Vertragsbruch als Kunst: Nimm das Geld und hau ab!

Unbeschriebenes Blatt – Foto: Imago

Einer der größten Deutschen jemals ist ganz ohne Zweifel Till Eulenspiegel gewesen, der es im 14. Jahrhundert mit seiner „Aktionskunst“ zu großer Bekanntheit brachte. Damals hätte nur noch niemand von Aktionskunst gesprochen. Die mittelalterlichen Kunstbanausen wählten für Eulenspiegels Aktionskunst lieber das ignorante Wort „Schelmenstreich“. Sei es wie es sei: Till Eulenspiegel hat dieser Tage einen würdigen Nachfolger gefunden. Es handelt sich um den dänischen Künstler Jens Haaning (56).

Wie der „Spiegel“ meldete, hatte sich Haaning 70.000 Euro in bar von einem Museum in Aalborg geliehen, um eine Collage zu erstellen. Dabei ging es um die Rekonstruktion eines seiner alten Werke, dessen Thema „Ein Jahresgehalt in Dänemark und Österreich“ gewesen war. Das Museum hatte damit gerechnet, daß die Banknoten nach Fertigstellung des Kunstwerks zu sehen sein würden. Haaning lieferte sein rekonstruiertes Kunstwerk auch termingerecht ab. Er übergab dem Museum jedoch zwei leere Bilderrahmen. Außer zwei weißen Leinwänden gab es nichts zu sehen. Im Rahmen seiner Kunstfreiheit hatte er das Thema „Ein Jahresgehalt in Dänemark und Österreich“ etwas erweitert. Der Titel seines neuen Werks: „Nimm das Geld und hau ab.

Das Kunstbanausentum geoutet

Zweifellos geglückt ist es Haaning, das museale Kunstbanausentum in Aalborg zur beschämenden Offenlegung seiner eigenen Ignoranz zu zwingen. Die Museumsbarbaren sprachen ihm bei der Überreichung der beiden Kunstwerke nämlich nicht euphorisch Dank und größte Bewunderung aus, sondern sie nannten Haanings Kunst in völliger banausaler Umnachtung einen schnöden Diebstahl. Dabei war die Botschaft des großartigen Künstlers mit Händen zu greifen. Haaning lieferte sie auch noch gratis mit, als er erklärte, sein Werk verdeutliche auf zwei weißen Leinwänden, daß der Mensch die Verantwortung habe, mit jenen Strukturen zu brechen, von denen er selbst ein Teil sei, zumal dann, wenn die Strukturen „komplett unzumutbar“ seien. Er habe auf zwei weißen Leinwänden den Vertragsbruch künstlerisch verewigt.

Geübte „Interpretierende“ der Gegenwartskunst streiten sich nun untereinander um eine allgemeingültige Antwort auf die Frage, ob Haaning mit seinem Werk „Nimm das Geld und hau ab“ etwa auf die strukturellen Unzumutbarkeiten eines Künstlerlebens während der Coronakrise abgehoben hatte. Schließlich seien während der Krise zahlreiche Musiker an Auftritten gehindert worden, obwohl die Engagements vorher vertraglich festgelegt worden waren, wodurch statt ihrer Kunst die Phrase von der „brotlosen Kunst“ zu einer unrühmlichen Popularität in der Gesamtstruktur gelangt sei. Bei Haanings Werk handele es sich wahrscheinlich um die genialische Solidaritätsbekundung eines Augenkünstlers mit den Ohrenkünstlern Dänemarks und Österreichs. Bislang sind sich jedoch selbst international anerkannte Experten für Kunstinterpretationen aller Art uneinig. Ein für seine extravaganten Sonderexpertisen berüchtigter Interpretationsexperte vermutet gar, Haanings künstlerische Realisierung von „Nimm das Geld und hau ab“ habe insofern einen exclusiven Bezug zu seinen Auftraggebern, als daß er sich das unsichtbare Geld in seinem Kunstwerk aalglatt von einem Museum in Aalborg geborgt hatte.

Dem Vernehmen nach soll Haanings Kunstwerk „Nimm das Geld und hau ab“ ungeachtet aller schnöden Interpretationsdifferenzen beim Thema „Kunst & Diebstahl“ dennoch ausgestellt werden. Offenbar erwartet man Menschentrauben vor den beiden Exponaten, die sich sinnierend in das zweigeteilte Werk vertiefen, um über die Frage zu grübeln, was ihnen der Künstler wohl mitzuteilen hatte.

In der Tradition von…

Jens Haaning steht aber nicht nur in der Tradition Till Eulenspiegels, sondern auch in der von Pablo Picasso. Wie der gelernte Metallbildhauer Ephraim Kishon, weltberühmt geworden durch seine satirischen Geschichten, in seinem überaus amüsanten Buch „Picassos süße Rache“ ausplauderte, hatte der Farb- & Leinwandakademiker Picasso frühzeitig erkannt, daß sich mit seiner klassischen Ausbildung kein Geld verdienen läßt. Picasso selbst habe eingeräumt, daß er daraufhin seine künstlerische Erwerbsstrategie änderte. Der weltberühmte Pinselstricher suchte sein Heil in der Kunstreduktion und begann, seine Werke zu infantilisieren.

Der Erfolg gab ihm Recht. Picasso hatte erkannt, daß sich das meiste Geld mit der Eitelkeit des Kunstbetrachters verdienen läßt, weniger mit der Kunst als solcher. Das Geldzählen habe Picasso zwar so schon Freude bereitet, berichtete Kishon, zum wahren Lebenselixier sei es ihm aber geworden, wenn er dabei noch die eitlen Kunstbanausen beobachten konnte, welche er insgeheim abgrundtief verachtete, wie sie vor seinen Kritzeleien standen und sich – eitel bis dort hinaus – die Köpfe heiß redeten, um sich gegenseitig mit den aberwitzigsten Kunstinterpretationen zu übertrumpfen, und wie sie dabei verstohlen nach dem Meister schielten, um zu sehen, ob ihre jeweiligen Interpretationen auch sein Wohlgefallen fänden.

Der Kunstexperte von Ansage ist sich sicher: Jan Haanings Werk „Nimm das Geld und hau ab“ verdeutlicht auf zwei weißen Leinwänden genial den herrschenden Zeitgeist. Das Museum in Aalborg darf sich froh und glücklich schätzen, ein solches Kunstwerk für nur 70.000 Euro erstanden zu haben.

2 KOMMENTARE

  1. Ich hätte ja den Titel des Werks beibehalten und die 150€ eingeklebt, die einem vom Mindestlohn nach bezahlen des notwendigen Lebensunterhalts am Jahresende noch vom Gehalt übrigbleiben. Dann könnte das Musum gar nichts machen und es wäre trotzdem eine politische Aussage gewesen.

  2. Haaning hat sich ein Beispiel an unserer Politik genommen und aus „Nimm das Geld und leiste nichts dafür“ einfach „Nimm das Geld und hau ab“ gemacht.
    Man bemerkt direkt, dass unsere Politiker in Sachen Ausplünderei und Aneignung des Geldes der anderen schlauer und wesentlich erfahrener als Haaning sind, der hat die Nummer einmal durchgezogen, die machen das Monat für Monat.

Comments are closed.