„Remote Working“ und digitales Nomadentum: Der neue Kolonialismus der Dekolonialisten

„Remote Working“ und digitales Nomadentum: Der neue Kolonialismus der Dekolonialisten

Deutsche “Expats” als digitale Co-Worker in Übersee: Koloniale Attitüde (Symbolbild:ScreenshotYoutube/Y-Kollektiv)

Der neue Kolonialherr trägt kein Tropenhelm-Emblem mehr. Er trägt Noise-Cancelling-Kopfhörer, einen Hoodie, ein MacBook – und die beruhigende Gewissheit, dass „Arbeiten von überall“ ein moralisch neutrales, fast naturwüchsiges Privileg sei. Er nennt sich „Founder“, „Remote Worker“, „Digital Nomad“. Und er landet im europäischen Winter gern dort, wo die Sonne zuverlässig scheint und die Wechselkurse ebenso zuverlässig schmeicheln: Kapstadt, Bali, Mexiko-Stadt. Das ist quasi die Frontseite der Postkarte; die Rückseite zeigt Stromabschaltungen, Wohnungsknappheit, Sicherheitsarchitekturen, die sich am Einkommen orientieren und eine soziale Topografie, die nach Kolonialgeschichte riecht – selbst dann, wenn niemand ausdrücklich „Kolonie“ sagt. Genau an diesem Punkt setzt die Debatte an, die Pauline Sophia Machtolf mit einem „Rage-Posting“ auf Linkedin auslöste: Europäische Startups und Home-Office-Nomaden betrieben „digitalen Neokolonialismus“, wenn sie in Kapstadt in Coworking-Spaces mit Dieselgeneratoren arbeiteten, während den Einheimischen der Strom abgestellt wird.

Der Historiker Jürgen Zimmerer diagnostiziert in der “Frankfurter Rundschau” (FR), das koloniale Mindset sei nie weg gewesen; die digitale Variante mache es nur mobiler und entbindender – „ungebunden“, ohne Verbindung zu lokalen Strukturen. Die Nomaden von heute seien die „goldsuchenden Entdecker und Conquistatoren“ im Gegenwartsgewand. Man kann über Ton und Pose streiten; dennoch: Über das Phänomen muss man sprechen. Der digitale Neokolonialismus lebt von einer rhetorischen Unschuldsfigur: ”Ich arbeite doch nur!” Als wäre Arbeit eine reine Privatangelegenheit, die keine räumliche, fiskalische, kulturelle Gravitation erzeugt. In Wahrheit importiert der “Remote-Worker” in ein fragiles urbanes Ökosystem Kaufkraft, Nachfrage und Lebensstile – ohne die symmetrischen Verpflichtungen, die Einheimische tragen müssen: Steuerlast, lokale Preissteigerungen, politische Verantwortung, infrastrukturelle Verwundbarkeit.

Das Milieu der Moral und die Praxis der Asymmetrie

Und hier beginnt die Pointe, die man politisch nicht unterschätzen sollte: Ausgerechnet das Milieu, das sich in Deutschland am lautesten als Antirassismus- und Dekolonialisierungsavantgarde inszeniert – häufig eben die woke Startup-, aber auch Kreativ- und NGO-Nebenwelt –, ist in seiner globalisierten Alltagspraxis bemerkenswert nah an dem, was es rhetorisch verabscheut. Dort gehört es zum guten Ton, der AfD und anderen Rechten „Rassismus“ vorzuwerfen, oft nicht als überprüfbare Einzelfallkritik, sondern als Identitätsstempel: Wer Grenzen, Staatsbürgerlichkeit, kulturelle Selbstbehauptung oder innere Sicherheit betont, gilt rasch als moralisch diskreditiert.
Parallel dazu hatte die grün geprägte Kultur- und Medienwelt seit Claudia Roths Ministeramt „Kolonialismusaufarbeitung“ und „Dekolonialisierung“ vor allem durch Umbenennungen oder museale Rückgaben zum Pflichtprogramm erhoben. Das ist mehr als ein akademischer Trend: Es ist ein offizieller Tonfall geworden, ein Bestandteil staatlicher Kulturpolitik, ein moralischer Rahmen, in dem man sich als progressiv verortet. In diesem Rahmen gilt Kolonialität als Erbsünde, die man durch Sprache, Symbole und erinnerungspolitische Akzente „bearbeitet“. Die Szene kennt die richtigen Begriffe, die richtigen Gesten, die richtigen Empörungsrituale.

Und nun kommt derselbe Habitus – kosmopolitisch, woke, moralisch hochgerüstet – mit Laptop und Euro-Gehalt in Regionen, deren Preisniveau, Infrastruktur und soziale Ordnung fragiler sind, und praktiziert dort exakt jene asymmetrische Aneignung von Raum, Angebot, Dienstleistungen und Sicherheitsprivilegien, die zu Hause als „koloniale Kontinuität“ beschworen wird. Das ist der eigentliche Skandal: Nicht, dass Menschen reisen – sondern dass ein Milieu, das sich politisch über “Dekolonialisierung” definiert, sozial und ökonomisch eine neue Kolonialform lebt – nur eben mit progressivem Vokabular, ESG-Branding und „Purpose“-Rhetorik.

Kreuzberg am Meer: Der Export der Gentrifizierung

Kapstadt wird in der Saison zu einer Art „Kreuzberg am Meer“, wie Jana Stäbener in der FR befindet: Cafés, Yoga-Studios, Restaurants, Freizeitangebote und selbst Alltagsdienstleistungen orientieren sich an einer internationalen Zielgruppe, die mit währungsstarkem Einkommen kommt und eine bestimmte Ästhetik erwartet. Das Narrativ „hier ist alles so günstig!“ ist präzise und zynisch zugleich: günstig für Euro-Einkommen, unbezahlbar für viele “Locals”. Wer das als „Neid“ abtut, verwechselt die soziale Mechanik mit einer moralischen Reaktion. Es ist der klassische Konflikt zwischen ortsgebundener Bevölkerung und ortsfreier Kaufkraft. Der Neokolonialismus steckt nicht im Reisen, sondern im Asymmetrieverhältnis: Wer jederzeit weg kann, handelt anders als jemand, der bleiben muss. Wer die Exit-Option hat, hat Macht – nicht als persönliche Bosheit, sondern als strukturelles Übergewicht. Der Tourist ist flüchtig; der digitale Nomade ist es ebenfalls – und noch dazu einkommensstark und infrastrukturell gut vernetzt. Das multipliziert den Effekt.

Hier liegt auch die pikante Doppelbödigkeit: Zu Hause empört man sich – nicht ganz zu Unrecht – über Gentrifizierung, Verdrängung, „Mietenwahnsinn“. Man demonstriert gegen Spekulation und Airbnb. Doch im globalen Süden exportiert man denselben Mechanismus als Lifestyle: Kurzzeitmiete, internationaler Marktpreis, „nice neighborhood“, Sicherheitsdienst, „community vibes“. Was hier als „kultureller Austausch“ verkauft wird, ist häufig schlicht eine Preis- und Statusverschiebung, die die Einheimischen nicht abfedern können.

Generatoren als Klassenmerkmal

Die Pointe im Kapstadt-Beispiel ist die Energie. „Load-shedding“ – geplante Abschaltungen – ist dort nicht Folklore, sondern ein Dauerzustand, der Alltag, Bildung, Gesundheit und Kühlketten real trifft. In der Nomaden-Logik wird das entdramatisiert: Man solle eben “Coworking-Spaces mit Backup Power“ wählen, Inverter, Generatoren, Hotspots – als sei Stromausfall eine Lifestyle-Zutat wie schlechtes WLAN. Genau hier zeigt sich die koloniale Signatur in Reinform: Der privilegierte Expat sitzt im klimatisierten Parallelraum, technisch entkoppelt von der Knappheit, die die Umgebung strukturiert. Er „löst“ das Problem für sich – nicht politisch, nicht gemeinschaftlich, nicht durch Einbindung, sondern durch Abschirmung. Kolonial war historisch nie nur Landnahme, kolonial war Privilegierung durch Infrastruktur: der Hafen, die Bahn, das Verwaltungsnetz – und daneben die exkludierte, rückständige Welt der Einheimischen. Heute ist es der Generator, das Security-Gate, das “Coworking”-Abo.

Und wieder kommt die Heuchelei des urbanisierten linksglobalistischen Milieus ins Spiel: Gerade die woke Startup-Welt spricht ständig von „Privilegien“ –  nur meint sie damit häufig die Privilegien der anderen: Sprache, Tradition, Mehrheitskultur, vermeintliche Staatsnähe. Die eigenen Privilegien – Reisefreiheit, Währungsstärke, Passvorteil, Bildungs- und Netzwerkvorsprung – erscheinen dagegen als unsichtbares Naturrecht. Darum ist die Unschuldsformel „Ich arbeite doch nur!“ so wirksam: Sie moralisiert die eigene Praxis nicht, sondern sie neutralisiert sie.

Wohnraum, Marktpreis und die Exit-Option

Wer glaubt, das sei nur eine unglückliche Begleiterscheinung des Tourismus, verkennt den Mechanismus. Wo digitale Nomaden in größerer Zahl auftauchen, folgen fast zwangsläufig zwei Effekte: Kurzzeitvermietung und „internationaler Marktpreis“. Ob die Nomaden im Einzelfall die alleinige Hauptursache steigender Mieten sind, kann man diskutieren – der Verteilungskonflikt bleibt dennoch real. Ortsfreie Nachfrage trifft auf ortsgebundenes Angebot. Und in angespannten Märkten reichen schon moderate Verschiebungen, um Kettenreaktionen auszulösen. Die moralische Doppelbödigkeit besteht darin, dass man zu Hause über „Gentrifizierung“ klagt, während man sie anderswo befördert – und dabei noch glaubt, das sei Weltoffenheit. Der Unterschied zwischen Austausch und Kolonialität ist aber nicht die Selfie-Ästhetik, sondern die Symmetrie. Austausch setzt Gleichrangigkeit, Rückbindung, Gegenseitigkeit voraus. Neokolonialität ist Entkoppelung plus Übergewicht: währungsstarkes Einkommen, jederzeitige Exit-Option, keine lokale Haftung.

Dass in solchen Kontexten irgendwann Forderungen nach Abgaben oder Steuern für digitale Nomaden aufkommen, ist deshalb nicht „Populismus“, sondern eine nachvollziehbare Gegenreaktion souveräner Politik: Wer Kosten mitverursacht, soll sie mittragen. Das ist nicht moralische Strafe, sondern schlichte Rückbindung. Genau daran scheitert das Milieu, das gerne global lebt: Es möchte die Vorteile der Bindung (Infrastruktur, Sicherheit, Ordnung) konsumieren, ohne die Pflichten der Bindung (Steuern, Verantwortlichkeit, lokale Einbindung) zu akzeptieren.

Die zweite Ebene: Daten, Plattformen, digitale Imperien

Wer „digitalen Neokolonialismus“ aber nur als Reisefrage verhandelt, bleibt an der Oberfläche. Die härtere Schicht liegt im Digitalen selbst: in Plattformen, Standards, Datenströmen, die nationale Räume durchdringen, ohne sich ihnen politisch zu unterwerfen. Der alte Kolonialismus nahm Gold, Kautschuk, Arbeitskraft; der neue nimmt Aufmerksamkeit, Verhaltensmuster, Kom-munikationsinfrastruktur – und setzt Standards, die ganze Gesellschaften zu „Usern“ degradieren. Das Digitale ist kein neutraler Raum. Es ist ein Imperium aus Protokollen, Cloud-Abhängigkeiten, Appstore-Regimen, Zahlungsdienstleistern und algorithmischen Gatekeepern. Es ist Macht durch Infrastruktur, nicht durch Flaggen. Und hier schließt sich der Kreis zur deutschen „Dekolonialisierungs“-Pose: Man investiert enorme moralische Energie in Symbolfelder – Sprache, Museen, Narrative –, während man die materielle Kolonialität der Gegenwart übersieht: die Abhängigkeit von wenigen Plattformen, die Extraktion von Datenwert, die Stan-dardsetzung ohne demokratische Kontrolle.

Das ist die eigentliche Ironie: Während die Szene im Inland gern den Anti-Kolonialismus als Ausweis moralischer Überlegenheit vor sich herträgt, betreibt sie im Alltag eine Dekolonisierung der Verantwortung. Weg von Bindung, weg von Zuständigkeit, weg von lokaler Haftung. Die moralische Energie fließt in die richtigen Begriffe; die materielle Energie fließt in den Generator, der den eigenen Laptop am Laufen hält, während die Umgebung im Dunkeln sitzt.

Spendenmoral und die Waschmaschine des Gewissens

Linke Kritik moralisiert gern und mündet reflexhaft in Spendenratschläge, NGO-Ökonomie und Lifestyle-Bußübungen: Wer schon da ist, solle eben freiwillig etwas abgeben. Das klingt sympathisch, ist aber politisch schwach. Denn Spenden sind keine Souveränität, sondern ein Almosen-Regime: Der Begünstigte bleibt abhängig, der Geber bleibt Herr der Bedingungen. Für das woke Milieu hat Spendenmoral noch eine zweite Funktion: Sie ist die Waschmaschine des Gewissens. Man kompensiert strukturelle Entkoppelung mit kleinteiliger Wohltätigkeit und glaubt anschließend, die eigene Position sei gereinigt. Das ist die moderne Variante des alten Missionsgedankens: Man nimmt sich das Recht, zu kommen, zu nutzen, zu definieren – und wirft hinterher ein Trinkgeld in die Kaffeekasse der Moralökonomie.

Und gerade weil dieses Milieu sich zu Hause als “Antirassismus”-Instanz inszeniert, wird die Sache so unerquicklich. Denn der Rassismusvorwurf dient oft als Keule zur Disziplinierung politischer Gegner, während die wirklichen Asymmetrien – Währung, Pass, Marktpreis-Export, Wohnraumdruck, infrastrukturelle Privilegierung – als „globaler Lifestyle“ durchgehen. Man findet das Böse im falschen Register und übersieht die koloniale Struktur im richtigen.

Ordnung statt Pose: Souveränität als Gegenbegriff

Eine konservative Perspektive setzt anders an: Nicht Mitleid, sondern Ordnung. Wer Infrastruktur nutzt, gehört in den Rechts- und Steuerverband – oder er zahlt eine klar definierte, demokratisch beschlossene Abgabe. Nicht Identitätspolitik, sondern Bindungspolitik: Das Problem ist nicht „weiße Bubble“ als Hautfarbenmoral, sondern Entkoppelung – ortsfreie Kaufkraft trifft ortsgebundene Lebenswelten. Nicht Globalismusromantik, sondern Subsidiarität: Städte und Staaten brauchen Instrumente, um externe Nachfrage zu dämpfen, Wohnraum zu schützen, lokale Wertschöpfung zu sichern.
Daraus könnten sehr konkrete Konsequenzen folgen, allen voran Infrastrukturabgaben für orts-freie Einkommen – zeitlich befristet, transparent, nachvollziehbar, nicht als Strafe, sondern als Eintritt in die Mitverantwortung. Und Transparenzpflichten für “Coworking”-Anbieter, damit „Generator-Parallelgesellschaften“ nicht stillschweigend Normalität werden. Und man könnte “Remote-Work”-Visa an fiskalische Rückbindung knüpfen, damit „Überall arbeiten“ nicht länger „Nirgendwo beitragen“ bedeutet.

Und zugleich – als Rückspiegelung nach Europa – gilt: Europa ist selbst längst Objekt digitaler Fremdherrschaft. Abhängigkeit von Plattformen, Cloud-Hegemonie, algorithmische Öffentlichkeit – der digitale Neokolonialismus kehrt zurück wie ein Bumerang, als Verlust eigener Steuerungsfähigkeit. Wer Dekolonialisierung ernst meint, müsste hier anfangen: bei Souveränität über Infrastruktur, Daten, Standards und Rechtsdurchgriff – und bei der simplen Einsicht, dass Freiheit ohne Bindung zur Herrschaft der Ortslosen über die Ortsgebundenen wird. Am Ende ist die Szene in Kapstadt kein exotisches Sittenbild, sondern ein Lehrstück: Ortlosigkeit wird zum Machtvorteil, Bindung zum Nachteil. Kolonial war nie nur die Gewalt, kolonial war die Asymmetrie. Digital ist nur die zeitgemäße Form. Und vielleicht ist das der eigentliche Skandal: nicht dass Menschen reisen, sondern dass ein Milieu, das zu Hause moralisch über Dekolonialisierung belehrt und politische Gegner mit Rassismusvorwürfen diszipliniert, im globalen Alltag ausgerechnet jene asymmetrische Praxis normalisiert, die es rhetorisch verdammt – und dabei noch glaubt, es sei auf der „richtigen Seite“, weil es die richtigen Worte benutzt.

5 Kommentare

  1. @und die beruhigende Gewissheit, dass „Arbeiten von überall“ ein moralisch neutrales, fast naturwüchsiges Privileg sei.
    dann wird er wohl keine Arbeit machen, bei der man sich schmutzig macht – auf dem Feld oder auf dem Bau, wo echt gearbeitet wird. Der gehört dann wohl zu denen, die wegen Existenzrecht auf höhere Weihen Geld und Arbeit von anderen verwaltet und plündert. Also für jedermann außer sich selbst überflüssig und nutzlos. Eine Hofschranze, die der arbeitenden Bevölkerung ins Genick atmet – unangenehm, ungewaschen und mit Mundgeruch nach billigem Fusel !

    1. Bin zwar auch kein Freund von Fremdwörtern im Deutschen, aber in solchen Fällen gilt das Prinzip: „Ehre, wem Ehre gebührt“. Daher ist englisch angebracht – Homeoffice ist auch steuerlich klar definiert, daher mag mancher Arbeitgeber lieber „remote working“ gewähren.

      Gibt genug kaufmännische Angestellte, die teilweise oder auf Vollzeit daheim arbeiten können – und das geht in vielen Fällen auch besser als im Büro. Homeoffice macht niemanden faul und unproduktiv – nur lässt es sich leichter verstecken.

  2. Skandale, Heuchelei, usw. interessieren denen nicht die in Skandale und Heuchelei verwickelt sind , und nicht — die Hypermoralisten meinen sie wären die Übermenschen– moralische Empörung ist der Heiligenschein des Scheinheiligen