
Wo ist er denn, Schillers Schädel? Das fragen sich seit über zwei Jahrhunderten Kenner und Liebhaber des deutschen Geisteslebens. Ein von 2004 bis 2008 laufendes vierjähriges Großprojekt der Stiftung Weimarer Klassik und des “Mitteldeutschen Rundfunks” war, trotz reichlich Steuergeld und Störung so mancher Totenruhe, ein Schuss in den Ofen. Die Vorgänge lassen auch eine andere Erklärung als die bisherigen Vermutungen zu. Ein Vorschlag für die weitere Suche. Vielleicht hätte es dem Dramatiker Schiller Vergnügen bereitet, wenn er noch erfahren hätte, dass um seinen Schädel posthum so viel Aufheben gemacht wird wie im Leben um seine Gedanken. 220 Jahre ist sein Schädel nun schon abgängig.
Nach unzähligen Irrungen und Wirrungen ist wenigstens seit 2008 sicher, dass Schillers angeblicher Schädel seine früheren Besitzer und Bewunderer zum Narren gehalten hat. Für die zeitgenössischen Beteiligten war seine Grablegung ein makabres Schauspiel. Ein Fackelzug von seinem Wohnhaus zum sogenannten Kassengewölbe auf dem Weimarer Kirchhof mitten in der bei Nacht ohne Familie. Kein Reden, keine Musik, kein Ehrenmal für den erfolgreichsten deutschen Theatermann. Als ihn die Sargträger durch eine Öffnung im Fußboden abseilen, wird er zum namenlosen Teil einer Sammelgruft. Ein merkwürdiger Abgang.
Großes Schädelinteresse
Als 21 Jahre nach Schillers Ableben für neue Logiergäste im Kassengewölbe Platz gemacht werden sollte, wühlte sich der Bürgermeister – ein glühender Bewunderer von Schillers Werken – in mehreren nächtlichen Exkursionen höchstpersönlich durch zerfallende Särge und modernde Überreste. Am Ende schnappte er sich alle 23 aufgefundenen Schädel, ließ sie in seine Wohnung bringen und reinigen. Der größte Schädel erregte seine Aufmerksamkeit, und nach Konsultation weiterer lokaler Schiller-Kenner mit Vermessungen und Zahnstatus war man sich sicher. Ein großer Geist muss schließlich einen entsprechenden Schädel haben. Auf Anordnung des Herzogs wurde dieser Schädel sodann im Sockel einer Schillerbüste erneut bestattet; allerdings währte auch diese Totenruhe nur kurz: Der missgünstige Dichterkollege Goethe hatte doch noch ein Herz für den Fritz entdeckt und ließ sich den Schädel in sein Zuhause überstellen. Dort musste Schillers vermeintlicher Schädel nach einem Jahr bereits wieder ausziehen, da der bayerische König Ludwig I. nach Weimar zu Besuch kam und ihm Schillers Schädel in offiziellen Räumen gezeigt werden sollte.
Da Ludwig dringlich ein Ehrenmal für die Geistesgröße anmahnte, überführte man den Schädel jetzt in die Fürstengruft auf dem Weimarer Friedhof. Doch auch damit kam der Schädel nicht zur Ruhe: Er wurde sogar janusköpfig. Ein Tübinger Anatomieprofessor sah sich 84 Jahre später aus Zweifeln an der Authentizität noch einmal genötigt, das Kassengewölbe zu inspizieren. Er stieß dabei auf einen zweiten Schädelkandidaten, der dann ebenfalls in der Fürstengruft seinen Platz fand. Seit 2008 ist es allerdings definitiv amtlich, dass es sich bei diesem zweiten der beiden Schädel um den des Fräuleins von Göchhausen handelt, der literarisch begabten Hofdame von Herzogin Anna Amalia, und beim ersten um den einer männlichen Person – aber eben nicht Friedrich Schillers. Dessen Schädel ist weiterhin verschlossen. Wahrscheinlich genießt er in einer privaten Schauvitrine seine letzte Aussicht.
So könnte es gewesen sein
Plausibel wären die eigentümlichen Vorgänge um Schillers Tod, wenn Schillers Schädel nie im Kassengewölbe angekommen wäre. Um dort nicht gefunden zu werden, muss der Schädel gar nicht aus der Gruft entwendet worden sein. Die beiden Ärzte, die Schiller obduzierten, könnten Schillers Kopf abgetrennt und zur Aufbereitung für einen Käufer zurückgehalten haben. Dafür gäbe es mehrere gute Gründe und Indizien: So haben die beiden Ärzte offenbar auch das Herz Schillers sichergestellt und es möglicherweise dem Weimarer Herzog als Devotionalie übergeben. Der Herzog erhielt jedenfalls umgehend den Obduktionsbericht, in dem – wenig glaubhaft – vermerkt ist, dass im Herzbeutel nur wenig Gewebe, aber kein richtiges Herz zu finden gewesen sei. Bei einer derartigen Unmöglichkeit kann es sich nur um eine Schutzbehauptung handeln.
Des weiteren war es mehr als ungewöhnlich, dass Frau von Schiller mit ihrer Schwester Weimar für zwei Tage unmittelbar nach Schillers Tod verließ, obwohl vieles zu regeln war. Beide wollten offenbar während Obduktion und Beerdigung nicht vor Ort sein. Erst zur Trauerfeier waren sie wieder zugegen. Und dann waren damals viele Zeitgenossen von der Schädellehre des Arztes Franz Joseph Gall begeistert, auch die führenden Köpfe der Weimarer Klassik-Clique. Da nach Schillers Tod noch Hypotheken auf dem Haus lasteten, weitere Einnahmen ungewiss und die vier Kinder noch minderjährig waren, könnte Frau von Schiller durchaus Gall den Kopf ihres Gatten vermacht haben. Kurz nach der Beerdigung erfolgten jedenfalls zwei fünfstellige Zahlungen über Schillers Verleger an sie.
Ein unbemerkter fehlender Kopf?
Gall war an den Schädeln aller großen Geister höchst interessiert und ließ sich diese einiges kosten. Galls Sammelleidenschaft war in Wien so berüchtigt, dass viele fürchteten, nach ihrem Tod bei ihm zu landen. Einige trafen diesbezüglich sogar testamentarische Verfügungen. Kurz vor Schillers Tod hatte Gall eine Vortragstour über seine Schädellehre in Berlin, Leipzig und Halle begonnen und traf mit Personen aus dem Umfeld von Frau von Schiller zusammen. 1807 besuchte er Goethe und ließ schon einmal einen Schädelabdruck von ihm machen. Was zudem dafür spricht: Nur durch eine überstürzte nächtliche Beerdigung konnte sichergestellt werden, dass der Sarg nicht noch einmal geöffnet und ein fehlender Kopf hätte bemerkt werden können.
Um die Hypothese zu bestätigen, müsste man in den Beständen der Gall’schen Schädelsammlung, die heute im Musée de l’Homme in Paris und in Baden bei Wien verwahrt werden, nachsehen. Natürlich würde der Schädel dort nicht mit seinem wahren Namen versehen stehen. Da die Schaustücke mehrfach umgezogen und auch Abgüsse erstellt wurden, könnte das Original auch diskret in irgendeiner privaten Vitrine lagern. Im Laufe der Jahrzehnte gab es immer wieder Schwund…
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3 Antworten
Neulich im finsteren Mittelalter:
„Hey, das ist mein Schädel! Gib ihn her!“ – „Nein, ich hab den Schädel zuerst gesehen. Er gehört mir.“ – „Rück den Schädel raus, sonst setzt es was!“ – „Dann schlag ich Dir den Schädel ein.“ – „Ich reiß Dir gleich den Kopf ab und kack Dir in den Hals!“
Das finstere Mittelalter ist vorbei?
Nein. Solange die Knochen von Toten verehrt werden, sind wir noch mittendrin.
😜
November? – Da war doch was. 🤔
War das nicht der Tag, an dem die Wehrmacht nach Polen flüchtete?
Fast ausschließlich junge Männer?
😜
Schiller wurde nicht „bei Nacht und Nebel“ beerdigt. Es war in Weimar üblich Persönlichkeiten bei Nacht zu Grabe zu tragen. Es war auch Schillers Schwager und alter Freund von Wolzogen dabei sowie ein Professor Frorieb und auch der spätere Bürgermeister von Weimar.