„Sowas spielen wir nicht mehr“: Die Ärzte tragen ihren eigenen Mythos zu Grabe

Wollen mit sich selbst nichts mehr zu tun haben: Die Ärzte (Foto:Imago)

Im Stile der neuen Kulturrevolution schreiten Selbstzensur, Selbstkasteiung und öffentliche Schuldeingeständnisse in Deutschland rapider voran, als es sich selbst die Veteranen der einstigen K-Gruppen nie erträumt hätten. „Selbstkritik” und Distanzierung von früheren Äußerungen, Handlungen und Werken haben Konjunktur wie zu Zeiten von Maos Roten Garden, nur die Schandhüte und Pranger fehlen. Noch. Wo Prominente „Reue“ heucheln, weil sie früher zu Fasching Blackfacing oder kulturelle Aneignung durch aus heutiger Sicht falsche Kostüme betrieben, unschuldig Zigeunerschnitzel und Negerküsse aßen oder „rassistische“ und „sexistische“ Kunst goutierten, will keiner zurückstehen. Es gilt, die eigene Vita und Vergangenheit zu entrümpeln und Ablass zu erflehen, ehe die woke Kulturpolizei die biographischen Abgründe enttarnt.

Dieser totalitäre Trend macht selbst vor Künstlern und „Influencern“ von einst nicht halt, die ihren Aufstieg der gänzlichen Konventionslosigkeit, der rebellischen Unangepaßtheit und Provokation des Establishments  verdanken. So etwa die einst als „Punkband” bekannt gewordenen Ärzte, eine Kultband der Achtziger, die einst die Stimme einer subversiven Spaß- und Jugendkultur war und sich über die Jahrzehnte durch flexible Anbiederung an den vorherrschenden linken Zeitgeist populär halten konnte. Ausgerechnet diese Truppe, die nie auch nur ansatzweise im Verdacht stand, die geringste rechte Schlagseite zu haben, passt sich nun auch hochoffiziell der galoppierenden Radikalisierung der kulturmarxistischen Cancel-Culture-Linken an.

Damals Bundesprüfstelle statt woke Kulturpolizei

Als die Band nun bei einem Konzert von Fans aufgefordert wurde, ihren 80er-Jahre-Hit „Elke“ zu spielen, der jahrzehntelang zum Repertoire bei jedem Auftritt gehörte, entgegnete Frontmann Farin Urlaub, der das Lied einst selbst getextet hatte: „Nee, Leute. Elke ist fatshaming und misogyn. So was spielen wir nicht mehr, das ist letztes Jahrtausend.“ In der Tat, „fatshaming“ und „misogyn”: Auch wenn damals diese Terminologie aus dem Phrasensetzkasten der Dauerempörten niemand kannte, so war es genau das, was die bewusst mit den Grenzen des guten Geschmacks spielenden Kult-Hits der Ärzte einst ausmachte. Auch „Sweet sweet Gwendoline”,  „Claudia hat ’nen Schäferhund“ oder „Schwanz ab“  thematisierten Tabuthemen wie „Sexismus“, Sodomie und Anti-Feminismus in deftigen und radikalen Texten – und die waren, anders als es Urlaub heute darstellt, auch schon damals skandalös (und keineswegs „aktuelles Jahrtausend”). Genau aus diesen frechen Tiefschlägen bezogen die Ärzte einen Gutteil ihrer anfänglichen Popularität; auch wenn sich damals keine woke Kulturpolizei oder mediale Aktivisten des hypermoralischen „Empöriums” für die Inhalte interessierte, sondern nur die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften (deren Indizierung die Verkaufszahlen des Albums „Ab 18“ erst so richtig pushte) .

In dem von Farin selbst nun entrüstet verworfenen „Elke”-Song heißt es: „Wir haben uns getroffen, allein bei ihr zuhaus’ / Sie sah noch viel, viel dicker als auf dem Foto aus / Ich schloss sie in die Arme, das heißt, ich hab’s versucht / Ich stürzte in ihr Fettgewebe wie in eine Schlucht.“ Und weiter: „Sie hat zentnerschwere Schenkel, sie ist unendlich fett / Neulich hab’ ich sie bestiegen – ohne Sauerstoffgerät… Elke, die fette Elke.“ Diese Zeilen sind geradezu ein rücksichtsvolles Sittengemälde, verglichen mit dem frauenverachtenden Verbalrotz der heutigen Hiphop-Szene, doch da dessen migrantische Anhängerschaft selbst der linken Subkultur angehört, regt sich dort niemand darüber auf. Die voll auf Linie gebrachten Ärzte über ihre damaligen „Jugendsünden“ aber sehr wohl.

Vulgär-Dadaismus damals noch ohne Shitstorm

Natürlich kann man über das Niveau von Texten wie „Elke“ oder auch anderen frühen Ärzte-Hits streiten, und Künstler haben durchaus das Recht, sich auch von Werken zu distanzieren, mit denen sie sich nicht mehr identifizieren. Doch ganz abgesehen davon, dass sich die Ärzte wohl auch damals nicht ernsthaft mit dem inhaltlichen Vulgär-Dadaismus solcher Hits „identifiziert“ haben, besteht hier eben der Verdacht, dass mit dem von Urlaub verkündeten Selbstboykott vor allem ein Shitstorm aus dem eigenen politischen Lager vermieden werden soll. Es geht einmal mehr um einen vorauseilenden Kotau vor einer Bewegung, die sich permanent anmaßt zu bestimmen, worüber von wem und wie gesprochen werden darf. Wie in allen totalitären Bewegungen, läuft auch in der woken Ideologie der radikale Linke von heute schon morgen Gefahr, als „Rechtsabweichler“ zu gelten, wenn ringsum nichts mehr links genug sein kann.

Es ist deshalb reichlich wohlfeil, was die in die Jahre gekommenen Ärzte hier tun: Damals brachte es für sie Ruhm, Anerkennung und jede Menge Geld, sich dem Establishment entgegenzustellen. Heute kuschen sie aus Feigheit vor dem Establishment – weil die linke Fanbase eben nicht mehr den „Untergrund” dominiert, sondern an den Schalthebeln der politischen und Meinungs-Macht angelangt ist. Allerdings ist dieses Phänomen nicht nur bei den Ärzten zu studieren. Bereits vor drei Jahren ging Marius Müller-Westernhagen auf Distanz zu seinem Kultsong „Dicke, wobei er diesen wenigstens noch mit der künstlerischen Freiheit und dem Hinweis, es habe sich „natürlich um Ironie“ gehandelt, zu verteidigen suchte.

Politisch korrekte Selbstentfremdung

Die Ärzte sind da schon einen Schritt weiter – und geben sich als geläuterte, resensibilisierte Empathiekünstler, die keiner in der Gruppensphäre herbeidefinierten Minderheit mehr zu nahe treten wollen, weshalb sie ihre Hits von früher einer gnadenlosen Selbstzensur aussetzen. Für viele ihrer Anhänger stirbt die Band damit quasi doppelt – denn die altgewordenen Ärzte kappen final die Verbindung zu ihrer junggebliebenen Musik. Diese politisch korrekte Selbstentfremdung vergällt Nostalgikern wie geistig frei gebliebenen Fans die unbeschwerte Freude beim Hören der alten Songs.

Ursprünglich ging es bei der gesamten Cancel-Culture und der aus den USA zu uns geschwappten „Affirmative Action” einmal darum, gegen die Diskriminierung von Menschen aufgrund äußerer Erscheinungen – von Hautfarbe bis Übergewicht – anzukämpfen. Dieser Ansatz der Einforderung von Respekt und Akzeptanz, im Kern aller Ehren wert, ist völlig entartet; an seine Stelle trat ein Zwang zur Glorifizierung, die Einforderung, das Außergewöhnliche und Auffällige zur Normalität zu erklären – mit entsprechenden Hassattacken auf jene, die sich diesem Ideal verweigern. Beim Thema „Fat-” oder „Bodyshaming” wird dies so deutlich wie nirgends sonst: Viele Modekonzerne werben seit langem mit teils extrem übergewichtigen Models. Damit betreiben sie jedoch weniger die Förderung von Toleranz als vielmehr eine gefährliche Pseudoästhetisierung von Menschen, die oftmals nicht unverschuldet, sondern durch einen maßlosen Lebensstil unter Herzkreislaufkrankheiten, Diabetes oder Bluthochdruck leiden. Starkes Übergewicht wird damit als normal, ungefährlich und sogar als mutiger Ausdruck von Persönlichkeiten propagiert, die den Mut haben, bewusst gegen konventionelle Schönheitsideale zu verstoßen.

Selbstzensur als Todesstoß für die Kunstfreiheit

Auch der neue Modebegriff „Misogynie“ beschränkt sich nicht mehr darauf, die Verachtung von Frauen zu beschreiben, sondern wird missbraucht, um jegliche Kritik an Frauen als „Frauenfeindlichkeit” zu brandmarken – so wie jede kritische Auseinandersetzung mit Worten und Taten von „Person of Colour“ als „Rassismus“ gilt. Unter diesen Etiketten macht man es heute nicht mehr.  Auch hier wird jede sachliche Auseinandersetzung durch die Schaffung künstlicher Totschlagbegriffe verunmöglicht. Solche Bewegungen können gar nicht anders, als sich über kurz oder lang zu kannibalisieren, weil der Radikalste immer „Recht“ hat – aber nur so lange, bis noch Radikalere auftreten. Dies führt jedoch zum Todesstoß für die Kunstfreiheit, weil niemand wissen kann, welche Worte oder Verhaltensweisen demnächst auf dem Index stehen. Über das Stadium des „Wehret den Anfängen“ ist man aber schon lange hinaus, wie unzählige Beispiele der jüngsten Vergangenheit zeigen.

Die Hyperpolitisierung, der zwanghafte Wahn, alles hoch aufzuhängen, mit Vorbehalten, Hinweisschildern und Warnhinweisen zu versehen, wie etwas missverstanden werden könnte oder eigentlich gemeint war, führen nun dazu, dass eine Unkultur der Ausmerzung einsetzt. Bei den neuen Bücherverbrennungen überantworten die Autoren ihre Werke selbst den Flammen.

 

19 Kommentare

  1. Die „Ärzte“ waren für mich von Anbeginn A…löcher – genauso wie „Pur“. Die haben doch vom Start bis heute nur ZEITGEIST von sich gegeben. Deshalb waren sie für mich von Anfang an suspekt …

    Gruß Rolf

    • Dann nehme ich mal an, Sie hören sich immer die Flop 40 an. Das sind die Platten mit den besten Songs zur absolut falschen Zeit. Garantiert nicht zeitgeistig.

  2. Tja, ich mochte in den 80ern die Ärzte wesentlich lieber als Toten Hosen, die ich noch nie leiden konnte. Ich hatte aber nur das Doppelalbum „Nach uns die Sintflut“, einen Live Mitschnitt. Da gab es fast nur solche Kracher, z.B „Helmut Kohl schlägt seine Frau“, natürlich Claudia und Elke, aber auch „Geschwisterliebe“ , „Mädchen“ und viele andere mehr. Seit “ ein bisschen Haue gern“ wurden sie mir dann zu kommerziell und abgedroschen. Trotzdem ist es schade, das auch die Ärzte sich einreihen in die Gruppe derer, die Systemtrompeten und Schleimlinge sind. Aber da gab es etliche Musiker und Schauspieler mehr, von denen ich auch erwartet hätte, dass sie mehr Courage gehabt hätten… um mal Neil Young zu nennen, oder Offspring. Nicht mehr zu ändern, die verdammte Spaltung hat uns alle im Griff!

    • Mal ehrlich: diese durchschnittlichen Musiker ohne jegliche berufliche Bildung mit Leuten wie Neil Young oder the Offspring in Vergleich zu bringen ist schon ein krasser Griff daneben…

  3. Sollte der Dichter „Far-in Urlaub“ (hihi) angesichts der neue erreichtenwoke-sittlichen Reife nicht einmal einige Verse dichten zu Ehren unseres Bundespräsidenten oder des heldenhaften ukrainischen Präsidenten, der unsere deutschen Werte verteidigt?

    Dann klappt´s auch mit dem Nationalpreis …

  4. Die woken Leute in Europa sollten ein Kurztrip nach Harlem-New York unternehmen, sich dort einen schwarzen Handschuh anziehen und die Black-Power-Faust in die Höhe strecken. Eine bessere Schule, zum Thema “ kulturelle Aneignung“, werden sie nicht finden.

  5. Viele Künstler die ich früher bewundert habe finde ich heute zum kotzen, ich war ziemlich erstaunt wieviele „Leichen“ aus ihrer Gruft stiegen und sich damit produzierten ein Fürsprecher des Impfterrors zu sein.
    Ein Eric Clapton, Nena oder Roger Waters (Pink Floyd) mussten Hetze und Häme hinnehmen weil sie sich kritisch geäußert haben, aber ausgerechnet ein zugedröhnter Gene Simmons (Kiss-Bassist) mit riesiger schwarzer Puck-Brille und noch größerer Baseball-Cap bezeichnete Impfgegner in einem Interview als „Evil-People“, also ein Junkie und selbsternannter „Womenizer“ der zu feige ist sein Gesicht und seine glasigen Augen zu zeigen, der ohne Stuhl keinen Auftritt mehr bewältigen kann und für den sich absolut niemand mehr interessiert, macht Werbung für die Impfjunkies und Großdealer!
    Ein selbstredendes, äußerst lächerliches Symbol für die „Qualität“ unserer beschämenden und unerträglich peinlichen Zeit, wen interessiert da bitte die Meinung eines als „nicht besonders helle“ bekannten Pur-Sängers, der Koksnase Rob Flynn (Machine Head), des Merkel-Lover’s Campino oder des „Aufzwingers“ Grölemeyer’s der nicht einmal in Deutschland Steuern zahlt!?
    Was also juckt mich bitte erst recht die Meinung eines Schmuddel-Linken Farin Urlaub, des Überwachungs-App Verkäufers Smudo, des grünen Crashpiloten Vettel oder sonst irgendwelchen unwichtigen Wichtigtuern!?

    • Aus meinem Herzen gesprochen, Bravo!
      Außerdem haben die „Ärzte“ sich für mich ab dem Zeitpunkt erledigt, als sie anfingen über ihr eigenes(???) Geschlecht herzuziehen („Männer sind S…“) und – leider!!! – Hunderttausende dieser durch NWO-Emanzipation ruhig gestellten Männer-Imitationen dem noch Beifall zollten.
      Nicht genug davon: es gab etliche dieser Affen, die sich dieses Schmutzstück auch noch in den Hörerwunschsendungen erkoren hatten. OHNE EINEN FUNKEN SELBSTACHTUNG

      Gruß Rolf

  6. Zum Passus: „woken Ideologie der radikale Linke von heute“:
    Nein, das ist eben nicht die RADIKALE Linke. Das ist mittlerweile ganz normales Mainstreamlinks.
    Wirklich ernsthaft denken dürften das wohl nur wenige, aber dem wird hinterhergerannt, das wird nachgeplappert.

    Gestern beim Coronatreff, das war wieder sehr angenehm, kein Gendersprech, keine Denkverbote, weder Klassen- noch Rassenunterschiede, sehr vergnüglich.

    Die „Ärzte“ nahmen „wir“ seinerzeit immer nur als halbwegs brauchbare Partyband wahr, „Punk“ waren die nie, das war schon immer nur Spaßpop. Bezeichnend für das immens niedrige Niveau des Musikjournalismus, daß die überhaupt weitere Erwähnung erfuhren. Die waren schon immer „System“, genau wie die gleichgeschalteten „Toten Hosen“.

  7. Das ist alles dummes linksgrünidiotisches Getue. Der „Pommespanzer“ steht doch zu ihrer Figur und manch einem mag solche Figur gefallen. Was soll also diese idiotische Distanzeritis und Abgrenzung?

  8. Diese rotzfrechen Texte waren ja genau das, was die „Ärzte“ so interessant gemacht haben. „Sweet Gwendoline“, “ Helmut K.“ und andere lustige Texte waren doch das Markenzeichen der Band. Ohne solche Lieder können sich die Ärzte einreihen in den Rest der banalen Linksbarden und können nun sogar mit den „Onkelz“ auf Tour gehen – die sind genauso langweilig geworden.

  9. Niemand entscheidet sich dafür, stark adipös zu werden. Die meisten dieser Leute sind krank. Ein intelligenter Mann sagte einmal, psychische Probleme könne man auf verschiedene Weise behandeln: Psychotherapie. Psychopharmaka. Drogenmissbrauch oder Missbrauch mit Nahrungsmitteln (Frust-Fressen) und letzteres sei nicht die allerschlechteste Lösung.

    Vorher haben die Modelabels mit Models geworben, die sehr groß, aberwitzig jung und aberwitzig dünn sind. Diese Models entsprachen altersmäßig und körperlich nicht dem Durchschnitt der Käuferschicht der Mode, die sie bewerben.
    Jetzt sind es halt extrem Dicke, die einem Modelabel das Zauberwort „Toleranz“ aufdrücken können und da will kein Modelabel verzichten, auch weil sich Käufer scheinbar abschreckende Beispiele genauso gerne ansehen wie die als ästhetisches Ideal ebenso untauglichen Mager-Models.
    Das „dicke“ Model Ashley Graham entspricht eher dem Bevölkerungsdurchschnitt, sie hat neulich ein Baby bekommen und seitdem oder zeitweilig auch ein bischen mehr. Ich bin froh, dass sie für Mode werben kann, denn es stopft schon dem ein oder anderen A**chloch das Maul, das gerne mal „du fette sau“ gerufen hat.

  10. Selbstzensur als Todesstoß für die Kunstfreiheit<

    Bemerkung: wenn schon dann richtig im „Winnetou“ Woke politcal correkt Format: was haben genaugenommen „die Ärzte “ mit Ärzten zu tun? Wird Zeit weg damit. Diese Durchgeknallten braucht echt kein Mensch.

  11. „Nee, Leute. Elke ist fatshaming und misogyn. “

    Ich verstehe Kauderwelsch nicht.
    Ich bin Deutscher, lebe in Deutschland und meine Muttersprache ist deutsch.

    Ich erwarte, dass man sich in der deutschen Sprache mit mir in Deutschland unterhält. Wenn nicht, höre ich nicht zu.

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