Im Sog der Gesinnungstrends: Windsack müsste man sein!

Angestrahlte Fassaden, strahlende Haltungsritter (Foto:Imago)

Zum Glück fallen Menschen nicht in den Winterschlaf. Da läge man einige Wochen dösend und vollgefuttert in seiner miefigen Höhle, während auf der südlichen Erdhalbkugel irgendetwas geschieht, was einen zutiefst betroffen machen müsste. Etwa das Aussterben des australischen Senkfuß-Kängurus, dem Äquivalent zum Eisbären der Nordhalbkugel. Vielleicht hat der Klimawandel es fortpflanzungsmüde gemacht – das Senkfuß-Känguru trinkt bei Hitze lieber ein kühles Bier als an Paarung zu denken. Tierschützer schlagen Alarm, Spendenaktionen werden gestartet. Im Norden jedoch schliefe man den Schlaf der unfreiwillig Ungerechten – und bekäme vom traurigen Schicksal des Beuteltiers gar nichts mit. Eine Chance, sich zu positionieren, ist verflogen; das ist äußerst ärgerlich. Bei Facebook wurde man zwischenzeitlich von zehn Australiern entfreundet, die den Winterschlaf der Nordhalbkugel für eine billige Ausrede halten, um keine Haltung zeigen zu müssen. Na wartet!

Mittlerweile ziert so manches Profilbild in den sozialen Medien die ironische Aussage „I support the current thing!“ – man müsste wirklich ein Windsack sein, der wird automatisch in die richtige Richtung gezogen, weil sein leichter Stoff der Brise nichts entgegenzusetzen hat. Mit ernsthaftem Einsatz für eine Sache hat all das nicht mehr viel zu tun; dabei sein ist alles. Wer Verwandte oder Freunde in der Ukraine hat, zittert natürlich tatsächlich um deren Leben, das ist dann aufrichtige Anteilnahme; aber andere Nutzer der sozialen Medien passen sich einfach dem jeweiligen Trend an, weil es eben „alle so machen”. Inzwischen kann man sogar allerhand „Ukraine-Merchandise” im Internet kaufen: Fahnen sowieso, aber auch Pins zum Anstecken oder die üblichen Tassen. Alle Onlineshops rufen zum Spenden auf – ich gebe es zu, auch ich habe ein Baby-Paket gestiftet. Die kleinen Mäuse dort können einem schon leid tun. Es ist nicht schwierig, am Rechner ein bisschen Solidarität zu zeigen – so lange es nicht in Gesinnungsdruck ausartet. Aber diese Grenze ist schnell überschritten. Es ist heute schon Luxus, gar keine Meinung mehr zu einem Thema zu haben – von einer abweichenden ganz zu schweigen. Selbst als Ausdruck von Bescheidenheit (man kann sich schließlich nicht mit allem auskennen, vor allem, wenn die Lage verzwickt ist) wird ein Schweigen nicht akzeptiert. Es empfiehlt sich also, einfach in der Herde unterzutauchen.

Schweigen wird nicht akzeptiert

Wie schnell Empörung wieder abflachen kann, wenn sie mit vorherrschender Ideologie kollidiert, zeigt der Fall des ermordeten französischen Lehrers Samuel Paty. Er hatte es gewagt, mit seinen Schülern über die Mohammed-Karikaturen der Satire-Zeitschrift „Charlie Hebdo“ zu sprechen, die ihrerseits Ziel eines islamistischen Anschlags geworden war. Einigen seiner Schüler gefiel dies absolut nicht, was zunächst zu einer Diffamierungskampagne und dann zu seiner Ermordung führte. Kurzfristig gaben sich sogar Linke und Grüne entsetzt, wollten dem Islamismus entschieden entgegentreten, den Angriff auf die Werte Europas nicht hinnehmen und äußerten so ziemlich jede Floskel, die in solchen Momenten laut deutschem Betroffenheits-Handbuch opportun ist. Man empfindet daraufhin einen Moment der Hoffnung, es könne nun doch noch so etwas wie Einsicht in die multikulturelle Blümchenwelt einkehren – doch diese verfliegt rasch: Binnen kürzester Zeit erliegt das Juste Milieu wieder seinem Bedürfnis nach Harmonie und Integration, und das in der festen Überzeugung, dies würde dankbar angenommen. Jetzt bloß kein Rassismus! Die Schule ist nun einmal ein ungemütlicher Ort… warum musste Paty seine Schüler auch so provozieren? Und schon schnappt die Falle zu – wir sind wieder bei der Täter-Opfer Umkehr angelangt.

Da kann man nur hoffen, dass auch der Corona-Kult, der nun schon erschreckend lange ein Schwarmverhalten bei seinen Anhängern auslöst, irgendwann in der Versenkung verschwindet. Von Bhagwan redet schließlich heute auch niemand mehr. Immerhin zog der seinen Jüngern nur das Geld für seine Rolls-Royce-Sammlung aus der Tasche und zwang ihnen keine Impfung auf. Emilia Fester, die ungeküsste Bundestagsabgeordnete der Grünen, gibt dann auch gleich die Schuld an den ihr entgangenen Liebesbekundungen den Impf-Häretikern. Während anderen in fünf Jahren vielleicht einmal peinlich sein wird, wozu sie sich im Zuge der Pandemie hinreißen ließen, werden Menschen wie Emilia Fester wahrscheinlich noch im hohen Alter davon überzeugt sein, durch ihr Engagement den Untergang der Menschheit abgewendet zu haben. Alle anderen haben sich dann längst den nächsten Themen zugewandt, die eine Positionierung verlangen.

Gemeinsam panikt es sich schöner

Es ist verdammt schwierig geworden, erst einmal eine ausgleichende Position einzunehmen, bevor man ausreichend Informationen gesammelt hat, um die Lage erst einmal für sich selbst zu entschlüsseln. Und sei es auch nur, um im Umfeld zwischen zwei Parteien zu vermitteln, weil man es einfach furchtbar findet, wie Menschen in die Haare geraten können, nur weil ihre Ansichten nicht hundertprozentig übereinstimmen. Selbst der Kontakt per Telefon scheint plötzlich infektiös zu sein, wenn der ehemals beste Freund nicht fünffach geimpft ist, seinen Wodka weitertrinkt oder keine Maske trägt, während er die Zeitung aus dem Briefkasten holt. Umgekehrt funktioniert das manchmal ebenfalls, auch wenn ich hier nur auf Hörensagen zurückgreifen kann. Putin, Flüchtlinge oder Corona: Es ist allemal geruhsamer, sich in den Schoß einer eindeutig positionierten Gruppe zu begeben, selbst wenn dort die blanke Panik herrscht. Gemeinsam panikt es sich einfach schöner!

Dies sind schlechte Zeiten für Grübler, zumal, wenn sie selbst entscheiden, was sie als plausibel erachten. Selbst wenn sie anderen das Gleiche zugestehen, sitzen sie schnell zwischen allen Stühlen. Denn immerhin darin sind sich die meisten einig: Der Vorsichtige ist ein Verräter – woran auch immer. Es ist eine Sekte da draußen – und sie ist im Jagdmodus.

6 Kommentare

  1. Schöner kann man die Situation aktuell kaum beschreiben. Wer sich noch gegen die Spaltung durch das große C halbwegs erwehren konnte, der gelangt durch das nicht minder große U nun an seine Grenzen. Die Gräben sind entweder dieselben oder werden leicht korrigiert und dann ganz plötzlich befinden sich Menschen an deiner Seite oder als deine Gegner wieder, mit denen jahrelang jedes Familienfest und jeder Feiertag begangen wurde, inklusive der alljährlich wiederkehrenden Diskussionen. Aber heute lassen sich die Gemüter nicht mit dem nächsten Trinklied oder Prost wieder zusammenführen. Heute macht noch nicht mal die Überlegung einer Geburtstagsfeier mehr Spaß! Schließlich haben sich noch nicht alle, sonst üblichen, Teilnehmer, positioniert und Eklat braucht es zum Jubelfest ja auch nicht. Nachdem wir nun 2 Jahre schon wegen dem großen C nicht mehr gefeiert haben, lassen wir es also jetzt wegen dem großen U sein. Flugs wurde wieder ein Graben zu einem unüberwindlichen Canyon und die sogenannten Eliten haben gesiegt. Wenn die Menschen nicht mehr miteinander reden, dann können sie sich auch nicht gegenseitig helfen, unterstützen und womöglich überzeugen.
    Im Sinne Eurer Familien, lasst Euch nicht darauf ein! Blut ist immer noch dicker als Wasser und ein gemeinsames Essen hat schon vor Jahrhunderten geholfen die Menschen wieder zusammen zu bringen! Lasst uns zusammenkommen und reden, gleich welcher Ansicht Neffe, Nichte, Sohn und Tochter oder Nachbarn und Bekannte sind! Ein gemeinsames Glas Wein macht vieles wieder gut!

  2. In der Natur des Menschen ist es begründet, dass er immer zu denen gehören möchte, die die Macht haben. Wahrscheinlich ist das evolutionär bedingt. Deshalb wird es immer genügend Menschen geben, die ihre Fahne nach dem Wind hängen, am besten mit vorauseilendem Gehorsam.

    Wesentlich verstärkt wird dieser Effekt, wenn es eine Gruppe von Menschen gibt, die ausgegrenzt werden kann. Dann zeigt sich erst die wirkliche Macht. Die Ausgegrenzten können dann nach Herzenslust diffamiert werden, z.B. die Ungeimpften.

    Wer sich mit dem Lebensentwurf von Jesus jemals ernsthaft beschäftigt hat, der weiß, dass es Jesus um die Ausgegrenzten seines eigenen jüdischen Volkes ging.

    Wenn also die Kirche die Lehre von Jesus wirklich ernst nehmen würde, dann müsste sie sich um die von der Gesellschaft Ausgegrenzten kümmern. Jeder kann selbst beurteilen, ob sie das tut.

    In diesem Sinne sehe ich eine Chance für die AfD. Sie wird von den Kartellparteien ausgegrenzt. Das schweißt zusammen und sorgt dafür, dass man auf dem Boden der Realität bleibt.

    Ich habe selbst die Erfahrung gemacht, dass man mit AfD-Mitgliedern kritische Gespräche führen kann, die ich mir mit Mitgliedern anderer Parteien zu führen nicht vorstellen kann.

  3. Die Ukraine nervt.
    Ist doch nichts besonderes.
    Irgendwo finden immer Kriege statt. Und immer hat die USA ihre Finger im Spiel.
    Wieso überzieht man die nicht mit Sanktionen?

  4. Mal vier Monate am Stck. ausschlafen täte vermutlich der Psyche unheimlich gut, zumindest würde einem dann ein Redebeitrag einer gewissen „Göre“ Emilia Fester etc., ja, da wird es bei mir nur schlaffer statt fester, erspart bleiben.

  5. Ich bin gerührt, dass man in dieser schwierigen Zeit der Verlogenheit und Diffamierung immer noch klar denkende Menschen findet, die sich hier äußern, bis auf wenige Ausnahmen.

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