
Der Euphrat ist in Syrien seit Jahren mehr als ein Fluss. Er markiert eine militärische, politische und symbolische Trennlinie in einem Land, dessen staatliche Ordnung seit 2011 fragmentiert ist. Was sich in den vergangenen 24 Stunden östlich und westlich dieses Stroms ereignet hat, fügt sich in eine lange Geschichte wechselnder Allianzen, gebrochener Versprechen und externer Einflussnahme ein – und zeigt zugleich, wie brüchig das gegenwärtige Machtgleichgewicht bleibt. Am gestrigen Abend kündigte Metlum Abdi, der Oberkommandierende der kurdisch dominierten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF), nach Rücksprache mit „befreundeten Staaten“ den Rückzug seiner Einheiten aus der Region Deir ez-Zor östlich des Euphrat an. Die Wortwahl war auffällig vage, die Botschaft hingegen eindeutig: Die Kurden, die in den vergangenen Jahren mit amerikanischer Unterstützung den sogenannten „Islamischen Staat“ zurückgedrängt hatten, ziehen sich aus einer strategisch wie symbolisch bedeutsamen Region zurück.
Bereits wenige Stunden später nutzte Damaskus das entstandene Machtvakuum. Am Morgen rückten Einheiten der syrischen Armee in Deir ez-Zor ein und nahmen die Stadt kampflos ein. Für das Regime ist dies ein Erfolg, der an frühere Phasen des Krieges erinnert, in denen nicht militärische Überlegenheit, sondern das geschickte Ausnutzen politischer Konstellationen Geländegewinne ermöglichte. In der Nacht folgte ein Schritt, der auf Ausgleich zielte – oder zumindest so gelesen werden kann. Präsident Ahmed al-Shaara unterzeichnete ein Dekret, das die Rechte der Kurden garantiert und ihnen die Rückkehr in ihre Häuser erlaubt, sofern sie unbewaffnet sind. Solche Zusicherungen haben in der syrischen Geschichte eine lange, ambivalente Tradition. Schon unter Hafis al-Assad und später unter dessen Sohn Baschar wurden kurdische Loyalität und begrenzte Zugeständnisse immer wieder gegeneinander aufgerechnet, ohne die strukturelle Marginalisierung der Kurden grundlegend zu beenden.
Prekäre politische Absicherung
Dass dieses Dekret gerade jetzt erlassen wurde, gilt in Washington als kein Zufall. Das “Wall Street Journal” berichtet von großer Sorge in der amerikanischen Regierung über das türkisch-syrische Vorgehen gegen die kurdischen Verbündeten der USA. In Washington fürchtet man demnach, dass sich gemeinsame militärische Aktionen von Ankara und Damaskus auch auf Gebiete östlich des Euphrat ausdehnen könnten – jenes Territorium, das bislang als letzter sicherer Rückzugsraum der SDF galt. Nach Angaben der Zeitung drohte US-Vizepräsident J. D. Vance Syrien hinter den Kulissen mit der Wiedereinführung von Sanktionen, sollte Damaskus seine Beziehungen zu den Kurden nicht normalisieren. Diese Drohung habe maßgeblich zur gestrigen Verkündung des Präsidialdekrets beigetragen. Die Vereinigten Staaten, die sich militärisch aus Teilen Syriens zurückgezogen haben, versuchen damit erneut, politischen Einfluss durch wirtschaftlichen Druck auszuüben.
Die Situation erinnert an frühere Wendepunkte des syrischen Krieges: Die Kurden stehen zwischen regionalen Mächten und globalen Interessen, ihr militärischer Nutzen wird anerkannt, ihre politische Absicherung bleibt prekär. Die Türkei betrachtet jede Form kurdischer Autonomie an ihrer Südgrenze als Bedrohung, Damaskus will die territoriale Kontrolle zurückgewinnen, Washington sucht Stabilität, ohne sich dauerhaft zu binden.
Ob der Rückzug der SDF und das Dekret aus Damaskus zu einer nachhaltigen Beruhigung führen oder nur eine weitere Zwischenetappe in einem langen Konflikt markieren, ist offen. Sicher ist lediglich: Am Euphrat verschieben sich erneut die Linien – und mit ihnen die Hoffnungen und Ängste eines Volkes, das in der Geschichte Syriens allzu oft zum Spielball fremder Interessen geworden ist.
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5 Antworten
Subjektiv – Teile und Herrsche. Viele kleinezwersplitterte Gruppen, welche sich nicht grün sind lassen sich gut gebrauchen. Eine Macht entsteht nicht. Fast wie die Zerschlagung und Aufsplittung von Jugoslawien oder von was Einige bei Rußland träumen, wenn man die Pläne mal so gesehen hat.
@fragiles Gleichgewicht am Euphrat
nun ja -das alles war über viele Jahrhunderte ein osmanisches Reich – bis die Briten, die Wertewestler, sich anmaßten, dieses Vielvölkerreich zu zerstören und aufzuteilen, u m es besser beherrschen und ausbeuten zu können nach Plänen, die am Kamin bei Whisky, Scotch und einer Zigarre ausgebrütet wurden – immer mit der macht der Gewehre und Kanonen.
Das funktioniert nun einmal nicht wirklich – Zwang, Erpressung und Korruption sind nun einmal kein Ersatz für Überzeugungen – und gierige Kleptomanen können keine Überzeugung vermitteln.
Das wird wohl so gehen, so lange der Wertewesten dort seien Finger in Spiel hat. Aber es scheint, als ginge diese Plage der Menschheit zu Ende – noch ein paar Zuckungen, noch ein richtiger krieg, der die Zentren zerschlägt wie die Vandalen Rom, und es wird mehr Ruhe einkehren und ein Gleichgewicht auf niedrigerem Niveau !
Die Deutschen werden das nicht mehr erleben – die Umvolkung und Islamisierung wird das deutsche Volk vorher beenden ! Das schöne daran ist, das diese Entwicklung von der eigenen Regierung vorangetrieben wird und von großen Teilen sogar unterstützt wird, während es keinen Widerstand dagegen gibt ! Ein richtiges Selbstmordprogramm – aber auch das gehört zu den Freiheiten einer Demokratie !
„Die Situation erinnert an frühere Wendepunkte des syrischen Krieges: Die Kurden stehen zwischen regionalen Mächten und globalen Interessen, ihr militärischer Nutzen wird anerkannt, ihre politische Absicherung bleibt prekär.“
Wäre ja nicht das erste Mal, dass die USA die Kurden im Stich lassen.
Ich erinnere nur an den Herbst 2019, als die Kurden damals auch schon von „Verrat“ sprachen, weil die USA, damals auch unter Präsident Trump, sie im Stich ließen, nachdem der sunnitisch-türkische Islamfaschist Erdogan mit seinen Milizen nach Nord-Syrien vorrückte.
Ich persönlich sehe die größte Gefahr
durch die andauernde Einmischung
der Türken an.
Die Türken selber sollen schauen, dass
sie ihre Leute ernähren können.
Und bei der BEvölkerungsentwicklung
könnten die auch mal bremsen.
Es gibt jetzt schon zuviele Türken.
Kriege können alle führen!
Frieden machen nur wenige.
Roter Teppich für Mörder
Staatsbesuch von Al-Scharaa in Berlin
„An den Flughäfen Hannover und Stuttgart haben Spezialkräfte der Polizei zwei Männer festgenommen, die schwere Gewalttaten vorbereitet haben sollen. Die beiden Islamisten wollten nach Syrien reisen, um sich dort für Kämpfe im Ausland ausbilden zu lassen, wie Ermittlungsbehörden am Freitag mitteilten.
Während bei den so möglicherweise verhinderten Attentätern die Handschellen schnappten, wird dem Herrscher über die syrischen Terrorcamps am Montag in Berlin der rote Teppich ausgerollt. Kanzler Friedrich Merz, der Syriens Präsident Ahmed Al-Scharaa empfängt, hofft auf einen »Neustart«…
Die Blutspur des früheren Anführers von Al-Qaida und »Islamischem Staat«, der sich von seinen Warlords zum »Übergangspräsidenten« ausrufen ließ, ist lang. Sie reicht vom Genozid an den Jesiden im Irak über die Vertreibung der Kurden aus Afrin bis zur Massakrierung von Alawiten und Drusen sowie der Bombardierung kurdischer Wohngebiete in Aleppo in der vergangenen Woche durch seine nunmehr als Regierungstruppen firmierenden Kopfabschneider.“
https://www.jungewelt.de/artikel/515755.roter-teppich-f%C3%BCr-m%C3%B6rder.html
War klar:
Generalbundesanwalt lehnt Ermittlungen gegen Syriens Präsidenten ab
Der Generalbundesanwalt beim Bundesgerichtshof lehnt Ermittlungen gegen den syrischen Übergangspräsidenten Ahmed al-Scharaa, der am Dienstag Deutschland besucht und sowohl Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier als auch Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) trifft, ab.
https://www.mmnews.de/politik/244958-generalbundesanwalt-lehnt-ermittlungen-gegen-syriens-praesidenten-ab