Selektive Erinnerung: Wegen eines Heine-Zitats ist Wolfram Weimer in Buchenwald unerwünscht

Selektive Erinnerung: Wegen eines Heine-Zitats ist Wolfram Weimer in Buchenwald unerwünscht

Zwischen allen Stühlen wieder mal: Wolfram Weimer (Foto:Imago)

Auf eine unleidige Art beschäftigt mich die deutsche Erinnerungskultur. Hierzulande werden Konzentrationslager zu Themenparks, Stolpersteine zu Trottoirs der selbstmitleidigen Betroffenheit, während Gedenktage zu unappetitlichen Feiertagen stilisiert werden, in denen Politiker endlich wieder traurig gucken dürfen und bedeutungsschwangere Reden halten können, dass das „Nie wieder“ nun im Jetzt angekommen ist und die Alternative für Deutschland der legitimierte Nachfolger der Hitlerpartei ist. Während die AfD in aller Regel erst gar nicht zu solchen Happenings der Grausamkeit eingeladen wird, üben sich sogenannte Buchenwaldverbände im Ausladen von Wolfram Weimer – denn am 12. April wird mal wieder das KZ und dessen Befreiung gefeiert. Doch da der Kulturstaatsminister nicht so tickt, wie es die KZ-Vereine wollen, muss er leider in Berlin bleiben. In einem offenen Brief werfen die Buchenwaldverbände ihm vor, sich nicht ausreichend mit dem Vermächtnis der KZ-Überlebenden auseinandergesetzt zu haben und zu wenig Sensibilität im Umgang mit deren Erfahrungen zu zeigen.

Besonders problematisch ist aber für die Buchenwaldverbände, dass Weimer mehrfach ein Zitat von Heinrich Heine verwendet habe, nämlich: „Der Taufschein ist das Entréebillet zur europäischen Kultur.“ Vielleicht sollten sich die KZ-Vereine weniger um die Erhaltung ihres Konzentrationslagers kümmern, sondern sich einmal mit Heinrich Heine beschäftigen. Heine war selbst Jude und ließ sich 1825 taufen – allerdings nicht aus religiöser Überzeugung, sondern aus pragmatischen Gründen. In vielen deutschen Staaten waren Juden damals rechtlich und gesellschaftlich benachteiligt: Bestimmte Berufe, akademische Karrieren oder gesellschaftlicher Aufstieg waren ihnen erschwert oder ganz versperrt. Mit dem Satz brachte Heine pointiert, ironisch und kein bisschen zustimmend zum Ausdruck, dass man als Jude faktisch nur durch Konversion Zugang zu Bildung, Karriere und gesellschaftlicher Anerkennung bekam. Es ist also kein Bekenntnis zur Taufe, sondern vielmehr eine bittere Diagnose über die damaligen judenfeindlichen Zustände in Europa.

Unverschämte Konzentrationslagervereine

Für diese Erkenntnis braucht es allerdings mehr als eine nekrophile Empathie für verstorbene Juden, sondern vielmehr echte Empathie für die Lebensverhältnisse von Juden in der Vergangenheit. Da dies jedoch für die Aktivisten der Buchenwaldverbände nicht in frage kommt, ist es nur folgerichtig, dass sie auch Weimers Umgang mit dem Deutschen Buchhandlungspreis kritisieren, insbesondere die Ausladung dreier linker Buchhandlungen. Trotz der Kritik hält Weimer bisher an seinem geplanten Auftritt fest. Man kann sich nur wünschen, dass das so bleibt.

An der Stelle muss ich dazu sagen, dass ich alles andere als ein Freund Weimers bin. Das hat persönliche Gründe: Der Verleger hat einst für mein Cancelling bei “The European” gesorgt (das war, bevor sich fast alle namhaften Autoren dort als ohne ihr Wissen von Weimer kopierte klangvolle Namen erwiesen), aber auch politische, denn ich empfinde sein ganzes Geschäftsmodell des monetären Machtkaufs als zutiefst unethisch und demokratiegefährdend. Doch hier muss man den Kulturstaatsminister in Schutz nehmen; denn allein der folgende Satz aus dem offenen Brief der Konzentrationslagervereine ist eine unfassbare Unverschämtheit: „Tatsächlich haben wir Sie und Ihre inhaltlichen Positionen in den vergangenen Jahren nicht so wahrgenommen, dass Sie sich mit dem Vermächtnis der Überlebenden von Buchenwald und anderer Lager positiv beschäftigt hätten.

Zeitreise nach 1938 ff.

Frei nach dem Motto: Wer gedenken darf und wer nicht, bestimmen immer noch wir! Die KZ-Verbände merken nicht einmal, dass sie damit die Denklogik der Nazis übernehmen: Sie haben keinen Schimmer von Heine, außer, dass er Jude war. Sie befassen sich natürlich nicht mit lebenden Juden – dafür fehlt offenbar die Zeit, müssen doch die Gaskammern in Schuss gehalten werden. Es ist Zeit, solchen Verbänden die Deutungshoheit über die Vergangenheit und vor allem über die Gegenwart zu nehmen. Weimer, übernehmen Sie!

Am 12. April feiert Deutschland Buchenwald und die Befreiung eines KZs. Am 13. April ist übrigens in diesem Jahr Jom haSchoa, der jüdische Holocaust-Gedenktag. Um Punkt 10 Uhr steht für zwei Minuten in Israel das Land still. Menschen steigen aus ihren Autos aus, Gespräche verstummen. Nach zwei Minuten wird das Leben wieder fortgesetzt. Deutschland gedenkt stattdessen in der Vergangenheit. Jedes Jahr begeht ein ganzes Land mehrfach eine Zeitreise nach 1938. Solange das noch in dieser rituellen, oberflächlichen und bezugslosen Form stattfindet – und es wird noch lange stattfinden –, beschäftigt mich die deutsche Erinnerungskultur weiterhin auf eine unleidige Art. Und linksaktivistische Clubs wie die Buchenwaldverbände tragen ihren Teil dazu bei, dass sich daran auch rein gar nichts ändern wird.

7 Kommentare

  1. @Wolfram Weimer in Buchenwald unerwünscht
    nicht, das der in irgendeiner Weise erwünscht sein könnte – aber das ist dann trotzdem lächerlich !
    Aber – wie hieß es so schön in Frankreich: die Revolution frißt ihre Kinder !

  2. https://report24.news/schluss-mit-der-erpressung-durch-kiew-orban-dreht-der-ukraine-den-gashahn-zu/

    „Schluss mit der Erpressung durch Kiew: Orbán dreht der Ukraine den Gashahn zu!

    Ohne russisches Öl für Ungarn gibt es auch kein Gas für die Ukraine, das hat Ungarns Premierminister Viktor Orbán klargestellt. Der konservative Regierungschef stellt die Interessen des eigenen Volkes über alle anderen. Ungarn braucht die Energiereserven selbst.“

    Dieser Milliarden schwere Oligarch meint, er könne mit seinen unsäglichen Forderungen, Erpressungen, Androhung mit Waffengewalt von Krieg ./. Ungarn und ein dubioser Bettler
    in ganz Europa, seinen Forderungen Nachdruck verschaffen !

    Es wird erst in der Ukraine Ruhe und Frieden geben, wenn dieser Diktator politisch neutralisiert ist !
    Unverständlich, das EU und hiesige Politik unsere Steuergelder für das korrupteste Land in Europa und für die eigenen Taschen dieses Komödianten als Diktator verschwendet.
    Steuergeldverschwendung ist und bleibt stets Diebstahl am Volksvermögen !

    Es reicht bereits, das wir ca. 1,3 Milliarden Urkainer/Ukrainer hier aufgenommen haben, wo der größte Teil hier nicht arbeitet und es sich von unseren Steuergeldern gut gehen lässt.
    Volle ärztliche Versorgung u.v.a. eingeschlossen und sie nehmen uns die preiswerten Wohnungen weg !
    Wir sind nicht das Sozialamt für die Welt !
    Schon einmal darüber nachgedacht, warum Politiker den Krieg in der Ukraine nett weiter laufen lassen wollen?
    Ganz einfach, fragt die Kriegstreiber in EU und hier, wer, wieviel Rüstungsindustrie-Aktien dieses unsägliches politisches Klientel gezeichnet hat !
    Noch Fragen?

    2
    2
  3. Deutschland im Jahre 2626:
    Das alles beherrschende Thema ist die Zeit von 1933 bis 1945.

    In Scharen pilgern sie zu den ehemaligen KZ.
    Die einzige Kultur, die ihnen übrig geblieben ist, ist die Erinnerungskultur, eine Erinnerung an etwas, an das sie sich eigentlich nicht erinnern können, weil sie damals noch gar nicht gelebt haben.
    Hauptsache Schuldgefühle. Das ist für sie der maximale Kick.

    Die Deutschen sind das einzige Volk der Welt, das die Untaten seiner Vorfahren zelebriert. Wie bescheuert ist das denn?

  4. Für all die Holocaust Gedenker habe ich noch einen Spruch von Heine:
    „Der Deutsche gleicht dem Sklaven, der seinem Herrn gehorcht, ohne Fessel, ohne Peitsche, durch das bloße Wort, ja durch einen Blick. Die Knechtschaft ist in ihm selbst, in seiner Seele; schlimmer als die materielle Sklaverei ist die spiritualisierte. Man muss die Deutschen von innen befreien, von außen hilft nichts.“

    Wer hier wohl der Herr ist?

  5. Zitat: “ …. die Alternative für Deutschland der legitimierte Nachfolger der Hitlerpartei ist.“

    Inzwischen gibt es auch auf YT einige Beiträge –
    https://www.youtube.com/watch?v=6lL1xbivtcE&list=PLt9l9fQjtVIMte7n3AHvQ6Z101rURD4Jq
    und auch Frau Weidel ist der zutrefenden Meinung, dass Hitler ein Linker und eben doch kein Rechter war.
    Der National“sozialismus“ (!) war nur der Gegenpart zum internationalen Sozialismus bzw. Kommunismus.
    Kein Wunder also, wenn SA und „Anit-Fa“ das gleiche Gebaren an den Tag legen. Wo hätten je AfDler gewaltsam (!) gegen eine CDUSPDGrüneLinke-Veranstaltung „demonstriert“? Gar einen gesetzlich vorgeschriebenen Parteitag?!

    Wer’s nicht glauben mag: Man kann sich informieren!
    Die Nazi-Keule muss also in eine ganz andere Richtung geschwungen werden!