„Ich hab‘ das Patent – und damit basta!“ – Die Currywurst als deutsches Nationalgericht?

„Ich hab‘ das Patent – und damit basta!“ – Die Currywurst als deutsches Nationalgericht?

Kult in allen Varianten: Die Currywurst als kulinarisches Identifikationsobjekt (Symbolbild:Imago)

Haben die Deutschen ein echtes Nationalgericht? Der Schweinebraten bleibt eine süddeutsche Partikularität. Das Schnitzel: importiert aus Wien. Der Döner – und schon stockt das deutsche Selbstverständnis. Am nächsten an eine nationale Speise, die wirklich von Nord bis Süd und Ost bis West, vom Kiosk bis ins Adlon gleichermaßen verzehrt wird, kommt wohl ein Imbiss-Snack heran: Die Currywurst. Dass ausgerechnet eine Brühwurst in Tomatensoße mit exotischem Pulver als Symbol deutscher Alltäglichkeit herhalten muss, ist ein Treppenwitz der Kulturgeschichte. Doch gerade deshalb wird um sie gestritten wie um eine heilige Reliquie. Berlin, Hamburg, Bückeburg, Wolfsburg und seit dieser Woche auch Duisburg – sie alle beanspruchen die Urheberschaft. Dabei sagt der Streit mehr über die Deutschen aus als über die Wurst selbst: Über ihren Mangel an gemeinsamen großen Erzählungen, ihre Neigung, Ersatzmythen zu produzieren, ihre Lust am Regionalstolz, ihr Bedürfnis, Volksnähe zu inszenieren.

Die klassische Gründungserzählung führt ins Berlin des Jahres 1949. Ein verregneter Septembertag an der Ecke Kant- und Kaiser-Friedrich-Straße steht eine resolute Frau in ihrem Imbiss. Herta Heuwer hat keinen Senf mehr, die Regale sind leer, die Nachkriegszeit verlangt nach Improvisation. Also greift sie zu dem, was da ist: Tomatenmark, Worcestersoße, Currypulver. Die Mischung gießt sie über gebratene Brühwurst, schneidet sie in Stücke, serviert sie mit Holzspießchen. Ihr Mann, der für die Amerikaner arbeitet, hatte die US-Vorliebe für Ketchup gesehen, den die Besatzer literweise über ihre Steaks gossen. Steaks waren für Berliner unerschwinglich, also machte sie aus der Not eine Tugend: Wurst statt Steak, Soße statt Luxus – das „Steak des kleinen Mannes“. 1959 meldet Herta Heuwer ihre Soße unter dem Namen „Chillup“ beim Patentamt an. Später zieht sie in ein Ladenlokal am Stuttgarter Platz um, beschäftigt bis zu 19 Verkäuferinnen. Der Lebensmittelkonzern Kraft will ihr Rezept kaufen, doch sie lehnt ab. 1999 nimmt sie das Geheimnis des Originalrezepts mit ins Grab. An der Kantstraße erinnert seit 2003 eine Gedenktafel. „Ich hab‘ das Patent – und damit basta!“, soll sie gesagt haben. Berlin reklamiert seitdem die Currywurst als “seine” Erfindung – als Symbol der Mischung aus Armut, Kreativität und Weltläufigkeit.

Literarischer “Ursprungsbeweis”

Doch Hamburg widerspricht. Uwe Timm veröffentlichte 1993 seine Novelle „Die Entdeckung der Currywurst“. Darin stolpert die Hamburgerin Lena Brücker 1947 auf einer Treppe, in der einen Hand Curry, in der anderen Ketchup. Beides vermengt sich zufällig, und von da an verkauft sie das neue Gericht am Großneumarkt. Timm schrieb zwar Literatur, keine Historiographie – aber die Geschichte wurde zum Mythos. Von Schülern gelesen, als Hörspiel gesendet, verfilmt. In Hamburg hängt eine Gedenktafel für die fiktive Erfinderin. Der literarische Text hat die historische Lücke gefüllt, die Legende verstärkt. Hamburg reklamiert die Currywurst über die Macht der Fiktion.

Noch kurioser klingt die niedersächsische Spur. Alexander Fürst zu Schaumburg-Lippe behauptete 2018 in der “Bild”, die Currywurst sei 1946 im Schloss Bückeburg erfunden worden. Ein Küchenmeister habe britische Offiziere verköstigt und und als neue Kreation Wurst mit Currysoße serviert. Zeitzeugenberichte, Zeitungsausschnitte, Erinnerungen des Küchenmeister-Sohnes – alles Belege für eine aristokratische Urszene. Wolfsburg wiederum erhebt Anspruch auf die industrielle Krönung: 6,3 Millionen Currywürste produziert die VW-Werksfleischerei jährlich – mehr als Autos vom Band rollen. Mit Schweinebacke und -bauch deutscher Bauern, 20 Prozent Fettanteil, kein Phosphat, kein Glutamat. Schon bei der Herstellung mit Curry gewürzt, 22 Zentimeter lang – oder als 12,5-Zentimeter-Lady-Version fürs Stadion. Hier ist die Currywurst nicht Legende, sondern ausgefeiltes Produkt. Sie wird bei Edeka verkauft, von Porsche in Leipzig serviert, ist in der Kantine ebenso präsent wie auf dem Fußballteller.

Das proletarische Gegen-Narrativ

Auch der deutsche Osten hat sein eigenes Kapitel: Max Brückner aus Johanngeorgenstadt erfand eine Methode, Brät ohne Darm zu formen. Daraus wurde die „Spandauer ohne Pelle“. In Ostberlin fehlte Naturdarm – also gab es Currywurst ohne Pelle. Im Westen dominierte die Variante mit Pelle. Die Wurstfrage wurde zum Politikum. Westliche Würste waren bekleidet, östliche nackt – ironisch gedeutet als Hinweis auf die FKK-Kultur der DDR. Die Kultband „Silly“ besang 1983 „Heiße Würstchen“, doppeldeutig und doch kulinarisch. Die Ost-Version wurde bei Konnopke in der Schönhauser Allee zum Kult, während im Westen der Stutti-Imbiss boomte.

Und nun also Duisburg: Am 22. September 2025 enthüllte Oberbürgermeister Sören Link (SPD) eine Plakette an „Peter Pomm’s Pusztetten-Stube“, und erklärt feierlich: „Currywurst ist ein echtes Gericht, das passt zum Ruhrgebiet und passt zu Duisburg. Und sie ist nicht irgendwo erfunden worden, sondern hier bei uns!“ Die Begründung liefern Gregor Lauenburger und Tim Koch in ihrem Buch „Alles Currywurst – oder was?“. Ihr Held heißt Peter Hildebrand, von allen „Peter Pomm“ genannt. Schon 1936 soll er Wurst mit Tomatensoße und englischem Curry serviert haben – für die Arbeiter seiner Wurstfabrik. Die Anekdote ist pikant: Während der NS-Zeit musste das Gericht geheim bleiben, da es “mit dem Curry des Feindes“ gewürzt war. Nazis mochten keine Currywurst – sie galt als dekadent, als britisches Importgewürz. In den Rechnungen taucht schon 1935 der Bezug von englischem Curry aus Hamburg auf. Für die Autoren der Beweis: Die Currywurst wurde nicht 1949 in Berlin erfunden, sondern 13 Jahre früher in Duisburg. So reklamiert Duisburg die Currywurst als Arbeitergericht des Ruhrgebiets, als proletarisches Pendant zur Berliner Improvisation. Berlin steht für Nachkrieg und Amerikanisierung, Duisburg für Industriearbeit und Vorkriegsküche.

Schimanski-Teller und Mantaplatte

Im Ruhrgebiet ist die Currywurst längst mehr als Essen: Sie ist Sprache und Ritual. „Curry mit Pommes Schranke“ heißt sie dort, Schranke steht für Ketchup und Mayonnaise. Götz George alias Schimanski machte die Mantaplatte zum Fernsehkult. Diether Krebs und Herbert Grönemeyer besangen sie. Bestellt wird eine „Assischale“ oder ein „Schimanski-Teller“. Die Currywurst ist im Ruhrpott kein Snack, sondern Milieubeweis. Prompt hat die SPD das Symbol erkannt. Gerhard Schröder bekannte sich als Currywurst-Liebhaber, servierte sie US-Präsident Bush im Kanzleramt. Hannelore Kraft startete 2012 mit dem Slogan „Currywurst ist NRW“ in den Wahlkampf und gewann. Und nun Sören Link mit seiner Duisburger Plakette: SPD-Politik im Gewand der Imbissbude. Die Currywurst ist Politik – sie suggeriert Volksnähe, Arbeiterkultur, Bodenständigkeit. Wer sie vereinnahmt, reklamiert nicht nur ein Gericht, sondern eine Subkultur.

Dass die Currywurst auch im Adlon serviert wird – mit Champagner – zeigt die Paradoxie. In der Probierstube des Berliner Currywurstmuseums wurde sie mit Blattgold kredenzt. Auf Berlinale-Partys ist sie Fingerfood, beim Bundespresseball ein Mitternachtsritual. Gleichzeitig gibt es sie an jeder Ecke, für zwei Euro im Pappschälchen, mit Plastikgabel. Von der Assischale bis zur Luxusversion: die Spannweite macht die Currywurst zum Allrounder und Chamäleon deutscher Esskultur.

Schärfewettbewerbe und Identität

Die neueste Mode: Chili statt Curry. Imbisse in Wanne-Eickel bieten zehn Schärfegrade an, bis hin zu Millionen Scoville, die nur mit Unterschrift unter einen Haftungsausschluss gegessen werden dürfen. Wettbewerbe küren Sieger mit dem nach Verzehr der Höllensoße gemessenen niedrigsten Blutdruck. Auch das ist Teil der Verwandlungsfähigkeit: Die Currywurst ist nicht nur Nostalgie, sondern Event. Was zeigt all das? Dass Deutschland, wo große Mythen zerbrochen sind, kleine Mythen aufbläst. Wo die Fahne verbrannt ist, wird die Wurst gefeiert. Wo man kein Nationalgericht hat, wird eben die Currywurst zum Nationalgericht erklärt – ausgerechnet sie, ein Hybrid aus deutscher Wurst, britischem Curry und amerikanischer Ketchupkultur. Berlin reklamiert Improvisationskunst, Hamburg Literatur, Bückeburg Aristokratie, Wolfsburg Industrie, Duisburg Arbeitermilieu: So bastelt sich jederseine Version, doch alle konkurrieren um das gleiche Symbol. Der Streit verrät weit mehr über die Teutonen als über ihre Wurst: über ihr Bedürfnis nach Identität, nach Authentizität, nach einer Geschichte, die sich vereinnahmen lässt. Vielleicht ist genau das das Geheimnis der Currywurst: dass sie keine klare Herkunft hat, sondern viele. Dass sie wandelbar ist – zwischen Luxus und Kiosk, zwischen Literatur und Politik, zwischen West und Ost, zwischen Mythos und Fakt. Die Deutschen essen sie millionenfach, streiten über ihre Herkunft, feiern sie mit Tafeln, Roma-nen und Festivals.

Und gerade weil ihre Herkunft im Dunkeln liegt, taugt sie als Ersatznationalgericht. Eine Brühwurst mit Tomatensoße und Curry? Unscheinbar, aber doch überladen mit Bedeutung. Es ist ein paradoxes Nationalgericht, geboren aus Mangellage und Missverständnissen, gerät zum Symbol einer Nation, die sich selbst immer wieder neu erfinden will – und es doch nie ohne Streit schafft. Noch nicht einmal in der Frage nach der Herkunft einer Wurst.

13 Kommentare

  1. Also bitte!! Wenn Deutschland international mit Bahnhofsvierteln, verrauchten Kneipen und kultureller Einfallslosigkeit auch auf den Tellern asoziiert werden soll..!

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  2. Brühwurst als Currywurst. Igitt. Das ist die Berliner Variante. Furchtbar. Es muss eine Bratwurst sein, schön braun gebruzzelt, dann mit perfekter fruchtiger Currysauce übergossen und ggfls. noch mit Curry- und/oder Paprikapulver nachgewürzt.

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  3. Anfang der 80er an der Nordsee einen FREAK kennen gelernt, der immer „18, 10, 10“ an der Frittenbude gerufen hat, gab dann Currywurst, Pommes, Schranke für ihn. Currywurst & Pommes hatten 1,80DM gekostet, Ketchup & Majo jeweils 10Pfennig, LOGISCH: „accchtzzehn, zzehn, zzehn“ hahaha

    Da fällt mir noch ne story ein, Kumpel Anfang 90er, top Harley Schrauber, war mit ein paar Jungs auf roadtrip, irgendwo kurz vor Dänemark an der Frittenbude gehalten, eine Monsterkante bestellt sich große Pommes, fragt der Verkäufer: „was drauf?“, er:“was kostet das denn?“, Verk.:“20 Pfennig!“, er:“OK, dann nehm ich n halbes Hähnchen!“
    BRÜLLER: er hat es für die 20Pfennig bekommen…HAHAHAHAHAA, was haben wir gelacht…

    ps. die mit Abstand beste Currywurst des UNiversums mache ich, EGAL wer sie erfunden hat.
    pps. kleiner Geheimtipp: ganz zu Beginn, wenn man Zwiebeln & Knofi langsam anröstet, etwas ROTE Asia Currypaste mit anschwitzen. Honig/Ahornsirup bringt die nötige Süsse. Zum Schluß mit tagelang einreduzierter Gemüsebrühe finishen. 😉

  4. Sogar mir als kulinarischem Analphabeten fallen schon auf Anhieb mehrere Gerichte ein, die man als Nationalgerichte bezeichnen kann: Eisbein, Bratwurst mit Sauerkraut, Sauerbraten, Kartoffelsalat, Grünkohl, …

  5. Berlin ist das absolute Dreckloch in Europa. Gleich gefolgt von Paris. Meine Kupels und Bekannte, die im hoch kriminalisiertem Philadelphia leben, schütteln nur noch mit dem Kopf. Die haben auch I – Net und sehen sich den Dreck hier an.

  6. Hat ja niemand was dagegen, dass Leute Bratwurst (ob grob oder fein, ist von der Herstellung Bruehwurst) gerne essen, ob nun mit Senf oder mit Ketchup ist ja nur Nenemsache genau wie das Currypulver…
    Das Deutschland kein anderes Nationalgericht hat, erscheint sonderbar, aber wenns halt so empfunden wird, dann ist mir auch der Teller Bratkartoffeln egal, ob nun mit Suelze oder Schweinebraten oder oder oder…..
    Die Briten nennen Deutsche „Krauts“, das hat nichts mit Currywurst zu tun.
    Na dann geht halt noch tiefer in dieses Thema, macht Spass

  7. Mag ja lustig sein, die Currywurst als Nationalgericht zu sehen, aber nein, höchstens für die, die nicht kochen können. Die Currywurst mag ihren Platz in mancher deutschen Küche haben ( eher noch in Imbissstuben) , aber ganz sicher ist sie nicht DAS Nationalgericht. Auch wenn es nicht jedem schmeckt, ist es Sauerkraut mit immer dazu, was einem schmeckt. Ich liebe es mit Kartoffelpüree und den diversen Fleisch-und Wurstbeigaben. Schweinebraten ist auch keine bayerische Erfindung, lediglich die Zubereitung ist unterschiedlich.
    Die deutsche Küche ist vielseitig, oft deftig und mit Zutaten aus aller Herren Länder. Das ist aber sicher nicht nur die deutsche Küche. Was uns aber von allen anderen Ländern unterscheidet, ist unser herrliches Brot und dessen Vielfalt. Und das mit lecker Griebenschmalz. 😉
    Das ist auch das einzige, was mir immer in anderen Ländern fehlt, wenn ich länger als drei Wochen außerhalb des Landes war.

    1. In fasr allen Laendern, in denen ich arbeitete, gab es einen deutschen Baecker und auch einen deutschen Metzger. In der Regel aller Faelle liefen diese Fachgeschaefte sehr gut und waren ueberregional bekannt.
      Leider ist fuer die letzten 25 Jahre der Baecker und Metzger nur noch im Nachbarland zu finden, ie 350 km entfernt, das nimmt man aber gerne auf sich, um ein echtes Roggenbrot und richtige Wurst kaufen zu koennen.
      Meine Dresdner Stollen backe ich selbst, meiner Mutter Rezept. Man muss sich nur zu helfen wissen.
      Aber fuer eine Curry-Wurst wuerde ich nicht fahren, grobe Thueringer Bratwurst kaufe ich dann schon ein, oder auch die etwas duennere, laengere Nuernberger Bratwurst.
      Naja, ueber Geschmack sollte man nicht streiten…

  8. Auch wenn es wohl viele nicht hören wollen: Der Döner Kebab ist auch eine Erfindung aus Deutschland!
    Erdacht wurde dieses zweite Nationalgericht in der ersten Döner-Bude der Welt am Berliner Kottbuser Damm 1.