Donnerstag, 13. Juni 2024
Suche
Close this search box.

Raisi-Absturz: Ein Feuerwerk wilder Spekulationen

Raisi-Absturz: Ein Feuerwerk wilder Spekulationen

Gestern in Teheran: Regimetreue “Schleiereulen” betrauern als Klageweiber den Tod Raisis (Foto:Imago)

Der tödliche Helikopterabsturz im Iran, dem unter anderem Präsident Ebrahim Raisi und Außenminister Hussein Amirabdollahian zum Opfer fielen, hat in den freien Medien –je nach Couleuer – zu einer Flut teilweiser hanebüchener Spekulationen über angebliche Ursachen und Zusammenhänge geführt. Natürlich vermuten einige den israelischen Geheimdienst Mossad hinter dem Absturz (so wie mittlerweile hinter fast allem, was auf der Welt vorgeht und ins präjudizstrotzende Weltbild passt). Hier verbindet sich dann der aktuelle Gaza-Krieg mit dem uralten Märchen von den allmächtigen Juden, die überall die Strippen ziehen. Andere vermischen Raisis Tod mit dem Attentat auf dem slowakischen Ministerpräsidenten Robert Fico von letzter Woche und mutmaßen über Querverbindungen zu allerlei Ereignissen von Saudi-Arabien bis zum Kongo, von Panama bis Georgien. Nach dem Motto: „Das kann alles kein Zufall sein“ werden in dieser Lesart abstrakte globalistische und sonstige Kräfte am Werk vermutet, die an mehreren Orten der Welt zugleich ihr Unwesen treiben.

Auch wenn es undurchsichtige Interessennetzwerke gibt, die durchaus auch im globalen Maßstab intervenieren und Einfluss auf politische Entwicklungen selbst innerhalb scheinbar souveräner Staaten nehmen – Corona/Impfung und WHO, Ukraine-Krieg und Klima-Agenda sind dafür eindeutige Beispiele – wird es dann jedoch absurd, wenn Einzelereignisse und Schicksale selbst nachgeordneter politischer Akteure – Raisi war eben nicht der “starke Mann” im Iran – zu Zäsuren aufgebauscht und andere, weitaus plausiblere Erklärungen völlig ausgeblendet werden. Tatsächlich scheint – auch dies eine Folge des totalen Vertrauensverlustes in etablierte Medien und Politik sowie eines seit der Corona-Jahrtausendlüge für viele zur Obsession gewordenen Radikalskeptizismus – inzwischen nicht zu abwegig und an den Haaren herbeigezogen zu sein, um nicht als teuflische Verschwörung herbeigeraunt zu werden. Manchmal wird daher Nüchternheit doch zur Tugend.

Wenig nützlich

Tatsache ist zunächst einmal, dass solche Unglücke nun einmal passieren. Sie müssen nicht zwangsläufig ein Attentat oder eine Verschwörung sein. So auch im Fall des Raisi-Unglücks: Im Absturzgebiet gab es dichten Nebel, der Hubschrauber stammte es aus dem 70er Jahren, aufgrund des Wirtschaftsembargos gegen den Iran kommt das Regime schon lange nicht mehr an Ersatzteile oder gar neue Maschinen, um sich technisch aufzurüsten (selbst das im heute vom Iran großflächig kontrollierten Irak, so die US-Armee riesige Waffenarsenale und hochwertige Gerätschaften zurückließ, eignete sich hier nur bedingt als “Fundgrube” für technische Verbesserung, das meiste hatte der IS abgeräumt). Manchmal sind Dinge auch ganz einfach nur das, als was sie scheinen – und so handelt es aller Wahrscheinlichkeit nach auch hier  um einen gewöhnlichen Unfall, wie er schon unzählige Male vorgekommen ist, nur mit dem Unterschied, dass hier zwei Politiker eines Landes ums Leben gekommen sind, das derzeit ganz besonders im weltpolitischen Fokus steht.

Selbst wenn man aber annimmt, dass tatsächlich Israel hinter Raisis Tod steckt, wäre dies bei näherer Betrachtung wenig nützlich: Dem Präsidenten kommt innerhalb des Mullah-Regimes keine allzu bedeutende Rolle zu. Die eigentliche Macht liegt beim religiösen Oberhaupt, dem 85-jährigen Ali Chamenei. Wenn man unbedingt von einem hit Job ausgehen wollte, dann wäre die naheliegendere Erklärung wohl eher in der iranischen Innenpolitik zu suchen. Denn Raisi galt als Protegé und potentieller Nachfolger Chameneis galt, der sich den Ruf eines fanatischen islamischen Hardliners erworben hatte. Raisi war ein dezidierter Hardliner; seit 1988 galt er als „Schlächter von Teheran“, da er massenhaft Todesurteile gegen in Pseudoprozessen verurteilte Regimegegner vollstrecken ließ. Chamenei hätte einen solchen Eiferer im Sinne der Islamischen Republik sicher nicht aus dem Weg räumen lassen – im Gegenteil: einen “würdigeren” Nachfolger hätte er sich nicht wünschen können.

Die Realität als Setzkasten

Wenn, wäre der Absturz also am wahrscheinlichsten ein denkbarer Sabotageakt von Reformkräften etwa innerhalb der Revolutionsgarden gewesen, die auf die langfristige Ausrichtung des Landes Einfluss nehmen wollten. Fakt ist, dass Raisi bei weiten Teilen der iranischen Bevölkerung extrem verhasst war, was sich auch in vielen spontanen Jubelfeiern bis hin zu Feuerwerken ausdrückte, nachdem die Todesnachricht bekannt wurde. Nun muss binnen 50 Tagen ein Nachfolger gewählt werden. So oder so: Raisis Tod stürzt die Mullahs in eine Krise. Seit vielen Jahren regieren sie gegen die Mehrheit ihrer jungen Bevölkerung, die sich ein Ende der totalitären islamischen Bevormundung wünscht. Zumindest besteht  könnte ein Kandidat gewählt werden, der dem Regime unangenehm ist – sofern es die Wahlen nicht wieder einmal manipuliert, was jedoch die Gefahr neuer schwerer Unruhen erhöht, die zum Zusammenbruch der Mullah-Herrschaft oder zum Bürgerkrieg führen könnten. Raisis Tod ist also politisch äußerst brisant; das macht ihn aber noch nicht zwingend zu einem israelischen Anschlag oder zum Teil einer weltweiten Großoffensive finsterer Kräfte.

Leider zeigen die gerade auf Plattformen wie Telegram, aber auch Twitter aus dem Kraut schießenden, völlig haltlosen Spekulationen die Schattenseiten der “Gegenöffentlichkeit” und der alternativen Medien: Für viele hier sind Realität und/oder globale Nachrichtenlage inzwischen nur mehr eine Art Setzkasten ist, aus dem sie sich das herauspicken, was ihnen gerade genehm ist, um ihr jeweiliges Welt- und Feindbild zu bestätigen und gegebenenfalls zu erweitern. Darin unterscheiden sie sich leider kaum von den etablierten Systemmedien. Was wirklich geschieht oder auch nicht, interessiert oft gar nicht mehr; es geht nur noch um Selbstbestätigung, nicht um möglichst korrekte Informationen. Der Glaubwürdigkeit wird so freilich abermals ein Bärendienst erwiesen.

16 Antworten

  1. „Ich fordere viel mehr Nebel und uralte Maschinen, wenn verhasste Politiker auf ‘Dienstreise’ sind!”
    Sagt der Neffe meines Nachbarn. 😁

    22
  2. So ist es leider, die Wahrheit wird oftmals verdeht oder ignoriert, nur um seine eigene verschwurbelte Meinung nach außen lautstark zu posauen, ohne dabei sich auf Fakten zu stützen.

    2
    2
    1. Wer sagt ihnen denn das hier die Wahrheit verbreitet wird oder besser gesagt nicht?
      So wenig wie die durchwegs alles muslimische hassenden alternative Medien wissen das es nur ein Unfall war, so wenig wissen die Judenhasser das der Mossad beteiligt war. Geradezu widerlich und primitiv sind, egal von welcher Seite, allerdings solch Kommentare wie der einer @Bimmelbahn…

      1
      11
      1. Ob der Mossad beteiligt war oder nicht, ist mir völlig wurscht.
        Allein das Ergebnis zählt, sonst nichts.

        Primitiv bedeutet ursprünglich. Ja, mein Kommentar stammt ursprünglich von mir. Sie haben also diesbezüglich recht. 😊

  3. So ein Heli steckt doch voller Elektronik. Wenn da was manipuliert wurde ist das kaum feststellbar. Mein Vater war im 2. WK bei der Wehrmacht Funkwart für die Flugzeuge und hat da die Funkgeräte sabotiert, ist dabei nie erwischt worden. Die 2, einen kannte ich noch persönlich, die das vermuteten, weil immer seine gewarteten Funkgeräte ausfielen, hatten dicht gehalten. Was sagt uns das? Weiter spekulieren!

    4
    1
  4. Es gibt keine Zufälle. Es gibt nur Pläne.
    Wer nicht nach “CUI BONO” fragt, hat nichts verstanden

  5. Oh Gott!

    Für einen kurzen Moment dachte ich beim Artikelbild, das ist in Deutschland.

    Na, wird nicht mehr lange dauern.

  6. Was ist das nur für ein Land, wo man über Stunden nicht weiss, wo der Landespräsient ist. Man sucht den ganzen Tag und findet ihn nicht. Das Land schickte hunderte Raketen und Drohnen nach Israel und keine kam an. Dabei will das Land Amerika aus dem Mittleren Ost vertreiben und selber dort herrschen.

  7. Tja, auch ein “Mulla” kann nicht unendlich auf dieser Erde
    verweilen !
    Der Herr hatte ein einsehen und entschieden !

  8. Hätte sich der Herr Raisi mal rechtzeitig an den werten Herrn Steinmeier gewendet, der hätte ihm mit Freuden ein super- super modernes Fluggerät mit allen Schikanen, als Geschenk persönlich vorbei gebracht.

  9. amerikanische Hubschrauber – dumme Sache, wenn man da als Feind auftritt – CIA und Mossad sind nicht grundsätzlich unfähig !
    Und wer Russland mit Waffen beliefert oder in den verdacht gerät, sollte von US-Ausrüstung Abstand halten. Hätte er einen russischen Hubschrauber benutzt, würd er wohl noch leben !
    Da stellt sich eher die Frage, wer hat die warum in einen US-Hubschrauber gesetzt ?