
Christian Bangels aktuelles “Zeit“-Essay beginnt als Erinnerungstext und endet als politische Zukunftswarnung. Dazwischen liegt eine argumentative Verschiebung, die für einen beträchtlichen Teil der gegenwärtigen Debatte über die AfD charakteristisch ist: Aus der realen rechtsextremen Gewalt der frühen 1990er Jahre, wie sie sich etwa in Rostock-Lichtenhagen entlud, wird eine historische Kontinuität konstruiert, die von Skinheads und Baseballschlägern über Pegida bis zur AfD reicht und schließlich in die Vision einer autoritären AfD-Regierung mündet. Der Text ist wirkungsvoll, weil er autobiographische Erfahrung, historische Tatsachen und politische Prognose ineinanderblendet. Gerade deshalb muss man diese Ebenen wieder auseinanderziehen. Bangel hat mit einem wesentlichen Teil seiner Erinnerung grundsätzlich recht: In den frühen Neunziger Jahren gab es schwere Angriffe, Tote, Versagen von Sicherheitsbehörden. Problematisch wird der Satz an anderer Stelle. „Die Straßen waren voll“, „jedes Wochenende“, „Polizei und Justiz waren nachlässig“ sind keine statistischen Aussagen. Sie sind die Sprache autobiographischer Verdichtung.
Dass Bangel als Jugendlicher bestimmte Orte so erlebt hat, mag vollkommen authentisch sein. Daraus lässt sich jedoch nicht ohne Weiteres eine Beschreibung des damaligen “Ostens“ ableiten. Die Gewalt war räumlich höchst ungleich verteilt. Der Begriff „Baseballschlägerjahre“ fasst eine reale Erfahrung zusammen; aber er beschreibt keine statistisch homogene ostdeutsche Alltagswirklichkeit, sondern eine flächendeckende Erinnerungsszenerie. Das mag literarisch verständlich sein, ist historisch aber zu grob.
Identität durch Montage
Der entscheidende Einwand betrifft jedoch nicht diese Vergangenheit. Er betrifft die politische Funktion, die sie im Text erhält. Auf die Beschreibung der Skinheads folgt die Behauptung, damals seien die Rechtsextremen „Verlierer“ gewesen. Heute dagegen habe es die AfD geschafft, junge Leute zu gewinnen; auf den Straßen drohe wieder Gewalt, und eine AfD-Regierung werde Räume nehmen. Hier vollzieht sich ein Kategorienwechsel. Die Skinheadgruppen vor dreißig oder vierzig Jahren waren subkulturelle Gewaltmilieus. Die AfD hingegen ist eine Partei, die Millionen Menschen in freien Wahlen wählen. Zwischen beiden kann es einzelne Berührungspunkte geben – aber daraus entsteht noch lange keine Identität. Bangel muss diese Identität auch gar nicht explizit behaupten. Er erzeugt sie durch Montage: Baseballschläger – Pegida – AfD – Einschüchterung – Regierungsübernahme – Präventivhaft – Staatsanwälte gegen Journalisten – geräumte Kirchen.
Aus historischer Erinnerung wird eine Assoziationskette. Das ist rhetorisch sehr effektiv, logisch aber schwach und daher dem Instrumentarium von Propaganda zuzuschlagen. Interessant ist Bangels eigene Offenheit: Er erwähnt stolz, dass der Begriff „Baseballschlägerjahre“ als Hashtag auf ihn selbst zurückgeht. Damit wird deutlich, dass wir es nicht bloß mit einer neutralen Beschreibung zu tun haben. Es handelt sich um einen Deutungsbegriff, der rückblickend eine Vielzahl individueller Erfahrungen bündelt.
Aber Begriffe selektieren. Wer die Neunziger Jahre „Baseballschlägerjahre“ nennt, rückt rechte Straßengewalt ins Zentrum. Wer sie „Treuhandjahre“ nennt, würde Massenarbeitslosigkeit, Deindustrialisierung und sozialen Absturz hervorheben. „Freiheitsjahre“ würde Reisefreiheit und politische Befreiung akzentuieren, und „Transformationsjahre“ würde die Umwälzung selbst zum Leitmotiv machen.
Die Symmetrie der Unterscheidung
Alle Begriffe können reale Aspekte erfassen. Keiner ist die Epoche selbst. Dass andere positive Erinnerungen an die neunziger Jahre hervorheben, widerlegt die rechte Gewalt jener Zeit ebenso wenig, wie die Existenz rechter Gewalt beweist, dass eine positive Erinnerung an andere Aspekte „Geschichtsumschreibung“ sei. Genau diesen Unterschied verwischt Bangel. Bemerkenswert ist auch, welche Gewalt in Bangels politischer Genealogie Bedeutung erhält. Rechte Gewalt wird nicht nur als Verbrechen konkreter Täter behandelt, sondern als kulturelles Zeichen mit jahrzehntelanger politischer Nachwirkung. Der Baseballschläger „steht auch heute in der Ecke“. Bei linker Gewalt funktioniert die öffentliche Interpretation aber anders. Niemand käme ohne Weiteres auf die Idee, heutige Wähler der Linkspartei aus der Gewalt der Autonomen oder der RAF genealogisch abzuleiten. Auch gewalttätige Antifa-Strukturen werden gewöhnlich sorgfältig von der parlamentarischen Linken getrennt.
Diese Differenzierung ist richtig. Sie müsste nur symmetrisch gelten. Wer zwischen einem Grünen-Wähler und einem vermummten Steinewerfer unterscheiden kann, sollte auch zwischen einem AfD-Wähler und einem Neonazi-Schläger unterscheiden können. Sonst wird politische Analyse zur Kontaktschuld.
Von der Erinnerung zur Dystopie
Im letzten Drittel gibt Bangel die historische Analyse fast völlig zugunsten einer Zukunftserzählung auf. Eine mögliche AfD-Regierung könne Organisatoren von Protesten in Präventivhaft nehmen. Ein Justizminister könne Staatsanwälte gegen Journalisten einsetzen. Gotteshäuser könnten wegen Kirchenasyl geräumt werden. Es drohe ein „Konzert der Unmenschlichkeit“. “Risiken” einer AfD-Regierung müssten aus Programmen, konkreten Forderungen und institutionellen Möglichkeiten hergeleitet werden. Bangel arbeitet stattdessen mit hypothetischen Fragen.
Das rhetorische Verfahren ist durchsichtig: Man behauptet nicht, dass etwas geschehen wird. Man fragt nur, ob es geschehen könnte. Damit lässt sich nahezu jede politische Dystopie erzeugen. Könnte eine grüne Regierung private Heizungen verbieten? Könnte eine linke Regierung Eigentum stärker konfiszieren? Könnte eine CDU-Regierung journalistische Quellen überwachen? Abstrakt ist politisch vieles „denkbar“. Der demokratische Diskurs beginnt erst mit der Frage nach Wahrscheinlichkeit und Evidenz.
Die selbsterfüllende Angst
Gerade hier kippt Bangels Essay in jene Politik der Angst, die er der AfD vorwirft. Die Partei, schreibt er, müsse „Angst schüren“. Gleichzeitig besteht sein eigener Text aus einer Kaskade möglicher Gefahren: Gewalt auf den Straßen, verlorene Räume, eingeschüchterte Minderheiten, politisierte Staatsanwälte, Präventivhaft, geräumte Gotteshäuser, „Abgrund“, „Unmenschlichkeit“. Das bedeutet nicht, beide Seiten seien moralisch oder sachlich gleich. Es zeigt aber, dass die politische Technik dieselbe sein kann: Zukunft wird als Bedrohung imaginiert, um Gegenwartshandeln zu mobilisieren. Gerade ein Essay über Angst müsste seine eigene Angstrhetorik reflektieren.
Das Entscheidende bleibt die Trennung dreier Aussagen. In den frühen neunziger Jahren existierte eine schwere Welle rechtsextremer Gewalt, besonders in Teilen Ostdeutschlands. Bangels konkrete Formulierung „die Straßen waren voll“, „jedes Wochenende“ und die pauschale Nachlässigkeit von „Polizei und Justiz“ ist eine autobiographisch-literarische Verdichtung, keine präzise historische Gesamtbeschreibung. Und aus dieser Vergangenheit folgt keine historische Notwendigkeit, nach der eine erfolgreiche AfD die parlamentarische Wiederkehr der „Baseballschlägerjahre“ darstellt.
Demokratie ohne historische Sieger
Der Titel des Essays lautet, die Gewissheit sei verschwunden, dass rechte Gewalt „keine Zukunft“ habe. Darin steckt vielleicht die eigentliche Irritation. Nicht nur Gewalt hatte nach Bangels Erinnerung keine Zukunft. Die ganze liberale Entwicklung schien siegreich: Die Welt werde „liberaler, moderner und internationaler“. Das ist weniger eine Beschreibung von Demokratie als mindestens eine Fortschrittstheorie, eher eine progressive Weltperspektive: Die Geschichte hatte eine Richtung, wie das ein bestimmtes Milieu seit Marx behauptet. Was Bangel heute erschüttert, ist deshalb möglicherweise etwas anderes als die Wiederkehr des Baseballschlägers: die Erfahrung, dass Geschichte eben keine garantierte politische Richtung besitzt.
Bürger können liberaler werden. Sie können aber auch wieder konservativer werden. Sie können mehr Migration begrüßen und später Begrenzung verlangen. Nichts davon legitimiert Gewalt. Aber nichts davon ist deshalb bereits Gewalt. Der Neonazi, der einen Migranten zusammenschlägt, ist ein Gewalttäter. Der Bürger, der eine migrationskritische Partei wählt, ist ein Wähler. Die Kategorien können sich überschneiden. Sie dürfen aber nicht ineinander aufgelöst werden. Und vielleicht liegt genau darin die eigentliche demokratische Zumutung für ein Milieu, das lange glaubte, die Geschichte habe über grundlegende gesellschaftspolitische Fragen bereits entschieden. Die Gewissheit, dass die Baseballschläger keine Zukunft haben sollten, war richtig. Die Gewissheit, dass deshalb auch konservative, nationale oder migrationskritische Politik keine Zukunft haben dürfe, war es nie. Die erste verteidigt die Zivilisation. Die zweite verwechselt den eigenen politischen Sieg mit dem Ende der Geschichte.
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8 Kommentare
Unfassbare Entgleisung
Nach AfD-Erdrutschsieg: CDU-Kretschmer will Sachsen-Anhalt aufteilen
https://derstatus.at/politik/nach-afd-erdrutschsieg-cdu-kretschmer-will-sachsen-anhalt-aufteilen-5212.html
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Nach Sachsen-Anhalt
Hendrik Wüst will ersten Schritt für AfD-Verbot einleiten
Nach dem Wahlsieg der AfD in Sachsen-Anhalt will NRW-Ministerpräsident Wüst nicht länger warten. Als erster CDU-Politiker, wie er betont, will er das Verbot der Partei konkret angehen.
https://jungefreiheit.de/politik/deutschland/2026/hendrik-wuest-will-ersten-schritt-fuer-afd-verbot-einleiten/
Wieso gefällt auch das jemandem?
🤔
Die Skinheads waren Linke genauso wie die Antifa – es geht nicht darum ob du Ausländer angreifst oder Andersdenkende – der Gebrauch von Gewalt um eine Ideologie durchzusetzen ist immer eine linke -linksextreme Form der politischen Auseinandersetzung – rechte-liberale-Konservative Menschen tun so etwas nicht denn für sie ist Gewalt in der politischen Auseinandersetzung ein Tabu . Müssen Parteitage von Grünen, SPD oder Linke vor Gewalt von der Polizei geschützt werden ? < Nein- weil vom politischen Gegner -also AFD und deren Anhänger – kommt keine Gewalt — leider haben die linksgrünroten Politiker -also alle Parteien außer AFD – die gewalttätigen Gruppen wie Antifa und anderen Gruppen und Gleichgeschalteten NGOs unterstützt, sowohl finanziell als auch psychologisch –
Im Sinne von Ying & Yang ziehen wir dann mal parallel eine Kausalkette von 68 iger Schaustoffschlägern , den Marsch durch die Institutionen , die RAF Terrorjahre , die Grünen , die Pädophilen , die Antifa , den linksradikalen Block , über linskradikale Medien , Wokismus , gewalttätige BLM Bewegungen , Palästinaterror ,Olympiaattentat 1972 , RAF PLO Zusammenarbeit , DDR RAF Zusammenarbeit , Verfassungsschutzskandalen , Energiesabotage , Hammerbande und so weiter..und so fort..und erhalten ein gewalttätiges Terrorkonglomerat linksextremistischer Natur die letzten 50 Jahre…Drum NIE WIEDER SOZIALISMUS.. WEDER NATIONAL.. NOCH INTERNATIONAL ….
Nach der Wahl in Sachsen-Anhalt wird auch unter den Lesern sehr hitzig diskutiert. Und zwar nicht nur bei ZEIT-Online, sondern auch beim FOCUS.
Ich fasse mal ein paar Highlights zusammen, wie dort die Leser teilweise diskutieren :
Putin-Parteien haben triumphiert. Hoch lebe Russland und die DDR. Hoch lebe Putin. Jetzt kann die AFD endlich ihre DDR 2.0 errichten.
Putin kann sich angeblich vor Freudentränen gar nicht mehr einkriegen,wird dort behauptet.
Ich erinnere daran, dass auch die FOCUS_Journalisten vor ein paar Wochen mit reißerischen Schlagzeilen behauptet haben, dass die AFD angeblich eine DDR 2.0 im Osten errichten will. Natürlich ohne einen einzigen Beleg oder Beweis vorzulegen.
Noch ein paar Highlights, auch von gestern beim FOCUS:
Sachsen-Anhalt ist offiziell eine Oblast (Regionaler Verwaltungsbezirk) von Putins Reich geworden, angeblich dank putinistischen AFD-Partei und dank der „Stalinistin“ Sahra Wagenknecht. Putin hat sie angeblich schon vor vielen Jahren angeworben (ja ja genau, genauso wie er angeblich die Kreml-Agenten Orban und Trump angeworben haben soll).
Weil die Ossis angeblich Putin so sehr lieben, haben sie mehrheitlich Putin’s Parteien gewählt (AFD,Linke, BSW), auch so ein hirnrissiges Highlight unter den Lesern beim FOCUS.
Die Ossis hassen Westdeutschland und sie lieben angeblich den brutalen Diktatoir Putin, wird dort auch immer wieder behauptet.
Aus Hass auf Westdeutschland haben die Ossis mehrheitlich die AFD gewählt um sich bei den Wessis zu „revanchieren“.
Viele Westdeutsche fordern jetzt offen den totalen Stopp des Länderfinanzausgleiches an die ostdeutschen Bundesländer.
BSW ist angeblich eine STalinistin von Putin’s Gnaden.
Und der CDU Ministerpräsident Kretschmer von Sachsen sorgt jetzt auch für einen Riesenskandal:
Nach AfD-Erdrutschsieg: CDU-Kretschmer will Sachsen-Anhalt aufteilen
https://derstatus.at/politik/nach-afd-erdrutschsieg-cdu-kretschmer-will-sachsen-anhalt-aufteilen-5212.html
„Er würde nach dieser Wahl vom Sonntag offenbar am liebsten das Bundesland gänzlich abschaffen. Er bezeichnete Sachsen-Anhalt als „geschichtlichen Unfall“, dessen Territorium man nach der Wende besser aufgeteilt hätte. „
Ferndiagnose: Hirnriss.
😜