
Wenn der “Spiegel” über den Tod eines Kindes berichtet, sollte man eigentlich erwarten, dass die Redaktion mit Worten behutsam umgeht. Im Fall des 21 Monate alten Nkanu Nnamdi, Sohn der nigerianischen Starautorin Chimamanda Ngozi Adichie, beginnt der “Spiegel-”Text allerdings mit einem Satz, der fast beiläufig eine ganze Welt freilegt: Der Junge sei „einer der Zwillinge, die vor 21 Monaten von einer Leihmutter zur Welt gebracht wurden“. Eine Leihmutter – mehr erfährt man über die Frau, die dieses Kind zur Welt gebracht, hier nicht. Der “Spiegel” konzentrierte sich auf die Trauer der prominenten Schriftstellerin, auf Beileidsbekundungen, auf die literarische Karriere. Das Kind wird als Teil ihrer Biographie erzählt, die Leihmutter hingegen als technischer Begleitumstand, als Werkzeug, das die Geschichte erst ermöglicht hat. Die Perspektive mag nicht ungewöhnlich sein – aber sie ist enthüllend, ja mehr noch, beschämend.
Leihmutterschaft bedeutet in der nüchternen Sprache des Gesetzes dies: Eine Frau trägt ein Kind aus, um es nach der Geburt dauerhaft Dritten zu überlassen. In Adichies Fall waren das Zwillinge, geboren 2024, nach einer von ihr beauftragten Schwangerschaft. Was im “Spiegel”-Satz von Felix Bayer (Autorenkürzel “feb”) harmlos klingt, meint konkret: Vor knapp drei Jahren wurde eine Schwangerschaft “organisiert”, deren Ziel gerade darin bestand, dass die Gebärende nicht Mutter sein darf. Ihr Bauch, ihr Hormonhaushalt, ihre Bindung – alles war von Anfang an befristet und in den Dienst eines Leistungsvertrages gestellt: Sie trägt aus, andere nennen sich Eltern. Sie gibt Leben, andere geben Interviews.
Der Tod des Jungen ist objektiv eine Katastrophe. Jedes tote Kind ist eins zu viel. Doch während der Artikel die Gefühlslage der Auftraggeberin des bestellten Lebens ausführlich ausbreitet, verdampft die Frau, die dieses Kind neun Monate unter ihrem Herzen trug, im anonymen Passiv: „von einer Leihmutter zur Welt gebracht“. Ihre mögliche Trauer, ihr Verhältnis zu den Kindern, ihre Lebensumstände – darüber kein Wort. Die Mutter, die alles riskiert, ist im Text nicht einmal als Person vorhanden.
Vom Recht des Kindes zum Anspruch der Erwachsenen
So wird die originäre, erste Beziehung des Kindes – die zur Mutter, der leiblich Gebärenden – durch eine Erzählung ausgelöscht, die nur die „Wunscheltern“ kennt. Genau diese Entpersönlichung ist das strukturelle Merkmal des Systems Leihmutterschaft: Die Frau, ohne die das Ganze nicht stattfände, wird zur anonymen Dienstleisterin; ihre Existenz endet dort, wo der Vertrag erfüllt ist. Die klassische Logik des Familienrechts kennt kein „Recht auf ein Kind“. Sie kennt das Recht des Kindes auf Eltern, auf Herkunft, auf Schutz. Leihmutterschaft kehrt dieses Verhältnis um. Träger von Rechten sind nun die Erwachsenen mit Kinderwunsch; das Kind wird zur Erfüllungsoption. In Interviews hat Adichie Leihmutterschaft als eine Möglichkeit dargestellt, „untraditionell“ Mutter zu werden und Frauen die Scham vor alternativen Wegen zur Elternschaft zu nehmen. Damit steht sie exemplarisch für ein Milieu, das Elternschaft als Teil eines Selbstverwirklichungsprojekts versteht. Der Markt – von Osteuropa über Afrika bis nach Indien – liefert die passende Dienstleistung.
In dieser Logik wird das Kind zu einer Ware, die bestellt, bezahlt, verwaltet wird. Was früher als Schicksal erfahren wurde – Kinderlosigkeit, spätes Elternwerden, Unfruchtbarkeit –, wird nun als technisches Problem behandelt, das auf globalen Körpermärkten zu lösen ist. Wer die Mittel hat, kauft sich eine Gebärmutter auf Zeit. Der zynische “Spiegel”-Text fügt sich nahtlos in diese Perspektive. Er erzählt vom „Verlust“ der Auftraggeberin, der laut dem Magazin “wohl populärsten afrikanischen Schriftstellerin der Gegenwart”, die in den USA und Nigeria lebt; aber er fragt nicht, welche Verluste die Konstruktion selbst produziert: bei der Gebärenden, die ihre Mutterschaft vertraglich abtritt; beim Kind, dessen erste Bindung planvoll gekappt wird; in einer Gesellschaft, die den weiblichen Körper zur mietbaren Ressource erklärt.
Altruismus oder Ausbeutung?
Befürworter sprechen gern von „altruistischer“ Leihmutterschaft: Eine Frau, so heißt es, könne aus Liebe oder Freundschaft einem anderen Paar ein Kind schenken; die Zahlung sei nebensächlich. Doch schon ein Blick auf die globale Praxis zeigt: Der Markt lebt vom Gefälle. Wohlhabende Auftraggeber reisen in Länder, in denen Frauen in prekären Verhältnissen leben. Die einen besitzen Geld und Reisepässe, die anderen ihren Körper.
Auch in Europa wird dieser Punkt zunehmend offen diskutiert. Juristinnen, Ethiker, Frauengesundheitsverbände weisen darauf hin, dass die Grenze zwischen freiwilliger Hilfe und ökonomischem Druck fließend ist. Wer in Armut lebt, entscheidet nicht frei, ob er seinen Körper vermietet; er reagiert auf Not. In solchen Konstellationen ist „Altruismus“ das moralische Etikett für ein Geschäft, das vor allem die Starken begünstigt. Parallelen finden sich hier übrigens beim Handel mit freiwillig gespendeten Nieren oder Netzhäuten, wo die “Spender” oftmals unter (auch kriminellem) Druck aus der Dritten Welt stammen.
Doch selbst wenn man das Geld ausblendet, bleibt die ethische Grundfrage: Darf eine Rechtsordnung eine Praxis sanktionieren, deren innerster Sinn darin besteht, Mutter und Kind unmittelbar nach der Geburt zu trennen? Die Psychologie weiß seit langem, dass Bindung im Mutterleib beginnt; dass Gerüche, Stimmen, Hormone eine enge Einheit knüpfen, bevor das Kind zum ersten Mal das Licht sieht. Die Leihmutterschaft schneidet dieses Band planmäßig durch – und erklärt das Ergebnis zum Normalfall.
Deutsches Recht: Verbot mit Begründung
Das deutsche Recht, oft als „verklemmt“ verspottet, hat diese Gefahr erstaunlich klar gesehen. Nach dem Embryonenschutzgesetz ist es strafbar, eine Frau künstlich zu befruchten, wenn von vornherein feststeht, dass sie das Kind nach der Geburt Dritten überlassen soll. Und das Adoptionsvermittlungsgesetz untersagt die professionelle Vermittlung von Leihmüttern. Die Begründung ist unmissverständlich: Man will „gespaltene Mutterschaften“ verhindern – also Konstellationen, in denen genetische, austragende und rechtliche Mutter auseinanderfallen. Das Kind soll nicht Objekt vertraglicher Disposition sein, die Frau nicht auf ihre Gebärfunktion reduziert werden.
Gleichzeitig bröckelt dieser Konsens. Eine von der Bundesregierung eingesetzte Kommission zur reproduktiven Selbstbestimmung hat bereits durchblicken lassen, dass das Verbot zumindest für „altruistische“ Formen zur Disposition stehen könne. Teile der Politik – insbesondere aus FDP, Grünen und SPD – drängen auf eine Öffnung.
Der Fall Adichie liefert dem kulturellen Vorfeld dieser Entwicklung das passende Narrativ: Hier trauert keine anonyme Bestellerin, sondern eine weltbekannte, gebildete, politisch genehme Feministin. Wenn sogar sie Leihmutterschaft nutzt, kann die so schlimm doch nicht sein, so die unterschwellige Botschaft. Der Tod des Jungen dient als emotionales Transportmittel: Wer in dieser Lage kritische Fragen stellt, gilt schnell als herzlos.
Medien als Vorhut des biopolitischen Fortschritts
Dass der “Spiegel” den Text so erzählt, wie er ihn erzählt, ist kein Zufall. Dieses Magazin hat sich in den vergangenen Jahren in zunehmendem Maße als moralischer Akteur verstanden: Klimapolitik, Identitätsthemen, reproduktive Rechte – überall tritt es als linksparteiische Stimme auf. Im Fall Sven Ulreich, des Torwarts des FC Bayern, der 2025 seinen sechsjährigen Sohn durch Krankheit verlor, berichteten Medien nüchtern und empathisch: ohne Debatte, ohne Deutung. Beim Tod des Adichie-Sohnes ist die Konstruktion anders: Die Besonderheit liegt nicht in der Tragödie – diese ist universell –, sondern in der Produktionsweise des Lebens.
Dass diese Produktionsweise in Deutschland verboten ist, wird im “Spiegel”-Text nicht problematisiert, sondern nur als exotischer Fakt erwähnt. Man könnte daraus eine Frage machen: Warum wertet eine Rechtsordnung eine so weit verbreitete Praxis als rechtswidrig? Die Redaktion entscheidet sich dagegen. Stattdessen normalisiert sie, indem sie auslassend erzählt, nicht indem sie reflektiert. Der Verdacht ist nicht von der Hand zu weisen, dass die Redaktion elf Jahre nach der Kampagne um den ertrunkenen, dreijährigen syrischen Jungen Aylan Kurdi erneut einen Kindstod instrumentalisiert, um bestimmte Botschaften zu verbreiten.
Moralischer Doppelstandard
Auffällig ist der doppelte Maßstab, der hier sichtbar wird. Wo es um Ausbeutung im globalen Kapitalismus geht, um Lieferketten und Umweltzerstörung, ist der “Spiegel”, wie viele gleichgeartete Medien, schnell mit großen Worten dabei. Wo es um die Auslagerung von Schwangerschaft in den globalen Süden oder in ärmere Milieus geht, herrscht milde Romantik. Der Körper der Arbeiterin ist tabu, der Körper der Leihmutter hingegen privatisierbar. Der konservative Einwand an dieser Stelle lautet: Wer von „Menschenwürde“ spricht, darf nicht bei der Haustür der Mittelschicht stehenbleiben. Eine Gesellschaft, die Sexarbeit kritisch sieht, aber Gebärmutterarbeit feiert, verheddert sich in ihren eigenen Idealen. Das Kind, das hier betrauert wird, ist Opfer eines unfassbaren Schicksals – aber sein Schicksal spielt sich innerhalb eines Systems ab, welches Leid einkalkuliert: das Leid der Leihmutter, das mögliche Identitätsleid des Kindes, die moralische Verrohung einer Kultur, in der Schwangerschaft zur Dienstleistung geworden ist.
Es gehört zum Anstand, den Schmerz der “Eltern” nicht kleinzureden. Aber echte Trauer schließt die Frage nicht aus, was ihr vorausging. Man darf zugleich Mitgefühl empfinden und Strukturen kritisieren, die überhaupt erst die Bühne für solche sentimentalen Legenden liefern.
Ein Kind ist kein Anspruchstitel!
Der rechtskonservative Ansatz versucht, beides im Blick zu halten: Er fragt, wie weit eine Gesellschaft gehen darf, wenn sie den Kinderwunsch Erwachsener um jeden Preis erfüllt. Er moniert, dass eine Mutter nicht nur die ist, die in den Feuilletons vorkommt, sondern auch die, deren Name in Agenturmeldungen sang- und klanglos verschwinden darf, ohne dass es jemanden interessiert. Und er weiß, dass Selbstermächtigung nie konservativ sein kann. Am Ende ist es dieser kleine, kalte Satz, der die ganze Verschiebung sichtbar macht: „von einer Leihmutter zur Welt gebracht“. Darin steckt die ganze Biopolitik der Gegenwart – die Verwandlung von Leben in bestellbare Produkte, von Mutterschaft in befristete Funktion, von Kindheit in Projekt.
Der tote Junge von Chimamanda Ngozi Adichie ist ein tragisches Einzelschicksal. Die Art aber, wie darüber erzählt wird, ist ein Symptom. Wer sich dem entzieht, gilt schnell als rückständig. Vielleicht ist es gerade Aufgabe einer wertegeleiteten und rechtskonservativen Kritik, diesen Vorwurf auszuhalten – in dem Wissen, dass es nicht nur manchmal fortschrittlich ist, an Grenzen zu erinnern: an die Grenze, jenseits derer der Körper der Frau keine Ware mehr sein darf; an die Grenze, jenseits derer das Kind kein Anspruchstitel ist. Und an die Grenze, jenseits derer selbst die schönste Trauerreportage nicht mehr verdecken kann, wie abgründig eine Kultur geworden ist, die die eine Mutter betrauert – und die andere nie hat Mutter sein lassen.
- Auf Telegram teilen (Wird in neuem Fenster geöffnet) Telegram
- Auf X teilen (Wird in neuem Fenster geöffnet) X
- Auf Facebook teilen (Wird in neuem Fenster geöffnet) Facebook
- Auf WhatsApp teilen (Wird in neuem Fenster geöffnet) WhatsApp
- Einen Link per E-Mail an einen Freund senden (Wird in neuem Fenster geöffnet) E-Mail
- Drucken (Wird in neuem Fenster geöffnet) Drucken










7 Antworten
Wäre ich eine Frau, würde ich niemals das Kind eines Alien austragen, denn genau das ist es, was es ist: ein Alien.
😜
@In dieser Logik wird das Kind zu einer Ware, die bestellt, bezahlt, verwaltet wird.
das ist die „moderne“ amerikanisierte Welt – alles muß käuflich sein. Und wer das nicht ist, dem nimmt ein Gericht sein Anrecht auf sein Eigentum, seien es Wohnungsmieten oder Patente für Ampelmännchen !
Benjamin Franklin soll dazu gesagt haben :
Wer der Meinung ist, dass man für Geld alles haben kann, gerät leicht in den Verdacht, dass er für Geld alles zu tun bereit ist.
Klare Worte. Vielen Dank an Herrn Hartung.
So wie heutezutage mit KIndern
umgegangen wird, zeigt das ganze
Ausmaß der allgemeinen Verrohung
der Gesellschaft.
Wer weiss denn wie die Leihmutter mit der Schwangerschaft und dem ungeborenen Kind umgeht?
Wenn sie das Kind als „Ware mit 9 Monaten Lieferzeit“ sieht,entstehen keine Muttergefühle und keine Bindung zum Kind.
Kinder die so allein gelassen werden,tragen ihr ganzes Leben lang das Defizit an Zuwendung und die Trauer darüber in sich.
Wenn jemand kein Kind bekommen kann, ist das eine biologische Tatsache, die ihren Grund hat!
Der „SPIEGEL“, das Sturmgeschütz woker Lebenswelten, hätte aber ein ganz gewaltiges ideologisches Problem, wenn er mal das ethische Problem der „Leihmutterschaften“, man könnte es boshaft auch Gebärmutterprostitution nennen, ausleuchten würde. Mindestens die ganzen schwulen „Ehen“, zu denen in diesen Kreisen als ganz selbstverständlich betrachtet wird auch Kinder haben zu können, wären ja auf einmal in ihrer diesbezüglichen Lebensplanung desavouiert.
Da bleibt man bei dieser Schmierenpostille doch lieber im sicheren Doppelmoralland, statt sich auf ideologisch unsicheres Terrain zu begeben und die vermeintliche eigene Klientel vor den Kopf zu stoßen.