
Die aktuelle Ausgabe der zweimonatlich erscheinenden libertären Zeitschrift “eigentümlich frei” (ef) schlägt mit dem Titel „Retrofuturistische Gesprächskultur“ oder auch „Drei Stunden Freiheit“ vielversprechend auf. Das Magazin hat seit März 2026 zahlreiche Änderungen vollzogen hat und hat sich so gewissermaßen neu erfunden. Herausgeber Andre Lichtschlag beschrieb den Relaunch wie folgt: „Wir konzentrieren uns mit ef fortan auf exklusive, eigene, persönliche, zeitlose, positivere, beispielgebende Geschichten – gern auch mal Heldengeschichten“. Letztre kommen gerne auch mal in 60 bis 70 Prozent umfangreicheren und damit gefälligeren Aufmachung. Mit der aktuellen bereits 262. Nummer führt ef seine Erfolgsgeschichte weiter.
Besonders lesenswert der hintergründige Beitrag zum viereinhalbstündigen Long-Term-Gespräch des YouTubers Ben Berndt mit Björn Höcke, das bislang rund sieben Millionen Zuschauer hat und erwartungsgemäß für viel Kritik aus den Reihen der journalistischen Torwächter sorgte. ef analysiert die Zusammenhänge umfassend. Man kann das Gespräch nicht als Interview bezeichnen, es war eher ein langes Zuhören. Sowohl Berndt wie wohl auch Millionen Menschen hatte die Gelegenheit, einfach nur zu lauschen, was der geladene und ansonsten medial so oft ausgesperrte Gast zu sagen hatte. Ebendies ist das Konzept: In seinem Format “Ungeskriptet” lässt der Moderator Berndt seine Gesprächspartner reden ohne zu unterbrechen. Dies kann zwei, drei und mehr Stunden dauern.
Gehaltvoller Schwerpunkt: Das Long-Term-Gespräch von Ben Berndt mit Björn Höcke
Ben Berndt hat diese Gesprächsform nicht erfunden, sondern lehnt sich dabei an erfolgreiche Long-Term-Podcasts der US-Amerikaner von Joe Rogan und Lex Fridman an. Joe Rogan bedient dieses Format außerhalb der TV-Kanäle seit 2018, wobei es nicht nur um die Länge geht, vielmehr gibt in der Sendung auch überraschende Einlagen, die im klassischen TV nie so stattfinden dürften: So reichte Rogan seinem Gesprächspartner Elon Musk einen Joint, worauf dieser genüsslich daran zog; zwar fielen am nächsten Tag die Tesla-Aktien, doch das Publikum blieb dem Kanal treu – weil es gesehen hatte, dass es möglich ist, einen Menschen wie Musk auch einmal authentisch und ungefiltert kennenzulernen.
Sechs Jahre später war es dann derselbe Rogan, der sich zur Präsidentenwahl 2024 drei Stunden Zeit nahm, um mit Donald Trump zu plaudern, während Kamala Harris ein Gespräch ablehnte, weil sich Rogan nicht auf ihre einstündige Variante einlassen und akzeptierten wollte, dass ihr Team ein redaktionelles Mitspracherecht bekommen sollte.
In Deutschland hat sich Ben Berndt mit seinen ausführlichen Hintergrundgesprächen (oder auch “begleiteten Monologen” seiner Gäste) einen Namen gemacht und viel Zustimmung aus den Reihen des freien Journalismus erhalten, obwohl er sich selbst gar nicht als Journalist versteht. So bezeichnet die Autorin Lydia Flaß das Interview mit Höcke als einen Meilenstein der Mediengeschichte oder, durchaus treffend, als „mediale Mondlandung“. Treffend deshalb, weil hier etwas gelungen ist, was außerhalb des Vorstellbaren lag.
Erzählen ohne Unterbrechungen und Belehrungen
Gerade weil Berndt das Gespräch so führte, dass Höcke erzählen konnte ohne unpassende Unterbrechungen und ständiger Belehrungen, ließ dies die Vertreter des deutschen Haltungsjournalismus erschauern. Es gab anmaßende Forderungen ohne jede Rechtsgrundlage seitens der zuständigen Landesmedienanstalt, Berndt sollte Zensur im Nachhinein üben und Teile des von Höcke Gesagten herausstreichen oder es zumindest „richtig einordnen“. Dass Berndt dies ablehnte, spricht für ihn. Zu erwähnen vergisst ef in diesem Zusammenhang auch nicht, dass bereits in den 1960er Jahren Günter Gaus ähnliche Gesprächsformen, damals noch im TV führte; etliche Prominente, darunter Hannah Arendt und Rudi Dutschke, waren in jenen Zeiten seine Gäste.
Nach drei Ausgaben in neuem Gewand muss der Redaktion von ef bescheinigt werden, dass das Magazin mit der Neuausrichtung wesentlich professioneller geworden ist. Auf die kommenden Ausgaben dürfen wir uns freuen. Die überaus günstigen 2,50 Euro pro Einzelheft sind gut angelegt.,
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2 Kommentare
„Die überaus günstigen 2,50 Euro pro Einzelheft sind gut angelegt.“
Geld ausgegeben ist keine Geldanlage.
😜
Ich konnte mich bislang nicht zu einem Abo entschließen, da mir diese „Eigentümliche Freiheit doch zu sehr wortwörtlich an einer finanziellen Freiheit ausgerichtet war.
Diese ist zwar durchaus lebenserhaltend, aber die geistige Freiheit und mein Interesse an dieser steht dann doch im Vordergrund.