Figaros Leichtzeit

Figaros Leichtzeit

„Leichte Sprache“: Ausdruck kultureller Selbstauflösung (Symbolbild:Imago)

Man stelle sich vor: Mozarts “Figaros Hochzeit”, eine der kunstvollsten Partituren der Musikgeschichte, übersetzt in die Syntax eines Grundschulhefts. Rezitative ohne Periodenbau, Arien ohne Metaphern, Dialoge ohne Doppelsinn. „Figaro liebt Susanna. Susanna liebt Figaro. Graf ist böse.“ – Eine Parodie, gewiss, aber zugleich die logische Konsequenz eines Trends, der längst Realität geworden ist: Die Übersetzung großer Kunst in Leichte Sprache. Was in deutschen Behörden, später in Hamburg bei der Tagesschau mit simplifizierten Texten begann, ist nun in Literatur und Bühne angekommen. Ein Volkstheater im Wortsinne: für das Volk, aber nicht mit, sondern über dessen Köpfe hinweg – weil man ihnen die Köpfe zuvor sprachlich amputiert hat.

So geschehen jüngst am Brandenburgischen Theater anhand einer „Übersetzung“ des Librettos Da Pontes durch die Schauspielerin Elina Lindgens. „Alltagsdeutsch, Gossenjargon und sprachli-che Banalitäten, gelegentliche Kalauer und der flapsige Umgangston heutiger Jugendlicher spiegeln sich im gesungenen Text, mehr noch in der stark vereinfachenden, bloß kommentierenden Übertitelung. Zuweilen hat diese neue Textfassung etwas Verdummendes“, gibt Dieter David Scholz in der “NMZ” zu. Die Produktion scheine „einer gegenwärtigen Tendenz (des Umgangs mit klassischer Musik) zur Verflachung zwecks Bespaßung eines möglichst breiten Publikums, ja einem weithin sichtbaren Trend zum Seichten, ‚Flotten‘ und Anspruchslosen für Unbedarfte zu folgen“.

“Zugang” für jeden

Natürlich kennt jede Kultur legitime Formen der Komplexitätsreduktion. Walter Lippmann wusste schon 1922, dass jede Wahrnehmung der Welt auf Filtern beruht. Doch etwas anderes ist es, wenn die Reduktion nicht der Einsicht dient, sondern der Infantilisierung. Leichte Sprache ersetzt nicht den Irrgarten der Fachsprache durch klare Gänge, sondern das Haus des Denkens durch eine Hütte aus Pappe. Verboten sind Nebensätze, Konjunktiv, Genitiv; erlaubt sind nur kurze Sätze, Konkreta statt Abstrakta, Präteritum wird durch kindliches Perfekt verdrängt. Das ist kein Werkzeug der Inklusion, sondern der Sprachkastration.
Die Maskerade der Teilhabe.

Die Propaganda der Leichten Sprache beruft sich auf die großen Schlagworte unserer Zeit: „Teilhabe“, „Inklusion“, „Diversität“. Millionen Menschen mit Migrationshintergrund, Lernschwächen oder Demenz sollen Zugang zu Kultur und Politik erhalten. Das klingt humanitär, doch in Wahrheit handelt es sich um eine pädagogische Maskerade. Denn wer Texte für Min-derheiten normiert, normiert sie am Ende für alle. Der „Minister für Geld“ (so jüngst die Leichte-Sprache-Version des Finanzministers in der Tagesschau) steht exemplarisch für eine politi-sche Klasse, die ihre Bürger nicht bilden, sondern an der Bildung vorbeiführen will. Besonders deutlich zeigt sich die Perversion im Feld der Literatur. Der erste Satz von Fontanes „Effi Briest“ verkommt in der Fassung des Rösrather Aibo-Verlags zur Aufzählung von Fliesen und Rhabarber in sieben Sätzen. Was als Zugang zum Bildungskanon verkauft wird, ist seine Zerstörung. Denn Literatur lebt von Rhythmus, Metapher, Ambivalenz – all jenem, was die Leichte Sprache systematisch vernichtet. Fontane, Goethe, Camus werden nicht leichter, sondern seichter. Von der Oper bleibt das Libretto eines Kinderlieds, von der Aufklärung die Parole einer Motivationsbroschüre.

Simplifiziertes Bewusstsein

Konrad Paul Liessmann sprach schon 2014 vom „Analphabetismus als geheimes Bildungsziel“. Heute zeigt sich die dystopische Wahrheit dieser Diagnose. Die Volkspädagogik der Leichten Sprache verschleiert ihre Absicht hinter Moral und Inklusion, doch sie verfolgt ein klares Ziel: den Abbau der sprachlichen Komplexität, die Voraussetzung kritischen Denkens ist. Wer die Sprache simplifiziert, simplifiziert das Bewusstsein. Am Ende steht nicht mehr das mündige Subjekt, sondern der betreute Konsument.
Diese Entwicklung fügt sich nahtlos ein in den größeren Trend der politisierten Sprachpolitik: Leitfäden, die „Ausländer“ durch „Einwohnende ohne deutsche Staatsangehörigkeit“ ersetzen; Klimaaktivisten, die die Substitution der„globalen Erwärmung“ durch „Klimaselbstmord“ fordern; ein Duden, der Diskriminierungsskalen wie Prüfsiegel verteilt. Immer geht es um die Konditionierung durch Sprache, um das, was Orwell den „Neusprech“ nannte. Die Infantilisierung ist nur eine Spielart dieser Herrschaftstechnik – und die Oper im Kinderton ihr vorläufiger Höhepunkt.

Sapere aude“ – wage es, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen: Was Kant als Wahlspruch der Aufklärung formulierte, wird heute in Leichte Sprache übersetzt: „Trau dich! Denk selber nach!“. Ein Satz wie aus einem Grundschulplakat, und doch unfreiwillig ehrlich: Der Mut zum Denken wird nicht mehr gefordert, sondern pädagogisch vorgesprochen. Aber Denken ohne Sprache ist unmöglich. Wer die Sprache zerstört, zerstört die Mündigkeit. “Figaros Hochzeit” in einfacher Sprache ist kein Kulturwitz, sondern ein Symptom. Es zeigt, dass der Westen nicht mehr auf Bildung, sondern auf Betreuung setzt, nicht mehr auf Mündigkeit, sondern auf Infantilisierung. Die Oper wird zum Hörspiel, das Parlament zum Kindergarten, die Nation zur Schulgemeinschaft, in der die Lehrer heißen: “Tagesschau”, Duden, Bundesregierung. Und so hallt der Chor der Simplifikatoren: „Alle sollen teilhaben.“ Doch woran? An der Kultur jedenfalls nicht mehr; stattdessen an ihrer Übersetzung ins geistige Nichts.

8 Kommentare

  1. Es geht los !
    Kriegstreiber wollen den totalen Krieg !

    https://youtu.be/eUMZ1fZT-7g

    „Trump erlaubt Angriff auf Kreml + Erster Angriff lief bereits + Putin mit Rekord-Mobilisierung!
    Es ist soweit, Trump dreht jetzt komplett durch. Er hat Angriffe mit US-Langstreckenraketen auf Russland autorisiert und Selensky hat bereits einen Angriff auf den Kreml angekündigt. Heute Nacht gab es den ersten «Testlauf» und Selensky hat mit US-Langstreckenraketen die erste russische Grossstadt angegriffen. Dazu hat Trump offenbar die Tomahawk-Raketen mit einer Reichweite von 2.400km freigegeben und wir sehen gerade eine Verlegung von Duzenden US-Tankflugzeugen und Kampfjets nach Europa. So wie damals vor den Angriff auf Israel. Und der Kreml hat bereits reagiert und Putin hat Vergeltung angekündigt!“

    Es ist nur noch widerlich und die Kriegsmacher tragen dafür die Schuld.
    Habt ihr über den großen Teich, der Ukraine, hier i.d. Politik und in der EU noch alle Sinne beieinander?

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    1. Die Meinung eines Einzelnen ist keine belastbare Nachricht.
      Es kursieren zur Zeit widersprüchliche Informationen und Fake-Videos, erstellt von KI.
      Am besten glaubt man gar nichts mehr.

      1. Russland braucht nur einen Cyberangriff auf die EU-Staaten und die USA zu starten.
        Daneben finde ich den Redner vom Vermietertagebuch nicht gerade seriös. Der Moderator schürt lediglich Angst.
        Gleichzeitig ist doch bekannt, dass die USA sich die gesamte Welt einverleiben wollen. Da schrecken das Trumpel und Co. vor nichts zurück.

    2. Ohne Krieg keine amerikanische Wirtschaft.
      Die leben davon, dass sie andere Länder in Kriege treiben. Sie denken wohl, dass sie selber unangreifbar sind.

      Na mal schauen. Was anderes kann man eh nicht tun.

      1. Die bekloppte US-Regierung meint wohl, unangreifbar zu sein. Dagegen hülfe ein Cyber-Angriff auf die EDV der USA (Krankenhäuser und weitere zivile Einrichtungen hiervon ausgenommen).

  2. Die Leute, die die Nachrichten in sog. leichte Sprache umschreiben, unterliegen einem schweren Irrtum: Sie sollen die Sprache nur leichter Verständlich machen, sie aber machen Nachrichten, als ob sie es mit Idioten zu tun hätten. Was für eine Verkennung. Und nun erkennen wir auch, für was die Fernsehanstalten ihre Zuschauer so halten. Das Wort Anstalt bekommt hier seine eigentliche und richtige Bedeutung.

  3. Oper für Arme! Und doch ist es bezeichnend, daß – aus ganz anderen Gründen – italienische, französische oder russische Opern heute nicht mehr wie noch vor siebzig Jahren in deutscher Übersetzung gesungen werden, sondern in ihrer ursprünglichen Sprache aufgeführt werden. So bleiben Donizetti, Verdi, Puccini, Massenet, Gounod und Mussorgski eine fremdsprachliche Herausforderung fürs Publikum. Wären nur die scheußlichen Inszenierungen des Regietheaters nicht!