
Heute vor 50 Jahren, am 22. August 1976, starb der evangelische Pfarrer Oskar Brüsewitz im Alter von 47 Jahren im damaligen Bezirkskrankenhaus Halle-Dölau. Brüsewitz hatte sich vier Tage zuvor, am 18. August, um halb zwölf Uhr vormittags auf dem Vorplatz der Kirche St. Michaelis in Zeitz aus Protest gegen das DDR-Regime selbst in Brand gesteckt. Er hinterließ seine Ehefrau Christa, die gemeinsamen Töchter Esther und Dorothea sowie eine Tochter aus erster Ehe.
Brüsewitz war ein außergewöhnlicher Pfarrer, dessen Lebensweg von den Verheerungen des Zweiten Weltkriegs und der nachfolgenden deutschen Teilung geprägt war. In einem Dorf unweit von Tilsit im nordöstlichsten Ostpreußen geboren, wurde er gegen Kriegsende als sechzehnjähriger zur Wehrmacht eingezogen und erlebte die verzweifelten Rückzugsgefechte gegen die Rote Armee. Nach einer Schuhmacherlehre in Sachsen übersiedelte er nach Westdeutschland, in die Nähe von Osnabrück. Er eröffnete eine eigene Werkstatt und heiratete. Eine Tochter kam zur Welt, doch die Ehe scheiterte. Brüsewitz zog in die DDR zurück. Es folgten Krankheitsepisoden, wechselnde Wohnsitze, eine zweite Ehe und die Ausbildung zum Pfarrer.
Geistiger Herrschaftsanspruch
Anfang der Siebziger Jahre wurde Brüsewitz Pfarrer des Örtchens Rippicha. Dank seiner unkonventionellen Methoden füllte sich die örtliche Kirche wieder. Er betrieb eine aktive Jugend- und Missionsarbeit. Aus Leuchtstoffröhren fertigte er ein Kreuz, das in zwanzig Meter Höhe am Kirchturm angebracht war. Des Nachts markierte dieses leuchtende Kreuz jedem, der auf der nahegelegenen Fernstraße vorbeikam, den geistigen Herrschaftsanspruch des Christentums. Selbstverständlich löste das Wirken von Brüsewitz bei den offiziellen Stellen der DDR großen Unmut aus, allerdings boten ihm sein Predigerberuf unter dem Dach der Amtskirche und sein Bekanntheitsgrad einen gewissen Schutz vor direkten Repressionen. Auch waren die örtlichen Polizei- und Sicherheitskräfte ob der kühnen Aktionen des Gottesmanns vielfach überfordert und ratlos.
Die Ehefrau und seine beiden Töchter litten aber durchaus unter dem Missfallen von Partei und Staat. Gleichzeitig fühlten sich viele Gemeindemitglieder durch den Aktionismus ihres Pfarrers zunehmend überfordert. In den Wochen vor seinem Tod rückten auch die Kirchenfunktionäre vollends von ihm ab; man muss dazu wissen, dass Mitte der Siebziger Jahre die Evangelischen Kirchen der DDR faktisch gleichgeschaltet waren. Das von Horst Kasner, Angela Merkels Vater, geprägte Motto von der “Kirche im Sozialismus” hatte sich materialisiert und die Entchristianisierung der DDR schritt voran. Mit Folgen auch für Brüsewitz: Dieser sollte von seiner Pfarrstelle in Rippicha entfernt werden, auch auf Wunsch der SED-Funktionäre.
“Abnormal und krankhaft veranlagter Mensch”
SED-Kirchenstaatssekretär Hans Seigewasser schaltete sich noch am 18. August 1976, dem Tag der versuchten Selbstverbrennung direkt in den Fall ein. Gemeinsam mit Stasi-IM Manfred Stolpe (später nach der Wende 12 Jahre lang SPD-Ministerpräsident Brandenburgs und anschließend Bundesbauminister) fuhr er von Berlin gleich nach dem Vorfall zu einem ersten Gespräch mit Kirchenvertretern nach Magdeburg. Anwesend waren neben Stolpe und Seigewasser drei weitere SED-Funktionäre: Die Oberkonsistorialräte Schultze und Wagner sowie Propst Friedrich-Wilhelm Bäumer, der acht Tage später die Trauerpredigt für Brüsewitz hielt.
Sowohl die SED als auch die Kirche wollten den Fall Brüsewitz totschweigen oder mindestens als Einzelschicksal eines “abnormal und krankhaft veranlagten Menschen” (so die Regimezeitung “Neues Deutschland”) ohne politische Bedeutung darstellen. Die möglichst unauffällige Abwicklung der Beisetzung wurde minutiös geplant und von der Stasi streng überwacht. Unter allen Umständen solle die Entstehung eines Märtyrerkults verhindert werden.
Durchbrochenes Schweigekartell
Zwei Pfarrerkollegen, Klaus-Detlev Beck und Klaus Reiner Latk, durchbrachen schließlich kurz darauf das Schweigekartell und machten sich am 20. August 1976, zwei Tage nach Brüsewitz‘ Selbstverbrennung, in die Ständige Vertretung der Bundesrepublik nach Ost-Berlin auf, um das Geschehen öffentlich zu machen. Bei Günter Gaus, damals Leiter der Vertretung, stießen sie jedoch auf taube Ohren: “Gaus riet uns dringend (davon) ab, den Fall publik zu machen. Die politische Konstellation verlange Annäherung. Gerade die Kirche als Vermittler und ruhender Pol leiste ihre Aufgabe gut”, erinnerte sich Pfarrer Latk später. Im weiteren Verlauf gelang es den beiden dann doch noch, in der US-Botschaft mit westdeutschen Journalisten in Kontakt zu treten. Damit war der Geist, das “Fanal von Zeitz”, aus der Flasche und Oskar Brüsewitz ging in die Geschichte des Kalten Krieges ein.
Trotz begründeter Furcht vor Repressalien kamen am 26. August 1976 um die 400 Trauergäste nach Rippicha. Ungefähr 90 Pfarrer waren darunter. Auch ARD-Korrespondent Lothar Loewe war damals mit einem Filmteam vor Ort. Auf später gesichteten Stasi-Aufnahmen ist auch Oberkonsistorialrat Manfred Stolpe zu erkennen. Im Jahr 1993 entstand ein umfangreicher Dokumentarfilm über das Geschehen in Rippicha und Zeitz. Noch heute steht in Willkischken, dem Geburtsort von Oskar Brüsewitz, ein Kriegerdenkmal. Ein Satz ist auf einem Steinbogen darüber eingemeißelt: “Vergiss mein Volk die teuren Toten nicht!”
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5 Kommentare
Wer so etwas macht, der hat mehr als nur einen starken Willen und eine innere Überzeugung, die absolut unerschütterlich ist.
Selbstverbrennung ist der schlimmste Tod, den man sich vorstellen kann. Ich hätte niemals den Mut dazu.
,,Hinter die Kulissen zu schauen heißt zu erkennen: Hinter der demokratischen Fassade wurde ein System installiert, in dem völlig andere Regeln gelten als die des Grundgesetzes.
Das System ist undemokratisch und korrupt, es missbraucht die Macht und betrügt die Bürger skrupellos.”
,,Jeder Deutsche hat die Freiheit, Gesetzen zu gehorchen, denen er niemals zugestimmt hat; er darf die Erhabenheit des Grundgesetzes bewundern, dessen Geltung er nie legitimiert hat; er ist frei, Politikern zu huldigen, die kein Bürger je gewählt hat, und sie üppig zu versorgen – mit seinen Steuergeldern, über deren Verwendung er niemals befragt wurde.
Insgesamt sind Staat und Politik in einem Zustand, von dem nur noch Berufsoptimisten oder Heuchler behaupten können, er sei aus dem Willen der Bürger hervorgegangen.“
-Hans Herbert von Arnim, Staatsrechtler
Ich habe Verständnis für den Widerstand gegen die SED-Herrschaft. Zu der Zeit stuiderte ich in der DDR.
Selbsttötung ist Mord, und damit gegen alle chtistlichen Regeln.
Und jetzt ist die DDR wieder an die Macht
Jabloko: Der Ausschluss von Parteien in Russland ist genauso skandalös wie in der Ukraine oder in Deutschland
In Russland wurde die Partei Jabloko von den Parlamentswahlen ausgeschlossen. Das wird zu Recht scharf kritisiert hierzulande. Der Vorgang lenkt den Blick aber auch auf die doppelten Standards bezüglich des Umgangs mit Oppositionsparteien in anderen Ländern: Als in der Ukraine elf Parteien von dem „prowestlichen demokratischen Regime“ verboten wurden (deutsche Mainstream Medien haben das komplett ignoriert), als die Wahl in Rumänien „annulliert“ wurde oder als ein AfD-Verbot gefordert wurde, da wurde „die Demokratie“ oft nicht verteidigt.
https://www.nachdenkseiten.de/?p=154878
Terrorstaat Ukraine: Wer nicht Teil der korrupten Eliten ist, wird vom Fleck weg gekidnappt und an der Front verheizt
https://journalistenwatch.com/2026/08/22/terrorstaat-ukraine-wer-nicht-teil-der-korrupten-eliten-ist-wird-vom-fleck-weg-gekidnappt-und-an-der-front-verheizt/