
Eigentlich dachte ich, dass meine Beobachtungen über schleichende “Veränderungen” der Kultur- und Traditionspflege in Deutschland nicht unbedingt von allgemeinem Interesse seien. Der Ansage!-Beitrag von Thomas Hartung vom 8. November 2025 “Kompromittiertes Liedgut – Die entlastende Last des Singens”, der ein ähnliches vermeintliches Randthema behandelte, motivierte mich dann doch, diesen Artikel zu verfassen.
Musik und Tanz sind immer auch Ausdruck von Lebensfreude. Volkslieder, deren Text jeder kennt und die jeder mitsingen kann, Volkstänze, deren Schritte jeder kennt, schaffen ein Gemeinschaftsgefühl und sind wesentlicher identitätsstiftender Bestandteil eines Volkes und der jeweiligen Kultur eines Landes oder einer Region. Im aufsteigenden Bürgertum des 19. Jahrhunderts entwickelte sich der Gesellschaftstanz, der die Bälle der Aristokratie nachahmte. Als Gesellschaftstanz bezeichnet man Tänze, die „in Gesellschaft“, also entweder im privaten Rahmen auf Feiern oder bei entsprechenden öffentlichen Tanzveranstaltungen wie Tanztees oder Bällen, in der Regel von Paaren, getanzt werden, und die nicht an regionales Brauchtum gebunden sind. Im Gesellschaftstanz werden auch die traditionellen Geschlechterrollen ausgelebt oder stilisiert: Der Mann führt, und die Frau lässt sich führen.
Männliches Dominanzverhalten
Wohl vor allem deshalb ziehen die Gesellschaftstänze den Hass des woken Zeitgeistes auf sich. Dabei war Tanz ursprünglich ein Teil des menschlichen Balzverhaltens: Menschen sind auch Tiere, und in der Natur entscheiden sich die paarungsbereiten Weibchen für ein dominantes Männchen. Diese Vorliebe stachelt die Männchen an erzeugt männliches Dominanzverhalten. Ein Mann, der auf der Tanzfläche sicher auftritt und die Frau souverän führen kann, demonstriert dieses Dominanzverhalten. Die traditionelle Tanzhaltung der Standardtänze ist eine angedeutete Umarmung. Sie kann auch von Männern und Frauen vollzogen werden, die sich bisher nicht kennen, und dann während des Tanzes in Körpersprache interagieren können. Die Tanzpartner können feststellen, ob die Nähe zu dem Anderen ein angenehmes Gefühl auslöst. Die rechte Hand des Herrn befindet sich auf dem linken Schulterblatt der Dame und ihre linke Hand liegt auf seinem rechten Oberarm.
Besonders schnelle Drehungen erfordern einen kleinen Abstand zwischen den Tanzpartnern. Der Herr kann die Dame leicht oder stärker an sich heranziehen, und sie kann mit einem sanften oder starken Gegendruck mit ihrer linken Hand den Abstand wiederherstellen. Wünscht die Dame eine größere Nähe, kann sie ihre linke Hand auf seine Schulter legen und so den Gegendruck beenden. Aus einem „Knistern“ kann dann mehr werden. Nicht von ungefähr entstanden bis weit in die Mitte des 20. Jahrhunderts hinein viele Beziehungen und Paarbindungen über das formalisierte Ritual des Tanzes – vor allem in der Tanzschule.
Woke Bilderstürmer
Paarweises Tanzen ist wie Sex! Es gibt 08/15-Figuren, aber es geht auch mit mehr Phantasie. Gute Tänzer sind wie gute Liebhaber: Wenn der Mann beim Tanzen die Frau führt, geht um sie und nicht um ihn. Bei den Standardtänzen gibt er ihr in der Tanzhaltung Halt und reißt sie mit. Die Frau lässt sich mitreißen. Die Lateinamerikanischen Tänze werden von den Bewegungen im Becken bestimmt; natürlich ist das eine sexuelle Anspielung. Man könnte sie mit dem Balzverhalten von Vögeln vergleichen. Noch in den 50er Jahren wurden diese Tänze und ihre zugehörige Musik in Deutschland von den Alten als unmoralische “Negermusik” abgelehnt – aber die Jugendkultur setzte sich durch. Damals gab es aber noch keine woken Bilderstürmer; niemand kritisierte die „kulturelle Aneignung“, dass Europäer es wagten, lateinamerikanische Tänze zu tanzen. Bei ihren meist offenen Figuren lebt der Tanz von der Leidenschaft der Frau, der Mann gibt ihr Halt. Die Frau kann sich dann fragen, ob der Mann sie auch abseits der Tanzfläche mitreißen und Halt geben kann.
Ich habe in meiner Jugend Tanzen als Sport betrieben. Voraussetzung war der Erwerb des Deutschen Tanzabzeichens in Bronze, Silber und Gold. Ich habe jetzt zufällig bemerkt, dass das Design des Deutschen Tanzabzeichens geändert wurde, von einem stilisierten Tanzpaar in ein abstraktes Bild geändert, das einen geschlechtslosen und einsamen Tänzer mit ausgebreiteten Armen zeigen könnte.

Das Welttanzprogramm des International Council of Ballroam Dancing, jetzt World Dance Council, besteht aus den Standardtänzen (Langsamer Walzer, Wiener Walzer, Langsamer Foxtrott – Slowfox, Schneller Foxtrott – Quickstepp und Tango) und den Lateinamerikanischen Tänzen (ChaChaCha, Rumba, Samba, Jive, Paso Doble), die paarweise getanzt werden. In dieser Sportart werden Musik und Bewegung harmonisch kombiniert. Anspruchsvolle Figuren erfordern Körperbeherrschung. Bei den Sportlern, die komplizierte Figuren tanzen wollen, werden diese einstudiert, ihre Reihenfolge abgesprochen und nicht spontan geführt. Natürlich gibt man sich noch Zeichen, wann der Partner zu der neuen Figur ansetzt. Hier steht die Lust, die Zuschauer zu beeindrucken, im Vordergrund. Die Paare planen bestimmte Figuren, die Ihnen Spaß machen und die sie gut können. Sie tauschen sich dabei aus, was der Partner besser machen kann, damit es gut funktioniert. Es geht hier weder um einen Flirt noch um Balzverhalten. Trotzdem ist die Interaktion der Paare aus Frau und Mann das zentrale Thema dieser Sportart.
Sind die Verantwortlichen vor der Woke-Ideologie eingeknickt? Tanz steht für Gemeinschaft. Was soll die einsame Figur bedeuten? Ging es nur darum, das traditionelle Rollenbild aus dem Abzeichen zu entfernen? Oder soll die sportliche Paarbeziehung vollständig aufgelöst werden?
Ändern sich die Zeiten?
Der Gesellschaftstanz kam im Gegendsatz zum Volkstanz aus der Oberschicht, aber auch Volkstänze waren immer eine Interaktion von Mann und Frau. Schon vor 70 Jahren hat sich dieser Gegensatz verwischt und auch Arbeiterkinder gingen in Tanzschulen. Es geht jetzt also nicht um Klassenkampf, sondern um die Auflösung der Paare aus Mann und Frau. Soll hier eine Mischung aus Ballett und rythmischer Sportgymnastik geschaffen werden? Soll es in Zukunft auch gleichgeschlechtliche Paare bei Turnieren geben? Natürlich konnte ich früher auch die Schritte der Frau und ich konnte diese Rolle mit einem männlichen Vereinskollegen einnehmen, um mit ihm ein richtiges Timing herauszuarbeiten. Die scherzhaften Kommentare der übrigen Vereinsmitglieder aus unserer Jugendgruppe hätte aber niemand als Homophobie bezeichnet, und jeder nur als Spaß verstanden. Am Fundament der Sportart wurde nie gerüttelt.
Man kann zu Recht einwenden, dass die heutigen Jugend ihre Lebensfreude anders ausdrückt als ihre Großeltern, dass sie andere Musik mag und anders tanzt. Die Figuren von John Travolte im Film „Saturday Nicht Fever“ waren auch sportlich anspruchsvoll. Die Alten von heute sollten nicht in die Verhaltensweisen ihrer eigenen Großeltern abgleiten, wonach die jeweilige „Jugend von heute“ kein Niveau hat und sowieso früher immer alles besser war. In Zeiten von Online-Dating und Tinder mag der zaghafte Flirt eines Paartanzes nicht mehr in die Zeit zu passen. Aber ob die Langsamkeit der Vergangenheit besser oder schlechter war als die Schnellebigkeit von heute wäre eine vielschichtige Diskussion; Ergebnis offen!
Selbst die Funktionäre knicken heute ein
Dass Bälle und andere gesellschaftliche Ergeignisse in einem Rahmen wie vor 50 oder 70 Jahren heute selterer stattfinden, ist eine Frage von Angebot und Nachfrage. Was nicht nachgefragt wird, wird auch nicht angeboten! Aber dass der Gesellschaftstanz an sich jetzt nach dem woken Zeitgeist geschlechtslos sein soll, dass selbst die Funktionäre einer Sportart diesem Zeitgeist huldigen, ist eine neue Dimension. Es gibt Sportarten, in denen es recht gewalttätig zugeht. Das ist für die woken Glaubenskrieger kein Problem. Fußball lebt von seinen Fans, und die Ultras zelebrieren die Spiele ihrer Mannschaft als gewaltlose Ersatzkriege; bei den Hooligans kommt es wirklich zu Schlägereien. Auch das wird nur mit einem Achselzucken zur Kenntnis genommen. Eine Sportart, die auf einen traditionellen Rollenbild von Männern und Frauen statt auf Gewalt aufbaut, ist aber für den woken Zeitgeist anscheinend inakzeptabel.
Es wäre zu fragen, ob sich wirklich die Zeiten ändern, oder nur der Zeitgeist. Wollen die Männer wirklich nicht mehr männlich sein, und die Frauen nicht mehr weiblich? Entscheiden sich die heutigen paarungsbereiten Menschen-Weibchen wirklich nicht mehr für dominante Männchen? Ist es wirklich gesellschaftlich nicht mehr gewünscht, diese biologischen Vorgaben ohne Schuldgefühle auszuleben? Und lassen die jungen Menschen nach Corona wirklich auch das noch mit sich machen?
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4 Antworten
Ich tanze seit 25 Jahren „argentinischen“ Tango – bin aber noch nie auf die Idee gekommen, diesen als „Sport“ zu bezeichnen … Mit und um Dominanz geht es dabei nicht. Funktionäre gibts nicht, und „woke“ … interessiert nicht.
Bär (CSU) lobt Merz und Söder als ausgeprägte Feministen
Die männerhassende Forschungsministerin Dorothee Bär (CSU), die schon in der Merkel-Ära immer wieder mit männerhassenden verschwörungsideologischen Hasstiraden aufgefallen ist,
sieht die Vorsitzenden von CDU und CSU, Bundeskanzler Friedrich Merz und Bayerns Ministerpräsident Markus Söder, als ausgeprägte Feministen. Die CSU-Politikerin sagte den Zeitungen der Funke-Mediengruppe (Donnerstagausgaben), Merz sei bei allen Frauen- und Familienthemen „ein ganz, ganz großer Unterstützer immer gewesen“. Er habe sie „extrem unterstützt“, als sie in der Union einen Paradigmenwechsel in der Prostitutionspolitik eingeleitet habe. Außerdem sei Merz ein Hauptredner bei einer von ihr organisierten Veranstaltung zum Thema „Sex als Kriegswaffe“ gewesen. Auf die Frage, wo sie Merz auf einer Feminismus-Skala von 1 bis 10 einordne, antwortete Bär: „Elf“. Söder bekam von Bär sogar eine „Zwölf“.
https://www.mmnews.de/aktuelle-presse/241750-baer-lobt-merz-und-soeder-als-ausgepraegte-feministen
Welch ein Unsinn…
Kennt heute noch ein Kind Volkslieder?
Ich glaube nicht.
Sie wissen nicht, was eine Buche ist.
Sie wissen nicht, was eine Primel ist.
Sie wissen gar nichts mehr aus Natur, Heimat oder unserer Kultur.
„Yalla! Yalla!“ Gehört jedenfalls nicht dazu!
„Emschi!“ auch nicht, obwohl es passen würde.
Traut sich heutzutage noch ein Tanzlehrer vor dem Paartanz – z.B. Wiener Walzer, Foxtrott o.ä. – seinen Schülern (ungegendert!) zu sagen: „Der Herr führt!“?
Und wer Reiten, Schach oder Schießen als Sport durchgehen lässt, sollte mal versuchen un-sportlich zu tanzen! Kondition, Konzentration und Koorditantion und einiges andere braucht dieser Sport durchaus genauso wie andere Sportarten!
Lustig fand ich es immer, dass sich Säkulare gegen ein kirchliches Tanzverbot z.B. an Karfreitag einsetzten. Ich hätte mich unsolidarisch dafür ausgesprochen, dass diese Gruppen bitteschön doch das Tanzen auch an diesem Tag entgegen dem grundsätzlich gerechtfertigten Anliegen selbst doch besser unterlassen sollte – eigenschützlich allein schon, wegen meiner optisch-sensiblen diesbezüglichen Unverträglichkeiten.
Wer tanzen kann, sollte und darf es ansonsten gerne tun.
Doch wer tanzt (s.o.!) heute noch – und wo denn? Und wer geht noch zu einem Stammtisch – und wo denn?
Alles: Aus. Fertig. Ende.