
„Freiheit ist eine dieser Erfindungen, die so schön klingen.“ Schon dieser Satz enthält eine ganze Weltanschauung. Die österreichischen Autorin Marlene Streeruwitz will zunächst, wie sie kürzlich bekannte, dass alle zu essen bekommen, sauberes Wasser trinken und einen Ort zum Ruhen haben. Erst danach könne man zusammensitzen und darüber nachdenken, wie man teile und dadurch Freiheit herstelle. Das klingt warmherzig, sozial und menschenfreundlich. Doch gerade in dieser scheinbaren Humanität verbirgt sich eine gefährliche politische Denkfigur: Freiheit erscheint nicht mehr als Voraussetzung menschlicher Würde, sondern als nachgelagerter Luxus, der erst entstehen darf, wenn Versorgung, Gleichheit und gemeinschaftliche Verteilung organisiert sind.
Damit wird Freiheit aus dem Bereich des Unverfügbaren herausgelöst und in den Bereich politischer Herstellung verschoben. Sie ist dann nicht mehr das ursprüngliche Recht des Menschen, sondern das Ergebnis eines kollektiven Arrangements, das Karl Kraus‘ Bonmot konterkariert: „Ich brauche vom Staat nur Sicherheit und sauberes Wasser, Freiheit habe ich von Natur her.“ Nicht mehr der freie Mensch schafft Ordnung, Verantwortung und Wohlstand, sondern eine organisierte Gemeinschaft soll erst Bedürfnisse befriedigen und danach eine Form von Freiheit produzieren. Genau diese Umkehrung ist eine der ältesten Versuchungen moderner Politik: “Wer Freiheit verschiebt, entmündigt, statt zu befreien”, widerspricht Alexander Dubowy in der “Berliner Zeitung” Streeruwitz‘ hochproblematischer These.
Die alte Versuchung der Fürsorge
Natürlich ist Hunger keine Freiheit. Wer dürstet, friert oder schutzlos auf der Straße liegt, verfügt nur eingeschränkt über reale Handlungsmöglichkeiten. Das hat der klassische Liberalismus nie bestritten. Eigentum, Familie, Nachbarschaft, Arbeit, Rechtssicherheit und soziale Bindungen sind nicht zufällige Nebenbedingungen der Freiheit, sondern ihre konkrete Lebensform. Der entscheidende Punkt aber lautet, dass aus der Notwendigkeit sozialer Ordnung keine Zweitrangigkeit von Freiheit folgt; im Gegenteil. Gerade weil Menschen verletzlich sind, brauchen sie Freiheit: Ohne Freiheit wird Versorgung zur Zuteilung, Hilfe zur Abhängigkeit und Solidarität zur Verwaltung.
Die Geschichte des 20. Jahrhunderts ist voll von Systemen, die das genaue Gegenteil behaupteten: erst Brot, dann Freiheit; erst Gleichheit, dann Selbstbestimmung. Ja erst kollektive Sicherheit, dann individuelle Rechte. Am Ende standen jedoch nicht befreite Menschen, sondern verwaltete Untertanen. Denn wer Freiheit aufschiebt, schafft meist nicht ihre Voraussetzungen, sondern ihre Ersatzreligion.
Freiheit ist nicht herstellbar
Der gefährlichste Begriff in Streeruwitz’ Satz ist deshalb nicht „Essen“ oder „Wasser“, sondern „herstellen“. Freiheit wird von ihr als ein Zustand gedacht, der durch gemeinsames Verteilen erzeugt werden könne. Das ist der technokratische Traum aller postliberalen, sozialistischen Ordnungen: Man müsse nur die materiellen Bedingungen richtig arrangieren, dann entstehe Freiheit quasi als gesellschaftliches Produkt.
Doch Freiheit ist nicht herstellbar wie ein Sozialplan. Sie ist auch nicht das Ergebnis einer gelungenen Moderation gemeinschaftlicher Bedürfnisse. Freiheit ist ein vorstaatlicher Anspruch, der politisch anerkannt, geschützt und begrenzt, aber nicht erzeugt werden kann.
Der Staat kann Freiheitsräume sichern. Er kann Eigentum schützen, Verträge garantieren, Gewalt eindämmen, Bedürftige unterstützen und Willkür verhindern. Aber sobald er glaubt, Freiheit selbst herstellen zu müssen, beginnt er sie zu definieren. Und wer Freiheit definiert, entscheidet bald auch, wer noch nicht reif für sie ist. “Wer die Freiheit an materielle Bedingungen knüpft, öffnet das Tor zur Entmündigung und unterschätzt die zerstörerische Kraft der Freiheitsverdrängung”, meint Dubowy.
Die aktuelle Krise des Freiheitsbegriffs
Genau diese Verschiebung prägt viele gegenwärtige Debatten. Freiheit wird zunehmend nicht mehr als Abwehrrecht gegen Macht verstanden, sondern als sozialpädagogisches Ergebnis richtiger Politik. Man spricht von „Freiheit von Armut“, „Freiheit von Diskriminierung“, „Freiheit von Angst“, „Freiheit von Hass“, „Freiheit von Desinformation“. Jede dieser Formeln enthält ein berechtigtes Anliegen. Doch zusammengenommen verschieben sie den Begriff: Aus der Freiheit des Bürgers wird die Freiheit des betreuten Menschen. Dieser Paternalismus zeigte sich während Corona, als Grundrechte zeitweise wie widerrufliche Privilegien behandelt wurden, die man bei Wohlverhalten zurückerhalten konnte. Er zeigt sich aktuell in der Medienpolitik, wenn Reichweite reguliert und „verlässliche“ Informationen bevorzugt werden sollen.
Un er zeigt sich auch in der Klima- und Energiepolitik, wenn Verzicht als höhere Freiheit verkauft wird – sowie erst recht recht in der Migrationsdebatte, wenn die kulturelle Selbstbehauptung der Mehrheitsgesellschaft als Freiheitshemmnis anderer Gruppen erscheint. Auch der Freiheitsindex Deutschland fragt seit Jahren, wie Bürger Freiheit, Sicherheit, Gleichheit und staatliche Regulierung gegeneinander gewichten. Schon die Dauer dieser Debatte zeigt: Freiheit ist in Deutschland kein selbstverständlicher Grundton mehr, sondern ein verhandelbarer Wert unter vielen.
Freiheit und Gleichheit
Die eigentliche Konfliktlinie verläuft heute nicht mehr zwischen Freiheit und Unfreiheit, sondern zwischen Freiheit und betreuter Gleichheit. Die Gleichheit tritt selten offen autoritär auf, sondern verkleidet sich. Sie erscheint als Gerechtigkeit, Teilhabe, Schutz vor Kränkung oder Beleidigung, als materielle Absicherung oder Inklusion. Selbstverständlich braucht jede politische Ordnung ein Maß an sozialem Ausgleich. Eine Gesellschaft, die ihre Schwachen völlig sich selbst überlässt, zerstört langfristig auch ihre Freiheit. Doch die umgekehrte Gefahr ist mindestens ebenso groß. Eine Gesellschaft, die Freiheit ständig an Vorbedingungen knüpft, verliert das Vertrauen in den mündigen Menschen. Dann darf der Bürger erst frei sein, wenn er richtig informiert ist, richtig spricht, richtig konsumiert, richtig heizt, richtig wählt, richtig liebt und richtig denkt.
Die Freiheit wird nicht abgeschafft, sie wird qualifiziert: genau darin liegt die moderne Form ihrer Entwertung. Philosophisch lässt sich dieser Konflikt mit Isaiah Berlins Unterscheidung zwischen negativer und positiver Freiheit beschreiben. Negative Freiheit meint den Raum, in dem der Mensch vor fremder Einmischung geschützt ist. Positive Freiheit fragt danach, wozu jemand tatsächlich befähigt ist. Beide Dimensionen sind notwendig. Aber sie stehen in einem gefährlichen Spannungsverhältnis. Denn positive Freiheit kann leicht paternalistisch werden. Wer behauptet, Menschen müssten erst zu ihrer „wirklichen“ Freiheit befähigt werden, beansprucht fast zwangsläufig die Macht, diese wirkliche Freiheit zu definieren. Genau dort beginnt die Entmündigung.
Der Satz „Wir stellen Freiheit her“ klingt deshalb so gefährlich harmlos. Er setzt voraus, dass Freiheit ein gemeinschaftlich herstellbarer Zustand sei. Doch wenn Freiheit hergestellt wird, muss es Hersteller geben. Und Hersteller besitzen immer einen Plan.
Der konservative Freiheitsbegriff
Ein konservativer Freiheitsbegriff ist weder marktradikale Vereinzelung noch romantische Staatsvergötzung. Er weiß, dass Freiheit Bindung braucht. Der Mensch ist nicht frei, weil er bindungslos ist, sondern weil er in einer Ordnung lebt, die ihm Verantwortung zutraut. Freiheit braucht Familie, Eigentum, Nation, Recht, Gewohnheit, Sicherheit und moralische Selbstbindung. Sie braucht also Voraussetzungen, die der Staat nicht beliebig erzeugen kann, sondern oft nur bewahren muss. Genau deshalb ist konservative Freiheit immer auch kulturell grundiert. Der moderne progressive Freiheitsbegriff dagegen neigt dazu, Bindungen als Hindernisse zu betrachten: Herkunft, Geschlecht, Nation, Religion, Tradition, Familie. Alles erscheint als Struktur, aus der der Mensch befreit werden müsse. Am Ende bleibt ein angeblich autonomes Individuum zurück, das jedoch gerade wegen seiner Entwurzelung immer stärker auf staatliche Fürsorge angewiesen ist.
Das ist die große Paradoxie der Gegenwart: Je mehr traditionelle Bindungen zerstört werden, desto größer wird der Bedarf an staatlicher Betreuung. Streeruwitz’ Satz ist deshalb so aufschlussreich, weil er eine scheinbar humane Reihenfolge anbietet: erst Versorgung, dann Freiheit. Doch naturrechtlich und erst recht politisch ist diese Reihenfolge falsch. Ohne Freiheit gibt es auf Dauer weder Wohlstand noch Würde. Wo Menschen nicht frei handeln, arbeiten, gründen, irren, widersprechen und Verantwortung übernehmen dürfen, verarmt auch die materielle Ordnung. Brot ohne Freiheit ist Ration. Wasser ohne Freiheit ist Zuteilung. Ruhe ohne Freiheit ist Stillstellung. Die großen Wohlfahrtsversprechen kollektivistischer Systeme endeten nie zufällig in Mangelwirtschaft: sie endeten dort, weil sie den freien Menschen durch den versorgten Menschen ersetzen wollten. Doch der Mensch ist nicht dazu geschaffen, verwaltet satt zu sein. Er will gestalten, besitzen, wählen, riskieren, scheitern und wieder beginnen.
Die Freiheit der Verantwortung
Die eigentliche Krise unserer Gegenwart liegt darin, dass Freiheit zunehmend von Verantwortung getrennt wird. Die einen wollen Freiheit als grenzenlose Selbstverwirklichung ohne Bindung. Die anderen wollen Versorgung ohne Eigenverantwortung. Beide verfehlen den Kern. Freiheit bedeutet nicht, dass jeder alles tun kann. Freiheit bedeutet, dass der Mensch für sein Leben verantwortlich bleibt und der Staat ihn nicht zum Objekt seiner Fürsorge degradiert. Deshalb ist Freiheit nicht ein Zustand, über den man erst nach dem Essen sprechen soll, sondern davor sprechen muss. Sie ist die Bedingung dafür, dass Menschen ihr Brot selbst verdienen, ihr Wasser selbst sichern, ihr Haus selbst bauen und ihre Gemeinschaft selbst ordnen können. Wer Freiheit nach hinten verschiebt, verschiebt auch die Würde nach hinten.
Und genau darin liegt die gefährliche Unschuld der schönen Formel: Sie klingt nach Menschlichkeit, aber sie denkt den Menschen vom Bedürfnis her, nicht von seiner Würde. Sie sieht ihn zuerst als zu versorgendes Wesen, nicht als freien Träger von Verantwortung. Eine humane Politik muss Armut lindern, Hunger bekämpfen und Not abwenden. Aber sie darf nie vergessen, dass der Mensch nicht erst Mensch wird, wenn er versorgt ist. Er ist es vorher. Deshalb besitzt er Freiheit nicht als Belohnung, sondern als Ursprung seiner Würde.
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2 Kommentare
Spült doch diese Kritzeltante im Klo runter und fertig!
😜
ich kenne die dame nicht, noch den zusammenhang aus dem dieses zitat stammen soll, mit dem sich wohl herr dubowy in der berliner zeitung zuerst beschäftigt hat.
so völlig aus dem zusammenhang gelöst, kommt es natürlich entscheidend auf den standpunkt an, den der geneigte leser einzunehmen gedenkt.
wahrscheinlich wird jeder von uns ausgeruht und gestärkt besser über seine wünsche und vorstellungen nachdenken, diese formulieren und diskutieren können, als hungrig, müde und zitternd im regen sitzend. natürlich sollte es auch jeden frei stehen, angebotene hilfe ablehnen zu können. ich vermute, dass wäre auch in ihrem sinne?
ob und in welchem context man diese tatsache zu instrumentalisieren sucht, liegt für mich, wie gesagt, im auge des betrachters.
und kann mir nicht helfen, irgendwie liest sich das wie die mario-ki..