
Der Titel Highest 2 Lowest verspricht Höhenflüge, liefert aber leider einen Crash in die Tiefen der Unlogik. Was wirklich schade ist. Schließlich waren meine Erwartungen hochgeschraubt, Denzel Washington gehört zu meinen Lieblingsschauspielern, auch, weil er in einer Zeit populär geworden ist, in der schwarze Schauspieler nicht ihrer Hautfarbe, sondern ihres Könnens wegen besetzt wurden.
Spike Lees Neuinterpretation von Kurosawas High and Low verlagert die Geschichte eines Entführungsdramas in die Welt eines New Yorker Musikmoguls. Denzel Washington spielt David King, den CEO von Stackin’ Hits Records. Eines Tages wird aufgrund einer Verwechslung statt seines Sohnes der Sohn seines besten Freundes entführt, was ihn vor moralische und finanzielle Dilemmata stellt.
Fehlende emotionale Tiefe
Bei den vielen Schwächen des Filmes, weiß ich gar nicht so recht, wo ich anfangen soll. Wobei, doch: Die größte Schwäche des Filmes besteht aus den Darstellern der Söhne! Eine glatte Fehlbesetzung.
In einem Entführungsdrama ist es unabdinglich, dass der Zuschauer eine innige Beziehung zum Opfer aufbaut, doch dafür fehlt es an einem emotionalem Aufbau, der das Publikum mit den Jungs verbindet. Ohne diese Bindung bleibt die Entführung ein abstraktes Problem, das dem Publikum mehr oder weniger egal ist.
Absurde Lösegeldübergabe
Eine zentrale Szene entlarvt die Schwächen des Drehbuchs: David King verliert die Tasche mit dem Lösegeld während eines chaotischen Moments zwischen zwei U-Bahn-Waggons. Als ein Komplize des Entführers die Notbremse zieht, landet die Tasche direkt in den Armen eines weiteren Komplizen.
Das ist lächerlich. Hätte die Tasche nicht den Besitzer gewechselt, wäre die gesamte Übergabe gescheitert, was den Plot an einem dünnen Faden hängen lässt. Solche Zufälle untergraben die Glaubwürdigkeit des Thrillers.
Enttäuschende Auflösung
Die Enthüllung des Täters ist enttäuschend banal. Ein Versuch, den Zuschauer zu täuschen – etwa durch die Szene, in der der Vater des entführten Jungen im Krankenhaus eine WhatsApp-Nachricht tippt, die wie eine Warnung an den Täter wirkt – fällt flach. Dieser Trick wirkt billig und beleidigt die Intelligenz des Publikums.
Zu den ganz großen Schwächen des Filmes gehört auch der überlange Epilog. Nach der Befreiung des Jungen schleppt sich der Film unnötig lange weiter. Die Erwartung eines finalen Twists bleibt unerfüllt, und stattdessen folgen langatmige Szenen ohne Spannung. Variety bemerkt, dass der Film „nach dem Höhepunkt an Fahrt verliert“. Ein strafferer Schnitt hätte die Wirkung gesteigert.
Lee macht leider wieder Lee-Dinge
Spike Lees Entscheidung, seinen Film wieder einmal fast ausschließlich mit schwarzen Schauspielern zu besetzen, wirkt in der multikulturellen Kulisse New Yorks unnatürlich. Ich habe das Gefühl, Lee will sich noch immer an Hollywood rächen, weil dort jahrzehntelang fast ausschließlich weiße Schauspieler besetzt wurden. Dass diese Zeiten lang vorbei sind, hat Lee wohl noch nicht so ganz mitbekommen.
Über Lees ewigen Rassismus schreibt Wikipedia überraschend kritisch: “Einige Kritiker werfen Lee jedoch die Neigung vor, afroamerikanische Charaktere als ‚den anderen überlegen‘ darzustellen und in die häufig klischeehaften Darstellungen von bestimmten anderen ethnischen Gruppen eigene Vorurteile und Antipathien einzubauen.”
Ein paar Lichtblicke
Denzel Washington trägt den Film mit einer charismatischen, agilen Performance. Mit 70 wirkt er immer noch dynamisch, fast wie zu Training Day-Zeiten. Seine Chemie mit Ilfenesh Hadera als Pam King ist elektrisierend, und ihre gemeinsamen Szenen gehören zu den besseren.
Die luxuriöse Penthouse-Wohnung, ein visuelles Glanzlicht mit atemberaubendem Skyline-Blick, ist ein Ort, der zu der Todsünde Neid einlädt. Ice Spice ist ein Blickfang von dem ich gern mehr gesehen hätte. Die Nachwuchs-Rapperin spielt die Freundin des Entführers so herrlich naiv, was meinen Beschützerinstinkt weckte.
Und ein paar Kritiken…
Erstaunlicherweise sind die Kritiken gar nicht so schlecht. So schreibt Brian Tallerico auf “RogerEbert.com”: „Lee will nicht kopieren, was zuvor großartig war. Er nutzt die Vergangenheit als Ausgangspunkt für die vielleicht letzte Phase seiner Karriere. […] Er macht einen typischen Spike-Lee-Film. Und er ist außergewöhnlich.“ Die visuelle Brillanz und der Soundtrack werden besonders hervorgehoben.
Mit einer 85 Prozent-Wertung auf Rotten Tomatoes wird der Film für seinen „swaggernden Stil“ gelobt. Auf Metacritic erreicht er 73/100 (47 Kritiken, „allgemein positiv“), während IMDb-Nutzer ihm 5.6/10 geben, mit Lob für Washington, aber Kritik an Tempo und Drehbuch. Peter Debruge vom Branchenmagazin Variety preist die Verfolgungsjagd durch die Puerto-Rican-Day-Parade, begleitet von Eddie Palmieris Straßenkonzert, gar als „eine der besten New Yorker Actionszenen“, vergleichbar mit The French Connection oder Gangs of New York. Was völliger Quatsch ist.
Unglaubwürdiger Plot
Ein Kritiker, der das Original gesehen hat (was mir nicht passieren kann, da ich grundsätzlich keine Filme schaue, in denen nur Asiaten vorkommen), meint, dass Lees Version weniger fokussiert als Kurosawas High and Low daherkommt, das seiner Meinung nach eher mit präziser Spannung und moralischer Tiefe glänzt.
Ach, eines noch: Die Jungs von “Kino+” besprachen Highest 2 Lowest auf YouTube. Daniel Schröckert und Etienne Gardé mochten den Film nicht. Interessant daran: Etienne und Filmkritiker Wolf Speer fanden es unglaubwürdig, dass David King seinem vorbestraften Verliererkumpel nicht mal eben 17,5 Millionen Dollar leiht, damit der das Lösegeld für seinen Sohn zahlen kann. Dazu muss man wissen: Das wäre Kings gesamtes Vermögen gewesen! Und Etienne so: „Aber es geht doch um das Leben eines Kindes!“ Oh Mann.
Meine Bewertung: 5/10.
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Ein Kommentar
„was mir nicht passieren kann, da ich grundsätzlich keine Filme schaue, in denen nur Asiaten vorkommen“
Und warum?