Lange ist’s nun her: Ein fiktionaler Chronist berichtet

Truppen des Russischen Imperiums 2040 (Foto:Imago)

Es ist der 1. April 2022, als die ersten gepanzerten Verbände der russischen Armee im Morgengrauen ab 5.45 Uhr auf den Seelower Höhen auf deutsches Territorium vorstoßen. In einer Rede am Vorabend hatte Wladimir Putin von seinem Hauptquartier „Bärenschanze” in Polen erklärt, Deutschland ein zweites Mal entnazifizieren und seine in der „Unabhängigen Volksrepublik Berlin-Hohenschönhausen” lebenden russischen Landsleute sowie die Bürger der ehemaligen DDR vor dem Zugriff einer dekadenten, drogensüchtigen Führungsclique, womit er die Grünen meinte, beschützen zu müssen.

9.30 Uhr: In Reaktionen deutscher Politiker wird der Überfall in aller Schärfe verurteilt: „Herr Putin, ziehen Sie sofort Ihre gefanzerten Paarzeuge in die Ost-Kokaine zurück!”, fordert Außenministerin Annalena Baerbock in einer ersten Stellungnahme. Bundespräsident Steinmeise spricht von einer „nicht auszuschließenden Belastung für die deutsch-russischen Beziehungen”. FDP-Chef Christian Lindner droht dem Aggressor im Falle weiterer Provokationen eine harte Reaktion der Bundesregierung an, die bis zu einer schriftlichen Rüge reichen könnte. Bundeskanzler Scholz schweigt.

Derweil rücken die russischen Einheiten auf breiter Front vom Norden bis zum Süden vor.

10.00 Uhr: Der Russe steht in Dresden. Pegida hält eine Sonderkundgebung für die Befreier ab, die durch ein Spalier von Menschen einrollen, die Russland-Fähnchen und selbstgestaltete Plakate schwenken. Diverse Ortsgruppen der AfD schließen sich den vorrückenden Truppen mit Luftgewehren an.

Ikonographischer Moment großer Zuversicht

Aber nicht überall läuft es so glatt für die Besatzer.

12.00 Uhr: Ein ikonographischer Moment großer Zuversicht, der in die Geschichtsschreibung eingeht, ereignet sich auf einem Truppenübungsplatz irgendwo in Brandenburg: Ein unbekannte ältere Frau im selbstgehäkelten Tarnanzug in zartem Altrosa wird im Blitzlichtgewitter der Leitmedien von vier Soldaten auf die Ladefläche eines LKW gehievt: Christine Lambrecht (SPD). Die Verteidigungsministerin kündigt entschlossene Kampfhandlungen an und dankt ihren Amtsvorgängerinnen Ursula von der Leyen und Annegret Kramp-Karrenbauer dafür, dass sie ihr die Bundeswehr in einem derart hervorragenden Zustand überlassen hätten. Auf Nachfrage erklärt sie, dass das „Krisenkommando Spezialkräfte” (KSK) nicht ins Gefecht geworfen werden könne, da es erst vollständig von rechten Tendenzen gesäubert werden müsste und ohnehin noch nicht divers genug aufgestellt sei. Unter dem Jubel der umstehenden Vertreter der Qualitätspresse erklärt Lambrecht, der entscheidende Schlag gegen den bis an die Zähne bewaffneten Feind werde von den Gender-Bataillonen unter der Führung von Generalin Alexandra Brieselang geführt.

15.00 Uhr: Panzer erreichen Berlin-Kreuzberg. Hier treffen die Russen auf den erbitterten Widerstand der „Grünen Jugend” und Gruppierungen der „Letzten Generation”. Unter dem Ruf „Panzer schädigen die Umwelt – gegen Kerosin!” kleben hier tausende Aktivist_Innen auf dem Asphalt fest. Passanten berichten von kaum hörbaren Knackgeräuschen, als die schweren Kettenfahrzeuge durchrollen.

Keine weitere Eskalation!

17.00 Uhr. Der Reichstag ist umstellt. Jetzt tritt Bundeskanzler Scholz vor die Presse. Er ruft die Bürger auf, sich dringend impfen zu lassen, um die Quote zu steigern. Auf mehrfache Nachfrage von Boris Reitschuster teilt er mit, dass er mit Präsident Putin telefoniert habe. Das Gespräch sei „in der Sache hart, aber konstruktiv” gewesen. Von einer Einbestellung des russischen Botschafters wolle er aber vorläufig absehen, um nicht zu einer weiteren Eskalation beizutragen.

20.15 Uhr: Die ARD hebt eine außerplanmäßige Talkshow ins Programm. Karl Lauterbach wirft Putin eine narzisstische Persönlichkeitsstörung vor, die ans Pathologische grenzt. Außerdem sei der Zeitpunkt des Einmarsches völlig falsch gewählt, da die Impfquote der über 60-Jährigen noch zu niedrig sei und im Herbst neue Supermutanten drohten. Auch für die Russen gelte 2G, ruft er. Sahra Wagenknecht protestiert. Katrin Göring-Eckhard bemängelt den hohen Kerosin-Verbrauch der russischen Kampfflugzeuge, begrüßt, dass Deutschland keine einsatzbereiten Hubschreiber mehr hat und bekommt den Applaus des Studiopublikums für ihren knallharten Appell an Putin: „Fahren Sie Zug! Nutzen Sie zu Transsportzwecken umweltverträgliche Lastenfahrräder!

Während die Sendung läuft, landen russische Fallschirmjäger im Großraum München. Ministerpräsident Markus Söder twittert, er sei schon immer „Team Putin” gewesen, und lädt „den lieben Wladimir” auf sein Schloss am Chiemsee ein.

Putin im Bärenfell

Um es abzukürzen: Gegen 22.00 Uhr war die Militäraktion beendet. Wladimir Putin stand, in ein Bärenfell gehüllt, am Rednerpult des Reichstages und verkündete in lupenreinem Deutsch die Einsetzung einer AfD-geführten „Regierung der nationalen Rettung”.

Der Folgen sind bis heute – wir schreiben das Jahr 2040 – absolut verheerend. Männer waren plötzlich wieder Männer, Frauen sind Frauen. Die fortschrittliche Gendersprache wurde verboten. ARD & ZDF wurden abgewickelt, illegale Gäste ausgewiesen: führende Politiker gingen ins Exil; einige landeten in Sibirien. Umweltschädliches Gas und Öl wurden zuverlässig zu Spottpreisen aus dem Mutterland Russland bezogen. Die „Grünen” wurden verboten; ihre Windräder abgebaut. Ergo: Der C02-Ausstoß stieg und Deutschland verpasste seine Klimaziele.

Und das alles nur, weil wir den Invasoren damals keinen Widerstand entgegensetzten.

P.S. Was wurde damals eigentlich aus den Genderbataillonen? Über ihren Verbleib ist bis heute wenig bekannt. Das einzige, was man hörte, war ein Bericht über Alexandra Brieselang im russischen Fernsehen drei Wochen nach Entsendung der Truppen: Hier wurde die Oberkommandeuse an ihrem neuen Arbeitsplatz in einem russischen Offizierskasino gezeigt und mit den Worten „Ich lasse mich gern BEEEP in *BEEP” zitiert.

 

Anmerkung: Zu dieser Satire hat mich ein ähnlicher Text aus dem Jahr 2017 über Erdogan und türkische Truppen von Thilo Schneider auf der „Achse des Guten“ inspiriert. 

5 Kommentare

  1. Schade, daß das nur eine Phantasie bleiben wird! Der Pseudo – Staat BRD hat genau so einen Untergang verdient.

  2. 1. Ja, es ist Satire und es ist der 1. April. Aber bitte, die Grundzüge müssen dann schon immer noch der Wirklichkeit entsprechen. Die Demarkationslinie zum „unter polnischer Verwaltung“ befindlichem deutschen Land beginnt nicht an den Seelower Höhen, sondern an der Oder, das sind 20km Luftlinie.

    Warum also nicht Frankfurt / Oder oder Küstrin, als Punkt, an dem die Russen die Grenze erreichten?

    2. Und in einem Monat, von Rußland bis zur Oder, ist ausgeschlossen (ja, es wurde wegen 01. April gewählt, sie dürfen jetzt alle herzlich lachen, es funktioniert nur nicht mit der heutigen Logistik).

    Warum nicht der 01.04.2023?

    3. Die Panzer brauchen Diesel, nicht Kerosin. Und da die Grünen + Extinction Rebellion ja sowie gegen Diesel sind …

    4. Hat es an der einen oder anderen Stelle „ganz leichtes Schmunzeln“ hervorgerufen. Waren die Luftgewehre von Migrantenschreck? Und welcher Russe wurde sich mit so einer im Offizierkasino abgeben?

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