
Das deutsche Stadttheater ist ein merkwürdiger Ort geworden. Einst verstand es sich als Bühne des Konflikts – ein Raum, in dem Tragödien, Widersprüche und menschliche Abgründe sichtbar wurden. Heute dagegen scheint es zunehmend ein Ort der moralischen Selbstvergewisserung zu sein. Das Theater zeigt nicht mehr, wie Menschen sind, sondern wie sie sein sollen. Sven Behrischs gefühlsduseliger “Zeit”-Bericht über Milo Raus Inszenierung am Hamburger Thalia Theater und die Reaktionen der dortigen Mitarbeiter liefert ein fast lehrbuchhaftes Beispiel für diese Entwicklung. Es seien Worte gefallen wie „Verletzung“, „verbrannte Erde“, „Rassisten auf unserer Bühne“, „Eindringlinge“. Krisensitzungen im Haus habe es gegeben, Einzelgespräche, Aktionsgruppen, Betroffenenkreise. „Von einer Thalia-Mitarbeiterin hört man, Tränen seien geflossen, weil Rechtspopulisten auf denselben Stühlen saßen, dieselben Garderoben benutzten und das Theater, ihr Theater, beschmutzt hätten“, schreibt Behrisch. Das Theater wird hier zur emotionalen Werkstatt moralischer Läuterung.
Natürlich ist das keineswegs neu. Seit Brecht gibt es die Idee eines politischen Theaters, das gesellschaftliche Missstände sichtbar macht. Doch zwischen Brechts epischem Theater und dem heutigen moralischen Erbauungstheater liegt ein entscheidender Unterschied. Brecht wollte Menschen zum Denken bringen. Das heutige Theater möchte sie zum richtigen Fühlen bringen. Was hier geschieht, ist eigentlich eher ein Fall für die Couch – wenn nicht gar die Psychiatrie – denn für eine politologisch-soziologische Debatte.
Das Theater als moralisches Territorium
Kultursoziologisch jedenfalls ist der Vorgang ist höchst aufschlussreich. Das klassische Theater verstand sich als öffentlicher Ort. Jeder konnte den Zuschauerraum betreten – Aristokraten, Bürger, Arbeiter, Opportunisten, Revolutionäre. Gerade darin lag seine politische Kraft: Die Bühne sprach zur Gesellschaft als Ganzes. Das moderne Stadttheater dagegen scheint zunehmend ein Territorium mit moralischer Zugangskontrolle zu sein.
Die Empörung entzündet sich nicht an einer Inszenierung, nicht an einem Text, nicht einmal an einer politischen Aussage. Sie entzündet sich an der bloßen Anwesenheit bestimmter Menschen. Dass diese Menschen dieselben Räume betreten, dieselben Stühle benutzen, dieselben Garderoben sehen, wird als Zumutung empfunden. Man könnte fast sagen: Nicht die Bühne ist politisch geworden – das Gebäude selbst ist es.
Bemerkenswert ist dabei vor allem die Sprache, in der diese neurotischen Befindlichkeitsstörungen beschrieben werden. Worte wie „Verletzung“, „verbrannte Erde“ oder „Eindringlinge“ gehören ursprünglich in den Wortschatz körperlicher Gewalt oder militärischer Konflikte. Hier jedoch beschreiben sie ein Ereignis ganz anderer Art: den Umstand, dass politische Gegner denselben kulturellen Raum betreten. Die Reaktion darauf folgt einem inzwischen nur allzu vertrauten Muster. Zunächst entsteht ein Gefühl der Kränkung. Daraus entstehen Gesprächskreise, interne Aufarbeitungen, moralische Selbstvergewisserungen. Das Theater verwandelt sich vorübergehend in eine Art emotionales Rehabilitationszentrum. Man trifft sich, spricht über Gefühle, versichert sich gegenseitig der eigenen moralischen Integrität.
Die Tragikomödie des Kulturbetriebs
Interessant ist, dass diese Dynamik fast vollständig innerhalb der Institution stattfindet. Das Publikum spielt dabei nur eine Nebenrolle. Die eigentliche Szene spielt sich hinter der Bühne ab: in Teamsitzungen, Aktionsgruppen und Krisengesprächen. Das Theater wird damit zu einer Art moralischer Gemeinschaft, die ihre eigenen Grenzen verteidigt.
Der Skandal besteht nicht darin, dass etwas auf der Bühne gesagt wurde. Der Skandal besteht darin, dass jemand da war. Dass ein Harald Martenstein dieselbe Luft geatmet hat wie die moralisch Rechtschaffenen. Das ist eine bemerkenswerte Verschiebung. Früher galt Kunst als Ort der Provokation; heute scheint sie vor allem ein Ort der Selbstvergewisserung ihrer Produzenten zu sein. Ironischerweise bestätigt gerade diese weinerliche Hypersensibilität eine alte kulturkritische Beobachtung: Einrichtungen, die sich als besonders moralisch verstehen, reagieren oft besonders empfindlich auf Abweichungen. Peter Sloterdijk hat solche Institutionen einmal als „Empfindlichkeitsapparate“ beschrieben. Sie produzieren moralische Sensibilität – und gleichzeitig eine steigende Reizbarkeit. Es war ebenfalls Sloterdijk, der auch vom „Zynismus der guten Gefühle“ geschrieben hat: Man weiß, dass die Welt weitaus komplizierter ist, aber man genießt dennoch die moralische Selbstvergewisserung. Das Theater wird so zum Ort einer emotionalen Disziplinierung.
Auf der Bühne Pluralismus, hinter der Bühne herrscht praktizierte Homogenität
Dabei geht etwas verloren, das einst das Herz des Theaters ausmachte: das Tragische.
Die großen Dramen der europäischen Tradition – von Sophokles über Shakespeare bis zu Ibsen – lebten davon, dass sie moralische Gewissheiten erschütterten. Sie zeigten Konflikte, in denen niemand vollkommen recht hatte. Das moderne moralische Theater dagegen liebt klare Rollen. Täter und Opfer, Schuldige und Gerechte, Unterdrücker und Befreite. Die Welt erscheint übersichtlich – zumindest für zwei Stunden. Aber dann…
Im Thalia Theater zeigt sich diese Dynamik in Reinform. Die moralische Ordnung des Hauses scheint so empfindlich geworden zu sein, dass bereits die bloße Anwesenheit politischer Gegner als Kontamination empfunden wird. Man könnte sagen: Die Bühne spielt noch Stücke.
Aber die eigentliche Aufführung findet inzwischen im Personalraum statt.
Vielleicht liegt darin die eigentliche Tragikomödie der heutigen Kulturinstitutionen. Sie verste-hen sich als Orte der Offenheit, der Vielfalt und des Dialogs. Doch sobald der Dialog tatsächlich stattfindet – in Gestalt politischer Gegner im Zuschauerraum – reagieren sie mit Abwehr. Die Bühne predigt Pluralismus. Der Betrieb dahinter praktiziert Homogenität. So entsteht eine merkwürdige Situation: Das Theater inszeniert gesellschaftliche Konflikte – und erschrickt, wenn sie real auftreten. Und wenn es ganz schlimm kommt, fließen sogar Tränen. Nicht im Zuschauerraum. Sondern hinter der Bühne.
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15 Kommentare
Deutschland hat ohnehin eine kranke Einstellung zur Kultur und besonders zur Eigenen! Dass dieser geistige Dünnschiss solch gefährliche Auswirkungen hat, ist traurig und verheerend zugleich!
„Von einer Thalia-Mitarbeiterin hört man, Tränen seien geflossen, weil Rechtspopulisten auf denselben Stühlen saßen, dieselben Garderoben benutzten und das Theater, ihr Theater, beschmutzt hätten“
Mir kommen da auch die Tränen. Vor lauter Lachen über soviel Verblödetheit.
Mit wessen Teuergeldern der Thlia-Spaß üppig subventioniert wird darüber denken diese Trabantenkunstlinge natürlich nicht nach.
Die Rede des Jahrhunderts des H. Martenstein
Harald Martenstein sorgt im Thalia Theater Hamburg für ein politisches BebenKomplett die Staatsgelder streichen und gut ist´s. Wirkliche Kunst – also Kunst, die einem beim Anblick wie ein Blitz trifft – bedarf solcher Gelder nicht.
Was heute auf den steuergepamperten Bühnen läuft, ist fast ausnahmslos sowieso irgendwie aus der Zeit gefallen. Analog der Höhlenmalerei. Wer sowas braucht, sollte das mit Gleichgesinnten alles selbst bezahlen und nicht die Gelder Unbeteiligter für sein Pläsier in Anspruch nehmen.
Im SM-Studio oder auf dem Golfplatz muss Er/Sie/Es ja schließlich auch ohne Staatshilfe alles selbst bezahlen. Hoffe ich doch mal …
Kollektivismus im Zuschauerraum und hinter der Bühne…
Kopfkino: Hätte ein Künstler, im Anschluss an Martensteins Rede, zum Aufstehen und Absingen des Thälmann-Lieds aufgefordert, sie hätten es wohl getan. Jedenfalls die, die den Text noch können. Gruslige Vorstellung!
Diese Entwicklung zeigt eine bedrückende Störung weg vom Rationalen hin zum Infantilen. Gefühle sind das, was Kinder zeigen, denen rationale Argumentation mangels noch unentwickeltem Verstand nicht möglich ist. Dann schmeissen sie sich auf den Boden, strampeln und brüllen, weil sie die Süßigkeit an der Supermarktkasse nicht bekommen haben.
Ähnlich reagieren offenbar unsere Moralapostel, wenn ihnen andere, die sie als „Rechte“ diffamieren und abqualifizieren, mit Hinweisen auf die Realität ihr schönes irreales Weltbild beschädigen oder gar zerstören.
Diese gesellschaftliche Entwicklung ist bedenklich. Meines Erachtens nach ist es eigentlich keine Auseinandersetzung zwischen links und rechts, sondern ein zwischen Menschen, die einerseits dem Primat der Vernunft (eher rechts) und andererseits eher dem Primat des Gefühls (eher links) folgen.
Nun hat die Natur dem Menschen sowohl ein Gehirn zum Denken als auch ein darin enthaltenes Gefühlszentrum gegeben. Dies ist jedoch nur ein kleiner Teil des Gehirns, welches sonst überwiegend der Steuerung unseres Körpers und zur intellektuellen Leistung dient. Wäre das Fühlen überlebenswichtig, so hätten sich evolutionär bei Menschen wohl bei geschrumpfter Hrinmasse eher Fühler ausgebildet. Stattdessen ist das Gehirn gewachsen und hat immer mehr intellektuelle Leistungsfähigkeit entwickelt. Diese differenziert sich jetzt aus in höhere realitätsbezogene Leistung (eher rechts) und mindere realitätsleugnende und gefühlsdominierte Leistung (eher links). Letztere fühlen sich durch jegliche Konfrontation mit der Realität beleidigt oder bedroht, was zu solchen Aktionen wie der Verunglimpfung politisch Andersdenkender als „Nazis“ führt. Nazis als Code und Inbegriff kalter, mörderischer und unerbittlicher Intellektualität. Wie sagte doch Habeck / Grüne: Er fühle sich von der Realität umzingelt! Na, immerhin kann er die Realität noch fühlen, aber es scheint Schmerzen zu bereiten.
die Zeiten von Dario Fo sind vorbei in unserem Schwuchtelland, man geht am Besten nicht mehr hin.
Ich bin dafür das Theateraufführungen simuiltan in allen Kanakensprachen abgehalten werden und nur gewokte Vollblödel Zutritt haben dann sind die Oberdeppen unter sich
In Deutschland dämmert gar nichts. Die nächsten Wahlen werden wieder bezeugen dass Schlafen immer noch Hobby Nummer 1 ist. Wer an eine Veränderung glaubt, sollte lieber Umdenken. Die Masse folgt Blind sonst hätte sie diesen Spuk der sich Regierung nennt, schon längst beendet. Die Wähler fangen erst an zu DENKEN, wenn der Dreck im SUMPF, in dem wir stecken, die Nasenlöcher verstopft!!!
An den Reaktionen im Publikum erkennt man, dass Argumente an ihrem Selbstverständnis abprallen. Sog. „Linke“ halten sich für moralisch überlegen und wähnen sich im Besitz der absoluten Wahrheit. Jeder, der dem nicht bedingungslos folgt, wird sofort in irgend eine Schublade gesteckt. Leugner, Rechts, Rechtsextrem, Fremdenfeind. Mit diesen Typen kann man nicht diskutieren. Sie erkennen ja nicht einmal, dass sie nicht „Links“ sind. Denn deren Wokeness schadet auch den „kleinen Leuten“.
Die Leute gehen abends ins Bett mit dem Gedanken „ich hasse die AfD“ und stehen Morges damit auf. Den ganzen Tag über denken sie darüber nach, wie man die Leute klein bekommt, ob mit Worten oder mit den Hammer. Aber die vermeintlichen AfD Leute gehen nicht weg. Sie werden immer mehr. So ein Tagesablauf ist definitiv nicht gesund. Wir brauchen alle mehr Martensteins. Und das sieht man, wenn man den Leuten auf der Strasse ins Gesicht schaut!!! Sie wissen, da stimmt was nicht, aber können es nicht ausdrücken. Die Leute schauen ungefähr so, wie die Tiere auf dem LKW 100m vor dem Schlachthaus, die spüren auch, da stimmt was nicht, aber es ist zu spät!!!
Sprachlos!
Naja. Theater-Fritzen. Die waren schon immer Mimosen und halten sich generell für die Chreme der Intellektuellen.
Das sind die Typen, die als Erste die neue Wirklichkeit zu spüren bekommen, wenn bei uns erst die Sharia eingeführt wird. (Was Gott verhindern möge!)
Das Erwachen der „Wachen“ wird dann sowieso grausam werden. All ihre Träume und Utopien werden patzen .
Kommt davon, wenn man in Geschichte geschlafen hat.
Ich muß Dich beunruhigen: Sie ist bereits eingeführt, oder hast Du schon einmal ein Gerichtsurteil GEGEN den Islam gesehen?
Alles, wo religiöses Beleidigtsein aufgesetzt wird, wird von deutschen Gerichten permanent bestraft.
Weiterhin wurden in Hessen auch durch Gerichtsurteile wieder Straßenblockaden durch Bückbeten möglich.
Vergeßt es:
Deutschland ist Scharialand, auch wenn es noch nicht blutig vollstreckt wird. Zumindest nicht offiziell, inoffiziell toben sich Rechtgläubige Religionspolizisten, wie etwa in Mannheim, längst hierzulande aus und obendrein noch die Schlägertruppe namens Antifa.
Aus BRD wurde IRD.
Bedauerlich ist nicht das Theater und seine „Aufführungen“.
Bedauerlich sind diejenigen, die für diesen Sch… auch noch Geld ausgeben.
Wenn niemand mehr diese Moralsuppe sehen will müssen die Theater umdenken.
Aber bis dahin wird es wohl noch so manche moralische Entrüstung auf Buntlands
Bühnen geben.
„Dabei geht etwas verloren, das einst das Herz des Theaters ausmachte: das Tragische.“
Ich finde, diese unselige moralin-gesäuerte, woke (Kränkung und Befindlichkeitsstörungen…) IST sehr eindrucksvoll das TRAGISCHE -allerdings hinter der Bühne…
Man kann das Theater getrost schließen.
nur gequirlte Scheiße war schon immer homogen vielleicht mit ein paar Würmern drin
Das Problem diese Neurotiker und Normopathen des Systems besteht ja darin , plötzlich von Angesicht zu Angesicht Menschen aus Fleisch und Blut gegenüber zu stehen und zu merken , dass ihr liebstes , abstraktes Hassobjekt in erster Linie erstmal nur ein Mensch ist..Wie du und ich…Muß ein großer Schock sein für diese Leute , haben sie sich doch in ihrem totalitären Hass und ihrer Abneigung so herrlich eingerichtet , werden so großzügig dafür finanziert..Muß genau so schlimm sein , wie für einen Nazi mit Resthirn und Herz , der einen Juden vor sich hat und merkt , dass dieser ja ein Mensch ist..und nicht das Monster , zu dem die Propaganda ihn deklarriert hat….Und der Nazi will ja hassen und sich bestätigt fühlen..Genau so will es der Linke….und spürt dann sein kognitive Dissonanz im Resthirn…Autsch..tut weh..
Drum braucht es schnell einen linksradikalen Stuhlkreis , um den Hass wieder zu entfachen ….und die Fakten zu negieren ….