
Der Westen befindet sich heute wie im Todesschlaf: Er schafft sich selbst ab und hält es gleichzeitig für völlig normal. Es ist ein Sterben, das sich diskret und fast geräuschlos vollzieht. Doch es ist ein Naturgesetz: Da, wo eine Sache verschwindet, nimmt eine andere ihren Platz ein. Unsere Stadtbilder erhalten zunehmend eine islamische Prägung, Terrorakte häufen sich seit Jahren und nehmen kein Ende. Daneben scheint Sexualität keine Privatsache mehr zu sein. Verschiedene Formen „sexueller Vielfalt“ werden den Menschen – auch Kindern – förmlich ins Gesicht gerieben. Der „Normalbürger“ hat es gutzuheißen. Die Bevölkerung ist den ganzen Entwicklungen gegenüber wie in einem Tunnelblick gefangen. Die meisten leben einfach weiter, wie wenn gar nichts Ungewöhnliches geschehen würde.
Der afrikanische Kardinal Robert Sarah aus Guinea versucht immer wieder, „die Toten aufzuwecken“, indem er westlichen Gesellschaften schonungslos ins Gewissen spricht. Der 81-jährige ist ein Mann mit einer Mission. Sarah ist Stachel im Fleisch von Kirche und Politik. Dabei scheut er nicht vor offener Kritik an Papst und Regierungschefs zurück. Er praktiziert das, was der der französische Philosoph Michel Foucault „Parrhesia“ genannt hat: Er spricht harte und verletzende Wahrheiten aus, aber nicht um zu schaden, sondern um zur Selbsterkenntnis zu führen.
Ein stolzes Kind des Kolonialismus
Sarah zufolge hat der Westen einen „Trauermarsch der Dekadenz“ angetreten. Es handelt sich um einen Teufelskreis aus moralischem Verfall, Selbstverleugnung und Kraftlosigkeit. Der Kardinal wurde nicht im Westen sozialisiert, doch empfindet er tiefe Wertschätzung für das, was er als die wahren westlichen Werte betrachtet und mit denen er in der Kindheit durch die Kolonialisierung in Berührung gekommen ist: “Als ich noch in Afrika lebte, durfte ich von den wunderbaren Früchten der Kolonisation durch den Westen zehren. Die kulturellen, moralischen und religiösen Werte, welche die Franzosen uns brachten, waren für uns eine große Bereicherung. Die Kolonisatoren brachten viele lebendige, durch das Christentum geadelte Traditionen ihrer Vorfahren mit. Ihre Auffassungen von der Würde des Menschen, seinen Rechten und Werten waren etwas absolut Neues. Frankreich hat mich eine hervorragende Sprache gelehrt. Seine Missionare brachten mir den wahren Gott. Ich bekenne mich gern dazu, Kind einer konstruktiven Kolonisation zu sein.”
Sarah hat durch die westliche Kolonialisierung Schätze an Bildung, Kultur und Religion empfangen. Er hat mit dem historischen Kolonialismus kein Problem, wohl aber mit dem, was er als den heutigen „Neo-Kolonialismus“ bezeichnet. Hier geht es darum, dass unter dem Banner westlicher Werte „sexuelle Vielfalt“, „Recht auf Abtreibung“ und vieles andere in die Welt exportiert werden sollen. Für vermeintliche oder tatsächliche Verbrechen des Kolonialismus schlägt sich der Westen mit einem „mea maxima culpa“ an die Brust, während er gleichzeitig neue Formen der Kolonisation ausbrütet, die den Interessen der Völker tatsächlich wiederlaufen. Genau dieser Widerspruch ist es, den Sarah ablehnt: “Heute zieht der Westen mit falschen und gefährlichen Wertvorstellungen nach Afrika. Ich kann es nicht hinnehmen, dass ein Gift verteilt wird, welches den traditionellen afrikanischen Menschen zu vernichten droht. Warum will der Westen etwas auslöschen, was er selbst hervorgebracht hat?”
Der kultursuizidale Westen
Das Kulturleben ist wie der seelische Seismograph einer Gesellschaft. Er zeigt an, welche Werte und Überzeugungen für sie prägend sind. Kulturell beschreitet der Westen heute einen Weg vom Licht in die Dunkelheit. Es geht nicht mehr um das klassische Ideal des Guten, Wahren und Schönen. Es wird eine Art Hässlichkeitskult betrieben, bei dem vor allem das Abstoßende, Verwirrende und Unheimliche im Vordergrund steht. Exakt hierin werden für Sarah die mangelnde Selbstachtung und der Todestrieb des Westens deutlich: “Infolge eines gewaltigen Hochmuts, selbstverschuldeter Blindheit und unbegreiflicher Todessehnsucht blendet der Westen die Realität aus. Man befürwortet falsche Werte und macht sich für sie stark. Das Widerwärtige wird als ästhetisch bezeichnet, unmoralisches Verhalten gilt als Fortschritt. Ist sich das Abendland über den Abgrund im Klaren, den es unter seinen Füßen aufreißt?”
Die westliche Welt bearbeitet die eigene geschichtliche Kultur mit der Abrissbirne, doch setzt sie nichts Besseres oder Gleichwertiges an die Stelle. Sie vertauscht, wie Sarah verdeutlicht, Gold gegen Unrat. Durch seine „unbegreifliche Todessehnsucht“ versteht der Westen nicht, dass er global betrachtet als Geisterfahrer unterwegs ist. In anderen Teilen der Welt kommt man nicht auf den Gedanken, die eigene Kultur systematisch abzutragen und dabei gleichzeitig kulturfremde Massen ins Land zu holen. Es ist sicher nicht übertrieben, von kulturellem Selbsthass und einer geradezu diebischen Freude am eigenen Untergang zu sprechen, die die westlichen „Eliten“ erfasst haben. Besonders makaber wird diese Tendenz für den afrikanischen Kardinal dort, wo es um das geistliche Erbe des Westens geht: „Der Westen scheint sich darüber zu freuen, dass Kirchen in Turnhallen umfunktioniert werden, dass romanische Kapellen zerfallen, dass seinem geistlichen Erbe eine völlige Entsakralisierung droht. Russland hingegen zahlt Unmengen an Geld, um die Schätze der orthodoxen Kirche zu restaurieren. Nicht einen Augenblick überdenkt der Westen die zahlreichen Konsequenzen seiner jämmerlichen Niedertracht gegen die christliche Kunstgeschichte.“
Für die Völker, gegen die Massenmigration
Eine weitere Form „jämmerlicher Niedertracht“ ist der Umgang europäischer Eliten mit der Massenmigration. Aus der Sicht Sarahs ist die Überflutung Europas mit Migration weder ein Betriebsunfall, noch Teil natürlicher Völkerwanderung, die es angeblich schon immer in Europa gegeben hat. Im Gegenteil: Die scheinbar so chaotische Migrationsflut wird von den europäischen Regierungen genauestens beobachtet und orchestriert, sie wird von ihnen bewusst gewollt. Welches Problem kann aber Sarah mit der schrankenlosen Migration haben? Ist sie nicht ein Schulbeispiel eines christlichen Humanismus, wie man uns immer wieder einbläuen will? Das Besondere an Sarahs Position ist es, dass er die Massenmigration nicht nur als politisch falsch ablehnt, sondern sie als Versündigung gegen die Schöpfungsordnung betrachtet. Sie ist für ihn der Versuch, den Plan Gottes für die Völker zu durchkreuzen. Seine Ablehnung der Massenmigration und Völkervermischung steht also nicht in Spannung zum Christentum, sondern ist Ausdruck des Glaubens.
Er erklärt dies folgendermaßen: “Die heutige Globalisierung ist das Gegenteil des göttlichen Plans, denn sie führt zur Uniformierung des Menschen. Die Globalisierung will den Menschen von seinen Wurzeln, seiner Religion, seiner Kultur, seiner Geschichte, seinen Bräuchen abschneiden. Damit verliert er sein Vaterland, seine Heimat, seine Erde. Überall und nirgends ist er zuhause. Dabei ist die Heimat, in der er geboren wurde und aufgewachsen ist, für den Menschen eine Bereicherung. Er schöpft aus diesem besonderen geografischen Gebiet unschätzbare Ressourcen. Die Erde kann kein Ozean ohne Grenzen sein. Ein solcher Planet wäre ein Alptraum.”
Breite der Bevölkerung
Die Auflösung von Völkern und Nationen durch den Globalismus wird hier aus anthropologischen Gründen verworfen. Nationengrenzen sind nicht, wie Linke dies in völliger Phänomenblindheit meinen, willkürliche und „nervige“ Konstrukte, die schnellstmöglich abgeschafft gehören, sondern entsprechen zutiefst menschlichen Bedürfnissen. Rosa Luxemburg schrieb einmal: “Ich fühle mich in der ganzen Welt zu Hause, wo es Wolken und Vögel und Menschentränen gibt.” Doch dieses Weltbürgertum entspricht nicht dem Lebensgefühl der Mehrheit der Menschen. Die Ortlosigkeit erzeugt bei den meisten ein unangenehmes Gefühl des „Unbehaustseins“. Für Sarah steht hier also nicht der Bildungsbürger, der sich überall auf der ganzen Welt schnell heimisch fühlt, im Vordergrund, sondern die Breite der Bevölkerung, der „Normalbürger“, der eben eine Heimat braucht. Frei nach der berühmten Unterscheidung von David Goodhart, plädiert er für eine Kultur der „Somewheres“ nicht der „Anywheres“.
Natürlich betrachtet Sarah die Migrationsproblematik erst einmal aus der Perspektive seiner Landsleute. Doch gerade hier wird sich aus seiner Sicht die Migration zu einem Minusgeschäft entwickeln. Der Exodus junger Afrikaner nach Europa beraubt ihrer Heimat Familien und wertvoller Arbeitskräfte, die für den Aufbau der Länder benötigt werden. Deshalb sollte alles dafür getan werden, dass die Afrikaner in den Heimatländern bleiben.
Betrogene einer demokratiefernen Eliten-Politik
Doch europäische Regierungen tun das genaue Gegenteil: Beseelt von einem scheinheiligen Humanismus machen sie den Afrikanern illusorische Versprechungen und versuchen sie geradezu mit Gewalt nach Europa zu bringen. Ein Verhalten, dass Sarah zu Recht als „wahnsinnig“ bezeichnet: „Es ist schlichtweg Wahnsinn, den Völkern einzureden, dass alle Grenzen abgeschafft werden. Gewiss hat es immer Migrationswellen gegeben. Die Suche nach einem besseren Leben, die Flucht vor Armut und militärischen Konflikten ist nichts Neues. Doch die heutigen Umwälzungen haben eine völlig andere Tragweite (…) Was sind das für sonderbare Hilfsorganisationen, die durch Afrika ziehen und die jungen Leute zur Flucht antreiben, indem sie ihnen ein besseres Leben in Europa versprechen? Warum enden die Reisen in ein irreales Paradies für viele meiner afrikanischen Brüder in Tod, Sklaverei und Ausbeutung? Solche Geschichten empören mich. Die mafiösen Schlepperbanden sollten schonungslos ausgerottet werden.“
Doch auch die einheimische Bevölkerung wird durch Migrationspolitik betrogen. Die innere Zusammensetzung der europäischen Völker wird massiv und in irreversibler Weise verändert, doch die Eliten kommen nicht auf den Gedanken, die Menschen zu fragen, ob sie das auch wollen. Der Flüchtlingspolitik fehlt eine demokratische Legitimation, sie zeugt von einer Geringschätzung für die eigenen Leute. „Halten die Regierungen dieser Staaten das Volk für unfähig, in derart wichtigen Fragen über die Zukunft der Welt richtig zu urteilen? Hat die globalisierte Elite Angst vor der demokratischen Antwort auf den Flüchtlingsstrom?“ fragt Sarah hierzu.
Das Fehlen des Thymos in Politik und Kirche
Seit sich der Westen von sich selbst entfernt hat, kommt er nicht zur Ruhe. Das Vakuum, das er hinterlässt, wird mit verschiedenen Extremismen gefüllt. In einer kürzlichen Rede im EU-Parlament bezeichnete Kardinal Sarah die Genderideologie und den fanatischen Islamismus als apokalyptische Bestien, die den Menschen selbst zu zerstören drohen. Vor dem Hintergrund des Anschlages auf den Berliner “Christopher Street Day” bekommen diese Worte eine neue unheimliche Aktualität. Verschieden Formen von Extremismus scheinen in eigenartiger Weise zusammenzuhängen und sich wechselseitig zu verstärken. Die Krise, die der Westen durchläuft ist mehr als eine ideologische Krise. Peter Sloterdijk hat einmal das Wort von einer „thymotischen Unterversorgung“ der westlichen Moderne geprägt. Der „Thymos“ ist gemäß antiker Philosophie ein Seelenteil, der Sitz der Lebenskraft. Diese Lebenskraft gibt dem Menschen den Mut, Rückgrat zu zeigen und die eigene Würde zu verteidigen.
Und genau an dieser lebenserhaltenden Energie fehlt es derzeit in Europa. Fanatische Überzeugungen treffen auf einen Liberalismus, der dem eigenen Kulturerbe achselzuckend gegenübersteht. Diese Mischung ist fatal. Selbstbewusstsein ist Selbstschutz, wie Sarah deutlich macht: „Wenn das Abendland seine Identität zurückgewönne, könnte es sich wieder aufrichten und den Terrorismus bekämpfen. Gesundes Selbstbewusstsein ist die Voraussetzung für gegenseitigen Respekt. In einer sogenannten ‚offenen‘ Gesellschaft ohne eigene Identität sind die Menschen, die ein Wertesystem besitzen zwangsläufig auf der Gewinnerseite.“ Der heutige Anpassungskurs der Kirche, ihre fatale Rolle in der Politik ist wahrlich kein Ruhmesblatt. Auch kluge Linke haben das bemerkt. Mit Blick auf die Entwicklungen nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil sagte Max Horkheimer einmal: „Was ich der Kirche von heute wirklich vorwerfe, ist, dass sie nicht mehr den Mut hat, zu ihrer eigenen Lehre zu stehen.“ Kardinal Sarah ist sicher ein leuchtendes Beispiel dafür, dass nicht alle diesen Weg mitgegangen sind. Aufgabe der Kirche ist es nicht, die Litaneien des politischen Mainstreams nachzubeten, sondern “Zeichen des Widerspruchs” zu sein. Nur so kann sie auch in der Politik die Rolle eines sinnvollen Korrektivs erfüllen.
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5 Kommentare
Der Flüchtlingspolitik fehlt eine demokratische Legitimation
Seine Ablehnung der Massenmigration und Völkervermischung steht also nicht in Spannung zum Christentum, sondern ist Ausdruck des Glaubens.
Versündigung gegen die Schöpfungsordnung
Hässlichkeitskult
— — —
Zusammengefaßt: Auf dem Weg in die Finsternis.
Und Tschüß!
😜
Robert Kardinal Sarah wäre ein sehr guter Papst für diese Kirche geworden. Doch der Prophet gilt nichts im eigenen Land.
„Die heutige Globalisierung ist das Gegenteil des göttlichen Plans, denn sie führt zur Uniformierung des Menschen. Die Globalisierung will den Menschen von seinen Wurzeln, seiner Religion, seiner Kultur, seiner Geschichte, seinen Bräuchen abschneiden. Damit verliert er sein Vaterland, seine Heimat, seine Erde. Überall und nirgends ist er zuhause. Dabei ist die Heimat, in der er geboren wurde und aufgewachsen ist, für den Menschen eine Bereicherung. Er schöpft aus diesem besonderen geografischen Gebiet unschätzbare Ressourcen. Die Erde kann kein Ozean ohne Grenzen sein. Ein solcher Planet wäre ein Alptraum.”
Die Globalisisierung ist das Prodult des Strebens einer kleinen Elite nach Weltherrschaft und mehr.
Immerhin möchten manche selbst Gott gleich werden.
Vorallem verlieren Menschen ihre Ressourcen, ihre Freiheit, ihr Glück und ihre Selbstachtung.
Leute in Dekadenz merken das halt nicht in ihrer Sebstüberschätzung.
Oder dann doch, wenn das Geld nicht reicht.
So forderte diese hässliche Ikone der Berliner queeren Szene gerade in Hamburg die materielle Sicherung dieser unwürdigen Kreaturen wider die Natur durch den Staat.
So bedingen sich Unfreihheit, staatliche Alimentation und die Märchensteuer auf leicht einsehbare Weise.
Wie lange der wohl noch leben darf…
Herr Foucault (mit Derrida, Lyotard u.a)
ist der Ideengeber der Woke-Krankheit. Es waren Nihilisten, Atheisten und frustrierte Kommunisten. Er betrieb eine Parrhesia Simulation, er verkaufte seine nihilistische Dämonisierungen der abendländischen, christlichen Kultur als angeblich harte, auf Besserung zielende Kritik. Alles Lüge, alles Simulation. Er war der schlimmste aller Verleumder der Wirklichkeit im 20. Jht.
Möge er nicht als Stichwortgeber gebraucht werden. Möge er in der Hölle schmoren.