
Es gibt eine neue Lieblingsfigur des spätmodernen Diskurses: den Gap (zu Deutsch „Lücke”). Früher waren Unterschiede banal – heute sind sie Verdachtsmomente. Erst der Gender Pay Gap, dann der Gender Sleep Gap… und nun der Gender Meat Gap. Die Botschaft ist stets dieselbe: Wo Männer und Frauen nicht exakt gleich verteilt sind, muss irgendein strukturelles Unrecht am Werk sein! Die Differenz wird zur Anklageform.
Der konkrete Anlass klingt wissenschaftlich sauber: “Deutschlandfunk Nova” berichtet über eine Studie, die anhand von Knochenfunden aus Europa über 10.000 Jahre rekonstruiert, wer wie viel tierisches Eiweiß bekam. Ergebnis: In allen untersuchten Zeiträumen waren unter den Funden mit besonders hohem Fleischanteil überproportional Männer. In Bronzezeit und Antike sei der Unterschied besonders stark geworden; die Forscher vermuten soziale Regeln und Rollenbilder als Ursache. Die zugrunde liegende PNAS-Nexus-Arbeit wertete isotopische Daten von 12.281 Skeletten aus und findet wiederkehrende Muster: Frauen landen häufiger in den unteren Dezilen der Tierproteinaufnahme, Männer dominieren die oberen – Ausnahmen seien selten. Das ist spannend – aber nicht in dem Sinne, in dem die Gap-Industrie es gerne hätte.
Der Gap als Deutungsmaschine
Der moderne Gap ist kein neutrales Maß, sondern ein Moralrahmen. Er sagt nicht: „Hier ist ein Unterschied.“ Er sagt: „Hier ist ein Skandal, bis das Gegenteil bewiesen ist.“ Der Unterschied zwischen Befund und Deutung wird dabei elegant übersprungen. Und genau das passiert, wenn eine archäologische Langzeitbeobachtung – Fleisch war oft Männersache – sofort in die Gegenwartsmoral übersetzt wird: Das wird dann nicht als historische Sozialordnung gelesen, sondern als Beleg einer Kontinuität der Benachteiligung. Dabei könnte man die nüchterne Alternative wählen: Fleisch ist in vielen Gesellschaften ein Statusgut. Wo Ressourcen knapp oder prestigeträchtig sind, werden sie zuerst dort konzentriert, wo Macht, Arbeitsteilung oder symbolische Ordnung es nahelegt. Das muss man nicht gutheißen – aber man sollte es erklären, bevor man es verdammt.
Musiktheoretisch hat der Schlager seine Kadenz – und soziologisch hat das Fleisch seine Semantik. Fleisch steht für Kraft, Jagd, Opfer, Fest, Status. Es ist in vormodernen Gesellschaften selten nur Kalorie, sondern Zeichen: Wer Fleisch gibt, ehrt. Wer Fleisch bekommt, gilt. Wer Fleisch verteilt, herrscht. Das ist der anthropologische Kern der Studie: Sie misst nicht bloß Protein, sie misst Rangordnung. Damit wird der Gender Meat Gap – historisch – vor allem zu einem Indikator für hierarchische Verteilungsregeln. Dass die Forscher gerade in Bronzezeit und Antike stärkere Unterschiede sehen, passt in dieses Bild: komplexere Gesellschaften, stärker ausgeprägte Eliten, ritualisierte Ordnung – und damit schärfere Symbolgüter. Der Befund ist also weniger „Frauen wurden immer benachteiligt“, als vielmehr dieser: Wo die Gesellschaft stratifizierter wird, werden begehrte Güter stärker symbolisch verteilt. Und dann stellt sich eine unbequeme Frage: Ist die Gegenwart wirklich so anders – oder nur raffinierter?
Von der Mangelordnung zur Wahlordnung
In der Wohlstandsgesellschaft ist Fleisch für viele kein knappes Gut mehr. Gerade deshalb verschiebt sich seine Funktion: Es wird vom Statusgut zum Identitätsgut. Wer heute Fleisch isst oder nicht isst, signalisiert Lebensstil, Moral, Milieuzugehörigkeit. Und hier kippt der Gap-Diskurs ins Absurde: Während historische Unterschiede oft aus Knappheit, Arbeitsteilung und Statuslogik entstanden, sind moderne Unterschiede häufig Ausdruck von freien Präferenzen oder Milieucodes. Passend dazu zeigen neuere kulturvergleichende Studien, dass Männer im Durchschnitt häufiger Fleisch essen als Frauen – und dass diese Differenz in entwickelten, „gendergleichen“ Ländern teils sogar größer ausfällt. Das ist das Gegenteil der einfachen Unterdrückungserzählung: Je mehr Wahlfreiheit, desto stärker können sich Lebensstilunterschiede ausprägen.
Damit zerfällt die automatische Moral: Nicht jeder Gap ist ein Skandal. Manche Gaps sind schlicht das Ergebnis von Unterschieden in Geschmack, Milieu, Körperidealen, Gesundheitsnormen – oder, ganz banal, in dem, was man als „männlich“ oder „weiblich“ codiert und konnotert. Warum also wird daraus ein großes Ding? Weil der Gap ein perfektes Medienformat ist. Ihm genügen einfache Frames: Ungleichheit; emotionale Trigger: Benachteiligung; moralische Anschlussfähigkeit: Gerechtigkeit; und endlose Fortsetzungsfähigkeit: immer neue Lebensbereiche. So entstehen die seriellen Gaps: erst Geld, dann Schlaf, dann Fleisch. Man kann das nahezu beliebig erweitern: Gender Coffee Gap, Gender Dessert Gap, vielleicht auch einen Gender Sunlight Gap – wer hat das größere Bürofenster und bekommt somit mehr Vitamin D am Arbeitsplatz? Der eigentliche Gegenstand wird austauschbar, der moralische Rahmen bleibt gleich. Er lautet: Lückenempörung! Und genau darin liegt eine ideologische Verschiebung: Aus der Analyse von Gesellschaft wird eine Daueranklage, die Differenz prinzipiell pathologisiert.
Gleichheit ist nicht Identität
Eine konservative Kritik richtet sich daher nicht gegen die Forschung – im Gegenteil: Solche Langzeitdaten sind wertvoll, weil sie zeigen, wie tief Status- und Rollenmuster in Sozialordnungen eingeschrieben sein können. Die Kritik richtet sich gegen die Verwertung des Befunds in einer Kultur, die Gleichheit mit Identität verwechselt. Gleichheit vor dem Gesetz und gleiche Würde bedeuten nicht, dass jede Verteilung, jedes Verhalten und jede Präferenz am Ende identisch ausfallen muss. Wenn man das verlangt, kommt man zwangsläufig bei der nächsten Entmündigung an: Dann müssen Unterschiede nicht nur erklärt, sondern korrigiert werden – durch Kampagnen, Nudging, Programme, moralische Erziehung. Und dann ist der „Gender Meat Gap“ eben nicht mehr Archäologie, sondern Politik – nicht mehr Befund, sondern Steuerungsphantasie: Wer isst was, und wer soll künftig was essen dürfen, um „gerecht“ zu sein? Der Gap ist dann die Vorstufe zur Lenkung.
Die Knochenstudie zeigt etwas Triviales und zugleich Tiefes: Ernährung war immer auch Macht- und Statusfrage. Der moderne Gap-Diskurs zeigt etwas anderes: dass unsere Kultur sich angewöhnt hat, Ungleichheit und Unterschiede als moralisches Manko und Schuld zu lesen – auch wenn sich diese Unterschiede aus individuellen Vorlieben und frei gewählten Präferenzen ergeben. Das ist die eigentliche Intellektuellenfrage. Denn eine erwachsene Gesellschaft hält zwei Gedanken zugleich aus: Erstens sind historische Ungleichheiten real und prägend; und zweitens ist nicht jede heutige Differenz Unrecht – und nicht jede Gleichmacherei ist Fortschritt. Vielleicht ist das die vernünftigere Pointe zum „Gender Meat Gap“: Nicht alles, was sich zählen lässt, ist bereits ein Urteil. Und nicht jede neue Gap-Vokabel ist ein Erkenntnisgewinn. Mnchmal ist sie nur die nächste Runde einer moralischen Selbsthypnose.
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11 Kommentare
https://www.politikversagen.net
„Kontaktverbot zur AfD
Der Deutsche Beamtenbund (dbb) hat einen politischen Kontaktstopp zur AfD beschlossen. Künftig sollen Vertreter der Partei weder zu Veranstaltungen eingeladen noch sollen Einladungen der Partei angenommen werden. Das hat der Bundesvorsitzende Volker Geyer in einem Schreiben an den Bundesvorstand mitgeteilt. “
Der gesamte „Beamtenstaat“ ist ein Auslaufmodell, teuer, ungerecht, etc.
Wie kann ein einzelner vom Beamtenbund bestimmen, was antidemokratisch sein muss.
Diese „Gewerkschaft“ ist und bleibt eine Geldverschwendungsmaschine für Beamte und muss weg !
Haben diese Beamtenopiumisierte überhaupt schon einmal im Leben produktiv gearbeitet?
Wahrlich wohl nicht !
Tierische Ernährung ist nicht nur Fleisch, sprich Eiweiß, sondern vor allem auch Fett. In früheren Zeiten vielerorts Mangelware, aber für harte Arbeit unter widrigen Bedingungen unverzichtbar. Was vor allem Aufgabe der Männer war. Somit ist das Ungleichgewicht auch allein durch überlebenswichtiges Verhalten erklärbar.
Verstärkt kommt dabei noch hinzu daß Männer mehr Jäger, Frauen mehr Sammler waren – und somit schon den während der Nahrungsbeschaffung verzehrten Teil der verderblichen Ware in unterschiedlicher Zusammensetzung zu sich nahmen.
Das ist die logische, schlüssige, evidenzbasierte, wertfreie und damit natürlich „frauenausgrenzende“ Erklärung.
warum laßt ihr euch auf diese Idiotendiskussion überhaupt ein?
Könnte es sein, daß der Unterschied Fleischnahrung und pflanzliche Nahrungsaufnahme bei Männer und Frauen ein Erbe unserer Altvorderen ist? Bei den Jägern und Sammern haben wahrscheinlich mehr die Männer gejagt und die Frauen eher Früchte gesammelt und entsprechende war die Nahrungsaufnahme wohl etwas ungleich verteilt.
Es gab sehr wohl diese Urmenschengesellschaft, in der alle absolut gleich behandelt wurden! Sie hieß UrmenschSPCDUistan, leider sind die allesamt verhungert, kurz nachdem sie die totale Gleichheit via Umverteilung erreicht hatten, deshalb kennt sie kaum jemand. Na gut, nicht alle, einige kluge Jäger und Sammler haben sich einen Stamm gesucht, bei dem die Stammesführung nicht völlig schwachsinnig war.
diese Frau_innen würden in der Zeit wie lange überleben mit der Einstellung? Da Ackerbau noch nicht erfunden war,Frauen permanent Schwager waren,wer hätte dann Fleisch und oder Wurzeln besorgt? Der emanzipierte Höhlenman der dauer beschäftigt mit Höhle fegen wäre wg Gleichberechtigung? Fragt mal Muttis Orient Lieblinge wer da in Charge ist.??😂😂😂
Fleisch ist vor allem für die Gehirntätigkeit wichtig. Dafür brauchten es die Männer als Jäger. Für Kinder ist Fleisch ebenfalls wichtig. Heute sind es meist Frauen, die sich vegetarischen oder veganen Genüssen hingeben , freiwillig, aber vielleicht auch aus Tradition. Jedenfalls sind Männer meines Erachtens doch häufig etwas klüger als Frauen, zumal in der Politik. Damit meine ich allerdings nicht die politisch regierende Negativauslese. Ich bin eine Frau, die gerne Fleisch isst. Auch noch mit 82.
„den Gap (zu Deutsch „Lücke”)“
Ist es dann nicht die GAP?
Allerdings könnte man das Englisch auch da lassen, wo es hingehört und in Deutschland Deutsch sprechen.
GAP klingt einfach nur bekloppt.
Gibt es eine Studie zur gender-brain-gap?
Und jetzt das Ganze nochmal mit dem Islamisierungsgedöns..