Merz und der “große Sprung”

Merz und der “große Sprung”

Merz goes Mao? (Foto:Imago/Collage:Grok)

Es gibt Kanzlersätze, die mehr verraten als Koalitionsverträge. Als Friedrich Merz diese Woche, kurz vor den Beratungen des Koalitionsausschusses, seine Erwartung ausdrückte, man werde bei der Modernisierung Deutschlands einen „großen Sprung nach vorn“ machen, war das zunächst wohl nur als kraftvolle Formel gemeint. Mehr Tempo, mehr Reformen, mehr Wettbewerbsfähigkeit, weniger Bürokratie – die übliche Vokabelmischung der Gegenwart.
Und doch ist gerade diese Wendung bemerkenswert. Denn zum einen führt sie in wenigen Worten mitten hinein in eine deutsche Grundkrankheit: den Glauben, man könne strukturelle Erschöpfung durch sprachliche Beschleunigung überwinden. Zum anderen ist der „große Sprung nach vorn“ historisch natürlich kein unschuldiger Ausdruck. Er steht für den Wahn, Gesellschaft lasse sich durch politische Willenskraft, administrative Mobilisierung und moralischen Überschuss in kürzester Zeit auf ein neues Niveau heben.

Nun ist es selbstverständlich töricht, Merz mit Mao zu identifizieren. Doch für ein Land, das jede angebliche NS-Parole oder sprachliche Parallele zu dunklen Zeiten der deutschen Geschichte kriminalisiert und hysterisch als “bewusstes Spiel“ mit Provokationen verfolgt, ist die Gedankenlosigkeit eines solchen Zitates bemerkenswertes. Dennoch: Niemand wird behaupten wollen, die Bundesrepublik plane Volkskommunen oder Hinterhofhochöfen. Aber gerade darin liegt der Erkenntniswert des Vergleichs: Nicht die Gleichsetzung ist interessant, sondern das Echo. Auch in der demokratischen Moderne lebt die Versuchung fort, tief liegende Probleme mit der Rhetorik des Aufbruchs zu überdecken. Davon unbenommen bleibt die Frage, ob historische Unbildung angesichts der deutschen Bildungsmisere nicht auch im Kanzleramt Einzug gehalten hat. Reaktionen aus der Politik, etwa von FDP-Generalsekretär Martin Hagen auf X, unterstreichen dies: „Merz macht den Mao. Des-sen ‚Großer Sprung nach vorn‘ hat die tödlichste Hungerkatastrophe aller Zeiten verursacht. Wenn man schon die chinesische Geschichte bemüht, wäre Deng Xiaopings Reform- und Öffnungspolitik das bessere Vorbild.“ Merz sagt freilich zugleich, es werde “keinen Big Bang“ geben. Auch das ist aufschlussreich. Der große Sprung soll beschworen werden, ohne dass wirklich gesprungen wird. Die Formel wird also sofort wieder zurückgenommen. Genau so funktioniert die heutige Bundesrepublik: Sie lebt von der Gleichzeitigkeit großer Ansage und kleiner Bewegung. Sie redet wie eine Transformationsmaschine und handelt wie ein koalitionärer Ausschussstaat. Der Kanzler verspricht Dynamik und kündigt im selben Atemzug Prozesshaftigkeit an.

Übernahme einer Denkform

Das ist kein Zufall, sondern das eigentliche Betriebsgeheimnis dieser Republik. Zusätzliche Perspektiven aus der Debatte verstärken diese Kritik: Von links wird der Sprung als Fortsetzung imperialistischer oder kriegsvorbereitender Politik gesehen, von rechts als Verrat an bürgerlichen Prinzipien durch überambitionierte Pläne. Insgesamt unterstreicht die Kontroverse die anhaltende Anfälligkeit der Republik für große Worte bei begrenzter Handlungsfähigkeit. Die CDU spielt dabei eine besondere Rolle. Historisch war sie die Partei des schrittweisen Ordnens, des pragmatischen Ausgleichs, der sozialen Marktwirtschaft, der skeptischen Vernunft. Sie war stark, solange sie Misstrauen gegen große Würfe mit institutioneller Beharrlichkeit verband. Heute aber spricht auch sie die Sprache der permanenten Modernisierung. Digitalisierung, Staatsumbau, Beschleunigung, Wettbewerbsfähigkeit – all das sind längst keine liberalen oder technokratischen Fremdwörter mehr, sondern das neue Grundidiom einer Partei, die nicht mehr bewahren, sondern beweisen will, dass sie Zukunft kann.

Gerade darin liegt das Problem. Denn die CDU verliert in dieser Sprache ihre eigentliche historische Form. Sie wird zur verspäteten Schwester jener politischen Lager, die Deutschland seit Jahren als Reformbaustelle behandeln. Der Unterschied besteht nur noch im Tonfall. Wo die Grünen Transformation sagen, sagt die CDU Modernisierung. Wo die SPD soziale Abfederung sagt, sagt die CDU Wettbewerbsfähigkeit. Aber die Grundfigur bleibt dieselbe: Das Land erscheint als Material eines großen administrativen Projekts, nicht als historisch gewachsene Ordnung, die zuerst Entlastung, Verlässlichkeit und nüchterne Reparatur bräuchte. Kritiker aus verschiedenen Lagern sehen darin eine Übernahme linker Denkformen oder sogar eine Annäherung an maoistische Rhetorik in Bezug auf ambitionierte Projekte wie Klimaschutz oder Haushaltspolitik. Das ist die eigentliche Beziehung zwischen Merz und dem alten Schlagwort vom großen Sprung: Nicht die Radikalität des Inhalts, sondern die Übernahme einer Denkform. Diese Denkform lautet, dass Politik vor allem durch Tempo, Management und programmatische Verdichtung legitim wird. Der Staat erscheint nicht mehr als Garant des Rechts und der Ordnung, sondern als Reformagentur. Er soll nicht mehr nur schützen, begrenzen und ermöglichen, sondern fortwährend umbauen. Darin liegt das moderne Element des alten Wahns: die Ersetzung politischer Klugheit durch administrative Mobilisierung.

Überinstitutionalisierung und Entscheidungshemmung

Die Bundesrepublik ist für solche Mobilisierungsrhetorik besonders anfällig, weil sie gleichzeitig an Überinstitutionalisierung und Entscheidungshemmung leidet. Gerade deshalb entsteht das Bedürfnis nach dem großen Wort. Je unbeweglicher der Apparat wird, desto hektischer wird seine Sprache. Je mehr Ausschüsse, Ebenen, Vetospieler und Förderkulissen das Handeln verlangsamen, desto stärker wächst die Versuchung, den Mangel an Entscheidungskraft durch semantischen Überschuss zu kompensieren. Aus dieser Diskrepanz lebt die politische Rede unserer Zeit. Sie ist großsprecherisch, weil die Wirklichkeit kleinmütig geworden ist. Merz ist dafür ein besonders interessantes Beispiel. Er versucht, die alte CDU des Ordnens mit dem neuen Jargon des Beschleunigens zu verbinden. Er will die Sprache des unternehmerischen Aufbruchs sprechen, ohne den koalitionären Charakter der Berliner Republik sprengen zu können. Er muss Reformenergie signalisieren und zugleich die Grenzen des Systems anerkennen. Deshalb sagt er „großer Sprung nach vorn“ und schiebt sofort hinterher, es werde keinen “Big Bang” geben. Das ist keine bloße rhetorische Ungeschicklichkeit, sondern die präzise Beschreibung des Merz’schen Projekts: energische Rhetorik bei strukturell begrenzter Handlungsfreiheit. In der öffentlichen Debatte wird dies oft als symptomatisch für die Kluft zwischen Ankündigung und Umsetzung gesehen, mit satirischen oder kritischen Verweisen auf historische Fehlschläge.

Hierin spiegelt sich der Zustand der BRD heute: Das Land ist führungsschwach. Es fehlt ihm nicht an Programmen, sondern an Prioritäten. Nicht an Experten, sondern an politischer Hierarchie. Nicht an Strategien, sondern an der Bereitschaft, Zielkonflikte offen auszutragen. Deshalb flüchtet sich die Politik in Modernisierungsvokabeln, die fast alles und deshalb fast nichts bedeuten. „Wettbewerbsfähigkeit“ klingt entschlossen, sagt aber noch nicht, welche Zumutungen beendet, welche Lasten gesenkt, welche Irrtümer korrigiert werden sollen. „Digitalisierung“ klingt zukunftsfest, ersetzt aber keine funktionierende Verwaltung. „Bürokratieabbau“ ist ein ewiges Versprechen, das gerade in Deutschland zur literarischen Gattung geworden ist. Ein konservativer Blick würde deshalb nicht nach dem großen Sprung fragen, sondern nach dem verlorenen Maß. Er würde misstrauisch werden, sobald Politik in den Ton der historischen Beschleunigung verfällt. Er wüsste, dass Gemeinwesen selten an zu wenig Ankündigung scheitern, sondern an falscher Prioritätensetzung. Deutschland braucht vielleicht gar keinen Sprung, schon gar nicht nach vorn, sondern eine Wiederentdeckung des Naheliegenden: sichere Energie, verlässliches Recht, überschaubare Steuern, begrenzte Migration, funktionierende Infrastruktur, robuste Bildung, einen Staat, der nicht alles zugleich will.

Mobilisierung statt Entlastung

Gerade die CDU müsste das wissen. Ihre stärksten Jahre waren nie die Jahre des großen Wurfs, sondern die Jahre der nüchternen Selbstbegrenzung. Konrad Adenauer sprach nicht wie ein totalitärer Beschleuniger der Geschichte, sondern wie ein Architekt von Stabilität. Helmut Kohl wurde nicht durch technokratische Kühnheit groß, sondern durch den politischen Instinkt, historische Chancen mit institutioneller Ruhe zu verbinden. Merz dagegen regiert in einer Zeit, in der selbst die bürgerliche Mitte die Sprache der permanenten Reformmaschine übernommen hat. Das macht sie “modern” – und merkwürdig heimatlos. Vielleicht ist der eigentliche deutsche Widerspruch heute genau dieser: Das Land sehnt sich nach Entlastung, aber die Politik spricht in der Sprache der Mobilisierung. Die Bürger wollen, dass es wieder einfacher wird – und bekommen “Reformpakete”. Sie wollen weniger ideologische Überformung und hören Modernisierungsrhetorik. Sie wollen, dass der Staat verlässlich funktioniert, und erleben eine politische Klasse, die sogar das Selbstverständliche noch als Projektform verkaufen muss.

Der “große Sprung nach vorn” ist deshalb als Formel so bezeichnend, weil sie ungewollt die Wahrheit sagt. Nicht über Mao, sondern über Berlin. Über ein politisches System, das selbst dann noch nach historischer Bewegung klingen will, wenn es in Wahrheit nur seine eigene Trägheit verwaltet. Über eine CDU, die den großen Aufbruch beschwört, weil sie den einfachen Kurswechsel nicht mehr klar genug benennen mag. Und über eine Bundesrepublik, die sich noch immer einredet, sie könne sich durch Worte beschleunigen, während ihre Wirklichkeit längst nach Ordnung, Grenze und Konzentration verlangt. Vielleicht wäre das die vernünftigere, konservativere Formel für diese Zeit: kein großer Sprung nach vorn, sondern ein entschiedener Schritt zurück zur Wirklichkeit.

13 Kommentare

  1. Merz ist der Mann großer Worte, nicht der großen Taten. Er steht am Ende der Entwicklung deutscher Prosperität, die durch Schröder eingeleitet (Agenda 2020) und durch Merkel abgebaut wurde, wobei Merkel es leicht hatte, große Sprüche zu klopfen (Wir schaffen das). Nun ist es allerdings mit großen Sprüchen vorbei. Die Versuche, mit guter Stimmung die Wirtschaft in Schwung zu bringen, taugen nicht, wenn fundamentale Voraussetzungen fehlen (Planungssicherheit, günstige Steuern, preiswerte Energie, geringer Staatsinterventionismus). Diese Voraussetzungen wurden vor allem durch Merkel abgebaut. Merz meint nun, die Menschen mit wie weiland Merkel mit Stimmungsmache bei Laune halten zu können. Irrtum!

  2. Deng Xiao Ping war vorher fuer den Kampf gegen Rechts zustaendig. Auch eine intetessante Parallele.

  3. „Merz und der “große Sprung”“
    ….wohin der große Sprung? Er macht da weiter wo Merkel und linksrotgrüne aufgehört haben.
    pin&occhio wir brauchen eine Politik für Deutschland und das deutsche Volk und nicht für Ukrainer und Islamisten…..

  4. von Mao lernen heißt ein Land zerstören zu lernen, der Kerl ist ein verbrecherischer Lügner aber ihr habt ihn ja gewählt
    Mal sehen wann er Pol Pot zitiert
    Nur der deutsche Michel ist ein Masochist ohne Lustgewinn.

  5. Friederich (nein, nicht Friederich der Große, sondern der Winzige) setzte an zum großen Sprung – in die Jauchegrube!

  6. Merz und der “große Sprung”….
    in den Abgrund, aber da sind wir längst….angefangen hat das mit Merkel!😡

  7. Es ist der „große Sprung“ einer abgewirtschafteten Funktionärsclique, die nicht mehr weiß,
    wie sie das Chaos, das sie angerichtet hat, beseitigen soll.
    Es werden auch keine Fachkräfte gebraucht, die zu Lösungen beitragen könnten, sondern
    Klatschhasen wie zu Erich‘ s Zeiten. Um sich die eigene Unfähigkeit selbst zu bestätigen
    und nicht als Totalversager dazustehen umgibt man sich mit den gleichen Unfähigen um
    auf dem selben Niveau zu bleiben.

    1. Das Lächerlichste an der ganzen Sache ist, daß ständig von Reformen und Zukunftsplänen für Deutschland die Rede ist.
      Dabei waren und sind es genau diese Politiker der Brandmauerparteien, die Deutschland um jede Zukunft gebracht haben und unter Merz nun den Rest erledigen.
      Es lohnt nicht mehr, irgendeiner dieser Brandmauergestalten zuzuhören

  8. Der große Sprung in die Brieftaschen der Bevölkerung und Kontrolle auf allen Ebenen stimmt doch eigentlich – oder?