Hilfe, ich werde in Weihnachtsliedern gebadet!

Hilfe, ich werde in Weihnachtsliedern gebadet!

Das KaDeWe in weihnachtlichem Glanz: Schweigen in Kommerz und Nostalgie (Foto:Imago)

Gut, dass ich in der Berliner U-Bahn noch keine Weihnachtslieder aus den Lautsprechern höre. „Zurückbleiben bitte, die Türen schließen“. Jetzt hätte ein süßes Klingelingeling gepasst. Am Wittenbergplatz geht es über die Rolltreppe hinein ins KaDeWe, das nach wie vor eine Reise wert ist. Die weihnachtliche Stimmung erschlägt einen fast – umso mehr auch noch, wenn mich dort “Stille Nacht, heilige Nacht” morgens um elf schon einhüllt. Eine Krippe und einen Ochsen sehe ich nicht – dafür aber viele Esel. Vor allem jene, die an der Kasse die teuren Waren bezahlen.

Die Hintergrundbeschallung weckt Reminiszenzen: Das Lied “Stille Nacht” führt mich 65 Jahre in die Vergangenheit zurück, als wir abends in der Wohnküche saßen: Die Eltern, die Kinder, Oma, Tante, Nachbarn. Bratäpfel lagen auf dem Herd und brutzelten langsam vor sich hin, und vor allem roch es intensiv weihnachtlich. Und dann stimmte man Weihnachtslieder an. Das war eine authentische Gemütlichkeit, die heute weitgehend verloren ist – und genau das wird heute im Kaufhaus versucht nachzumachen. Alles schläft, einsam wacht – und der Konsument schlafwandelt durch die Regalwelten.

Irgendwie herzergreifend

Es scheint mir so, als wollten mich die Waren mich am Ärmel zupfen und sagen: Nimm mich doch mit! Aber ich bin schon so eingelullt und schlafe im Stehen in himmlischer Ruh. Ich finde die Rolltreppe, steige einen Stock höher und stehe vor einem der schönsten Tannenbäume, den man sich nur vorstellen kann. Seine Blätter sind größer als alle Blüten Spaniens – denn sie sind aus Plastik, der Schnee auf den Ästen kam aus der Spraydose. Doch er rieselt nicht, weder plötzlich noch leise. Ich erinnere mich, wie wir Kinder mit Vater auf dem Traktor, einer Axt und einer Säge in den tief verschneiten Wald fuhren, dort, wo Rotkäppchen und der Wolf wohnen. Wir Kinder suchten unseren Tannenbaum aus.

Aus dieser Erinnerung erwache ich plötzlich. Ich höre Glöckchen, wie eben Glöckchen süßer nie klingen – und ich stehe vor einem Stand, der Teddybären verkauft, die mit ihren Schellen im Rhythmus der eingebauten Elektromotoren tanzen. Plüsch-Rentiere aus China haben Glöckchen um den Hals, die ganz automatisch klingen… auch irgendwie süß, aber dennoch gerate ich in eine “O du fröhliche” und selige Stimmung. Was mich besonders erfreut, sind die vielen Kinder, die ob dieser Glitzerwelt mit großen Augen und offenen Mündern staunen. Diese Weihnachtsstimmung ist irgendwie doch herzergreifend – und jedenfalls viel, viel schöner als die Stimmung als im August, wo wir nur die Badehose einpacken und dann „nischt wie raus zum Wannsee“.

Dem Himmel 30 Meter näher

In jeder der sechs KaDeWe-Etagen steht ein Weihnachtsmann mit weißem Bart und empfiehlt seine Gaben. Wie können wir da anders, als zu fühlen: „Lasst uns froh und munter sein und uns recht von Herzen freuen”? Ja, so ist das eben – denn alle Jahre wieder kommt der Kunde ins KaDeWe und geht mit einem voll gepackten Rucksack wie Nikolaus nach Hause. “Lasst uns froh und munter sein”, klingt das nicht ermutigend? In welcher Jahreszeit sonst werden wir aufgefordert, froh und munter zu sein? O du fröhliche, oh du selige, kundenbringende Weihnachtszeit! Ob nun religiös oder nicht – auf jeden Fall ist dieser Weihnachtstrubel ein nicht zu vermeidendes Ereignis. Wer oder was sonst sollte uns daran erinnern, dass vor zweitausend Jahren etwas Besonderes geschah?

Im sechsten Stock des KaDeWe, wo sich ein großes Café mit Blick über die Stadt befindet, ist man rein rechnerisch dem Himmel 30 Meter näher, und die gute Mär lautet auch hier oben: „Kaufe, und du wirst glücklich!“ Ganz abgesehen vom Stern von Bethlehem leuchten auf dem Kudamm vom KaDeWe bis nach Halensee 120.000 LED-Lämpchen in den Bäumen – auf einer Länge von drei Kilometer. Wahrlich, es weihnachtet sehr.

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12 Antworten

  1. „Die materialistische Veräußerlichung des Weihnachtsfestes, die wir Jahr für Jahr erleben, zeigt, dass seine spirituelle Substanz aus dem Gemüt der Menschen entschwunden ist. An ihre Stelle sind das Festhalten an gefühlverbundener Tradition, Sentimentalität und Kitsch getreten.“

    Quelle: fassadenkratzer.de

  2. In den Evangelien kommt ein Weihnachtsmann nicht vor.

    Der Weihnachtsmann, wie wir ihn heute kennen, gekleidet in Rot und Weiß, wurde 1931 im Auftrag der Coca-Cola-Company von einer Werbefirma entwickelt.

    Dieser Ursprung ist von der breiten Öffentlichkeit längst vergessen worden. Da sieht man mal wieder, wie Massenverblödung funktioniert.

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  3. Bergoglianische Weihnachtsansprache Leos XIV. an die Römische Kurie
    Jene, die dem Pontifikat von Franziskus nachtrauern, können aufatmen: Papst Leo XIV. hat geliefert. Bei der traditionellen Weihnachtsansprache an die Römische Kurie präsentierte sich der neue Pontifex ganz in der Linie seines „verehrten“ Vorgängers. So sehr, daß man stellenweise den Eindruck gewinnen konnte, die Rede sei von diesem posthum diktiert worden – oder zumindest von dessen Redenschreibern beeinflußt worden. Sogar eines der Lieblingswörter des Verstorbenen, die von ihm allgegenwärtig gewitterte „Rigidität“, feierte ein verläßliches Comeback.
    https://katholisches.info/2025/12/22/bergoglianische-weihnachtsansprache-leos-xiv-an-die-roemische-kurie/

    Empörung über Spott gegen Klimareligion: Papst “segnet” demonstrativ einen Eisblock
    „Leider keine Satire: Bei einer Gedenkveranstaltung zum zehnten Jahrestag der Umwelt-Enzyklika Laudato Si in Rom zeigte Papst Leo XIV. sich empört über die Verspottung der Klimareligion und forderte mehr Einsatz gegen die globale Verkochung. Ganz symbolträchtig legte er dann einem schmelzenden Eisklumpen die Hand auf.

    Der Papst hatte zuvor bereits die Migrationspolitik der US-Regierung kritisiert und diese als “unmenschlich” dargestellt. Auch widerspreche die Unterstützung der Todesstrafe in vielen US-Bundesstaaten einem umfassenden “Ja zum Leben”. Die US-Regierung nahm das gelassen.
    Am Mittwoch in Rom beim Jahrestag der Laudatio Si schien Leo XIV. dann auf die Rede von Donald Trump bei den Vereinten Nationen zu reagieren, wo dieser den Klima-Hoax grundlegend demontiert hatte. Der Papst beklagte, dass manche Staats- und Regierungschefs “die offensichtlichen Zeichen des Klimawandels” leugnen würden und somit jene lächerlich machten, die auf die “Krise” hinwiesen.

    Man solle gefälligst “die Schreie der Erde und die Schreie der Armen” ernst nehmen und verbindliche Klimaziele beschließen, so sein Appell. Zur Abwendung der globalen Verkochung müssten alle Menschen eine “aktive Rolle” einnehmen und Druck auf die Politik ausüben. Es brauchte nichts weniger als eine “ökologische Umkehr, die sowohl den persönlichen als auch den gemeinschaftlichen Lebensstil verändert”. “Great Reset” wollte er es wohl nicht nennen, doch nichts anderes propagierte er damit.“
    https://report24.news/empoerung-ueber-spott-gegen-klimareligion-papst-segnet-demonstrativ-einen-eisblock/?feed_id=52084

  4. Daß Sie sich das angetan haben, in der Weihnachtszeit in ein Kaufhaus zu gehen und sich dem weihnachtlichen Dauergedudel auszusetzen, ist mir unbegreiflich, Kaufhaus des Westens hin oder her! Aber der Artikel war ausgesprochen amüsant. Vielen Dank dafür, Herr Müller!

  5. Bei meinem üblichen Radiosender waren seit Tagen nur amerikansiche/englische Weihnachts – Gesinge zu hören.
    Küche geht deshalb tagelang auch „ohne“ …
    Wenn es je eines Nachweises bedurft hätte, dass Deutschland eine dazu gehördende Kolonie ist, dann wäre dies nun auch geklärt …!

  6. Wer eine ruhige, kommerzfreie und friedliche Weihnacht verbringen möchte, miete sich eine Hütte hoch in den Alpen, zu der kein Lift fährt und die man nur mit einer Tageswanderung erreicht. Jedes Familienmitglied trägt in seinem Rucksack die Lebensmittel, die für die kommenden drei Tage gebraucht werden. Am Nachmittag des Heiligabend oben angekommen, mache man sich ein wärmendes Feuer und setze sich an den einfachen Holztisch mit einem einfachen Mahl, das auf dem Holzherd gekocht wurde. Eine musikalische Familie mag Weihnachtslieder dazu singen.
    Sollte wolkenloser Himmel sein, trete man vor die Hütte und betrachte die Sterne. Der Himmelsjäger „Orion“ erstrahlt in seiner schönsten Pracht. Dessen Gürtelsterne Alnilam, Alnitak und Mintaka sind zwischen 818 und 1342 Lichtjahre entfernt, also braucht das Licht mehr oder weniger 1000 Jahre, um von dort zu uns zu gelangen.
    Das rückt den Maßstab zurecht und lehrt Demut.

  7. Seit das KDW vor einigen Jahren zu Weihnachten mit dem Slogan „Für jene, die schon alles haben“ warb, habe ich keinen Fuß mehr dort rein gesetzt!

  8. Also ich laß mir das Weihnachtsfest nicht kaputtmachen. Weder von zuviel Weihnachtsgedudel noch von zuwenig. Das sind doch alles nur Äußerlichkeiten. Natürlich findet man immer was zu meckern: Früher liefen die klassischen Weinachtslieder rauf und runter und heute eben Driving Home für Christmas. Andererseits beeobachte ich seit mehreren Jahren, daß im Autoradio des Hessischen Rundfunks Weihnachten überhaupt nicht mehr vorkommt. Das ist die andere Seite des Extrems. Ich habe schon als Jugendlicher die Bezeichnung Konsumterror als ziemlich dämlich empfunden. Mich hat keiner mir vorgehaltener Waffe zum Einkaufen gezwungen, also bitte. Man könnte ja doch auch mal versuchen, wenigstens ein paar Tage im Jahr nicht mehr zu schimpfen und zu meckern, sondern auch feststellen, was es an Gutem gibt. Man braucht sich nur zu öfffnen und schon sieht man es. Frohe Weihnachten.

    1. Sie Glücklicher!
      Ich werde zur Zeit schon grantig, wenn ich beim Einkaufen Schlittenglocken läuten höre.
      Und wenn ich „Nikoläuse“ sehe, die Fassaden hinaufklettern, krieg ich die Krise.

      All dieses pseudo-christliche Gelumpe zeugt nicht von Religiösitat, sondern von geistiger Umnachtung.
      Mit der Geburt Jesu hat das alles gar nichts zu tun.