Die Hamas bröckelt: Das Ende eines Systems naht

Die Hamas bröckelt: Das Ende eines Systems naht

Dunkle Ahnungen: Die Hamas zitiert Märtyrergedichte (Foto:ScreenshotFacebook)

Es gibt Momente in Konflikten, in denen nicht ein militärischer Schlag, nicht ein politisches Abkommen und nicht einmal ein sichtbarer Durchbruch entscheidet, sondern Zeichen. Kleine, aber unübersehbare Risse in einem System, das lange unerschütterlich schien. Die jüngsten Entwicklungen in Rafah gehören zu diesen Zeichen. Wer genau hinsieht, erkennt: Die Hamas befindet sich an einem historischen Wendepunkt. Und vieles spricht dafür, dass dieser Wendepunkt nicht der Beginn ihrer Erneuerung, sondern der Anfang ihres Endes ist.

Denn eine Organisation, die ihre Macht jahrzehntelang aus eiserner Kontrolle, straffer Befehlskette und der Fähigkeit zur militärischen Überraschung bezog, greift nun zu einem Mittel, das in politischen Endphasen immer wieder auftaucht: Symbolsprache als Ersatz für Stärke.

Poesie als letztes Aufbäumen

Dass der militärische Flügel der Hamas Gedichte zitiert – Verse aus dem 7. Jahrhundert, die den “eigenen Weizen” für “unvergänglich” erklären sollen –, wirkt nicht wie Selbstbewusstsein. Es klingt wie eine Beschwörung, die das Unaussprechliche verdecken soll: Die militärische Realität in Rafah lässt sich längst nicht mehr mit Durchhalteparolen kaschieren. Poesie ist immer dann ein politisches Werkzeug, wenn die Fakten eine andere Sprache sprechen. Genau das ist jetzt der Fall.

Wenn Kommandeure fallen, fällt mehr als nur ein Name. Mit dem Tod von Muhammad al-Bawab, dem Kommandeur des östlichen Rafah-Bataillons, hat die Hamas eine weitere Schlüsselfigur verloren. Er war kein austauschbares Rädchen, sondern Teil jenes inneren Kreises, der die militärische Kohärenz in Rafah aufrechterhielt – oder aufrechterhalten sollte. Seine Vorgänger, Shabana und Sinwar, sind längst tot. Der Kreis schließt sich – aber nicht auf die Weise, wie die Hamas es je geplant hätte: Es entsteht eine Führungslücke, die nicht mehr politisch gefüllt und militärisch schon gar nicht kompensiert werden kann.

Der Verlust der Kontrolle als eigentlicher Einschnitt

Geständnisvideos gefangener Kämpfer, die sich selbst als Teil von al-Bawabs Bataillons bezeichneten, zeichnen ein weiteres Bild: Es war eine Einheit, deren Identität so stark an einzelne Kommandeure geknüpft war, dass ihr Verlust einer Implosion gleichkommt.
Der vielleicht deutlichste Hinweis auf den bröckelnden Zustand der Hamas kommt jedoch nicht aus der Dichtung und auch nicht aus den Tunnelanlagen. Er kommt aus Shuja’iya. Eine bewaffnete Gruppe überquert die Gelbe Linie, dringt in ein Haus ein und entführt einen Bewohner. Wer immer dahintersteckt – die Hamas war es nicht. Und sie war auch nicht in der Lage, es zu verhindern.

Für eine Bewegung, die ihre Macht auf strikter territorialer Kontrolle aufgebaut hat, ist dieser Verlust an Durchgriffsgewalt der symbolische Tiefpunkt. Ohne Kontrolle über die Straßen, über bewaffnete Gruppen, über das eigene Territorium verliert jede Organisation ihr politisches Fundament. Suhail al-Handi spricht inzwischen von der “Moral der Männer in den Tunneln”, als sei dieser Begriff ein politisches Kapital, das sich noch retten ließe. Und doch klingen seine Worte – die Öffnung für „Initiativen“, die Klage über den psychologischen Druck – wie die Sprache eines Funktionärs, der weiß, dass sein Einflussradius schrumpft. In Gaza selbst wird diese Diskrepanz längst gespürt.

Rhetorik der Defensive

Dort sagt man, die Zeit für Initiativen sei vorbei. Es ist eine bemerkenswerte Feststellung, wenn sie aus dem Inneren einer Gesellschaft kommt, die über Jahre kaum Spielraum für offene Kritik hatte. Der Zerfall der Hamas wäre kein abruptes Ereignis, keine Kapitulationserklärung, kein Bild historischer Dramatik. Er wäre das, was sich derzeit vor den Augen aller vollzieht: Ein langsames Zusammenbrechen von Kontrolle, ein Wegbrechen der Kommandeure, eine Zersetzung der inneren Strukturen, eine Symbolpolitik, die Lücken füllt, wo früher Macht war.

Der Anfang vom Ende beginnt selten mit einem lauten Knall. Meist zeigt er sich in leisen, unspektakulären Details: in Gedichten, in widersprüchlichen Botschaften, in verlorenen Straßen, in Kommandeuren, deren Namen plötzlich nur noch in Nachrufen auftauchen.
Die Hamas hat vieles überlebt. Aber sie hat sich noch nie in einer Lage befunden, in der sie gleichzeitig militärisch bedrängt, organisatorisch brüchig und symbolisch entblößt war. Es ist zu früh, ihr Ende auszurufen. Aber es ist nicht zu früh, festzustellen: Es hat begonnen.

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3 Antworten

  1. Na und? Solange der Islam (generell Religion) als Ursache des Übels nicht entmachtet wird und von der Menscheit abgelehnt wird, bleibt alles wie es ist.

  2. Der „ach so“ schwache Westen, die verweichlichten Europäer haben eins, was islamisch regierte Staaten nicht haben..:Internet, Aufklärung und Trennung von Kirche und Staat. Hier hereingeflüchtete Araber mögen Analphabeten sein, mit ihren Handys können sie umgehen und sich Informationen holen -ciao Hamas!

    1. Trennung von Kirche und Staat: der war echt gut.
      Zwischen Kirche und Staat passt hier kein Blatt Papier.🏳️‍🌈🏳️‍⚧️🕌
      Und die einschlägigen Moslems holen sich schon die Infos aus dem Netz, z.B. über den IS und den „demokratischen Präsidenten“ in Syrien und wie man dort Minderheiten „integriert“.

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