Time Warp á la Deutsche Bahn

Time Warp á la Deutsche Bahn

Wundersame Bahnreisen – ein gewöhnungsbedürftiger “Genuss”… (Foto:privat)

Nach jahrzehntelanger Abstinenz denke ich mir: Ich reise mal wieder mit der Deutschen Bahn, um meiner Mutter persönlich zu ihrem 94. Geburtstag zu gratulieren! Dafür sind heutzutage einige Vorkehrungen zu treffen, damit eine alleinreisende Frau nicht unter die Räder kommt: Tickets in der ersten Klasse mit Sitzplatzreservierung, auf keinen Fall an der Bahnsteigkante auf den Zug warten, das letzte Wegstück mit dem Taxi zurücklegen und nicht mit Nahverkehrszug, Bus oder Straßenbahn. Und: Mein kleiner Handtaschen-Schrägrucksack ist bestückt mit mehreren Möglichkeiten, mich zu verteidigen, falls irgendjemand auf die Idee käme, mit Machete, Messer oder Axt das Abteil zu stürmen. Die Hinfahrt ist ja schließlich an einem Freitag…

Die Reise wird jedoch zunächst in erster Linie eine Begegnung mit den Realitäten der Deutschen Bahn. Der ICE kommt aus Wien, ich steige am ersten Bahnhof auf deutscher Seite zu. Am hochmodernen digitalen Wagenstandsanzeiger wird mein reservierter Sitzplatz in Abschnitt A des Bahnsteigs lokalisiert. In gutem Glauben begebe ich mich also an das hinterste Ende des Bahnsteigs. Der Zug kommt pünktlich. Nach kurzer Suche merke ich: Mein gebuchter Sessel befindet sich nicht in Abschnitt A, weshalb ich nun doch mein Köfferchen gehetzt hinter mir her zerren muss. Auf dieser Wegstrecke informiert mich im Vorbeitraben ein Bahnangestellter aufmunternd, das sei „normal“, und dass ich mich beeilen muss, um rechtzeitig in die vordere Zughälfte einzusteigen.

Im festen Glauben an die Verlässlichkeit der Bahn-App…

Kaum bin ich – die Türen sind zum Glück noch geöffnet – in das richtige Abteil eingestiegen, teilt eine freundliche, aber teilnahmslose Stimme aus den Lautsprechern mit, dass gerade eine polizeiliche Ausweiskontrolle im gesamten Zug begonnen hat, und der Zug deshalb verspätet den Bahnhof verlassen wird. Bestimmt ist das, denke ich mir, um illegale Migration zu verhindern! Genau wie bei der künstlichen Staatsgrenze auf der Autobahn A 3 kurz nach Passau! Dies beruhigt mich allerdings nach kurzer Zeit auch nicht mehr – denn die Passkontrolle dauert länger als die 15 Minuten Umstiegszeit, die ich zum Anschlusszug eigentlich gehabt hätte.

Nach kurzer Fahrzeit ist jedoch auch das nicht mehr relevant: Es kommt per Durchsage, Benachrichtigung in der Bahn-App und E-Mail gleichzeitig die Information, dass meine „Zugverbindung aufgehoben“ ist. Der Grund: Mein Anschlusszug, der ICE Sprinter aus München mit Berlin als Ziel, hat sich unterdessen fast eine Stunde Verspätung erarbeitet. Also steige ich in Nürnberg wie vorgesehen aus, setze mich schicksalsergeben und noch immer im Glauben an die Verlässlichkeit der DB-App auf eine der kalten Edelstahl-Wartebänke und friere ein bisschen vor mich hin. Denn die DB-App – brandneu auf meinem Mobile Phone – zeigt mir mittlerweile an, dass ich jetzt mehr als eine Stunde auf meinen nächsten Zug warten muss.

Pünktlich durch puren Zufall

In diesem deprimierenden Moment schwebt ein Geisterzug praktisch geräuschlos direkt vor meinen Augen ein und holt mich aus meinen tristen Gedankengängen: Es ist ein anderer ICE Sprinter Richtung Berlin, der ebenfalls an meinem Zielort hält. Ich steige einfach ein, ganz ohne App- und E-Mail-Ratschlag – und erhalte vom leicht genervten Personal die Auskunft, dass ich diese Alternative zwar nutzen darf, nur sei meine Sitzplatzreservierung hier nicht gültig. Es kommt mir vor wie ein kleines Wunder: Dies ist der Zug, der eine Stunde vor meinem gebuchten hätte hier vorbeikommen sollen! Er schleicht sich jetzt erst in den Nürnberger Bahnhof, weil er noch mehr Verspätung hat als meiner. Wenn das nicht der reinste DB-Time Warp ist! Wenn alle diese Züge generell eine Stunde Verspätung haben, könnte die Bahn sie dann nicht einfach umbenennen – und schon wären sie wieder pünktlich?

Kaum an meinem Zielort angekommen – durch puren Zufall fast zur vorgesehenen Zeit – erreicht mich eine E-Mail mit einem 25-Euro-Gutschein der Deutschen Bahn als „Kleine Wiedergutmachung für Ihr Reiseerlebnis“. Doch: Was nützt mir so ein Gutschein, wenn ich vor lauter Reiseerlebnis eigentlich gar nicht mehr mit der Bahn fahren möchte? Zwei Tage später baue ich diese Erfahrung direkt in meine Reiseplanung für die Rückfahrt ein. Denn natürlich: Eine Stunde bevor ich eigentlich zum Bahnhof losgefahren wäre, meldet die DB-App zuverlässig, dass meine „Zugverbindung aufgehoben“ ist.

Hoffen auf den verspäteten Geisterzug

Ich verzichte also auf das gemeinsame Frühstück und fahre sofort los, um vielleicht wieder den verspäteten Geisterzug vor meinem zu erwischen. Und genau so kommt es: Ich fahre zurück mit dem Zug vor meinem eigentlich gebuchten und erwische meine Anschlussverbindung. Das weiß die DB-App aber nicht: Im Glauben, ich irre immer noch herum auf der Suche nach einem Weg „nach Hause“, erhalte ich auch zwei Tage später noch E-Mails mit Informationen zu alternativen Reiserouten.

Der Taxifahrer, der mich nach meiner Ankunft vom Bahnhof zum Haus meiner Mutter bringt, ist ein kleiner Mann mit dunklen Augen. Sein Taxi ist ein großes Auto, in das bequem sechs Personen passen. Ich entscheide mich, vorne neben dem Fahrer einzusteigen. Und so kommt ein interessantes Gespräch auf. Der Mann spricht leidlich Deutsch. Schreiben und lesen kann er es nicht – denn er hält mir sein Handy unter die Nase, auf dem alles in arabischer Schrift geschrieben ist. Ich sage ihm, dass ich das nicht lesen kann. Er bedeutet mir, dass er möchte, dass ich sehr deutlich mein Fahrziel da hineinspreche, was ich dann auch tue. Daraufhin erscheint die Adresse sowohl auf Deutsch als auch auf Arabisch auf dem Handy-Display. Ich bestätige die Richtigkeit der Adresse, und schon legt Google Maps in arabischer Sprache los, das Taxi zu meiner Mutter zu leiten.

Der syrische Taxifahrer

Kaum losgefahren, beginnt mein Chauffeur mit einer Geschichte, die wahrscheinlich schon mehrfach zu einem hohen Trinkgeld geführt hat: Aus Syrien sei er im Jahr 2015 nach Deutschland gekommen, zwei Jahre lang habe er im Heim für Asylbewerber gewohnt, weil ihm niemand eine Wohnung vermieten wollte. Er sei Bauarbeiter, könne mauern, Fliesen legen und verputzen. Dann habe er einen schlimmen Arbeitsunfall gehabt, nur deshalb fährt er jetzt Taxi. Seine Hand sei jetzt schwach, könne kaum noch etwas festhalten und schweres Werkzeug zu benutzen, sei ihm nicht mehr möglich. Um die Hand überhaupt zu retten, seien oben und unten Platten eingesetzt worden. Sein Präsident sei ja kürzlich in Deutschland gewesen, und habe hunderte Verträge zum Wiederaufbau von Syrien unterzeichnet. Und wenn es soweit ist, werde er nach Syrien zurückgehen und sein Land wieder aufbauen.

Welche Hand denn betroffen war, frage ich ihn. Die linke Hand sei es gewesen. Ob er Rechtshänder sei, wollte ich dann wissen. Ja, er sei Rechtshänder. Dann war das im Grunde ja noch Glück, merke ich an, und schaue mir seine linke Hand an, wie sie da gerade auf dem Lenkrad liegt: Sie sieht völlig normal und gesund aus, gar nicht wie die Hand eines Bauarbeiters, dunkel behaart und ohne Operationsnarben. Wann der Unfall denn gewesen sei, frage ich also, um der Geschichte noch eine kleine Chance zu geben. Vor drei Monaten sei das gewesen. Warum man dann keine Narben sieht, frage ich. Die seien auf der von mir abgewandten Seite der Hand gemacht worden wegen der Haare, bekomme ich als Auskunft. Die Haare werden für eine OP doch abrasiert, merke ich an. Ich glaube ihm kein Wort. An meinem Ziel angekommen, gebe ich ihm trotzdem fünf Euro Trinkgeld, sozusagen als Dank für das neue „Märchen aus 1001 Nacht“.

6 Kommentare

  1. Was soll das denn ? Als Taxifahrer hätte ich diesen Fahrgast nach der zweiten Frage vor die Tür gesetzt ! Typisch deutsch, immer alles besser wissen und unbedingt Leute ausfragen. Warum kann man nicht einfach mal die Frxxxx
    halten ?

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  2. Spritpreise: CDU sagt, AfD sei „mitschuldig“
    „Der Deutsche Bundestag streitet über die Entlastungsmaßnahmen der Bundesregierung: über den 17-Cent-Tankrabatt für zwei Monate und die steuerfreie Entlastungsprämie, die Arbeitgeber ihren Mitarbeitern steuerfrei auszahlen dürfen. Dabei ging es auch um die Frage, wer denn die Schuld für die hohen Preise an den Zapfsäulen trägt.

    Für den CDU-Abgeordneten Fritz Güntzler ist zumindest in Teilen auch die AfD schuld daran, dass es den Iran-Krieg und die Blockade der Straße von Hormus gibt und in der Folge die Preise für Diesel und Benzin auch in Deutschland durch die Decke gegangen sind.
    Die Regierungs-Koalition reagiere schnell auf die Folgen externer Ereignisse, sagte Güntzler. Und man müsse herausstellen, dass Union und SPD nichts für die hohen Spritpreise könnten. Dann sagte er wörtlich: „Nicht wir haben die Straße von Hormus geschlossen, nicht wir haben den Iran-Krieg begonnen, sondern wir sind Notleidende dessen. Problem ist: Das war der Präsident, den Sie jahrelang sehr unterstützt haben, meine Damen und Herren der AfD. Sie sind mitschuldig letztendlich daran, dass das so ist.“

    Der AfD-Politiker Kay Gottschalk reagierte prompt mit einer Zwischenfrage und sagte: „Inzwischen scheint ja die AfD für alles bei Ihnen schuld zu sein. Letztlich regieren Sie ja erst die letzten 20 Jahre …“ “
    https://nius.de/politik/spritpreise-cdu-sagt-afd-sei-mitschuldig