Mittwoch, 24. April 2024
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Herr, wirf Hirn vom Himmel: Geschichtsvergessenheit und Geisteskrämpfe

Herr, wirf Hirn vom Himmel: Geschichtsvergessenheit und Geisteskrämpfe

Liebste Beschäftigung der Deutschen: “Meldung machen” über verdächtige Subjekte (Symbolbild:Shutterstock)

Meine prunkvolle Goethe-Gesamtausgabe mit Goldschnitt von 1905 nimmt den stolzen Platz von knapp einem Dreiviertel Buchregalmeter ein. Vor einigen Jahren konnte ich eine Goethe-Gesamtausgabe von 1973 zu einem unschlagbaren Preis erstehen (“Nehmen Sie die ollen Schinken mit – ich bin froh, wenn ich sie nicht selbst wegwerfen muss!“). Die modernere Ausgabe wollte ich in dem Regalfach über die Gesamtausgabe von 1905 hinstellen. Da erlebte ich jedoch eine große Überraschung: Die neuere Ausgabe passte nicht in einen Regalmeter hinein! Ich musste noch vier Bände in das Fach von 1905 stellen. Bei näherer Überprüfung der Ursachen stellte ich fest, dass es am Inhalt nicht liegen konnte: Beiden Ausgaben waren inhaltlich weitgehend deckungsgleich. Auch das Format der einzelnen Bücher, Format und die Dicke der Seiten waren sehr ähnlich.

Wieso also diese eklatante Diskrepanz im Platzbedarf? Die Lösung war erst nach einiger Zeit gefunden: Die Ausgabe von 1905 war in Frakturschrift gesetzt, und die Ausgabe von 1973 in Antiqua. Da Frakturschrift weniger Platz auf einer Seite benötigt, also “sparsamer” mit den Ressourcen umgeht, befindet sich zum Beispiel in meiner 1905er Ausgabe auf jeder einzelnen Seite etwa ein Drittel mehr Text als in der 1973er Ausgabe. Nun ergibt sich daraus folgender Unterschied: Die Ausgabe von 1905 kommt mit knapp 12.000 Seiten aus; Die Ausgabe von 1973 belegt dafür über 19.000 Seiten.

Politisierung der Schriftbilder

Die nationalen Sozialisten waren ja überzeugte Staazis, sie glaubten also, dass “der Staat“ bessere Lösungen finden könne als die Menschen in freiwilligen Zusammenschlüssen. Ludwig von Mises und August von Hayek haben bereits Mitte der 1930er Jahre diesen Schwachsinn entlarvt und wissenschaftlich widerlegt. Sehr bedauerlich und befremdlich, dass es auch heute noch eine Mehrheit gibt, die dem Leviathan, diesem Monster biblischen Ausmaßes, arglos hinterherläuft! Jedenfalls haben die nationalen Sozialisten im Rahmen ihrer Autarkiebestrebung die deutsche Papierindustrie privilegiert und versucht, sozusagen künstlich eine Nachfrageerhöhung zu erreichen.

Nach außen behaupteten sie zuerst, dass die gotischen Frakturschriften außerhalb des deutschsprachigen Kulturraums kaum gelesen würden; trotz der kriegstypischen Mangelwirtschaft Anfang der Vierziger Jahre verboten sie im Jahr 1941 die Benutzung von Frakturschriften für Behörden und erschwerten den Einsatz gotischer Lettern bei Druckereien und Verlagen. Die Begründung für diesen radikalen Schritt liest sich wie ein Treppenwitz der Geschichte: Hitlers Reichskanzleichef Martin Bormann erklärte einfach die – damals beliebte – “Schwabacher Fraktur“ (die etwa 1472/73 geschaffen wurde) zu “Judenlettern”. Basta!

Denunzierender Sporttreiber und Malle-Journaille

Warum diese lange Einleitung? Nun, letzte Woche berichtete das “Mallorca Magazin” von einer besonders dämlichen, geschichtsvergessenen und ekelhaften Denunziationsaktion aus Mallorca: Dort hatte ein deutscher LKW geparkt, an dessen Führerhaus – das heißt tatsächlich so, wird aber auch tatsächlich manchmal Fahrerhaus genannt – ein Aufkleber mit dem Spruch “Führerhaus – Fahrer spricht deutsch” geprangt habe. Für einen herumstreunenden, offensichtlich “doitschen” Jogger (“…am doitschen Wesen wird die Welt genesen!“) war das offenkundig schon zu viel des Erträglichen: Er kommentierte den Sticker in seinen eigenen Worten: “Ich finde es einfach unmöglich, dass so ein nach Fremdenfeindlichkeit und Nazitum riechender Spruch auf einem Fahrzeug angebracht wird, das damit durch halb Europa fährt!

Sprach’s und meldete diesen “bösartigen“ Aufkleber dem “Mallorca-Magazin”, das prompt offensichtlich nichts Besseres zu tun hatte, als im Namen scheinheiligen “Presserächerchen“ sowohl beim Spediteur, um dessen LKW es sich handelte,  als auch beim Vertragspartner des Spediteurs und sogar beim Hersteller der Waren des Vertragspartners des Spediteurs eine beispiellose Denunziationsmasche an den Tag zu legen, die sich von der wohlfeilen Empörung des auslösenden Doitsch-Joggers nicht unterschied. Als besonders ekelhaft wurde von den Geistesgranaten des “Mallorca-Magazins” und dem denunzierenden Sporttreiber wahrgenommen, dass der Text in Fraktur geschrieben – womöglich gar in der “Schwabacher Judenletter-Fraktur“, die einst dem Dritten Reich so sauer aufgestoßen war, weil es seine Papierindustrie ankurbeln wollte?!? So etwas geht ja gar nicht!

Strukturell selbst faschistoid

Nun hat der liebe Gott der Welt dankenswerterweise den Kommunikationswissenschaftler Tor Norretranders geschenkt, der bereits 1989 feststellte, dass es neben der Weitergabe einer Information des Senders an den Empfänger in der Kommunikation auch die Freisetzung einer Exformation über den Sender selbst gibt. Diese Exformation, wie sie Norretranders nannte, verrät sehr viel über die Gedankenwelt und die Denkstrukturen des Senders. Was bedeutet dies im vorliegenden Beispiel? Hier zeigen die Exformationen sehr deutlich, dass sowohl der – nicht vom Sport schnappatmende – Jogger als auch der schlecht recherchierende “Schurnalist“ vom Mallorca-Magazin offenbar selbst in faschistoiden Denkstrukturen gefangen sind und der Geisteshaltung näherstehen, die sie in dem für den Aufkleber verantwortlichen LKW-Fahrers erkannt haben wollen; das vermeintliche Recht zur hemmungslosen Denunziation Anderer eingeschlossen.

Europaweit sind Zehntausende von LKW-Fahrern unterwegs. Bei einer Verkehrskontrolle müssen die Beamten in den meisten Fällen erst einmal klären, welche Sprache der Fahrer spricht. Im Verkehrsknotenpunkt Deutschland, wo Fahrer unterschiedlichster Provenienzen mit weit über 100 verschiedenen Sprachen über die Autobahnen brettern, ist so ein Schild erstens ein Signal an BAG und Polizei, dass hier die (noch) in Deutschland gegebene Amtssprache Deutsch gesprochen werden kann; zweitens eine geeignete Möglichkeit, auf Nachtrastplätzen vielleicht ja einen anderen der wenigen deutschsprachigen Fahrer zu finden, mit dem man ein Feierabendbierchen schlürfen könnte; und drittens – und dies vor allem – ein harmloser, selbstironischer Gag. Im europäischen Ausland wird weder der Hintergrund dieses Witzes verstanden, noch ist die Schrift dort lesbar – und selbst wenn, dann würde sich niemand darüber aufregen – es sei denn, er denkt selbst strukturell faschistoid.

Widerwärtiger Artikel

Ich bin auf deutschen Autobahnen bereits an tausenden osteuropäischer LKW vorbeigefahren, auf denen – teils in kyrillischer Schrift – irgendwelche offensichtlichen Aufkleber mit Sinnsprüchen, Pointen oder (wohl anzüglichen) Witzchen angebracht waren. Verstanden habe ich keinen einzigen dieser Sprüche – denn ich sprach ja die Sprache nicht. Vielleicht stand da ja auf dem einen oder anderen ja “Es lebe Väterchen Stalin, der so viele Deutschen getötet hat“; vielleicht waren es irgendwelche chauvinistischen Sex-Zoten. Vielleicht auch nicht. Das mir eigentlich völlig egal – solange der Fahrer nicht mein Leben gefährdet.

Mein Ekel hingegen vor den vor Selbstgefälligkeit grunzenden Denunzianten, die hier erfolglos versucht haben, die bürgerliche Existenz eines deutschen LKW-Fahrers zu zerstören, indem sie ihn einem Scherbengericht aussetzten, ihm bei seinem Arbeitgeber Schwierigkeiten machten (und diesem wiederum Schwierigkeiten bei seinen Kunden), wird mit jedem nochmaligen Überfliegen dieses widerwärtigen Artikels im “Mallorca-Magazin“ größer. Und dennoch gebührt diesem Denunziantenstadel mein Dank: Denn mein ganzes Leben schon habe ich mich gefragt, was das einst wohl für Figuren waren, die Erich Ohse, Ernst Jennrich und tausende andere in die Fänge von Roland Freisler und Hilde Benjamin schickten. Seit diesem Artikel beginne ich zu begreifen.

10 Antworten

  1. @GESCHICHTSVERGESSENHEIT
    Was soll das heißen ?
    Geschichte ist das, worauf sich die Sieger geeinigt haben – von dem sie glauben, das es ihnen nützt, wenn die Schafe diese Geschichte annehmen.
    Insofern gibt es drei mal Geschichte:
    – politische Geschichte
    – juristische Geschichte
    – reale ( historische ) Geschichte

    Letztere ist die richtige Geschichte, die aber auch am meisten unterdrückt und manipuliert wird zur medialen politischen Geschichte.
    Kurz – in meinen Worten als Pack aus Dunkeldeutschland – es wird gelogen, daß die Schwarte kracht – und meist mit politischem und geschäftlichem Hintergrund.
    Wo immer Geschichte als Argument benutzt wird, können sie sicher sein, daß es sich um politische Lügen handelt !

    Wie heißt es so nett :
    Erst wenn ein Volk die Legenden der Sieger als seine historische Wahrheit annimmt, ist es wirklich besiegt !

    14
  2. Ich hatte mal zu DDR Zeiten in der Schule meine Schulhefte mit Runen beschriftet, der Lehrer guckte kurz drauf und das wars. In der Lehre hatten wir die Gotische Schrift mit Redisfeder schreiben gelernt. Jetzt habe ich ein Lederarmband wo mein Name mit Runen beschriftet ist. Ich glaube jetzt muss ich mehr Angst haben mal angezeigt zu werden.

  3. Mein Vater hat mir schon als Kind beigebracht: “Der größte Lump im ganzen Land ist und bleibt der Denunziant”. Mehr fällt mir dazu nicht ein.

  4. “Seit diesem Artikel beginne ich zu begreifen”
    … und vielleicht doch nicht zu verstehen
    Wenn vielleicht nicht der Name Freisler zum Klick führt, dann könnte der Name BENJAMIN diesen auslösen
    Warten wir’s ab

  5. Klasse berichtet 👍

    Die Denunzianten-Schaben und deren NGO’s ahnen es..

    Ludwig von Mises und August von Hayek..
    sind auch weiterhin die Endgegner im Geiste… für die Flaschisten🧟 😎😎😎

  6. Ich lese am liebsten Fraktur, und verfasse persönliche, handgeschriebene Briefe selbstverständlich in Sütterlinschrift.
    Mir egal, ob mich Nazis deswegen der “Jiddelei” schelten.

  7. Ich fordere die Änderung der Straßenverkehrsordnung:
    LINKS vor RECHTS

    Täglich neue Absurditäten – ist kaum mehr zu ertragen – mit Fakten und Realitäten ist in meinem Umfeld KEINER mehr zu erreichen. Wie können wir gemeinsam diesem Spuk ein Ende setzen?
    Bitte Vorschläge, mir fällt nämlich nichts mehr ein.

    1. loreley, kann ich nachvollziehen.
      Bei mir im Umfeld nichts anderes. Leg mich bei uns auf dem Deich vielfach mit den halsbrecherischen Rennradfahrern an. Versuche ihnen klar zu machen, beim Überholen mindestens eine Radlänge Seitenabstand einzuhalten, um Zusammenstöße zum vermeiden. Überwiegende Reaktion Agression und Unverständnis.
      Die Mitmenschen heutzutage sind derart agitiert durch Politik und Werbung, daß sie nicht mehr realisieren, daß ihr gemeinschaftsfeindliches Verhalten (Radfahrer auf der Straße parallel zum intakten Radweg, rücksichtslos auf gemeinsam benutzten Wegen für Fußgänger und Radfahrer, rücksichtslos auf der falschen Radwegseite entgegenkommend und auf sein vermeintliches Recht pochend, auf dem Fahrradweg als Fußgänger und taub für Hinweise, es zu korrigieren und und und) .
      Diese gehirngewaschenen Kreaturen merken nicht, wie sie sich zum Büttel der feixenden Politik machen, die auf Spaltung abzielt!
      Teile und herrsche (regiere in Ruhe).