Polizeiautos zu suchen? – Selbverständlich nichts, denn die Polizei hat politisch neutral zu sein.

    Die fast allgegenwärtige Präsentation dieses Regenbogens zeigt also jedem klar und deutlich, was wirklich Sache ist, und wer zu wem gehört.
    😜

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    1. Richtig!
      Hier mal ein Satire-kanal der die Deppen und den Mob so klasse demaskiert!
      :::
      So gelingt’s 💯 – 11 Protest-Typen, die auf keiner linken Demo fehlen dürfen!!!

      ca 20min.

      Zitat dortiger Kommentator bei YT

      ….@andreastheile5279
      vor 3 Monaten
      Ich war erstaunt , wieviele geistige Tiefflieger in unserem Land leben . Null Argumente , dummes Geschrei , Gewaltbereit bis zum Tod Andersdenkender und absolut nix in der Birne außer Vakuum . Danke für dieses Aufklärungsvideo

      Zitatende
      …dem ist nichts hinzuzufügen

  5. Rechte Gewalt? Ja, die gibt es sicherlich. aber in dem Ausmaß? Muss man sich nicht fragen, warum unsere Mainstream-Postillen nicht voll sind von Berichten darüber? Knapp 1600 Straftaten in 2025, das sind statistisch pro Tag ca. 4 Straftaten. Und davon erfahren wir nichts? Das müsste doch ein gefundenes Fressen sein, das die „rechte Gefahr“ belegt und den „Kampf gegen rechts“ täglich neu legitimiert? Soll man wirklich glauben, dass sich Mainstream-Presse und ÖRR sich diese Chance entgehen ließen, wenn das Realität wäre? Im Vergleich dazu: Laut der Polizeilichen Kriminalstatistik des Bundeskriminalamtes gab es im Jahr 2025 in Deutschland 29.243 registrierte Fälle von Messerangriffen und Messerkriminalität und 751 erfasste Fälle von sogenannten Gruppenvergewaltigungen. Davon hört man in den o.g. Medien auch kaum etwas! Selektive Berichterstattung.

    Warum wird der Umweg über die Kriminalstatistik gegangen, die selbstverständlich mehr rechts- als linksextreme Straftaten aufweist? Es drängt sich der mehr als begründete Verdacht auf, dass es nur um die Möglichkeit der Manipulation geht. Da werden Ausländerstraftaten unter rechts gebucht, da wird bei Straftaten, die man politisch nicht eindeutig zuordnen kann, schnell das Label „rechts“ draufgeklebt, da wird nicht die Qualität der Straftat (Körperverletzung/Sachbeschädigung versus Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger und terroristischer Organisationen) berücksichtigt, letzteres ohnehin ein Feld, dass von Linken gerne denunziatorisch verwendet wird, weil ein von Linken hingeschmiertes H-Kreuz automatisch Kriminalität rechts ist.
    Liebe Mitbürger, lasst euch nicht von solchen „Statistiken“ beeindrucken, die Realität sieht eher so aus, dass die schweren Straftaten von Linken verübt werden, die das Mäntelchen von angeblicher Moral und „Widerstand gegen eine drohende NSDAP-Machtübernahme“ nutzen, um unsere Grundrechte als Bürger und Wähler zu untergraben.

  6. Solchen Hetzern sollte man den Strom abstellen oder die Kabel zerhacken. Dann ist Ruhe auf der Bühne. Dann wird der Staatsschutz aber rotieren. In Berlin konnten dagegen Linke Terroristen einen ganzen Stadteil „entstromen“. Keinen hat es gejuckt. Selbst der OB ist noch im Amt.

  7. Brandaktuell 05.Aug.26 —-
    —–Polizei ermittelt:
    Beim Anbringen von AfD-Wahlplakaten: 13-Jähriger wird in Magdeburg angegriffen und geschlagen
    (Magdeburg. – il) —-

    Der Angriff auf den Jugendlichen ereignete sich am Montag (3. August) in Magdeburgs Stadtteil Stadtfeld-Ost.

    Nach bisherigen Erkenntnissen begleitete der 13-jährige Jugendliche das Aufhängen von Wahlplakaten für die AfD. Gegen 16.45 Uhr störte eine bislang unbekannte männliche Person auf einem Fahrrad die Aktion im Bereich der Schillerstraße und äußerte sich unvermittelt verbal aggressiv zur Plakatierung, teilte ein Polizeisprecher mit.

    Als der 13-Jährige den verbalen Streit zu schlichten versuchte, wurde er unvermittelt von der männlichen Person angegriffen und mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Der bislang unbekannte Angreifer entfernte sich daraufhin fluchtartig auf seinem Fahrrad in Richtung Süden vom Tatort. Der 13-Jährige wurde bei dem Angriff leicht im Gesichtsbereich verletzt.

    Zeugen sollen sich bei der Polizei Magdeburg melden
    Der Angreifer konnte wie folgt beschrieben werden: männlich, europäischer Phänotyp, etwa 1,75 Meter groß, trug eine kurze Hose, hat ein kreisrundes Tattoo auf der Wade und fuhr ein Rennrad mit blauen Streifen.

    https://www.volksstimme.de/blaulicht/magdeburg/beim-anbringen-von-afd-wahlplakaten-13-jahriger-wird-in-magdeburg-angegriffen-und-geschlagen-4296350

    Nebenbei: Die Stadtteile Stadtfeld Ost-& West in MD sind Hochburgen der Linken, Sozen, Alternativen, Montessori-Clubs und Grünen. Die Grenze wird von der Antifa kontrolliert.

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