
Es ist eine eigentümliche Szene, die der iranische Präsident Massud Peseschkian schildert: Vierzehn Glühbirnen in einem Raum, eine Heizung aufgedreht bei offenem Fenster. Ein Bild der Verschwendung, fast banal, fast komisch – wäre es nicht zugleich ein politisches Bekenntnis inmitten wachsender Demonstrationen im Land. Während auf Irans Straßen der Unmut über wirtschaftliche Not, Energieknappheit und politische Repression wächst, erklärt der Präsident das Versagen des Staates mit schlechtem Management und ruft zum Energiesparen auf. Der Ton ist selbstkritisch, der Befund richtig – und doch wirkt die Diagnose unerquicklich verkürzt.
Peseschkians Aussagen markieren einen Bruch mit dem altbekannten Repertoire der iranischen Führung. Zum ersten Mal seit Langem verzichtet ein Präsident weitgehend auf die Schuldzuweisung an äußere Feinde. „Wenn die Menschen unglücklich sind, ist das unsere Schuld – nicht die Amerikas oder irgendjemand anderes“, sagt er. Das ist bemerkenswert in einem politischen System, dessen Legitimationsnarrativ sich seit Jahrzehnten aus der Konfrontation mit dem Westen speist. Ebenso auffällig ist die religiöse Rahmung: Der Koran wird nicht zur Rechtfertigung von Herrschaft herangezogen, sondern als moralische Mahnung an die Regierenden selbst. Wer die Probleme der Menschen nicht löse, so Peseschkian, lande in der Hölle.
Die aufgeblähte Bürokratie lähmt Produktivität
Doch gerade diese Selbstanklage legt die Schwäche seiner Argumentation offen. Denn der Präsident beschreibt Symptome, wo Ursachen benannt werden müssten. Ja, der iranische Staat leidet unter ineffizientem Ressourcenmanagement. Ja, Energie wird verschwendet, Subventionen verzerren Preise, und eine aufgeblähte Bürokratie lähmt Produktivität. Aber die Proteste, die sich derzeit im Land ausbreiten, entzünden sich nicht an brennenden Glühbirnen oder offenen Fenstern. Sie entzünden sich an Arbeitslosigkeit, Inflation, Korruption – und an einem politischen System, das Reformversuche systematisch neutralisiert.
Peseschkians Fokus auf Managementfehler wirkt deshalb wie eine technokratische Ausweichbewegung. Er suggeriert, die Krise ließe sich durch mehr Effizienz, Disziplin und Sparsamkeit beheben. Doch der Iran leidet nicht primär an einem Mangel guter Hausmeister, sondern an strukturellen Blockaden. Die wirtschaftliche Misere ist untrennbar mit den internationalen Sanktionen verbunden, die ihrerseits Resultat der iranischen Außen- und Sicherheitspolitik sind. Vor allem aber ist sie Folge eines Machtgefüges, in dem gewählte Institutionen nur begrenzten Einfluss haben und zentrale Entscheidungen von nicht gewählten Zentren getroffen werden.
Ambivalente Verweise auf den Koran
Hier liegt die eigentliche Leerstelle in Peseschkians Analyse. Wenn er sagt, das Versagen sei „auf schlechtes Management zurückzuführen“, bleibt offen, wer dieses Management verantwortet – und wer es ändern dürfte. Der Präsident selbst ist Teil eines Systems, in dem der Spielraum für tiefgreifende Reformen eng gesteckt ist. Energiesparen mag sinnvoll sein, doch es ersetzt keine politische Rechenschaftspflicht. Effizienzsteigerung ist wünschenswert, doch sie löst nicht das Problem eines Vertrauensverlustes zwischen Staat und Gesellschaft.
Die Demonstranten auf den Straßen fordern nicht primär eine sparsamere Verwaltung, sondern Würde, Teilhabe und Perspektive. Sie erleben einen Staat, der moralische Ansprüche erhebt, aber materielle Sicherheit nicht gewährleisten kann. In diesem Kontext wirkt der Verweis auf koranische Verse ambivalent: Er mag als moralische Selbstverpflichtung gemeint sein, erinnert viele jedoch an eine religiöse Rhetorik, die seit Jahren zur Disziplinierung der Bevölkerung genutzt wird – nun plötzlich gegen die eigene Führung gewendet.
Der Iran steht vor einer Legitimationskrise
So bleibt von Peseschkians Worten ein paradoxes Bild. Er benennt Missstände, ohne ihre politischen Ursachen zu adressieren. Er übernimmt Verantwortung, ohne Machtverhältnisse infrage zu stellen. Und er predigt Sparsamkeit in einem Land, dessen Ressourcen nicht zuletzt durch ideologische Prioritäten verschlungen werden. Die Glühbirnen brennen weiter – nicht nur in überheizten Amtsstuben, sondern auch als Symbol für eine Führung, die erkannt hat, dass etwas falsch läuft, aber noch nicht bereit oder fähig ist, das Fundament des Problems freizulegen.
Angesichts der Proteste reicht das nicht. Der Iran steht nicht vor einer Energiekrise allein, sondern vor einer Legitimationskrise. Und die lässt sich nicht durch das Ausschalten von dreizehn Glühbirnen beheben.
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4 Antworten
Solange sich die Mehrheit der Menschen von Betrügern/Hetzern, die sich auf ein altes Buch oder eine Textrolle berufen, verführen lassen, solange wird sich nichts ändern.
Dieser Fakt gilt nicht nur im Iran.
Die deutsche Bumsregierung soll schnell das Technische Hilfswerk hinschicken!
Dann haben wir wieder Ruhe.
😜
👁️😱👁️
In Schland nicht anders bei den ***Goldstücken:
Heizung volle Pulle, halb nackt durch die Wohnung stiefeln, Wäsche trocknen auf den Heizkörpern.
Nicht zu vergessen 24 h Beleuchtung …
kostet ja nichts.
👁️💀👁️
Warum wurde mein Kommentar nicht veröffentlicht ???
Habt ihr etwa ANgst davor, dass ich den heiligen „Donald Trump“ hier kritisiere ???
Es ist nun einmal eine Tatsache: Die US-Republikaner hofieren schon seit Jahrzehnten die radikalsten islamisten und Dschihadisten weltweit. Die Unetrstützugn des syrischen dschihadistischen Machthabers ist hier überhaupt keine Ausnahme!