Helden in der Nachzeit: Was vom Manne übrig blieb

Helden in der Nachzeit: Was vom Manne übrig blieb

Sehnsucht nach Archetypen: Herkules-Statue (Symbolbild:Pixabay)

Thomas Assheuer hat in kürzlich in seinem “Zeit“-Essay einen auf den ersten Blick bestechenden Gedanken formuliert. Die Gegenwart, so seine These, lebe in einer „Neo-Antike“. Überall tauchen alte Heldenbilder, homerische Heimsuchungen, Ithaka-Fantasien, Cäsarenposen und tragische Weltdeutungen wieder auf: Trump träume von einem amerikanischen Ithaka, Putin von der Kiewer Rus, die Rechte von mythischer Nation und wohltemperierter Härte. Die Moderne habe, so gelesen, ihre Fortschrittserzählung verbraucht und suche Schutz im Ursprungsmythos. Das ist gut geschrieben, historisch anspielungsreich und feuilletonistisch von jener eleganten Weite, die Assheuer beherrscht. Es ist nur in einem entscheidenden Punkt unzureichend: Es erklärt die Rückkehr des Heroischen fast ausschließlich aus der Erschöpfung der Moderne, aber kaum aus den Verheerungen ihrer anthropologischen Umcodierung. Denn die Gegenwart leidet nicht nur an Krieg, Globalisierungsfrust und geopolitischer Entgrenzung. Sie leidet tiefer: an einer langen Entwertung des Männlichen selbst.

Nicht des brutalen Mannes, nicht des maßlosen Mannes, auch nicht des geschwätzigen Alphatiers, sondern der männlichen Form überhaupt. An jener Form, die Schutz, Richtung, Härte, Risiko, Pflicht, Opferbereitschaft und notfalls heroische Selbstüberschreitung einmal zusammenzudenken vermochte. Assheuer sieht durchaus, dass antike Heldenbilder zurückkehren. Aber er liest diese Rückkehr vor allem als Regression. Genau darin verkennt er, dass die Sehnsucht nach dem Helden heute nicht nur aus politischer Mythologie stammt, sondern aus einem anthropologischen Defizit: aus dem Überdruss an einer Kultur, die den Mann jahrzehntelang nur noch als zu therapierenden Risikofaktor zu denken wusste.

Die Moderne und ihr pazifizierter Mann

Die moderne westliche Gesellschaft hat den Mann nicht einfach kritisiert. Das wäre legitim gewesen. Sie hat ihn umcodiert. Aus dem Vater wurde der Care-Partner, aus dem Krieger der Moderator, aus dem Beschützer der Selbstreflexionsarbeiter, aus der Autorität die Aushand-lungsfigur. Das kann man in einzelnen Punkten vernünftig finden. Nur hat diese Umbesetzung nie bloß korrigiert, sondern entkernt. Die männliche Energie wurde nicht gezügelt, sondern verdächtigt. Härte erschien als toxisch, Führung als Dominanzgeste, Opferbereitschaft als Macho-Nachlass, ja selbst das Heroische als Vorstufe des Faschistischen. Gerade deshalb ist das vielbeschworene Problem der hier auf Ansage! ebenfalls schon verhandelten „Mannosphäre“ so aufschlussreich. Denn dieses Wort benennt nicht eine sauber abgrenzbare Szene, sondern ist ein Schattenbegriff, eine Sammelvokabel, mit der eine ratlose Kultur alles markiert, was an männlicher Selbstbehauptung nicht restlos in ihre weichgespülten Skripte passt. Die „Mannosphäre“ ist darum weniger ein Feindbild als das verzerrte Echo einer Jugend, die pazifiziert, pädagogisiert und entwirklicht wurde. Sie ist nicht Ursache, sondern Reaktion. Nicht der Ursprung des Problems, sondern sein Symptom.

Assheuer sieht dagegen in den antiken Heldenbildern vor allem eine politische Wiederkehr der Tragik. Das ist nicht falsch, aber zu bequem. Denn die eigentliche Frage lautet doch: Warum wirken diese Bilder plötzlich wieder? Warum springt die Gegenwart auf Odysseus, Cäsar, Sparta, Stärke, Opfer und Härte so nervös an? Die Antwort ist eben nicht nur geopolitisch. Sie ist auch zivilisatorisch. Eine Gesellschaft, die den Mann entheroisiert, entritualisiert und entsubstantialisiert hat, erzeugt früher oder später Hunger nach jener Form, die sie abgeschafft zu haben glaubte.

Die verbotene Gestalt des Heroen

Der Held ist in der spätliberalen Ordnung eine verdächtige Figur geworden. Er erinnert an Rang, an Größe, an Opfer, an Hierarchie, an Ernst. Vor allem aber erinnert er daran, dass nicht jedes gute Leben in Komfort, Sicherheit und Selbstentfaltung aufgeht. Helden leben nicht horizontal. Sie leben vertikal. Sie steigen hinauf oder fallen hinab, aber sie kreisen nicht im Diskurs. Genau das macht sie für eine Kultur so unerquicklich, die von Moderation, Verfahren und Empfindlichkeitsmanagement lebt. Deshalb hat man in den vergangenen Jahren versucht, den Helden entweder zu denunzieren oder umzuschreiben. Aus dem Helden wurde der Aktivist, aus der Tapferkeit die Sichtbarkeit, aus dem Opfer die Betroffenheit, aus der Ehre die Sensibilität. Selbst Männlichkeit durfte nur noch fortbestehen, wenn sie sich in jene „soft“ gewendete Form überführte, die keinen Widerstand mehr erzeugt. Das Männermanifest der Grünen, das jüngst mit dem Titel „Starke Männer übernehmen Verantwortung“ auftrat, ist gerade deshalb so verräterisch.

Es gesteht nämlich unfreiwillig ein, dass die Partei und das Milieu um sie herum Männer verloren haben, weil sie ihnen zu lange kein positives Bild mehr anbieten konnten. Nun will man plötzlich „moderne Männlichkeit“ neu besetzen. Aber diese Neubesetzung bleibt auffällig defensiv: Verantwortung ja, Stärke ja – aber nur unter der Aufsicht eines längst feststehenden moralischen Rahmens. Der Mann soll wieder Mann sein dürfen, solange er dabei niemanden an die Wirklichkeit erinnert, die vor diesem Rahmen liegt. Darin liegt die Komik und die Tragik dieser Intervention. Denn der grüne Mann darf stark sein, aber nicht souverän; verantwortlich, aber nicht normsetzend; präsent, aber nicht prägend. Er darf Boxhandschuhe vielleicht als Symbol tragen, aber keine Welt mehr verteidigen. Er ist die domestizierte Version jenes Heroischen, dessen Rückkehr man zugleich mit Schrecken beobachtet. Man könnte sagen: Das Manifest möchte den Helden retten – aber nur kastriert.

Hard-Soft und die Verwirrung der Formen

Hier berührt sich das alles mit dem, was im angloamerikanischen Raum und – nach Ferdinand Mounts “Geschichte der Sentimentalität” – inzwischen auch bei uns als „Hard-Soft“-Problematik der Männlichkeit diskutiert wird. Die Gegenwart verlangt vom Mann zugleich Härte und Weichheit, Dominanzverzicht und Schutzfunktion, Emotionalität und Belastbarkeit, Durchsetzungsfähigkeit und Dauerentschärfung. Er soll „stark“ sein, aber auf eine Weise, die niemanden beunruhigt; er soll „soft“ sein, aber nicht schwach wirken; er soll führen, ohne zu führen. Gerade darin steckt ein unauflöslicher Widerspruch. Der moderne Mann soll weich gehärtet und hart verflüssigt sein – eine Art moralisch lizenzierter Gegenwartshybrid. Das Problem ist nicht, dass ein Mann weichere Tugenden besitzt; natürlich soll er das. Der anständige Mann war nie bloß hart. Er war zärtlich, fromm, liebevoll, opferbereit, im Idealfall sogar sanft. Aber diese Sanftheit stand einst nicht gegen seine Form, sondern in ihr. Sie war die Innenseite einer äußeren Härte, nicht ihr Ersatz. Der gute Vater, der tapfere Soldat, der gerechte Herr, der treue Ehemann – sie alle kannten Mitleid, aber nicht als Auflösung ihrer männlichen Gestalt. Erst die Gegenwart hat aus der Weichheit ein Gegenmodell zur Form gemacht.

Assheuer liest die Rückkehr des Heroischen im Schatten von Homer, Nietzsche, Weber, Adorno und Guardini. Das ist geistesgeschichtlich reizvoll. Aber es blendet aus, dass die heroische Sehnsucht unserer Zeit nicht nur politisch instrumentalisiert, sondern kulturell provoziert wurde. Je mehr man den jungen Männern sagte, Männlichkeit sei Problem, Privileg, toxischer Altbestand oder maximal eine weichgespülte Verantwortungssimulation, desto mehr musste irgendwann ein Gegensog entstehen. Nicht, weil alle zu Cäsaren werden wollten – sondern weil Menschen auf Dauer keine reine Negativanthropologie ihrer selbst ertragen.

Die Neo-Antike als Symptom der Nachmoderne

In diesem Sinn hat Assheuer recht und unrecht zugleich: Ja, wir leben in einer Neo-Antike. Aber nicht, weil die Menschen plötzlich Homers Gewalt wiederentdecken und sich alle nach Tragödie sehnen – sondern weil die Moderne ihr eigenes Versprechen auf anthropologische Befriedung nicht halten konnte. Sie hat den Mann entwaffnet, aber die Welt nicht friedlich gemacht. Sie hat den Helden dekonstruiert, aber den Ernst nicht abgeschafft. Sie hat die Vaterfigur problematisiert, aber keine belastbare Nachfolgeform geschaffen. Und so kehren die alten Bilder zurück – nicht als simple Wiederholung, sondern als Sehnsucht, Fratze, Meme, Pose, Ersatzreligion. Trump, Musk, Putin und die europäische Rechte sind deshalb nicht die Ursache, sondern die sichtbarste politische Form dieses Rückschlags. Sie leben davon, dass der Liberalismus zwar globale Verflechtung, Konsum und Kommunikation ausgebaut, aber keine überzeugende Figur des starken, zivilisierten Mannes mehr hervorgebracht hat. Er bot Kompetenzen an, aber keine Würde. Gefühle, aber keine Form. Diversität, aber keinen Rang. Dialog, aber keine Ehre. Und wo die Ordnung keine legitime Gestalt des Männlichen mehr kennt, drängen sich irgendwann karikaturhafte Ersatzfiguren nach vorne.

Das ist die eigentliche Gefahr: Nicht der Held an sich, sondern der Surrogat-Held. Nicht der geformte Mann, sondern seine ressentimentgeladene Puppe. Die Mannosphäre ist voll von solchen Ersatzformen. Gerade weil man das Heroische nicht mehr ernsthaft tradieren kann, kehrt es als Meme, Pose, Aggro-Coaching, Körperkult oder digitale Selbstmythologie zurück. Der junge Mann, dem man keine Form mehr anbietet, sucht sie sich notfalls in den Ruinen.

Was bleibt vom Helden?

Der Fehler der Rechten bestünde nun darin, deshalb einfach zur antiken Härte zurückzurufen, als könne man das Christentum, die bürgerliche Zivilisation und die moralische Verfeinerung Europas abstreifen wie ein zu eng gewordenes Hemd. Der linke Fehler besteht darin, jede heroische Regung schon für eine Vorstufe des Autoritären zu halten. Zwischen beiden liegt die eigentliche Aufgabe: den Heldenbegriff aus dem Ressentiment wie aus der Denunziation zu retten. Denn der Held ist nicht identisch mit dem Gewaltmenschen. Er ist auch nicht identisch mit dem Muskelmann, dem Kriegerfetischisten oder dem Siegerposeur. Der wahre Held ist gebunden: an Ehre, an Opfer, an Dienst, an eine Sache, die größer ist als er selbst. Er schützt, statt nur zu dominieren. Er trägt, statt nur zu verlangen. Er geht ins Risiko, statt Sicherheit zu verwalten. Genau deshalb ist der Held in christlich-bürgerlicher Brechung auch immer verwundet, begrenzt, tragisch. Er ist Achilles und Franz Jägerstätter, Stauffenberg und der namenlose Familienvater, der in der Krise nicht flieht.

Von dieser Figur ist die Gegenwart weit entfernt. Und doch hungert sie nach ihr. Das ist das Wahre an Assheuers Diagnose. Wir leben in einer Zeit der Heimkehrphantasien, weil die offene See der Moderne niemandem mehr Heimat verspricht. Nur übersieht Assheuer, dass diese Heimkehr nicht bloß in politische Mythen, sondern auch in anthropologische Grundformen drängt. Der Mann will wieder Form. Nicht zurück zur Keule, sondern heraus aus der Karikatur.

Gegen die weiche Barbarei

Vielleicht ist das die eigentliche Pointe der Gegenwart: Nicht die antike Härte kehrt zuerst zurück, sondern die weiche Barbarei eines Zeitalters, das Ernst nicht mehr aushält und ihn darum in Simulationen auslagert. Die Politik spielt Cäsar, die Medien spielen Moral, die Grünen spielen plötzlich Männlichkeit, und die Mannosphäre spielt Heroismus. Alle spielen, weil keiner mehr ein belastbares Bild besitzt.
Gerade deshalb muss die Debatte um den Helden neu eröffnet werden. Nicht als Blut-und-Boden-Fantasie, nicht als Techno-Cäsarismus, nicht als Musk’sches Mars-Rom, nicht als grüne Soft-Männlichkeit mit Pflichtmodul Empathie; sondern als Frage nach Form, Maß, Opfer und Verantwortung in einer entgrenzten Zeit. Der Held ist dann nicht der lauteste Mann im Raum, sondern derjenige, der die Last trägt, die andere meiden. Derjenige, der nicht bloß performt, sondern bindet. Derjenige, der schützt, ohne sich aufzulösen, und führt, ohne sich zu vergötzen.

Werbung

Wenn Assheuer also von „Neo-Antike“ spricht, sollte man ergänzen: Die Gegenwart sehnt sich nicht nur nach Ithaka, sondern nach Telemach. Nach einem Sohn, der wieder weiß, was ein Va-ter ist; nach einem Mann, der weder Macho noch Softie sein muss; nach einem Ernst, der nicht totalitär wird und nach einer Form, die nicht gleich wieder im Stuhlkreis oder Seminar aufgelöst wird. Die Odyssee unserer Zeit endet nicht an der Nation allein. Sie endet, wenn wir wieder wissen, dass Zivilisation nicht ohne männliche Form bestehen kann – und dass diese Form mehr ist als Gewalt, aber auch mehr als Sanftheit. Sie ist Haltung. Und vielleicht ist genau das der tiefste Grund, warum die Gegenwart so nervös auf den Helden blickt: weil sie ahnt, dass sie ihn verächtlich gemacht hat, ihn aber nun wieder braucht.

Werbung

5 Kommentare

  1. Das männliche Bild besteht also aus Schutz, Richtung, Härte, Risiko, Pflicht, Opferbereitschaft und notfalls heroische Selbstüberschreitung.

    Alles nichts beglückendes. Der Mann ist sozusagen der Arsch schlechthin und dient anscheinend ausschließlich dem Wohle der Weiber, die sich dabei dem Manne gegenüber erhaben fühlen.
    Kein Wunder, daß viele Männer von diesem blöden Rollenspiel die Nase voll haben!

    Alternative: Ein Mann tut, was er möchte und was ihm gefällt. Ob es anderen – insbesondere den Frauen – gefällt oder nicht, ist ihm wurscht.
    😜

  2. „Ich bin Aragorn, Sohn Arathorns, und ich bin mit euch. Ich rufe euch auf, an meiner Seite zu stehen…“

    ,,Haltet eure Stellung! Haltet eure Stellung!
    Söhne Gondors, und Rohans, meine Brüder!
    In euren Augen sehe ich die selbe Furcht, die auch mich verzagen ließe.
    Der Tag mag kommen, da der Mut der Menschen erlischt,
    da wir unsere Gefährten im Stich lassen und aller Freundschaft Bande bricht,
    doch dieser Tag ist noch fern!
    Die Stunde der Wölfe und zerschmetterter Schilde,
    da das Zeitalter der Menschen tosend untergeht,
    doch dieser Tag ist noch fern!
    Denn heute kämpfen wir!
    Bei allem, was euch teuer ist, auf dieser Erde,
    sage ich:
    Haltet stand, Menschen des Westens!!!

    -Aragorn in ,,Der Herr der Ringe“ von J.R.R. Tolkien

  3. ,,Mir scheint, Wotan trifft als Hypothese ins Schwarze…

    Offenbar schläft er tatsächlich nur im Kyffhäuser, bis die Raben ihn rufen und den Tagesanbruch verkünden.

    Er ist ein wesentliches Merkmal der deutschen Psyche, ein irrationaler seelischer Faktor, der auf den Hochdruck der Zivilisation wie ein Wirbelsturm einwirkt und sie hinwegfegt.

    Offenbar hat man vergessen, dass Wotan eine germanische Gegebenheit von allergrößter Bedeutung ist – der wahrste Ausdruck und die unübertroffene Verkörperung einer Grundeigenschaft, die für die Deutschen/Germanen besonders charakteristisch ist…“

    -Carl Gustav Jung

  4. Tiefgruendige und nachvollziehbare Gedanken . Und zutreffend , denke ich . Aber der Mann ist noch nicht ausgestorben , genauso wenig wie die Frau ( ich meine nicht die Sorte weiblicher Hupfdohlen und Erregungsmassen der halb zu Tode Getackerten und Zutaetowierten ) . Keine Frau will ein auf seine psychischen Ungereimtheiten permasensibilisiertes Marsh-Mallow an der Seite und kein Mann ein auf Superwoman eingenordetes , dauer-kreischendes Opfer . Zwar sind Mann und Frau mittlerweile in der Minderheit , werden die anderen aber ueberleben , weil sie in der Realitaet leben und nicht im Wolkenkukuksheim . Ich bin da guter Dinge .

  5. Hartungs Beitrag ist hervorragend, er trifft ins Schwarze. Es wird immer deutlicher, dass die Krise des „Westens“
    mit der Entwertung des Männlichen zusammenhängt. Kann es sein, dass drei Generationen eines noch nie erlebten Wohlstands dazu geführt haben, dass man die typischen männlichen Tugenden als zu anstrengend, zu aufwändig, zu wenig „cool“ ansieht, dass „Schutz, Richtung, Härte, Risiko, Pflicht, Opferbereitschaft“ als unnötig und deshalb verzichtbar gelten: Sie stören den Spaß und den Konsum. Die Debatte um den „Helden“ muss jetzt geführt werden – es gibt auch ein „zu spät“.

Werbung