Stillstand als Staatskunst

Stillstand als Staatskunst

Nach der Wahl: Bonjour Tristesse, NRW bleibt lost (Foto:Imago)

Nordrhein-Westfalen hat gewählt. Es war zwar nur eine Kommunalwahl, also eine Abstimmung, bei der auch einzelne Personen in den Vordergrund treten, nicht allein die Parteien;  doch wieder einmal zeigt sich, dass die politische Geographie dieses Landes nicht mehr ansatzweise mit der ökonomischen Realität übereinstimmt. Im Ruhrgebiet, wo mit Zechen und Hochöfen einst das industrielle Herz Deutschlands schlug, herrschen heute Armut, Stillstand und Perspektivlosigkeit vor. Was durch an Erfolgen der Konversion im Zuge des Strukturwandels aufgebaut wurde, haben Massenmigration und ”Energiewende” zunichte gemacht. Die Folge: Parallelgesellschaften, Stagnation, Resignation. Und doch halten die Wähler an jenen Parteien fest, die dieses Desaster seit Jahrzehnten verwalten. CDU, SPD, teils sogar noch die Grünen: Sie alle werden weiterhin respektiert, als hätten sie irgendeine Lösung parat außer ihren immer neuen Durchhalteparolen.

Die AfD hat nun ihr Ergebnis fast verdreifacht. Das sorgt zwar für Schlagzeilen, aber wer genau hinschaut, erkennt das eigentliche Dilemma: Selbst dieser deutliche Zuwachs reicht nicht aus, um die Verhältnisse in den Rathäusern wirklich ins Wanken zu bringen. Der Westen bleibt sich und seinem angestammten Wahlverhalten mehrheitlich treu – treu bis zur Selbstaufgabe und bis in den Untergang. Man wählt weiter jene Parteien, die für Deindustrialisierung, Migrationschaos und explodierende Energiepreise stehen. Man wählt weiter jene Figuren, die über Integration schwadronieren, während ganze Stadtviertel längst verfallen. Warum also erkennen und begreifen die Menschen nicht, was mit ihnen geschieht? Liegt es an mangelndem Intellekt, an fehlender Bildung, an schierer Bequemlichkeit?

Erlernte Hilflosigkeit

Teilweise auch, aber sicher nicht nur daran. Es ist vor allem eine erlernte Hilflosigkeit, die den Wahlakt zum Ritual macht: Man geht zur Urne, so wie man sonntags zum Fußball geht – aus Gewohnheit, ohne Illusion, aber mit dem beruhigenden Gefühl, man habe seine Pflicht getan. Das Kreuz bei CDU oder SPD ist kein politisches Statement mehr, sondern vielfach ein kultureller Reflex: Der Vater hat schon so gewählt – also macht man es selbst auch. Doch diese Trägheit hat einen hohen Preis. Sie konserviert mittlerweile genau jene Zustände, über die dann täglich am Stammtisch oder hinter vorgehaltener Hand, in “vertrauenswürdigen” Umgebungen geklagt und gejammert wird. Arbeitslosigkeit, soziale Verwerfungen, Kriminalität – das alles wird hingenommen, solange die Schlagzeilen am nächsten Tag die gewohnte Ordnung bestätigen: CDU vorne, SPD geschwächt, AfD zwar stärker, aber lange nicht stark genug.

Es ist ein Schauspiel, das Langeweile verströmt, obwohl es in Wahrheit brandgefährlich ist. Denn die Zeit arbeitet gegen uns. Gegen Deutschland und vor alle gegen die prekären Regionen, in denen die Krise immer deutlicher durchschlägt. Die Industrie wandert ab, der Wohlstand erodiert, Jobs gehen reihenweise verloren, die Städte verfallen. Und währenddessen vertrösten dieselben Parteien die Bürger mit Investitionsversprechen, die so substanzlos und matschig sind wie Wahlplakate nach einem Regenschauer. Wer darauf noch hereinfällt, ist nicht nur Opfer; er ist längst auch Komplize seines eigenen Niedergangs.

Selbstmord auf Raten

Denn es wäre die Aufgabe der Bürger, der Wähler, diesem Treiben ein Ende zu setzen. Aber sie tun es nicht. Vielleicht aus Angst vor Veränderung, vielleicht aus Bequemlichkeit. Vielleicht aber auch, weil sie gelernt haben, mit wenig zufrieden zu sein. Man gewöhnt sich irgendwann an den schleichenden Abstieg, wie man sich an eine tropfende Heizung gewöhnt. Es ist wie beim Frosch im Kochtopf: Die allmähliche Erwärmung bleibt unbemerkt bis zum Hitzetod. Und so ist es hier: Manchmal stören die Defizite und Mankos, aber man richtet sich irgendwie ein und lebt damit weiter, bis die Wohnung irgendwann eiskalt ist.

Die AfD profitiert zwar von der gänzlichen Realitäts- und Reformverweigerung der Altparteien  – doch ihre Zugewinne bleiben ein Strohfeuer, solange die Mehrheit an den überkommenen Strukturen festhält. Der Westen ist müde geworden: Ein Landstrich, der in der Vergangenheit schwelgt und die Zukunft verschläft. Und so bleibt die Erkenntnis bitter: Es ist nicht die Politik allein, die dieses Drama verursacht. Es ist die Bevölkerung selbst, die zu spät erkennt, was mit ihr passiert. Wer heute im Ruhrgebiet lebt, müsste längst wissen, wohin die Reise geht. Doch viele sehen es nicht oder wollen es nicht sehen. Sie halten am Vertrauten fest, auch wenn es sie zerstört. Das ist keine Tragödie mehr, das ist Selbstmord auf Raten.

Lehrkörper der Nation

Insofern war die Kommunalwahl in NRW war keine politisches Wende, sondern ein Trauer- oder Schattenspiel. Der Bürger durfte hier noch einmal Zettel falten und die Parteien tun so, als hätte das eine Bedeutung. Am Ende bleibt alles so, wie es ist: Ein Ritual ohne Wirkung, ein Rauschen im Hintergrund, während in Berlin das große Wursteln weitergeht. CDU, SPD und Grüne haben das Ergebnis so gedeutet, wie sie eben jedes Ergebnis deuten: Sie fühlen sich und ihre Politik fatalerweise bestätigt. Und speziell für die SPD ist jeder AfD-Wähler ohnehin ein Schüler, der den Stoff noch nicht verstanden hat, dem man einfach nur besser erklären müsse, was wichtig und richtig sei. Die Grünen sind da nicht besser, sie sehen sich gleich als Lehrkörper der ganzen Nation. Wer widerspricht, ist nicht anderer Meinung, sondern schlicht zu dumm. Das ist die eigentliche Anmaßung. Denn in Wahrheit verstehen die aufgewachten Wähler, die dem Altparteienblock abgeschworen haben, nicht zu wenig. Sie verstehen zu viel.

Die Union hat längst ihr eigenes Rückgrat in Merkels Keller eingelagert. Friedrich Merz verwaltet die Erbschaft einer Frau, die aus der CDU eine linke Partei gemacht hat. Was sich heute konservativ nennt, ist in Wahrheit eine bräsige Verwaltungsgemeinschaft, die im Zweifel SPD und Grüne kopiert. Brandmauer, Bürgergeld, Klimapfennig, Umverteilungsrituale: Die CDU-Basis begehrt nicht etwa auf, sondern macht bei allem mit wie die Lemminge – weil sie nichts anderes mehr kann.

Reformen? Fehlanzeige

Die Wahlbeteiligung in NRW war mit 56,8 Prozent zwar rund 5 Prozent höher als 2020, aber immer noch extrem schwach. Kein Wunder. Die Nichtwähler haben längst erkannt, dass ihre Stimme nicht mehr zählt. Der Bürger wirft seinen gefalteten Zettel in die Urne wie einen Kieselstein in den Rhein: Ein kurzes Platschen, dann verschluckt ihn die Strömung. Die Machtblöcke in Berlin interessiert das nicht. Sie deuten die Stille als Zustimmung. Dabei ist es Resignation. So zieht das Land weiter in den Tunnel. Vorn flackern Glühbirnen, die wie Bremslichter aussehen sollen. Doch dieser Zug rast ohne Lokführer – und der Aufprall kommt. Einsicht und Erkenntnis reifen wohl erst in den Trümmern. Und bis dahin inszenieren sich SPD und Grüne als Erklärmaschinen der Nation. Sie lügen nicht besser; sie “erklären” den Stillstand nur besser. Der Unterschied ist nebensächlich.

Reformen? Fehlanzeige. Die Rentenkassen werden geplündert, die Sozialabgaben steigen, das Bürgergeld bleibt. Wer arbeitet, zahlt. Wer nicht arbeitet, kassiert. Und über allem der große Kampf gegen die einzige Opposition. Der Gegner heißt nicht Inflation, nicht Migration, nicht Bürokratie. Der Gegner heißt AfD. Das ist die Pointe dieser Wahl: Alles geht so weiter wie bisher. Das Wursteln wird zum Regierungsstil erhoben. Das ist kein Zufall, sondern Absicht. Und die Fleißigen und Anständigen zahlen die Rechnung. Noch jedenfalls… denn irgendwann wird aus dem Kieselstein ein Geröllhaufen. Und der bricht die Strömung – und macht das Schiff irgendwann nicht mehr steuerbar.

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7 Antworten

  1. @Stillstand als Staatskunst
    kein Stillstand – stillschweigender und medial unterstützter Rückbau der Nation.
    Was wir hier erleben, ist die Weiterführung der grünen Vernichtungspolitik :
    Klima/CO2 Verarmung und Verelendung, grüne Habeck-Politik, Vermögensregister, Immobilienregister, Impfregister,Bargeldabschaffung,Totalüberwachung,Kontenplünderung durch Merz/Leyen, Energiepolitik, Wirtschaftspolitik, Gesundheitspolitik, Pandemievertrag, Corona und andere, Kinder-Frühsexualisierung, Verfassungstrixereiungen wie Schulden-Trick mit abgewähltem Parlament und nicht gewähltem Kanzlerkandidaten, Wahlbetrug,
    und nicht zu vergessen die Plünderungs-, Piraten- und Kriegspolitik gegen Russland und andere Länder !

    Wie gewählt, so geliefert – jammert nicht, NRW !

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    1. ist der volksverräter schon weggesperrt… ein politidot weniger…. mehr kann man zu dem polit-drecksladen nicht bemerken…

  2. Jemand hat mal gesagt. könnte Einstein gewesen sein: Immer wieder das gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten ist die Definition von Wahnsinn. In NRW/Ruhrgebiet und fast in ganz D gilt das. Immer wieder die geleichen
    erfolglosen, teilweise destruktiven Parteien wählen und erwarten dass sie etwas neues dabei herauskommt.

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  3. „Reformen? Fehlanzeige. Die Rentenkassen werden geplündert, die Sozialabgaben steigen, das Bürgergeld bleibt. Wer arbeitet, zahlt. Wer nicht arbeitet, kassiert.“

    Auf die Stammwähler von CDU und SPD ist eben Verlaß:

    Wahlverhalten bei der Bundestagswahl am 23. Februar 2025 nach Alter (Stimmenanteile der Parteien)

    CDU/CSU
    70 und älter, 43% (AfD 10%)
    60-69, 33% (AfD 19%)
    45-59, 33% (AfD 22%)
    (Quelle: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1558451/umfrage/wahlverhalten-bei-der-bundestagswahl-2025-nach-alter/)

    Wahlverhalten bei der Europawahl am 09. Juni 2024 in Deutschland nach Altersgruppen (Stimmenanteile der Parteien)

    Stimmanteile nach Altersgruppen

    60 Jahre und älter: CDU/CSU 39%, SPD 20%, Grüne 9%, BSW 7%,FDP 5%

    Unter 30 Jahre, AfD 17%, CDU/CSU 17%

    Bei der Europawahl 2024 wurde die Unionsparteien aus CDU und CSU stärkste politische Kraft. In der Altersgruppe der über 60-Jährigen erhielt die Union mit 40 Prozent die meisten Stimmen. Auch die SPD erreichte die meisten Wählerstimmen in der Altersgruppe der über 60-Jährigen. Die AfD erhielt hingegen die meisten ihre Stimmen von der Altersgruppe der 30 bis 44-Jährigen. 
    https://de.statista.com/infografik/32396/stimmenanteile-bei-der-europawahl-2024-nach-altersgruppen/

    „Jede zweite Person in Deutschland ist heute älter als 45 und jede fünfte Person älter als 66 Jahre.“

    Die Bevölkerungsgruppe der älteren Menschen ab 65 Jahren
    „Die zunehmende Zahl älterer Menschen in Deutschland ist ein wichtiger Faktor im demo­grafischen Wandel. Ergebnisse der Bevölkerungsfortschreibung zeigen, dass die Zahl der 65-Jährigen und Älteren seit 1991 von 12 Millionen auf 18,7 Millionen im Jahr 2022 deutlich gestiegen ist. Da jüngere Geburtsjahrgänge zugleich sinkende Personen­zahlen aufweisen, stellen die ab 65-Jährigen im Zeit­verlauf auch einen immer größeren Anteil an der Gesamt­bevölkerung. Er stieg von 15 % im Jahr 1991 auf 22 % im Jahr 2022.“ (Quelle: https://www.destatis.de/DE/Themen/Querschnitt/Demografischer-Wandel/_inhalt.html)

    „Was Sie heute in den Köpfen der Menschen finden, ist oft gar nicht mehr die Realität, sondern eine von den Medien konstruierte Wirklichkeit.” (Kommunikationstheoretikerin Elisabeth Noelle-Neumann, 2001)

    „Die Medien sind die mächtigste Institution der Welt. Sie haben die Macht, Unschuldige schuldig zu machen und Schuldige unschuldig. Und das ist Macht, weil sie das Denken der Massen kontrollieren“ Malcom X (1925-1965)

    „Wer die Medien kontrolliert, kontrolliert den Verstand“. (Jim Morrison)

    „Die Wahrheit hat nichts zu tun mit der Zahl der Leute, die von ihr überzeugt sind.“ (Paul Claudel)

    Durchschnittsalter der Zuschauer der einzelnen Fernsehsender in Deutschland im ersten Halbjahr 2022
    Statista.com

    „Der TV-Sender ZDF hat in Deutschland das höchste Durchschnittsalter der Zuschauer unter den dargestellten Sendern. Das Durchschnittsalter der Fernsehzuschauer des ZDF lag im ersten Halbjahr 2022 bei 65 Jahren. Knapp dahinter folgte Das Erste mit einem durchschnittlichen Alter der Zuschauer von 64 Jahren. Das niedrigste Durchschnittsalter besaß zu diesem Zeitpunkt hingegen ProSieben mit 44 Jahren.“
    (Quelle: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/183279/umfrage/durchschnittsalter-der-fernsehzuschauer-nach-sender/)

  4. Warum unterstützte AfD-Parteivorsitzende Weidel Russlandhasser im NRW-Wahlkampf?
    Die AfD hat bei den Kommunalwahlen im bevölkerungsreichsten Bundesland Deutschlands gut abgeschnitten. Diese ist allerdings eine andere AfD als jene im Osten, denn gerade in diesem Teil des Landes toben sich veritable Russenhasser aus. Die AfD-Führungsspitze scheint das jedoch nicht zu stören.
    https://rtde.press/meinung/256110-warum-unterstuetzte-afd-parteivorsitzende-weidel/