
Zuletzt wurde wiederholt von Liberalen, Liberalkonservativen und Libertären zum Vorwurf gemacht, ich würde dem Liberalismus die Schuld an Fehlentwicklungen in die Schuhe schieben, die eigentlich die Sozialisten zu verantworten hätten. Ich will auf diese Kritik eingehen. Der Liberalismus denkt den Menschen nicht als Teil von etwas Größerem, sondern zuvörderst als autonomes, gelöstes Individuum, das in allen Lebensumständen möglichst frei und ohne autoritäre Einmischung entscheiden dürfen soll. Herkunft, Religion, Tradition, Familie, Geschlecht und Nation sind demgegenüber sekundär: Sie sind legitime Identitäten, solange das Individuum frei aus ihnen wählen kann und sie derart aufgeweicht sind, daß keine normative Verbindlichkeit, keine Ernsthaftigkeit, keine tiefere Bedeutung mit ihnen einhergeht. In Wahrheit existiert der konkrete Mensch aber niemals zuerst als abstraktes Individuum und entscheidet anschließend, welchen “Communities” er beitreten möchte. Er wird qua Geburt erst als Sohn oder Tochter, Enkel oder Enkelin, Lerner und Sprecher seiner Muttersprache, Bewohner seiner Heimat und Erbe einer Geschichte – kurz, als Glied einer langen Kette – zum Menschen. Grundbedingung des Daseins ist, ungefragt in einen räumlichen, zeitlichen, sozialen und genetischen Kontext geworfen zu sein, den wir uns eben nicht frei ausgesucht haben, den wir uns auch niemals frei aussuchen können werden.
Viele jener gesellschaftlichen Auflösungsprozesse, die die Rechtsliberalen unter euch heute ausschließlich der politischen Linken anlasten, setzen diese liberale Idee vom Menschen und von legitimer Ordnung voraus. Was folgt denn daraus, wenn der Wille des Einzelnen zum letzten Maßstab wird? Alle Bindungen, die diesem Willen vorangestellt sind, werden entweder – soweit möglich – abgeschafft, weil sie als kollektivistische Gefängnisse wahrgenommen werden, oder sie werden zu leeren Hülsen degradiert, die keine Relevanz mehr für das Leben der nun befreiten Menschen haben dürfen. Ein Mann kann in der liberalen Gesellschaft auch eine Frau sein, oder nichtbinär, wenn er ganz und gar frei sein will. Ein Muslim darf in der liberalen Gesellschaft auch saufen und Schweinebraten essen. Ein Deutscher ist in der liberalen Gesellschaft nicht verbindlich deutsch, das Deutschsein wird auf dem bunten Marktplatz der Identitäten zu einem Angebot unter vielen. Entscheidet sich jemand für eines dieser Angebote, hat das keinen wirklichen Inhalt, keine Folgen, es ist nur ein Etikett, etwas Oberflächliches, das man eben irgendwie ganz nett findet, das man sich anheftet wie einen Minecraft-Skin. Man bleibt der frei flottierende Einzelne, dem keinesfalls das Grauen zugemutet werden darf, äußeren Zwängen und Zugehörigkeiten unterworfen zu sein.
Innerer Widerspruch
Liberale sagen: “Du darfst diese Identität haben, du darfst aber auch jede andere haben, und keine davon hat echte Konsequenzen für dein Leben.” Rechte sagen: “Dieses Leben, das du lebst, ist dein spezifisches Leben, es ist nicht völlig beliebig. Es steht in einem größeren Zusammenhang und erzeugt Verpflichtungen, die nicht erst durch deine individuelle Wahl entstehen.” Der Liberalkonservatismus steckt nun in dem inneren Widerspruch, gewachsene Institutionen bewahren und auf einer gemeinsamen Vergangenheit aufbauen zu wollen, gleichzeitig aber eine Philosophie zu affirmieren, die die reale Geltungskraft dieser Dinge unter den Vorbehalt individueller Zustimmung stellt. An dieser Stelle wird üblicherweise eingewandt, die Kommunisten seien es doch gewesen, die damit begonnen haben, Familie, Vaterland und Religion als bürgerliche Herrschaftsinstrumente zu bekämpfen. Das ist richtig, widerlegt jedoch meinen Punkt nicht. Ja, der historische Sozialismus war in der Regel ausgesprochen illiberal, er ordnete das Individuum Klasse, Partei, Staat und revolutionärem Kollektiv unter und tolerierte keine Abweichler. Im Gegensatz dazu lebt jedoch ein erheblicher Teil dessen, was heute als politische Linke auftritt, längst nicht mehr ausschließlich von diesem Autoritarismus. Wo die zeitgenössische progressive Linke fordert, Menschen abseits ihrer ökonomischen Klasse von Unterdrückung zu emanzipieren, argumentiert sie gerade nicht kollektivistisch, sondern mit einem radikalisierten liberalen Autonomieideal. Die linke Machtkritik liefert die Diagnose, der Liberalismus liefert anschließend die normative Zielsetzung. Darum sind viele der Probleme, die Liberalkonservative als ausschließlich von Linken gemacht darstellen, in Wahrheit eine Synthese aus linker Herrschaftskritik und liberaler Anthropologie.
Unser LibCon kann nun einzelne Ergebnisse dieser Entwicklung ablehnen. Er kann die Ehe verteidigen, Patriotismus loben, Traditionen mögen und sonntags in die Kirche gehen. Nur gerät er jedesmal in Erklärungsnot, sobald er begründen soll, warum irgendeine dieser Bindungen mehr sein soll als eine private Präferenz. Warum soll die Familie im Idealfall eine bestimmte Form besitzen? Warum schulde ich den Toten und den Ungeborenen irgendetwas? Warum sollte die historisch gewachsene Kultur meines Volkes einen anderen Status besitzen als eine beliebige importierte Lebensweise? Warum darf eine Gemeinschaft Erwartungen an mich richten, denen ich nie ausdrücklich zugestimmt habe? Wer auf all diese Fragen antwortet: »Sie darf das nur, solange der Einzelne zustimmt«, hat als Konservativer bereits verloren. Er mag konservative Dinge persönlich mögen, doch politisch hat er nun mal ihre Verbindlichkeit aufgegeben. Der Mensch ist von Natur aus tribal, er hat – normalerweise – ein Bedürfnis nach Gruppenidentität und nach der Differenz zwischen In– und Outgroup. Irenäus Eibl-Eibesfeldt, Begründer der Humanethologie, zählt unter anderem die Territorialität zu den Universalien menschlichen Verhaltens. Obendrein ist das Wesen des Menschen spirituell, er sucht nach Transzendenz und nach religiöser oder quasireligiöser Gemeinschaft. Diese Bedürfnisse lassen sich nicht einfach abstellen. Der Versuch, sie gesamtgesellschaftlich ersatzlos zu streichen, wird immer scheitern. In der Regel führt er zur Herausbildung von Ersatzidentitäten, die jedoch kein tragfähiges Gemeinwesen mehr konstituieren.
Sinnbefreite Berieselung
Hier kommt nun die liberale Wirtschaftsordnung ins Spiel, deren Akteure erkennen, daß sich solche Ersatzidentitäten als Ware verkaufen lassen – und dabei äußerst lukrativ sind. Statt mit ihren Vorfahren identifizieren sich Menschen mit Animecharakteren. Sie gehen in Windeln auf Popkonzerte, um den Besuch nicht für einen Toilettengang unterbrechen zu müssen, weil das ihre Wallfahrt ist, ihr Mekka. Sie ziehen nicht in den Krieg für ihr Land, sie prügeln sich für börsennotierte Fußballunternehmen. Ich will nicht so tun, als sei ich vor diesen Ersatzidentitäten vollständig gefeit, das ist keiner von uns. Ich sage aber: Diese Dinge haben nicht die Linken verbockt, oh nein, das wart ihr, ihr Liberalen. Weil ihr nämlich, laut eurer eigenen Weltanschauung, keinen Maßstab dafür habt, ja, dafür haben dürft, was eine Identität ist, die den Fortbestand der Deutschen und der Europäer sichert, und was unsere Völker und unseren Kulturraum unter einem Haufen schädlicher Substitute ohne Bedeutung begräbt, mit denen man ihren Angegörigen die Gehirne frittiert, mit denen man sie abhängig von all der sinnbefreiten Berieselung, all dem Stumpfsinn der hedonistischen Konsumgesellschaft macht. Zur Erinnerung: die Geburtenrate in Deutschland ist 1,32. Aldous Huxley läßt grüßen.
Im Liberalismus wird nicht nur der Identitätenpool kommodifiziert und den Interessen multinationaler Konzerne unterworfen, auch die physische Realität, in der wir leben, wird in der “offenen Gesellschaft” geformt durch einen seelenlosen Funktionalismus, den der freie Markt und seine Mechanismen uns beschert haben. Büroräume und Großwohnsiedlungen sehen so aus, wie sie aussehen, weil es effizient ist. Es ist das billigste, das man bauen konnte, ohne den Zweck und die Vorgaben des “Managerialstaates” zu verfehlen. Und zur Klarstellung: Ich bestreite nicht den Nutzen von Eigentum und Märkten, ich bestreite ihre Souveränität. Der Kapitalismus ist ein Instrument, sein uneingeschränkter Einsatz ist nicht überall eine sinnvolle Idee, die stets dem Menschen und dem Gemeinwesen dienlich ist. Eine Stadt ist mehr als eine Ansammlung handelbarer Grundstücke, ein Traditionsbetrieb ist mehr als sein Börsenwert, eine Landschaft ist mehr als eine verfügbare Ressource. Manche Dinge stehen in Beziehungen von Treue, Erinnerung und Verantwortung, die sich nicht in Eigentumstiteln oder Angebot und Nachfrage ausdrücken lassen.
Menschen können nicht folgenlos entwurzelt und atomisiert werden
Da ich schon den Managerialstaat erwähnt habe: Zuletzt gehört zu diesem Komplex noch die liberale Vorstellung von den “neutralen Institutionen”. Der Liberalismus neigt dazu, seine eigenen Voraussetzungen nicht mehr als politische Entscheidungen wahrzunehmen, sondern als den neutralen Boden, auf dem Politik überhaupt erst stattfinden könne. Gerichte, Verfassungen, Verwaltungen, Wissenschaft, Medien und internationale Institutionen sollen demnach über den weltanschaulichen Kämpfen stehen und lediglich allgemeine Regeln, Rechtsansprüche und Verfahren verwalten. Eine politische Ordnung kann jedoch niemals neutral sein. Schon die Entscheidung darüber, welche Rechte als fundamental gelten, welche Lebensbereiche der individuellen Verfügung entzogen werden oder ihr überlassen bleiben, was Gleichheit bedeutet, welche Formen von Diskriminierung verboten sind, wie Eigentum geschützt wird, wer zum politischen Gemeinwesen gehört und welche Grenzen demokratische Mehrheiten nicht überschreiten dürfen, enthält immer ein bestimmtes Menschen- und Gesellschaftsbild. Neutralität ist hier nicht die Abwesenheit einer Entscheidung, sondern eine geronnene Entscheidung, die selbstverständlich wurde, deren politische Herkunft unsichtbar geworden ist – Marxisten sprechen zu recht von Ideologie.
Zum Problem wird das, weil diese Voraussetzungen der liberalen Gesellschaft nicht mehr als eine mögliche politische Ordnung unter vielen verstanden werden, sondern schlechthin als die ”Vernunft”. Damit besitzt der Liberalismus einen erheblichen strategischen Vorteil: Nur seine Gegner vertreten eine Weltanschauung, er selbst vertritt lediglich die Regeln und Verfahren. Seine Gegner politisieren; er administriert lediglich. Doch auch die Entscheidung, daß eine Frage – scheinbar – dem politischen Streit entzogen und einem – vermeintlich – neutralen Verfahren überantwortet wird, also letztlich auch wieder Menschen, die sich in ihrer Tätigkeit nicht von ihren privaten Überzeugungen lösen können, ist eine politische Entscheidung. Ich verlange nun nicht parteiische Richter oder willkürliche Behörden, ich verlange lediglich die ehrliche Einsicht, daß keine dauerhafte politische Ordnung ohne substanzielle Voraussetzungen existieren kann. Die Frage, welche Voraussetzungen gelten sollen und wer über sie entscheidet, löst der Liberalismus nicht auf er neigt bloß dazu, seine eigene Antwort darauf zur Abwesenheit einer Antwort umzudeuten. Ich glaube nicht daran, daß Menschen nirgendwo herkommen, daß sie folgenlos entwurzelt und atomisiert werden können. Es gibt keinen Menschen ohne Herkunft und es gibt keine politische Ordnung ohne Voraussetzungen. Wer behauptet, jenseits aller Weltanschauungen auf unbeflecktem Boden zu stehen, hat meistens nur vergessen, daß auch sein Boden einmal blutig erkämpft wurde.
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3 Kommentare
„Wo der Liberalismus seine äußersten Grenzen erreicht, schließt er den Mördern die Tür auf. Das ist Gesetz!“
-Ernst Jünger
,,Plante Anschlag in Deutschland –
Islamist verlässt Deutschland – dafür bekommt er 6000 Euro“
https://www.focus.de/politik/deutschland/islamist-verlaesst-deutschland-nach-6000-euro-deal_e4c7e199-cf58-4966-9af7-650826773e60.html
Dass Freiheitsliebe und Identität zusammenpassen zeigt die Israelische Zehut-Partei um Mosche Feiglin. Ich verlinke dazu mal die „kritische“ Berichterstattung der NZZ, weil der dortige Autor offenbar die gleichen irrigen Vorstellungen hat wie der hiesige.
https://www.nzz.ch/international/israel-libertaere-zehut-partei-koennte-bald-in-knesset-einziehen-ld.1467305
Mal im Ernst, meckern und klagen tun viele, nur keiner geht deswegen auf die Straße wie 89′ oder keine Gewerkschaft oder woke Linke rufen zum generellen deutschlandweiten Ungehorsam auf? (Früher hätten sie es ggf. gemacht, bei Dutschke & Co) Doch diese woke Gesellschaft haben sich kaufen lassen um geduldet zu sein – mit Freibrief AfD-Rentner zu töten. Und ihre kleinen Brandanschläge auf die Infrastruktur werden ja nicht aufgeklärt… macht nichts, werbewirksam einen 13-jährigen zusammen schlagen, nur weil sein Papa eine Plakat der AfD anhängte, wird von der Justiz nicht belangt. Und, eine Brosius-Gersdorf würde Linksextremismus aus dem Duden streichen lassen – wer das Wort ausspricht, dem werden seine Konten gesperrt. Ein schönes Land.
Neuerdings wird man die Geheimdienste anweisen in Wohnungen zu gehen – doch die Linken haben an ihren Türen Gaunerzinken, damit die Schlapphüte ihre Genossen nicht versehentlich filzen. Ein schönes Land.
Früher gab es mal einen Spruch, „Wenn der starke Mann es will stehen alle Räder still“ . haben die Sozen längst vergessen. Und, wo sind die starken Männer? Nein, die Femen, die sich bei Cocktail und Swingmusik gegenseitig lecken und die Männer als Hunde über das Sofa laufen lassen, haben längst den starken Mann lächerlich und jämmerlich gemacht. Ein schönes Land.
Ach da fällt mir Hieronymus Bosch ein, seine Szenen in „Triptychon des Jüngsten Gerichts“, eindrucksvoll – jeder stirbt wie er gelebt hatte… man könnte diese Szenen neu auflegen:
(Könnte verstörende Wirkung haben)
“ Halbnackte verkommene zugedröhnte Weiber, die sich inmitten einer Müllkippe mit einer Weinflasche befriedigen, daneben sitzend Fatima, ehemalige Staatsministerin – einen Joint rauchend und mit Schleim im Gesicht bedeckt, unweit ein volltrunkener Kerl mit Erbrochenem auf dem Jackett, war mal Minister, der eine auf einem schimmligen bunten Teppich liegenden jungen Frau vergeblich versucht seinen Kopf in die Scheide zu zwängen und seine Finger dabei in sein Rektum steckt, auf einer Böschung aus Müll, drei alte Säcke, der Sabber vom Kinn hängend, die gemeinsam einen Jungen vernaschen, aber nicht bemerkend, dass sie eine kaputte Schaufensterpuppe vergewaltigen und an der Ausfahrt ein Schlipsträger mit Aktien unter dem Arm, der mit einer Pistole versucht sich zu erschießen, die keine Munition hat. “ Ein schönes Land.
Herr Schulze, Herr Merz, dass ist Deutschland, wenn Linke, Rote und Grüne die Macht durch euere Toleranz erlangen, links-versiffte Pädagogen die Gewalt über die Kinder bekommen und die Eltern entmündigt werden, Rentner darum betteln sterben zu dürfen, Arbeiter längst das Land verließen und Kranke, die unversorgt in Turnhallen lagern, weil Krankenhäuser pleite sind.