
Den Anlass für die Gedanken zu diesem Beitrag bot wieder einmal der “Spiegel”: Anfang November erschien darin ein Auszug aus Ullrich Fichtners Buch “Die Macht der Musik”, ein von ihm selbst exzerpiertes leidenschaftliches Plädoyer für die singende Gesellschaft und die unersetzbare Gegenwart der menschlichen Stimme. Gut so—und zugleich Anlass, zu zwei neuralgischen Punkten Fiedlers weiterzusprechen, an denen sich das deutsche Gespräch regelmäßig verheddert: Einmal an der Erbsünde-These vom „schuldigen“ Volkslied seit 1933, und dann und an der langen, oft missverstandenen Schattenwirkung der Adorno-Rezeption. Denn wenn das Feuilleton heute das Singen rehabilitiert, dann sollte es nicht in einer sentimentalen Entsühnung enden, sondern in einer nüchternen, souveränen Aneignung.
Wer vom Volkslied spricht, betritt vermintes Gelände. Das Terrain ist bekannt: Gleichschaltung, Liederbücher, Pathosformeln der „Volksgemeinschaft“, Festzüge, Fackeln, Trommeln – dieser Zugriff des Staates auf die Stimme der Menschen ist aktenkundig. Aus der unbestrittenen Missbrauchsgeschichte aber ist in der Bundesrepublik ein metaphysischer Bann geworden, der das Genre selbst verdächtigt: als habe die Form ein dunkles Wesen, das im Jahr 1933 sichtbar wurde und seitdem weiterdämmert. Dieser Kurzschluss ist bequem und falsch. Ein Lied ist kein Parteiorgan, sondern eine offene Form: Es lebt, weil es von Kontext zu Kontext wandert—von der Stube ins Wirtshaus, von der Schule in den Verein, von der Prozession ins Konzert, vom Wandervogel zur Familienfeier. Gerade diese Offenheit erklärt seine Anschlussfähigkeit – an Gemeinsinn, aber eben auch an (missbräuchliche) Indienstnahme. Man wird die Geschichte nicht lauter machen, indem man die Form ächtet; man macht sie nur stumm. Der reife Umgang ist der bürgerliche: historisieren, kontextualisieren, kuratieren—und dann singen. Wer behauptet, das Volkslied habe „seine Unschuld verloren“, gesteht im Grunde die Sehnsucht nach einer kindlichen Kultur zu, die es nie gab. Kultur ist nie unschuldig, sie ist gebrochen—und genau deshalb erwachsen.
„Regression des Hörens“
Die eigentliche Frage lautet daher: Was passiert in der leiblichen Praxis des Singens, das keine Ideologie je vollständig okkupieren kann? Eine Chorprobe beantwortet es besser als hundert Thesenpapiere: Man atmet gemeinsam und behält zugleich die eigene Linie; man lernt, dass Lautstärke keine Stärke ist und Aufmerksamkeit keine Schwäche. Der Chor ist die politischste Schule ohne Politik, weil er das Gemeinsame nicht als Gleichschaltung, sondern als hörende Ordnung erfahrbar macht. Das schon genügt, um die moralische Verschiebung zu erkennen: Nicht die Form trägt Schuld, sondern die Gewalt, die sich ihrer bemächtigt hat. Wer die Form verbannt, verwechselt Täter und Tatmittel. Wer sie erwachsen aneignet, verhindert Wiederholung. Und so liegt im Volkslied nicht eine deutsche Erbsünde, sondern ein deutsches Versäumnis: Jahrzehnte der Verlegenheit, wo Souveränität nötig gewesen wäre.
An dieser Stelle setzt die zweite Achse ein: Die Adorno-Rezeption. Man muss Adorno nicht lieben, um ihm Respekt zu zollen. Sein Verdacht gegenüber der Kulturindustrie, seine Diagnose der Standardisierung, sein Begriff der „Regression des Hörens“ – das alles bleibt eine kritische Werkbank, an der sich auch heute noch brauchbare Werkzeuge finden. Doch aus der Werkbank wurde ein Altar. In der Nachkriegszeit prägte Adornos Stimme das Klima, in dem alles Populäre ein Verdachtsfall und alles Gemeinschaftliche ein Vorhof des Kollektivismus schien. Dies hat das Gehör geschult – und zugleich abgewöhnt. Aus dem legitimen Misstrauen gegen Massenrituale wurde ein Generalmisstrauen gegen die Rituale der Bürgerlichkeit, aus der Warnung vor Uniformität ein Unwohlsein gegenüber jedem Gleichklang, auch dort, wo er Differenzen erst hörbar macht. Die Lektüre wurde zur Schablone; eine Musiksoziologie der Ware verschluckte die Phänomenologie der Praxis.
Theorie des Verdachts
Denn Chorarbeit ist gerade das Gegenteil von Standardisierung: Sie erzwingt das Ohr für Nuancen. Kein wirtschaftlicher Takt gibt vor, wie der Einsatz gelingt; keine Marketingformel entscheidet, wie die Altlinie die Tenorstimme trägt; keine Playlist-Kurve erklärt, weshalb ein Atemzug zu früh die ganze Architektur verrückt. Chor ist Handwerk, und Handwerk ist die praktische Widerlegung der These, dass alle Form in Ware zerfällt. Hier fällt das Urteil vom Kopf in den Körper zurück: Man kann nicht über Differenz sprechen, ohne sie zu hören. Adornos Stärke war die Theorie des Verdachts; ihre Schwäche beginnt dort, wo sie Praxis durch Verdacht ersetzt. Der konservative Gegenentwurf ist schlicht: Misstrauen kultivieren ja; Verantwortung praktizieren erst recht! So gesehen ist der Fichtners Anstoß doppelt nützlich. Erstens, weil er das Singen von der hohen Bühne in die Nähe holt: an die Wiege, in die Küche, auf den Dorfplatz, ins Stadion, in die Kirche, in den Verein. Zweitens, weil er eine Stimmung trifft, die nach Jahren der Vereinzelung und Bildschirmpflege wieder auf Gegenwart und Resonanz zielt. Aber dieser Impuls bleibt schwach, wenn er nur als Stimmungsaufschwung gedeutet wird.
Er verlangt politische Formen: nicht die staatspädagogische Hymne und nicht die kulturindustrielle Kitschmaschine, sondern denselben bürgerlichen Dreiklang, den schon die besten Laienchöre vormachen – Disziplin, Urteil, Freiheit. Disziplin ohne Denunziation: Man steht pünktlich da, kann Noten lesen oder lernt es, übt das Atmen, hört auf Zeichen, aber niemand wird moralisch kontrolliert, weil ein Ton verrutscht. Urteil ohne Ressentiment: Ein Lied mit problematischer Geschichte wird nicht gestrichen, sondern erklärt, kontextualisiert, gegebenenfalls in anderer Strophe gesungen, mit einer neuen, hellhörigen Rahmung. Freiheit ohne Pose: Wer mitsingen will, singt mit; wer nicht will, bleibt Zuhörer – und ist doch Teil der gemeinsamen Ordnung, die das Hören hervorbringt. Daraus folgt, ganz prosaisch, eine konservative Kulturprogrammatik, die weniger Geld als Haltung braucht. In die Schulen gehört die Singstunde zurück! Nicht als Nostalgie, sondern als Stimmbildung und Kulturtechnik des Gemeinsinns. Und in Vereine und Gemeinden gehört wieder das „Offene Singen“ … ohne peinliche Rührung, dafür mit guter Leitung, sauberer Auswahl und erklärenden Worten. So wie in die Kirchen die Ermutigung gehört, das Liedgut nicht zu verkleinern, sondern zu erweitern – und, wo nötig, problematische Fassungen kenntlich zu machen, anstatt das Werk zu entsorgen. In die Ausbildung gehört die Aufwertung des Dirigierens, der Laienprofessionalisierung, der Musikpädagogik als bürgerlichem Handwerk. Wer fördern will, fördere Praxisqualität: das hörbare Ergebnis geübter Freiheit, nicht die korrekte Gesinnung.
Freude ohne Unschuld
Damit wäre zugleich die falsche Alternative erledigt, die seit Jahrzehnten das Feld vergiftet – entweder unberührte Unschuld hier oder moralische Kontamination dort. Denn es gibt einen dritten Weg, und der ist der einzig erwachsene: Freude ohne Unschuld. Man muss das Singen nicht heiligen, um es ernst zu nehmen; man muss das Volkslied nicht verklären, um es zu verteidigen; man muss Adorno nicht stürzen, um ihn zu relativieren. Es genügt, dort anzusetzen, wo Ideologie am wenigsten Zugriff hat: in der konkreten Arbeit am Ton, in der leiblichen Übung, die die gemeinsame Ordnung erzeugt, ohne sie zu verabsolutieren. Die Pointe ist schließlich politisch, aber nicht parteipolitisch. Der Chor ist eine republikanische Schule: Er beweist im Kleinen, dass Einheit im Unterschied möglich ist, ohne dass jemand marschiert. Gerade autoritäre Systeme begehren diese Form, weil sie stark ist; doch ihre Stärke liegt nicht im Gleichschritt, sondern im hörenden Miteinander. Deshalb ist die richtige Antwort auf die vereinnahmte Vergangenheit nicht die Selbstamputation der eigenen Formen, sondern ihre souveräne Wiederaneignung. Der Chor ist kein Relikt, er ist ein Gegenmittel. Er kuriert nicht die Geschichte, aber er heilt Gewohnheiten: die Gewohnheit, das Eigene aus Scham auszulagern; die Gewohnheit, Praxis durch Verdacht zu ersetzen; die Gewohnheit, Kultur entweder zu musealisieren oder zu verdammen.
Bleibt die Frage nach der Schuld. Man kann sie nicht abschaffen, aber man kann sie an den richtigen Ort rücken. Schuld ist eine personale Kategorie. Sie haftet nicht der Form an, sondern denen, die missbrauchen. Wer diese Unterscheidung ernst nimmt, wird das Volkslied nicht entladen, sondern entlasten: nicht durch Vergessen, sondern durch Urteil. Man singt nicht trotz der Geschichte, man singt mit ihr – und gegen ihren Missbrauch. Das ist der Unterschied zwischen Bekenntnis und Übung: Das eine redet groß, das andere arbeitet. Und Arbeit am Lied ist Arbeit an der Freiheit. Vielleicht ist das der leise, der eigentliche Sinn des “Spiegel”-Impulses: nicht die Rehabilitierung der Stimme als romantische Instanz, sondern ihre Rückholung in den Bereich der verantwortlichen Kultur. Der Chor, dieses bürgerliche Wunderwerk, bringt es auf die einfachste Formel: Man hält die eigene Linie, hört die anderen, atmet gemeinsam – und widerspricht rechtzeitig, wenn einer anmaßend grölen oder gar dazu den Stechschritt probieren will.
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6 Antworten
@„Kompromittiertes“ Liedgut
ich habe mal gehört – vor vielen Jahren schon – das Geisteskrankheiten grenzenlos sind und nicht auf bestimmte Themen beschränkt.
Und dieser Umfang gilt als Beleg für die These, das die Erde ein Experiment Außerirdischer ist, die mal sehen wollen, wie sich eine grundlegend geisteskranke Gesellschaft entwickelt und vernichtet.
Und meiner Meinung nach nimmt Deutschland in diesem Wahn die Pole Position ein – die Deutschen sind führend !
Gratulation an die Regierung !
Ich hab so was ähnliches auch mal gehört, hab’s aber zum Glück gleich wieder vergessen.
😜
das ganze linksdrehende redebrechen über deutsche Generationsschuld prallt an der Nach 1945++ geborenen Generationen ab. Genauso wie an den gestern und morgen Geborenen !!! Viele der hier aufgewachsenen Fremdmenschen mit deutschen Pass old Shool erworben mit Tests ,sind eh von den Grünen_kmäern nur noch entsetzt und abgestoßen 🤮😡
Wenn die Zeiten finanziell schlechter werden gehen sie wieder in die Kirche.
Wenn die Zeiten schlechter werden, wird in den Gasthäusern wieder gesungen werden. Erinnere mich an meine Jugendzeit nach 45 da erklangen so um Mitternacht die tollsten Wehrmachtslieder die zum Teil heute verboten sind!!!
Zu heute: Was macht der Bankrotteur Merz am Ende, er zieht die primitivste Nummer aller Zeiten ab und verschuldet sich in ungeahntem Ausmaß und die Leute sind sich noch nicht einmal darüber im Klaren, dass sie am Ende mit ihrem gesamten Vermögen haften und so regieren Idioten über Idioten und das nimmt ein schlimmes Ende und das dumme Geschwätz der Förderung von Startups, um das Land zu retten zeigt erneut, dass sie keine Ahnung haben, denn Unternehmensgründungen mit Erfolg und Ertrag sind ein langwieriger Prozess und während man alte und noch gesunde Balken absägt sitzt man auf den dünnen Ästchen und hofft auf Besserung, die allenfalls nur noch über ein Wunder geschehen kann, denn unser ganzes System ist so morsch- marode, wo man nicht mehr daran glauben kann, dass es mit solchen Typen jemals wieder besser wird, sie erst mal deutsche Brücken reparieren müssen um überhaupt an die Russenfront zu kommen.
Früher sagte man, er kam, sah und siegte und heute ist es umgedreht, er hat es nicht gesehen und dabei alles vor allem der Bürger , verloren, was nun mal eine Tatsache ist, wenn man den falschen Leuten seine Geldbörse anvertraut. Aufgemerkt Bürger, DAS SEID IHR!!!!
Für Verfechter der „“unsere Demokratie““ ist alles deutsche eh verbrecherisch. Die wollen eher einen islamischen Staat. Viel Glück des Überlebens.