Ich hatte eine Oma im Westen…

Rückblende und Zeitenwende (Symbolbild:Pixabay)

…eine feine, herzliche Dame mit vorzüglichen Manieren, die uns einmal im Jahr besuchte. Sie trug duftende Kostüme. Immer mit passenden Accessoires. Tüchlein, Hut, Lippenstift, Perlenkette. In den Sechzigern holten wir sie vom Bahnhof ab, später dann mit einem Wartburg, von dessen Beifahrersitz aus sie besorgt feststellte, dass das Fahren hinter einem Trabant doch irgendwie gesundheitliche Folgen haben müsse. Ich empfand das als stolzer Gastgeber und Vertreter einer nun immerhin motorisierten Siegergesellschaft etwas befremdlich und roch erst viel später, nachdem die rauchenden Plastikmobile zum singulären Ereignis auf Straßen geworden waren, dass sie recht hatte.

Einen Opa brachte sie nicht mit, es gab ihn wohl nicht mehr, dafür aber (sie schien wie von Geisterhand über meine geheimsten Wünsche informiert) formidable, aus einem riesigen Koffer gezauberte Mitbringsel. Einen Revolver mit 8er-Zündringen zum Beispiel, deren Besitz heute kaum durch den kleinen Waffenschein abgedeckt wäre, oder einen Radio-Kassettenrecorder, der noch zehn Jahre später die bewundernden Blicke meiner Freunde und sogar die potentieller Freundinnen auf sich ziehen sollte. Meine Oma lebte allein, ihr Alltag schien bestimmt zu sein von einer schön gelegenen Wohnung mit Balkon in Mittelfranken, Fernsehabenden mit Roberto Blanco, gelegentlichen Canastarunden mit Freundinnen und einigen Reisen zu entfernten Verwandten nach Spanien. Ein Land, das ungefähr so weit entfernt lag wie der Mond.

Besondere Tage

Die Tage mit der Oma waren besondere Tage. Das konnte man schon im Vorfeld ihres Besuchs erkennen. Denn die Vorbereitungen waren der Ankunft eines Staatsgastes durchaus angemessen. In Ermangelung eines Gästezimmers wurde ein Hotelzimmer in einem Haus gebucht, von dem meine Eltern vermuteten, dass man ihm seine industrielle Herkunft von außen noch am wenigsten ansah. Aus dem „Delikat”-Laden wurden exorbitante Würste und Säfte herbeigeschafft. Ein fetter Blumenstrauß gehörte ebenso zum Ritual wie der Sonderwaschgang für den Wartburg vor der Garage und eine neue Garderobe für Mama. Die für gewöhnlich aus dem „Exquisit” stammte. Die Garderobe. Mama natürlich auch.

Mit den Jahren wuchs ich der Oma über die Hutschnur, und der alleinlebenden, zierlichen, nun etwas gebrechlichen Frau stellten wir am Ende ihrer zuletzt kürzeren Besuche beim Abschied immer die Frage, ob sie denn nicht vielleicht in unsere Nähe nach Dresden ziehen wolle. Zwar hätte ich es mir anhand einiger Fotos durchaus vorstellen können, dass wir auch in die Nähe meiner Oma ziehen, aber das schien nicht so ohne weiteres möglich. In lebhafter Erinnerung geblieben ist mir jedenfalls der Blick, der statt einer formulierten Antwort unmissverständlich klarstellte, dass eine Expedition in die Wüste unabhängig vom ihrem Alter und Zustand nicht in Frage käme. Das fand ich in seiner ganzen, jeden Widerspruch ausschließenden Entschiedenheit doch erstaunlich.

Irgendwann wurde nicht mehr gefragt. Meine Oma lebte zuletzt in einem hervorragend ausgestatteten und betreuten Seniorenheim, in dem sie in den Neunzigern, auch aufgrund der spärlicher werdenden sozialen Kontakte, starb. Meine Oma war die erste und nachhaltigste Begegnung mit der Zugkraft des Kapitalismus gegenüber der solidarischen Gleichheitsgesellschaft. Ich würde sie gern nochmal fragen, ob ein Umzug jetzt in Frage käme.

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4 Kommentare

  1. Sicher schon, Ossiland, ist entgegen Behauptungen „Alternativer“-Medien, durch aus assimiliert, was „westliche Werte“ betrifft. Sowohl optisch, als auch innerlich. Gut, letzteres war nie anders, wurde nur unterdrückt.

  2. Berührender kleiner Bericht. Für die Öffentlichkeit bestimmt. Ich bin 70jährige bisher vierfache Großmutter; aufgrund des Alters, so meine ich, klüger werdend (jetzt lache ich selber). Das Wort „Oma“ lehne ich in meiner Privatsphäre ab, und ich finde, daß es – noch mehr für den öffentlichen Bereich – nicht verwendet werden sollte.

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  3. Was für ein schöner, berührender Artikel ! In diesen trüben Zeiten Futter für die Seele! Vielen Dank! Jetzt tut es mir noch mehr leid, daß meine Familie keinerlei familiäre Kontakte in die damalige DDR hatte.

    Vor wenigen Tagen erschien auch auf einem anderen Blog eine Homage an die Omas und Opas, wenn auch leider vor einem sehr betrüblichen Hintergrund. Für alle, die es interessiert:

    https://pleiteticker.de/kult-bonbon-pleite-120-mitarbeiter-vor-dem-aus/

    Es geht um die Firma Bodeta, von der ich bislang nie gehört hatte. Aber ihre Bonbons kennt jeder.

  4. Ihre Oma würde sicherlich jetzt auch nicht in den Dunkelosten ziehen wollen. Übrigens. Ich hatte eine Tante und einen Onkel in Wuppertal. Beide waren nicht gesegnet mit Geld. Sie konnten sich Besuche bei ihren Geschwistern in der DDR kaum leisten. Mein Onkel war auch öfters arbeitslos. Er war mitnichten ein Tunichtgut, sondern ein arbeitsamer Mann. Meine Tante hatte kein Geld, uns bei ihren spärlichen Besuchen etwas Schönes mitzubringen. Diese Seite gab es auch.
    Auch diese Seite. Wir hatten ein jungen Pärchen aus Frankreich bei uns zu Besuch (als wir noch jung waren). Wir waren Brieffreunde damals. Diese jungen Franzosen haben die DDR genossen, weil es ihnen in Frankreich nicht besonders gut ging. Wir mussten nicht Delikat-Sachen auf den Tisch stellen, weil sie nur Genügsamkeit kannten. Sie haben sich bei uns, wie sie uns dann sagten, durchgefuttert. Sie hatten auch nicht allzuviel an Kleidung mit. Als wir mit ihnen in eine Ballettaufführung in unser Opernhaus gingen, haben wir sie erst mit meinen Sachen etwas ausstaffiert. Die Französin habe ich zum Zahnarzt bei uns begleitet. Sie war beeindruckt, dass sie nichts hat zahlen müssen und gut versorgt wurde. Das war mein Bild vom Westen.

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