
In den abgelegensten Teilen des Thüringer Waldes schien sich vor kurzem eine Groteske à la “Schtonk” 2.0 abzuspielen, bei der zwar nicht der inzwischen selige Hitler-Ghostwriter Konrad Kujau Pate und ein von NS-Devotionalien besessener Reporter Gerd Heidemann standen, die aber trotzdem derart grotesk ist, dass sogar “Bild” nicht umhin kam, darüber zu berichten. Worum geht es? 2009 wurde Olaf Haubold, einem ehemaligen Unternehmensberater und hobbymäßigen Forscher zur Thüringer Heimatgeschichte, von einem älteren, namenlosen Herrn ein verstaubtes Dokumentenbündel angeboten, das auf Umwegen aus Beständen der Stasi in dessen Besitz gelangt sein soll. Mehrere sehr alt aussehende, mit Siegellack versehene Mappen enthielten ein aus 57 beidseitig beschriebenen Blättern bestehendes Tage- und Notizbuch. Verfasst haben soll sie kein Geringerer als der einstige Führer und Reichskanzler Adolf Hitler höchstpersönlich, insofern schien die besagte Entdeckung von einer gewissen Brisanz und Tragweite zu sein. So erwarb schließlich ein gleichfalls namentlich nicht genannter „Sammler“ die merkwürdigen Kladden für einen mittleren fünfstelligen Betrag – die Rede ist von sagenhaften 30.000 Euro –, der die Rechte dann an Haubold abtrat.
Haubold wiederum holte sich vermeintlich „fachkundigen Rat“ von dem DDR-Schriftsteller Martin Stade, der vermöge seiner – worin auch immer bestehenden – „Expertise“ nicht ausschloss, dass die „Dokumente“ echt sein könnten. Wasserdichte Nachweise für Originalität und Echtheit wurden allerdings nicht vorgelegt und offensichtlich auch nicht eingefordert. Unter dem Titel „Das Konvolut. Hitlers geheime Aufzeichnungen“ wurde das Ganze nun von einem gewissen “Tyr-Verlag”, von dem kein Mensch zuvor je etwas gehört hat, herausgegeben. Eine klare und unzweideutige Auskunft über die Provenienz kann dieser nach wie vor nicht geben; der Verlag behauptet denn auch nicht, dass es sich um Originale handelt, will aber auch den Beweis der Echtheit gar nicht erst antreten – denn die Herkunft des verwendeten Papiers, so verlautbart er treuherzig, sei schließlich positiv beschieden worden. Ob Tinte und Handschrift tatsächlich von Hitler stammen, untersuchte man indes nicht.
Falsche Handschrift, spinnerte Zitate
Wem käme hier nicht sofort die vermeintliche „Entdeckung“ der vermeintlichen Hitler-Tagebücher 1983 durch den “Stern” ins Gedächtnis, an deren Echtheit kein auch nur halbwegs historisch Versierter auch nur eine Sekunde lang glauben konnte? Trotzdem waren damals nicht wenige anerkannte vermeintliche Koryphäen dem Schmu zunächst aufgesessen. Als dieser dann aufflog, hatte es einen bis dahin nie gekannten Medienskandal zur Folge. Diesmal nun, bei den angeblichen Thüringer Tagebüchern, seien die Einträge des neu gehobenen Schatzes recht unspektakulär, heißt es im Vorwort des Verlages, weshalb man sich auch erst jetzt zur Publikation entschieden habe. Sie weisen grundsätzlich kein Datum auf, was ja auch ungemein typisch für das Verfassen eines Tagebuches ist. Hitler habe sie wohl „vor dem Einschlafen“ oder „in großer Eile“ verfasst, daher sollen sie ihm auch keine Hilfe für die eventuelle spätere Abfassung von Memoiren gewesen sein. Allerdings gilt noch immer das, was auch beim 1983er-Fälschungsskandal eingewandt, vom “Stern” jedoch ignoriert worden und auf einen Schwindel hindeutet: Hitler gehörte definitiv nicht zu jenem Typ Mensch, der Tagebuch schreibt.
Zudem hasste er im Grunde alles schriftlich fest Fixierte und vertrat die Ansicht, dass ein Politiker möglichst wenige private Briefe schreiben solle, weil alles Geschriebene zur Ursache späterer Umdeutungen und Missverständnisse werden könne. Schon alleine deshalb war bei der ersten Nachricht von der Auffindung neuerlicher Hitlerscher Diarien allergrößte Skepsis geboten. Vergleicht man Hitlers Handschrift auf einer zweifelsfrei authentischen Karte vom 3. März 1942 an die Innenarchitektin Gerdy Troost, so erkennt man, dass das „s“ in der Hauboldschen Veröffentlichung auch nicht nur die geringste Übereinstimmung aufweist. Eine Schilderung des maroden baulichen Zustands der alten Reichskanzlei ist außerdem – absolut wortgleich – einem der nach 1933 seltener gewordenen Artikel Hitlers entnommen, den dieser im Juli 1939 der Zeitschrift „Die Kunst im Dritten Reich“ zur Verfügung stellte. Weshalb sollte der “Führer” exakt denselben Text dann noch einmal als Tagebucheintrag oder Notiz tarnen?
“Himmler ist ein Arschloch”
Immer wieder orientieren sich die angeblichen Hitlerschen Textpassagen des dubiosen Konvoluts überdies auch an den Erinnerungen Albert Speers; so etwa ebenfalls fast wortgleich, wenn Speer seine erste Begegnung mit dem damaligen Parteiführer schildert. Auch hier wieder die sofortige Vermutung: Fake! Auch die allgemeine Orthographie der angeblichen Führerdiarien kann nur als katastrophal bezeichnet werden und sie atmen die Miasmen eines lernbehinderten, pubertierenden Legasthenikers – was Hitler nachgewiesenermaßen nicht war.
Man findet darin so amüsante Textsplitter wie „neuen Füllhalter gekauft“, „Selbst ist der Führer!“, „Himmler ist ein Arschloch“, „gehe jetzt zu Bett“, „so, Feierabend“, „habe nachts gebrochen“ und „keine Lust aufzustehen“. Ja sicher, ganz klar, solche Dümmlichkeiten hat der Diktator des “Großdeutschen Reiches” für wert befunden, sie zu Papier zu bringen! Mehr noch: Göring wird beim Vornamen genannt, den Namen von „Goebels“ (!) kann er nicht fehlerfrei schreiben, „Gral“ schreibt er mit „h“, eine Chance wird zur „Schangse“. So macht man aus dem äußerst sprachversierten Hitler, der über drei Stunden nahezu fehlerlos frei sprechen und diktieren konnte, einen unterbelichteten Idioten. Überdies verwendet der angebliche Notizen- und Tagebuchschreiber anachronistische zeitgeistlastige Ausdrücke, die erst in den letzten Jahrzehnten Eingang in die deutsche Sprache gefunden haben, wie etwa „Durchhänger“, „nerven“ oder „ausgerastet“. Man sieht: Alles ungemein glaubwürdig! Ein von Termin zu Termin hetzender Führer als eifriger Diarist trivialste Befindlichkeiten und Banalitäten ist in der Tat eine aberwitzige Vorstellung, die schon bei dem Schelmenstück von Konrad Kujau vor 43 Jahren Zweifler auf den Plan rief.
Grottenschlecht zusammengestoppelte Kompilation
Man stelle sich einen über über stumpfsinnigen privaten Notizen brütenden Hitler vor, der während der Schlacht um Stalingrad inmitten in eines mörderischen Krieges nichts besseres mit seiner Zeit anzufangen weiß, als ein „Zepter“ für Göring zu entwerfen, jenen „Reichsmarschall“, dessen operettenhafte Allüren Hitler nachweislich mehr als einmal verspottete. Er, der jeder Zote abhold war und aus dessen Mund zeitlebens niemals auch nur eine sexuelle Anzüglichkeit gekommen ist, soll allen Ernstes (unter Verwendung des Dativs als Deppen-Genitiv!) notiert haben „den (sic!) Professor seine Frau sah wieder zum Anbeissen aus“. Oder auch dies: „Mitzi” – Hitlers frühe Verehrerin Maria Reiter) – “ist ein geiles Weib“, dazu zwei pornographische Nacktfotos jener „Mitzi“ samt dem vor ihr zwischen ihrer Scham knieenden Hitler und von ihm angeblich mitverfasste Bildunterschriften („Mitzi von hinten“) und „gleich ist sie dran“) werden dem Leser sogleich frei Haus mitgeliefert.
Der Rest stellt nichts weiter dar als eine unsauber und grottenschlecht zusammengestoppelte Kompilation von Wendungen aus Reden Hitlers und hinterlässt den Gesamteindruck einer noch unveröffentlichten Skizze oder Makulatur aus Konrad Kujaus Resterampe, die selbst dieser als zu idiotisch verworfen hatte und die man irgendwann später auf dem Sperrmüll aufgestöbert hat. Für wie dämlich also müssen Haubold und sein Verlag das historisch bewanderte Lesepublikum halten? Allzu leicht erkennt man, dass das Ganze eben tatsächlich nichts als eine schmuddelige „Schtonk“-Groteske 2.0 ist, diesmal allerdings noch nicht einmal einer Verfilmung würdig. Ob dieses unappetitlich-schmierige Elaborat aus dilettantischem Unvermögen, aus fahrlässiger Sensationslüsternheit oder ganz einfach nur deshalb auf den Markt geworfen wurde, um Kasse zu machen bleibt wohl das Geheimnis des Herausgebers, der sich beeilt, der interessierten Leserschaft gleich schon anzukündigen, dass das gesamte Werk „in mehreren Teilen“ veröffentlicht werden solle. Der seriösen Forschung über Hitler und den Nationalsozialismus hat man mit diesem Machwerk wahrlich einen Bärendienst erwiesen.
- Auf Telegram teilen (Wird in neuem Fenster geöffnet) Telegram
- Auf X teilen (Wird in neuem Fenster geöffnet) X
- Auf Facebook teilen (Wird in neuem Fenster geöffnet) Facebook
- Auf WhatsApp teilen (Wird in neuem Fenster geöffnet) WhatsApp
- Einen Link per E-Mail an einen Freund senden (Wird in neuem Fenster geöffnet) E-Mail
- Drucken (Wird in neuem Fenster geöffnet) Drucken









8 Kommentare
Äußerst amüsant! Der Artikel müßte/sollte ins arabische übersetzt werden..
Ist doch schön, wenn die allgemeine Hitler-Paranoia neues Futter erhält! Der Deutsche ist doch regelrecht süchtig nach seiner täglichen Gehirnwäsche geworden! Und gegen Omas gegen Rechts, die Anfita-Kiffer und islamische Analphabeten vereint hätte der Führer keine Chance gehabt!
Seit dem 2WK und dem Ende bis jetzt würden Redaktionen, Verlage, Vertriebe, Filmproduzenten und auch Künstler nicht existieren ohne dem Mann aus Oberbraunau. Die Unterhaltungsindustrie wäre leer und wem würde man nehmen aus der Geschichte mit Vergleichen ohne Adolf Hitler??? Ich weis noch als Schröder 1999 den Kosovo-Einsatz abnickte und da wurde er mit Pony und Zweifingerbart präsentiert. Auch die Ziehtochter des Dicken wurde so schon präsentiert und von einem polnischen Blatt sogar mit SS-Uniform. Viele Politiker und Promis mussten auch davor aber bis jetzt sich mit dem Führer vergleichen lassen damit die Geschichte interessant bleibt für die Öffentlichkeit dem Schlafsklaven. An wahren Biographien würde ich Karl Wilhelm Krause Kammerdiener bei Hitler empfehlen oder die Werke Heinz Hoffmann Hitler wie ich ihn sah und Heinz Linge bis zum Untergang. Beim Deutschen Warenhaus oder Sturmzeichenverlag sind diese Werke erhältlich. mfg
Da es diesen geistigen Pygmäen an allem, wirklich allem gebricht, bleibt ihnen nichts weiter übrig, als sich an solchem Blödsinn „abzuarbeiten“ (wobei ihnen ja Arbeit als solcher völlig fremd ist!), Hauptsache es dient in irgendeiner Form dazu, den Satan in all seinen Daseinsformen in unserer Gesellschaft mit allen Mitteln am Leben zu erhalten. Wären sie auch nur im geringsten zu etwas befähigt, würden sie sich mit den existentiellen Fragen und Problemen unserer – noch – wunderbaren Kulturnation befassen. Ein Trost: für die sind im Jenseits eigene Separees bereits gut vorgeheizt!
Und da gibt es keinen Hinweis, dass die NSDAP nach ihrem Untergang als AfD widerauferstehen würde? Diese Tage- bücher können nicht echt sein! (Satire off)
Trotzdem werden es wieder 50% der Esel glauben. Die glauben einfach alles.
ist das der nächste BUKA, schöne Brille
Je länger der natürlich-sozialistische Bereich zurückliegt und je töter der Fürende ist, desto mehr geifern diejenigen, die genau diesen Führungsstil täuschend genau kopieren und wollen uns erzählen was das für ein böser Onkel war.
Der Unterhaltungswert dieses Machwerks – echt oder unecht ist völlig pumpe – liegt knapp unterhalb dem Telefonbuch der Antarktis.