O heilige Einfalt: Mosebach und die katholische Kirche

Fragwürdige Erklärungsansätze für priesterlichen Kindesmissbrauch (Symbolbild:Imago)

von Gastautor Stefan Barme

Der deutsche Schriftsteller und überzeugte Katholik Martin Mosebach hat sich vergangenen Donnerstag im Feuilleton der „Neuen Zürcher Zeitung”  zum Missbrauchsskandal in der römisch-katholischen Kirche geäußert, dessen Ursachen sich aus seiner Sicht „klar benennen” lassen: Mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil habe sich die Kirche von altbewährten Traditionen verabschiedet, die stets die Ordnung und Disziplin des priesterlichen Alltags gewährleistet hätten. Diese „Verschluderung”, die zeitlich auch noch mit der dezidiert anti-autoritären und die sexuelle Freizügigkeit feiernden 68er-Bewegung zusammenfiel, sei für das Phänomen des Kindesmissbrauchs in der nachkonziliären Kirche verantwortlich zu machen: „Soutane und Priesterkragen verschwanden – der Priester wurde in der Öffentlichkeit unsichtbar. Die Verpflichtung, täglich die heilige Messe zu zelebrieren, entfiel – nur wer mit der katholischen Tradition vertraut ist, vermag zu ermessen, welch disziplinierenden Halt diese tägliche Übung, verbunden mit der Pflicht zu häufiger Beichte, zu gewähren imstande ist. (…) Es soll nicht behauptet werden, dass ein in der klassischen Tradition stehender Priester nicht Straftäter eines Sexualdelikts werden kann – solche hat es zu allen Zeiten auch unter strenger Observanz gegeben –, sehr wohl aber, dass es einem in die traditionelle Disziplin eingebundenen Priester leichter fällt, seiner Versuchungen Herr zu werden.

Den kirchlichen Kindesmissbrauch auf den Klerikalismus zurückzuführen, wie dies viele Kirchenmänner tun, also auf eine mit der Abwertung des Laien einhergehende Selbsterhöhung der Priester, bezeichnet Mosebach als „geradezu grotesk” und ergänzt: „Das Gegenteil ist der Fall. Es ist ein innerkirchlicher nachkonziliärer Antiklerikalismus, der die sakramentale Sonderposition des Priestertums verneint, welcher den Priestern wichtige Hilfestellungen weggeschlagen hat, ihren Gelübden treu zu bleiben.” Das ist wohlfeile Sophisterei, denn vollkommen unberührt von des Romanautors Einwand bleibt das Punctum puncti der Klerikalismus-Argumentation: Das unumstößliche Faktum, dass zwischen Priestern auf der einen Seite und Seminaristen, Laien auf der anderen Seite, auch wenn erstere ohne vorkonziliäre „respektheischende” Soutanen und Kragen daherkommen, ein spezifisches Status- und Machtgefälle besteht – eine hierarchische Konstellation, die der Ausübung von Gewalt, sei sie nun sexueller, körperlicher oder seelischer Art, eher förderlich als abträglich ist.

Sexuelle und psychische Faktoren

Sehr viel näher an der Praxis und der Realität als der zur Haute volée der bundesrepublikanischen Intelligenzija zählende Mosebach sind die vielen Stimmen innerhalb der Kirche und Priesterausbildung, die neben dem bereits erwähnten Klerikalismus sexuelle und psychische Faktoren als Erklärungen für die Missbrauchswelle anführen. Die „Tagespost“ schreibt: „Auch der langjährige Regens des St. Georgener Priesterseminars, Pater Stephan Kessler SJ, stellte der bisherigen Priesterausbildung in Deutschland ein vernichtendes Urteil aus, und macht drei Kernprobleme aus: fehlende sexuelle Reife der Kandidaten, Tabuisierung der Homosexualität und die ‚Überhöhung‘ des Priesteramts. (…) Es ist die Rede davon, dass die Seminaristen sich einer intransparenten Machtfülle des Regens ausgesetzt sehen, fehlenden Ausbildungscurricula oder Besuchen des Regens auf den Zimmern.” Zudem betonte Pater Kessler, dass die Priesterausbildung „mit ihren geschlossenen Systemen einen ’narzisstischen‘ und ’soziopathischen‘ Typen anspräche (…)”.

Dessen ungeachtet dürfte Mosebachs sancta simplicitas – Repristination des „soutanischen” und sakramentalen Glanzes der Priester, und schon werden diese ihre Versuchungen wieder leichter in den Griff bekommen – aber auch schon an der Tatsache scheitern, dass „das Verbrechen eine Erfindung der Institution” ist (so Wolfgang Sofsky in seinem „Traktat über die Gewalt”) und – wie uns die Geschichte eindrücklich lehrt – nicht zuletzt auch eine Invention der Kirche.

Kritisch begegnet Mosebach auch der Forderung, dass die Kirche von Grund auf erneuert werden müsse – „was angesichts der Tatsache, dass es sich bei den Delinquenten der letzten sechzig Jahre um nicht mehr als drei Prozent der in diesem Zeitraum wirkenden Priester handelt, etwas überzogen anmutet”, so der Büchner-Preisträger. Während Mosebach also Marginalität insinuiert, spricht so mancher mit der Aufarbeitung befasste Psychiater in Bezug auf die bislang ermittelten Zahlen von der berühmten „Spitze eines Eisbergs”.

Prozentuale Missbrauchsbagatellisierung

Dass insbesondere bei sexuellem Missbrauch von einer (sehr) hohen Dunkelziffer und von Vertuschungen ausgegangen wird, dass nachweislich Akten vernichtet oder manipuliert wurden, dass wir es nicht mit einem auf Deutschland beschränkten, sondern mit einem weltweiten Skandal zu tun haben, und dass Frauen in die Untersuchungen nicht einbezogen wurden, obwohl bekanntlich auch Frauen sexuelle Gelüste hegen und zu Gewalttaten fähig sind (siehe hier, hier oder hier  und, aus historischer Perspektive, hier) – all dies wird von Mosebach ebenso wenig erwähnt wie der folgende Umstand: „Erst seit den 90er Jahren werden Fälle von Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche mit Kommissionen und Forschungsprojekten aufgeklärt – mal mehr, mal weniger systematisch, mal mehr, mal weniger transparent.”

Als Replik auf Mosebachs (prozentuale) Bagatellisierung des klerikalen Kindesmissbrauchs ist – im Hinblick auf eine Qualifizierung und Quantifizierung des Ungeistes in der römisch-katholischen Kirche – auch an Folgendes zu erinnern: Abgesehen von wenigen Ausnahmen, wie etwa Carlo Maria Viganò, ist die von Martin Mosebach so sehr geschätzte römisch-katholische Kirche dem Bösen und seinen emsigen Bestrebungen, eine Diktatur zu errichten, die Menschheit zu reduzieren und zu versklaven, nicht entschieden entgegengetreten, sondern stattdessen agiert sie – wieder einmal – als Mitläufer und Unterstützer. Was die Erklärungen und Hintergründe hierfür sein könnten, dazu ist von dem vielfach vom Establishment ausgezeichneten Autor und von anderen (kirchennahen) Intellektuellen keine Wortmeldung zu vernehmen. Hierzu nur folgende knappe Hinweise: In der Bibel sind die Erlösung und das Verhältnis zwischen Gott und den Menschen exklusiv-elitärer Art. Gott liebt und erlöst nur die, die an ihn glauben, die „Kinder Gottes”, alle anderen Menschen stammen vom Teufel ab und werden als „Kinder des Teufels” nicht von ihm geliebt (siehe 1. Johannesbrief 3,1–10); auch der Jesus des Johannesevangeliums betet ausdrücklich nur für jene Menschen, die Gott „gehören” (Johannesevangelium 17, 9–19); und Papst Bonifaz VIII. verkündete als unfehlbare Lehre, dass nur die gerettet und zum ewigen Heil gelangen könnten, die sich dem Bischof von Rom unterordnen.

Das definitive Ende der römisch-katholischen Kirche

Auch die tiefen Sympathien großer Teile der Amtskirche für den ökosozialistischen Zeitgeist und die Ziele der Transhumanisten-Kirche möchten der zensuraffine (siehe hier) Blasphemie-Bekämpfer Mosebach (siehe hier) und die intellektuelle Mitmach- bzw. Schweigeherde nicht so gerne thematisieren. Sollte im gegenwärtig ausgetragenen globalen Kampf nicht das Böse, sondern das Gute gewinnen, sollte das „Great Awakening” den „Great Reset” hinwegfegen, dann würde dies mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit das definitive Ende der römisch-katholischen Kirche bedeuten, was sehr zu begrüßen wäre, denn… aber halt! Das Schlusswort in Sachen katholische Kirche wollen wir doch lieber einem großen Schriftsteller, der zudem einer der scharfsichtigsten Entlarver von Lebens- und Menschheitslügen ist, überlassen – Thomas Bernhard. Dieser schrieb in seinem Roman „Auslöschung. Ein Zerfall„:

Wir sind katholisch erzogen worden, hat geheißen, wir sind von Grund auf zerstört worden (…). Der Katholizismus ist der große Zerstörer der Kinderseelen, der große Angsteinjager, der große Charaktervernichter des Kindes. Millionen und schließlich Milliarden verdanken der katholischen Kirche, dass sie von Grund auf zerstört und ruiniert worden sind für die Welt. Dass aus ihrer Natur eine Unnatur gemacht worden ist. Die katholische Kirche hat den zerstörten Menschen auf dem Gewissen, den chaotisierten, den letzten Endes durch und durch unglücklichen, das ist die Wahrheit, nicht das Gegenteil. Denn die katholische Kirche duldet nur den katholischen Menschen, keinen andern, das ist ihre Absicht und ihr fortwährendes Ziel. Die katholische Kirche macht aus Menschen Katholiken, stumpfsinnige Kreaturen, die das selbständige Denken vergessen und für die katholische Religion verraten haben. Das ist die Wahrheit (…) Wenn wir auch in Betracht ziehen, dass die katholischen Bräuche uns als Kind immer entzückt haben, sie für uns am Anfang nichts anderes als ein Märchen gewesen sind (…) unser schönstes, zweifellos, für die Erwachsenen ihr einziges Schauspiel, ihr größtes, lebenslängliches, so haben dieses Märchen und dieses Schauspiel doch alles Natürliche in den Menschen ruiniert, sie mit der Zeit zugrunde gerichtet.

9 Kommentare

  1. Dummes Gerede vom Mosebach.
    Den Kindesmissbrauch gab es schon immer. Meine Großmutter (geb. ca. 1890) hat es erlebt und ist dem Pfaffen gerade noch ausgekommen. Es war für sie der Grund aus der kath. Kirche auszutreten und in die evangelische zu gehen (damals musste ein „anständiger Mensch“ in einen Kirche sein). Besonders, da ihr Mann Ulan im Kaiserreich war. Und der war evangelisch.
    Aber trotzdem hat sie von den Pfaffen nichts gehalten.

  2. das selbständige Denken vergessen…. da gibts jemanden der kann das noch besser als die kath. Kirche…
    Den Knirpsen der Moschee- Schule wird der Märtyrer geblasen, der kindliche Verstand vermasselt der Kopf entrümpelt u. auf Mekka ausgerichtet – konditioniert werden’s auf die Unfähigkeit selbständiges Denken zu entwickeln.
    Zu diesem Fakt erscheinen die Verantwortlichen en masse :
    Merkel, Scholz, Parteien, Kirche, deutsche Intelligenzia, Lehrer- Verbände, Verbände des humanitären –
    Die einen wollen nicht demaskieren, andere können nicht, Otto u. Achmed – nix versteh….

    • Genauso ist es.
      Es ist sogar Religion, dass sechsjahre alte Maedchen, mit alten Maennern verheiratet und dann mit Neun Jahren, die Ehe vollzogen werden kann. Vielweiberei ist auch dort auch in Ordnung , in dieser Religion, genauso wie Homosexuelle Handlungen an kleinen Jungen, siehe Afghanistan.
      Niemand protestiert dagegen, denn dass waere ja politisch uncorrect.
      Die katholische Kirche, hat genuegend Problemfaelle, doch warum wird nur auf ihr herumgehakt? Da sind noch andere Hintergruende im Spiel, von denen wir nichts wissen.
      Die evangelische Kirche und Baptisten haben sich in dieser Hinsicht auch genug zu schulden kommen lassen.

  3. Hat der Autor schon einmal das Wort „Woodstockisierung“ gehört, und in welche Zeit es paßt? ich habe die Verwahrlosung der Kirche seit dem, bzw nach dem Konzil erlebt und wie diese sich ausgewirkt hat.
    Klugscheißerei mag ich nicht.

  4. Das Verhalten der Amtskirchen in der sog. Flüchtlingskrise und jetzt in der sog. Coronakrise hat sie entlarvt, und gezeigt, wem sie wirklich dienen. Solche Kirchen braucht kein Mensch.

  5. Ist Journalistenwatch bei Facebook gesperrt ? Liegt es an den Artikel vom Nürnberger Kodex denn dafür wird gerade jeder gesperrt .

  6. Heisst, betreute Denker und betreute Akteure fallen ihren Trieben nicht zum Opfer? Merkwürdige
    Ansicht. Ich denke, dass es genau diejenigen sind, die anfällig sind.

  7. Allein schon die Tatsache, dass jemand die Evangelien ernst nimmt, ruft bei mir ernsthafte Zweifel an seiner geistigen Verfassung hervor. Da lese man mal mit Verstand und unvoreingenommen die Texte und die alles übertrumpfende Apostelgeschichte. Ein jüdischer Messias wird lächerlich gemacht – und genau diese Absicht der Schreiber wird nicht erkannt, sondern grotesk in einem Christus verkannt.

    Das Dumme an dem gesamten Missbrauch ist jedoch, dass der kriminelle Charakter dieser Straftaten durch das ständige mediale Wiederkäuen, Wiederholungen nichts auszurichten vermag, sondern offenbar ganz im Gegenteil viel von seiner außerordentlichen Bedeutung verliert. Dazu kommt, dass die angebliche Befassung des schützenden Klerus seit Jahren für die einfältig Sozialisierten gar eine Weihung der Taten darstellt. So wie es aussieht, sehen anscheinend nicht einmal viele der Opfer einen Grund aus dieser Kirche auszutreten.
    Diese wunderbar prachtvolle Kirche darf einfach nicht untergehen. Wer sollte den Menschen sonst sagen, dass sie „erlöst seien“ und nach dem Tod als gute Katholiken weiterleben würden? Nahezu 2000 Jahre Bevormundung und Bereicherung dürfen einfach so kläglich nicht enden.

  8. „Die katholische Kirche hat den zerstörten Menschen auf dem Gewissen“

    Nein, das waren die Sozialisten mit ihrer perversen, widernatürlichen universalen Gleichmacherei durch erbarmungslose Ausbeuterei und Umverteilung.
    Die Allmacht der katholischen Kirche in Zentraleuropa wurde bereits vor Jahrhunderten von Martin Luther gebrochen, wenn auch unbeabsichtigt.
    Was so einen Kinderschänder von seinem Treiben abhalten kann, ist weniger die Angst vorm Höllenfeuer als viel mehr die vor einem ganz und gar irdischen Scheiterhaufen. Da die letzte Option heute nicht mehr zeitgemäß ist, war es geradezu zwangsläufig, dass die Zahl der Kinderschänder bei den Kirchen explodiert.
    Zumal es der christliche Glaube auch den frommen Schändern ganz besonders einfach macht, denn laut der Bibel mag Gott am liebsten die Seelen, die zunächst Gott hassten und sich später bekehren ließen. Man kann also das größte Schwein sein, wenn man sich in die Arme der Kirche begibt und Reue vortäuscht, dann ist alles vergeben und vergessen. Was erkennt man daran? Dass die KK nur ein Glaubensunternehmen ist, das von den Mitgliedern lebt, darum diese große Toleranz. Ein Kinderschänder kann nun darauf hoffen, dass er einige Jahre vor seinem Tode bitter bereut, entsprechende Gebete leistet und alles ist wieder gut. Durch großzügige Spenden an die Kirche kann man sogar dem Fegefeuer entgehen und an Petrus vorbei direkt in den Himmel einziehen.
    Was ein Käse, denn alles was die Christen haben, ist nicht etwa die Bibel, sondern das Vaterunser. Aus dem Vaterunser haben die dann das alles abgeleitet, was die KK heute ist und seit der Spätantike war. Wenn man für seinen Glauben Monatsbeiträge zu leisten hat und zwar nicht zu knapp, dann ist etwas faul.

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