Pauschalurlaub: Meine kurze Flucht ins Banale

Pauschalurlaub: Meine kurze Flucht ins Banale

Urlaub auf Mallorca: Entspannung à la Mainstream muss auch mal sein (Symbolbild:Imago)

Reisen zur Ferienzeit mit Heranwachsenden sind Herausforderungen. Unterkünfte sind teuer. Es kann zu kalt sein. Oder zu warm. Oft zu langweilig. „Peinlich“ sowieso. Im „Status“ der lieben Kleinen tobt trotzdem ein subversiver Kampf um die Bilder. Zumindest wird ein solcher von den Eltern behauptet, um die eigenen Investitionen in die sommerlichen Auszeiten nicht allzu selbstdarstellerisch erscheinen zu lassen. Nun ist der Drahtseilakt fürs Erste vollbracht. Ich sitze am Tisch bei der Urlaubswäschenachbereitung, schneide vorm Zusammenlegen der hautfarbenen Unterwäsche meiner Tochter brav die angenähten textilen Kleinbücher mit chinesischen Schriftzeichen heraus, von denen ich annehme, dass sie beim Tragen stören. Oder beim Hinsehen. Seufz! Schließlich ist ja die Illusion das Ziel… und der Sommer noch lang. Was tut man nicht alles als melancholischer Vater.

Immerhin – es war unzweifelhaft Sommer im 17. Bundesland. Verbracht bei durchgängigen 34 Grad Celsius in einer gut beleumundeten Hotelanlage. Anfänglich, wie erwartet, Liege an Liege, neben runzelbraun-stämmigen Rheinländerinnen in farbenfrohen Badeanzügen, mit kristallharter Kurzhaarfrisur und seitlich floral ausschwingender Sonnenbrille. Ein Trend, der seit den Siebzigern des letzten Jahrtausends ungebrochen scheint. Unablässig smalltalkende Stammkundschaft jedenfalls, deren gesellschaftliche Stellung sich eigentlich nur noch durch die An- oder Abwesenheit von Tattoos und die Frequenz der Umarmungen taxieren ließ, mit der sie den gutgebauten, sexuell vermutlich aber grundsätzlich desinteressierten Jungs vom Service ihre betont übergriffigen Begrüßungen aufzwangen.

Leuchtturm der guten Laune

Gerade so, als seien diese soeben einer Geiselnahme entronnene Familienangehörige. Wenn die Bürener Grabscher-Plakate je irgendwo einen Sinn gehabt hätten, dann zweifellos hier an der palmengesäumten Platja de Muro. Aber da hier die Poolboys sozusagen Missbrauchsobjekt und Meldestelle in Personalunion darstellten, ergaben sich einfach keine Betätigungsfelder für intersektionelle Antidiskriminierungsbeauftragte.

Im vollklimatisierten Ambiente schien die friedliche Diversität von Mitarbeitern und Gästen jedenfalls aufs Vorzüglichste in Szene gesetzt. Die Personalstuff umfasste osteuropäische, thailändische, indische, japanische und vermutlich noch Dutzende weitere Migrationshintergründe. Allmorgendlich grüßte ein überaus klischeehafter Uncle Ben mit Colgate-Lächeln direkt aus dem Salatbuffet in Stadiongröße. Unter einem beeindruckenden Stoffgebirge auf seinem Kopf dröhnte jedem, der Blickkontakt aufnahm, ein sonores „Good Morning my Friend!“ entgegen, gefolgt von einem dargebotenen Hi-Five und einem ansteckenden Lachen, mit dem er sich unentwegt selbst feierte. Seit ich am dritten Tag diesen Leuchtturm der guten Laune mit gespielt ernster Miene darauf aufmerksam gemacht hatte, dass er das Schild vom Vitello Tonnato mit dem Carpaccio vom Seeteufel vertauscht hatte, lief er jedes Mal, wenn er meiner ansichtig wurde, zur Hochform auf, stach mit seinem Zeigefinger in die Luft und brüllte vor Lachen „Senior Tonnato! How are You? Everything is fine? Hahaha…!

Kalkulierbare Verlässlichkeit, solange es sie noch gibt

Im Laufe der Woche stellte sich optisch willkommener Ausgleich durch zahlreiche Russinnen deutlich jüngeren Alters ein, die hier – aus nachvollziehbaren Gründen – als Ukrainerinnen, Belorussinnen oder Einheimische eingecheckt hatten und spätestens im Abendoutfit den chancenlosen Rheinländerinnen die letzten spärlichen Blicke entzogen. Vermutlich waren die meisten von ihnen, abgesehen von der Rolle als Kurzzeittrophäe, keine besonders gute Partie, aber Körper, Stil und Auftreten – das musste man zugestehen – sind ethnisch einfach ungerecht verteilt. Ich selbst, zumeist träge in einer aufgepusteten Badehängematte lümmelnd und mit dem Querlesen libertärer Grundsatzliteratur oder aber dem diskreten Studium des Jetztmenschen in freier Wildbahn befasst, bot gewiss keinen besonderen ästhetischen Beitrag.

Aber für dieses Privileg hatte ich ja bezahlt. Jawohl! Hier, genau hier, wollte ich nach unzähligen, mühselig geplanten Individualreisen eine Auszeit einlegen! Kein bemühter Nonkomformismus, nichts als wärmende pauschale Banalität mit etwas Postkartenstrand. Hier, wo man ausweislich entsprechender Lobeshymnen des Etablissements erwarten kann, dass aufkommende Bedürfnisse mit professioneller Herzlichkeit befriedigt werden, bin ich Mensch gewesen und durfte es sein. Ein Aperitif aufs Haus? Ein Röschen für die Dame? Darf’s ein frisches Badetuch sein? Kalkulierbare Verlässlichkeit, solange es sie noch gibt. Es sei mir verziehen. Das dröhnende Lachen von Uncle Ben hallt in den vom Frust besetzten Echokammern der Seele noch nach. Vieles könnte so einfach sein. Wenn die Allgemeinen Geschäftsbedingungen klar sind.

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6 Antworten

  1. Zitat: „mit der sie den gutgebauten, sexuell vermutlich aber grundsätzlich desinteressierten Jungs vom Service ihre betont übergriffigen Begrüßungen aufzwangen“

    Sehr geehrter Herr Burggraf,

    ein unterhaltsamer Urlaubsbericht, danke für die „textilen Kleinbücher“. Größtenteils kann ich freilich nicht mitreden mangels Reiselust in diese oder überhaupt eine Richtung, aber – ist Ihnen der Begriff „Bezzness“ (Bessness, Bezness, etcetera) nicht bekannt? Oder sollte das von Ihnen beobachtete Gebaren im 17. Bundesland tatsächlich etwas anderes gewesen sein?

    Mehr dazu findet sich auf der Website 1001geschichte-Punkt-de. Vorsicht, als Unbeteiligter besteht (zumindest für mich) die Gefahr des Festlesens in morbider Faszination. Nein, diese Frauen sind nicht dumm, es ist Blindheit. Und von welcher Kraft! Dieselbe Blindheit hält viele Menschen in den Wahnvorstellungen gefangen, die von der ihrerseits blinden Regierung verbreitet werden.

    Mit freundlichen Grüßen
    EMR

  2. Diese Sorgen möchte ich mal haben …

    Da fliegt der Welt mit dem Krieg zwischen der NATO-verhetzten Ukraine oder dem Angriff auf den Iran die Welt schon fast im Endstadium um die Ohren und man kann sich um den „Urlaub“ sorgen.

    Wann beginnen denn für die Menschen die richtigen Sorgen? Beim Blackout? Bei jeden 4.Rentner nach 45 Arbeitsjahren mit einer Rente unter 1300 €? Bei der Ausrufung des Kalifats in Deutschland? Beim Abschuss der ersten Raketen aus Deutschland? Bei Zusammenbruch der nächsten Brücken oder der Schulen? – Eine Reihe, die sich noch stundenlang fortsetzen kann und die früher zu massiven Protesten gegen die Regierungen geführt hätten?

    Doch im denk-entkernten und vollkommen empathielosen Deutschland spielt das offenbar für die Bürger alles keine Rolle mehr …
    Hauptsache auch der Bundestag mit seinem durchweg hochqualifizierten Personal kann sich mal einige Wochen Ruhe gönnen …

  3. Werter Herr Burggraf, nicht nur Ihr Urlaub war offenbar erholsam, sondern auch die Lektüre darüber. Endlich mal keine Probleme, sondern einige Minuten Lesevergnügen. Danke dafür!

  4. Urlaub – bin ich als Rentner finanziell außen vor im Gegensatz zu Pensionären. Auch Preis, Leistung und Umfeld schrecken da ab. Macht weiter so.

  5. 😵‍💫Wo wird denn so ein Deutsch geschrieben, geschweige denn gesprochen???⚡😵‍💫⚡