Mode und Freiheit

Konformer Individualismus: Trends und Influencer stimulieren den Herdentrieb (Symbolbild:Imago)

Erhebliche Teile meiner Kindheit habe ich unter Kleiderständern verbracht. Ich hatte zeitig eine instinktive Aversion gegen sozialistische Erziehungseinrichtungen entwickelt und erhielt so Gelegenheit, als Mitbringsel mit kupferroter Pilzkopffrisur einer gut aufgelegten Gemeinschaft bezaubernder Verkäuferinnen den Arbeitsalltag zu versüßen. Meist nachmittags, oft so lange, bis sich abends die Türen schlossen, mein Vater am Personaleingang erschien und seinen Schmetterling samt Nachkommenschaft in die Voliere zurückführte. Die soziale Interaktion im Modehaus war in etwa mit der eines Friseurs zu vergleichen. Ganze Lebensgeschichten wurden über die Theke gereicht, Umkleidekabinen zu Beichtstühlen umfunktioniert, verstimmte Ehemänner mit versammelten Kräften im Windfang aufgehalten, Ehen zwischen Kunden arrangiert oder ultimativ aufgelöst. Geweint, geflirtet, gefrotzelt, gelacht. Stoff für Bücher.

Die Kostümierung der Menschheit im jeweiligen Stil der Saison lernte ich sozusagen hautnah als unabdingbaren Daseinszustand kennen. Ich war noch keine zehn, aber „In” und „Out” lagen mir schnell im Blut. Ich erlebte das Aufkommen der Jeans. Die Ablösung der Cord- durch die Schlaghose. Die mit den Gezeiten verbundenen Pegelstände der Rocklängen und Absatzhöhen. Das Verschwinden der Pumps zugunsten schwerer hölzerner Pantoffeln, die damals Clogs hießen. Das Auf- und Abtauchen von kunstvoll geschnürten Riemchensandaletten, Wedges und Ballerinas. Die merkwürdigen Schulterpolster. Den beständigen Wechsel zulässiger und nicht mehr zulässiger Farben, die offenbar irgendwo auf dem Globus ausgelost wurden.

Verpackung kann verfälschen

Das alles war das Normalste der Welt. In die klamottentechnische Avantgarde war ich sozusagen hineingeboren und entwickelte schnell einen Blick für alle, denen dieses Glück scheinbar nicht zuteil geworden war. Überall liefen ja Gott sei Dank Leute herum, denen die geheimen Codes aus Schnitten, Farben und Accessoires ein Buch mit sieben Siegeln zu sein schienen und für deren Einordnung auf der sozialen Stufenleiter ein Blick aus dem Augenwinkel, ein Sekundenbruchteil völlig ausreichte. Ich bin noch heute für Interessierte vor den Spiegeln der Metropolen ein vorzüglicher Berater bei Einkaufstouren, für mich selbst ist das Praktische allerdings Selbstdarstellung genug.

Dass die Welt der Bekleidung mit ihren Signalen noch sehr viel subtiler funktioniert als gedacht, erschloss sich mir erst später. Die Verpackung kann Persönlichkeit unterstreichen, verfälschen oder konterkarieren. Sie kann provozieren, zitieren, karikieren, täuschen, offenbaren, sich in Zurückhaltung üben oder vielsagend weggelassen werden. Selten bewusst ist in diesem Wechselspiel der Eitelkeiten, wie sehr spezialisierte Trendsetter unser Verhalten manipulieren. Sie verwandeln mit wenigen Handgriffen Milliarden von Konsumenten in Marionetten. In einer Dokumentation wurde vor Jahren einmal aufgezeigt, wie das funktioniert. Arg verkürzt: Scouts suchen in angesagten Stadtvierteln nach auffälligen Erscheinungen, übersetzen diese in massen- und industriekompatible Entwürfe und speisen diese Kreationen dann über Influencer mit Millionenreichweite in die sozialen Netzwerke ein. Es dauert nie lange, bis die aufkommende Nachfrage von Produzenten aufgegriffen wird und das Individuelle zum selbstverstärkenden Massenphänomen wird.

Abstruse Beschäftigungstherapien

Inzwischen bin ich von einem Modefetischisten zum Skeptiker geworden. Es hat für mich etwas Unerwachsenes, wenn unabhängig von Körperhaltung, Gewicht, Alter, Jahreszeit und Aufenthaltsort plötzlich Millionen von einem Augenblick auf den anderen uniforme weiße Sneaker, geringelte Söckchen, zerrissene Hosen oder bauchfreie Tops durch die Straßen schleppen. Es mutet in meinen Augen merkwürdig an, wenn Stoffturnschühchen mit Daunenmänteln und fetten Wollschals kombiniert, Hosen plötzlich in irgendeiner Höhe abgeschnitten werden und neu produzierte Klamotten aussehen müssen wie aus dem Altkleidercontainer gezerrt. Der von jeder Funktionalität demonstrativ abgetrennte Selbstzweck, das Manipulative, das Zwanghafte, der unweigerlich entstehende Herdentrieb ist nirgends so offensichtlich wie in der Mode.

Skeptisch geworden bin ich letztlich, weil diese Mechanik in allen Sphären des Zusammenlebens nach gleichem Muster funktioniert. In der Sprache, in der Geschichtsbetrachtung, in der Musik und der bildenden Kunst, auf Theaterbühnen, wo inzwischen geblutet, gevögelt und im Chor deklamiert wird, bis der Arzt kommt. In der Medizin, bei künstlichen Brüsten und Sexualpraktiken, bei den Rollenbildern der Geschlechter. Nach dem Sinn dieser teils völlig abstrusen Beschäftigungstherapien fragt kaum noch jemand.

Die Sinngebung erfolgt von außen

Es ist in der digitalisierten Informationsgesellschaft (im Rahmen vorhandener ökonomischer und geistiger Zustände) einigen Wenigen möglich geworden, die gesamte zivilisierte Welt zu einem bestimmten Verhalten, zum Konsum bestimmter Artikel, zur Bewertung bestimmter Personen und Weltanschauungen zu dirigieren, ohne dass dies nennenswerte Widerstände unter den derart Manipulierten zeitigen würde. Es sind leider sehr wenige, die noch Antennen für diese Fremdbestimmtheit bewahrt haben, die unser Leben bis ins Privateste hinein dominiert, unsere intimsten, vermeintlich frei getroffenen Entscheidungen beeinflusst und enorme soziale Gefahren generiert. Wir machen nicht mehr, was gebraucht wird, was uns sinnvoll und angemessen erscheint sondern zunehmend das was „angesagt“ ist. Die Sinngebung erfolgt von außen. Die Machtfülle in den Händen dieser „Ansager” hat beängstigende Dimensionen angenommen, die Demokratie als Idee des institutionalisierten Mehrheitswillens vermag immer weniger, dem etwas entgegen zu setzen.

Es sind einfach zu wenige, die Abwehrreaktionen zeigen und sich instinktiv aus diesen Kontexten herauslösen. Und so funktionieren Menschen wieder als Befehlsempfänger, denen die vermeintlich eigenen Bedürfnisse aufgespielt werden wie ein Betriebssystem. Die Fähigkeit, sich neben sich zu stellen, von außen zu betrachten, sich in einer handelnden oder nicht handelnden Masse einer kritischen Prüfung zu unterziehen, auf dem freien Individuum zu beharren, in dem man sich dem Willen der Strippenzieher ganz bewusst entzieht und sich selbst programmieren lernt, wird in der Philosophie „Selbstaffektion” genannt. Sie unterscheidet, als Kategorie der Freiheit, den Menschen von allen anderen bekannten Lebensformen.

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8 Kommentare

  1. Ich bin auch schon ein wenig länger Teil dieser Gesellschaft und habe das im Text Beschriebene bereits als Halbwüchsiger recht skeptisch beobachtet. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob der damals noch mangelnde finanzielle Spielraum meiner Eltern dabei ausschlaggebend war oder der schon immer erkennbar mangelnde Nutzen modischen Firlefanz‘.

    Weder Schlaghosen, noch Plateausohlen, kratzende „Rollis“, weisse Karottenhosen, Schulterpolster, etc pp hatten irgendeinen anderen Sinn als die Erhöhung des eigenen Status in der Herde. Und das Signal dazu zu gehören, Teil der Herde zu sein. Absurderweise glauben Modeadepten aber, ihre Individualität durch Modekonformität zu betonen. Mittlerweile auch durch Körperbemalung und Altmetall an den seltsamsten Stellen. Interessanterweise werden heutzutage allerdings kaum noch Frisuren als Gruppenzugehörigkeitsmerkmal verwendet, anders als 60-90.

    Insgesamt hat sich also sehr wenig geändert. Auch nicht, in welchem Umfang derlei adaptiert wird oder in welcher Geschwindigkeit. Und ob „Clochard-Look“ noch sinnfreier ist als das, was in den 80ern ganz ohne Internet und „Influencer“ angesagt war, wäre auch durchaus diskutabel. Ich darf da mal an die Uniform der „Punks“ erinnern, die ihr angebliches Aufbegehren ja auch insbesondere textil signalisierten. Heute halt direkt ab Werk auch für Mutti und Papa.

    Um es mal etwas drastischer zu formulieren: wer sich bei seiner Textilwahl daran orientiert, was gerade angesagt ist oder was er nach außen darstellen möchte, hat immer schon wenig Kontrolle über sein Leben gehabt. Jedenfalls deutlich weniger, als er glaubte.

    • @Rex Kramer: Mehrere Daume hoch. Wenn ich Mädchen und Frauen in durchlöcherten und ausgefransten Hosen sehe, dann fasse ich mich nur noch an den Kopf. Nur weil es Mode ist? Oder jetzt die Arbeitsschuhe, die man trägt. Wie kann ein vernünftiger Mensch Arbeitsschuhe als Mode betrachten. Heute vereinheitlichen sich die Menschen in der Mehrzahl. Mädchen und junge Frauen haben eben lange Haare, ob sie es sich haarmäßig leisten können oder nicht. Jede sieht gleich aus. Wie kann man nur. Wo bleibt da das Selbstwertgefühl, wenn man alles nur nachäfft, was andere machen.

  2. Die Verpackung kann Persönlichkeit unterstreichen…hahahah
    heute trägt mann/ frau müllsack ……
    und wundert sich dass sie als assi und dreck betrachtet werden…
    linksversüfft und bauerntrend…
    also kartoffelsack und gummistiefel….
    nein nicht bei der arbeit sonder bis hinauf ins parlament…
    säue sind vornehmer….
    schämt euch … stilvoll geht anderst… sofern man es gelernt hat……

  3. … dabei handelt es sich um die lieben ‚Verbraucherinnen und Verbraucher‘, schöne Wortwahl und so entlarvend

  4. Ich denke oft, wenn ich junge Frauen sehe, die dick sind und sich in hautenge Leggins zwängen, haben die eigentlich keinen Spiegel zuhause? Wissen die gar nicht, wie das wirkt? Bei deren Anblick müsste man manchmal schon Schmerzensgeld verlangen. Es ist einfach nur peinlich. Auch die elenden String-Tangas, das ist völlig entstellend und Frauen, die das tragen, machen sich zum Affen, aber es ist halt Mode und man trägt es. Sie erniedrigen sich, ohne es zu merken. Dasselbe mit den allgegenwärtigen Tätowierungen, teilweise bis über den Hals hoch. Und das kann man ja, wenn es einem nicht mehr gefällt, nicht einfach abwaschen. Es ist eine Sklavenmentalität. Im Prinzip hat der „Schlampenstil“ in den 68ern angefangen. Gegen das „Establishment“, und es hat sich so eingebrannt in die ganze Gesellschaft, dass jetzt alle aussehen, wie das Lumpenproletariat. Protest gegen die Schönheit. Es ist perfide. Wir haben uns durch die Modevorgaben alle zu einem Lumpenproletariat machen lassen, ohne es zu merken. Kaum noch jemand hat wirklich „Stil“. Schönheit und Stil wurden als „spießig“ verachtet, das hat sich aber inzwischen so normalisiert, dass es fast keiner mehr merkt. Das war Absicht. Dasselbe gilt für die Kunst. Geht man in ein x-beliebiges Museum, sind dort fast nur hässliche „Bilder“ ausgestellt. Es ist eine Beleidigung für den Betrachtenden. In den Städten sind die Hauswände und Stromkasten mit Graffitis zugeschmiert, alle Ampeln, Zigarettenautomaten und Pfosten mit Stickern zugeklebt. Es ist alles furchtbar hässlich und ghettomäßig. Ich finde das total deprimierend, weil es anscheinend außer mir keinem auffällt.

    • @Susanne: Nein Sie sind nicht die einzige. Ich z.B. sehe es ebenso. Es ist die Dekadenz des Westens, die sich in der Hässlichkeit manifestiert. Das sieht man auch vielfach in der Werbung: Hässlichkeit und Rotlichmilieu!

  5. Die Mode ist ein ähnlicher Steuerungsmechanismus wie die Medien. Beides beginnt mit „M“ wie MITEINANDER und hat als dritten Buchstaben das „D“ wie DUMM
    Nur mal so 😉

    Rolf

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