
Es gibt politische Wörter, deren inflationärer Gebrauch ziemlich zuverlässig anzeigt, dass es an der bezeichneten Sache mangelt. „Zusammenhalt“ gehört dazu. Je häufiger er beschworen wird, desto offenbarer sind die Risse. Ähnlich verhält es sich mit dem „Vertrauen“. Wo Vertrauen selbstverständlich vorhanden ist, muss man nicht unentwegt darüber reden. Wo Politiker den Bürgern versichern, diese könnten ihnen vertrauen, lohnt es sich deshalb, genauer hinzusehen. Die acht Ministerpräsidenten der CDU haben dafür gerade ein schönes Beispiel geliefert. Vor dem Hintergrund der Spekulationen über die Zukunft von Friedrich Merz wandten sie sich gegen Personaldiskussionen. „Die Menschen können darauf vertrauen, dass wir ihre Probleme angehen“, erklärten sie, „Der Weg zu neuem Vertrauen der Menschen in die Christdemokratie führt über das Zuhören und politisches Handeln”, heißt es auch. Und selbstverständlich wollten und würden sie dazu „gemeinsam mit dem Bundeskanzler“, dessen Name übrigens ungenannt bleibt, ihren Beitrag leisten.
Die Sätze sollen beruhigen. Gerade deshalb verraten sie viel. Denn Vertrauen ist keine Ressource, über die acht Ministerpräsidenten verfügen und die sie kraft gemeinsamen Kommuniqués in Umlauf bringen könnten. Vertrauen lässt sich weder erklären noch beschließen. Es kann nicht durch einen Parteitagsbeschluss hergestellt und auch nicht durch eine gemeinsame Presseerklärung verlängert werden. Vertrauen wird verliehen. Und in der Demokratie gibt es einen Vorgang, in dem diese Verleihung auf denkbar nüchterne Weise stattfindet: die Wahl.
Die falsche Vertrauensfrage
Deshalb führt bereits die Debatte über die angebliche „indirekte Vertrauensfrage“ Friedrich Merz’ ein wenig in die Irre. Noch am Abend der kommenden Wahlen in Schwerin und Berlin soll das CDU-Präsidium zusammenkommen. Die Partei weist die Interpretation zurück, Merz stelle damit faktisch die Vertrauensfrage. Aber dass der Begriff überhaupt auftaucht, ist aufschlussreich. Denn wer soll hier eigentlich wem vertrauen? Die Ministerpräsidenten dem Kanzler? Das Präsidium dem Parteivorsitzenden? Die Bundestagsfraktion der Regierung? Die Landesverbände der Bundespartei?
Oder nicht vielmehr die Wähler allen zusammen? Das Grundgesetz kennt die Vertrauensfrage des Bundeskanzlers gegenüber dem Bundestag. Das politische Leben kennt jedoch eine andere Vertrauensfrage, die viel elementarer ist. Sie wird nicht nach Artikel 68 Grundgesetz gestellt, benötigt keinen Antrag, keine namentliche Abstimmung und lautet: Trauen die Bürger denjenigen, denen sie Macht übertragen haben, noch zu, mit dieser Macht in ihrem Sinne umzugehen?
Für Friedrich Merz fällt die Antwort gegenwärtig ausgesprochen ernüchternd aus. Im September-Deutschlandtrend von Infratest dimap waren nur noch 13 Prozent der Wahlberechtigten mit seiner politischen Arbeit zufrieden; 83 Prozent waren unzufrieden. Mit der schwarz-roten Bundesregierung zeigten sich 15 Prozent zufrieden, 84 Prozent unzufrieden. Selbst unter den Anhängern der Regierungsparteien überwog die Unzufriedenheit. Statt diese katastrophalen Unzufriedenheitswerte zu akzeptieren, greift Regierungssprecher Stefan Kornelius auf der Bundespressekonferenz am 16. September die verantwortlichen Umfrageinstitute an. Umfragen seien demnach lediglich „Momentaufnahmen“, die den Bundeskanzler nicht weiter beunruhigen würden und deren Erkenntniswert ohnehin fragwürdig sei, suggerierte Kornelius. Demnach stelle er infrage, dass die Umfragen „vernünftig und seriös zustande kommen“. Und weiter: „Keiner dieser Institute, die in dieser Frequenz Umfragen auf den Tisch legen, haben die Finanzressourcen, um solche Umfragen zu machen.“ Als er kurze Zeit später von einem der anwesenden Journalisten darauf aufmerksam gemacht wurde, dass die Institute die Umfragen in der Regel auf Auftragsbasis durchführen und entsprechend bezahlt werden, stellte Kornelius gar die wissenschaftlichen Grundlagen der Erhebungen infrage. So kann man mit Realität politisch natürlich auch umgehen.
Vertrauen hat mehrere Stockwerke
Nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt allerdings wurde noch spezifischer gefragt: Nur 14 Prozent trauten Merz zu, Deutschland gut durch die anstehenden Aufgaben zu führen, 82 Prozent nicht. Selbst unter Unionsanhängern äußerte jeder Zweite dieses fehlende Zutrauen. 76 Prozent der Befragten hielten den „Denkzettel“ für die Bundesregierung durch das Wahlergebnis für verdient. Das sind keine normalen Sympathiewerte mehr. Sie führen vielmehr mitten hinein in die Frage, was politisches Vertrauen eigentlich bedeutet. Denn Vertrauen ist nicht gleich Vertrauen. Ein Bürger kann der Demokratie vertrauen und die Regierung für miserabel halten. Er kann Gerichten vertrauen, aber Parteien misstrauen. Er kann einen Politiker persönlich für anständig halten und ihm trotzdem nicht zutrauen, eine Wirtschaftskrise zu bewältigen. Und er kann schließlich das gesamte demokratische Verfahren akzeptieren, zugleich aber den Eindruck gewinnen, dass seine konkrete Wahlentscheidung politisch immer weniger bewirkt. Es gibt zunächst das persönliche Vertrauen. Glaubt man einem Politiker? Hält man ihn für integer, verlässlich und berechenbar? Darf man erwarten, dass eine vor der Wahl gegebene Zusage auch nach der Wahl noch gilt? Das ist die älteste Form politischen Vertrauens. Sie hat mit Charakter zu tun, aber keineswegs nur mit Charakter.
Politik zwingt zu Kompromissen. Niemand kann jedes Wahlversprechen eins zu eins verwirklichen. Doch der Bürger besitzt ein feines Sensorium für den Unterschied zwischen einem erkennbar erzwungenen Kompromiss und einer Politik, bei der das vor der Wahl Gesagte nach der Wahl keine erkennbare Bindungswirkung mehr besitzt. Daneben steht das Kompetenzvertrauen. Dabei geht es weniger um die Frage, ob ich einem Politiker glaube, als darum, ob ich ihm etwas zutraue. Kann er die Migration tatsächlich begrenzen? Kann seine Regierung wirtschaftliches Wachstum ermöglichen? Kann sie Sozialversicherungen stabilisieren, Infrastruktur instand setzen, Energie bezahlbar halten? Ist der Staat überhaupt noch in der Lage, das durchzusetzen, was seine Repräsentanten ankündigen? Politisches Vertrauen besitzt deshalb immer auch eine handwerkliche Dimension. Man kann die besten Absichten haben und trotzdem das Vertrauen verlieren, wenn die Ergebnisse ausbleiben. Und schließlich gibt es das Repräsentationsvertrauen. Es ist vielleicht die wichtigste und zugleich am wenigsten beachtete Ebene. Der Bürger fragt nicht nur: Glaubst du mir? Kannst du es? Sondern: Spielt es überhaupt eine Rolle, was ich will?
Die Demokratie und ihre Regierung sind nicht dasselbe
Gerade an dieser Stelle ist begriffliche Genauigkeit notwendig. Die gegenwärtige Vertrauenskrise ist nicht ohne Weiteres eine Krise der Demokratie als Staatsform. Wer mit der Bundesregierung unzufrieden ist, lehnt deshalb nicht die Demokratie ab. Wer dem Bundestag misstraut, muss deshalb nicht nach einer Diktatur verlangen. Und wer eine Oppositionspartei wählt, hat damit noch keine Aussage über seine Haltung zum demokratischen Prinzip abgegeben. Das klingt banal. Im öffentlichen Diskurs wird diese Trennung dennoch erstaunlich häufig verwischt. Der “Demokratie-Monitor” der Universität Hohenheim liefert selbst Material für eine differenziertere Betrachtung. Die Zufriedenheit mit dem Funktionieren der Demokratie liegt 2026 auf Bundesebene nur noch bei 39 Prozent. Auf Landesebene sind es 51 Prozent, auf kommunaler Ebene 59 Prozent. Zugleich bevorzugen knapp zwei Drittel der Befragten eine repräsentative Demokratie, in der Politiker vor wichtigen Entscheidungen einen ernsthaften Dialog mit der Bevölkerung suchen; weitere rund 30 Prozent favorisieren stärker direktdemokratische Verfahren.
Von einer Bevölkerung, die sich “massenhaft von der Demokratie verabschiedet” hätte, kann angesichts solcher Befunde kaum die Rede sein. Interessanter ist etwas anderes: Je konkreter politische Macht erlebt wird, desto stärker entscheidet offenbar die Erfahrung darüber, ob Vertrauen erhalten bleibt. Der Bürger kann die Demokratie als Prinzip bejahen und zugleich mit ihrer gegenwärtigen politischen Praxis hadern. Das ist kein Widerspruch. Im Gegenteil: Unzufriedenheit kann gerade aus demokratischen Erwartungen entstehen. Wer erwartet, dass Wahlen Folgen haben, dass Regierungen Probleme lösen, Parlamente kontrollieren und Parteien unterscheidbare politische Angebote machen, kann vom tatsächlichen Betrieb enttäuscht sein, weil er diese Erwartungen ernst nimmt. Die Unzufriedenheit mit demokratischer Praxis kann deshalb Ausdruck eines demokratischen Anspruchs sein.
Der Wähler als Patient
Genau hier wird eine Deutung problematisch, wie sie der Hohenheimer Kommunikationswissenschaftler Frank Brettschneider gegenwärtig anbietet. Sein “Demokratie-Monitor” liefert zunächst interessante empirische Befunde. Brettschneider verweist selbst darauf, dass lediglich sieben Prozent mit der Bundesregierung zufrieden sind. Gleichzeitig bringt er pessimistische Weltsichten, besonders bei Menschen mit „rechtspopulistischem Weltbild“, mit Nostalgie, Social-Media-Nutzung und „Doomscrolling“ in Verbindung. Auf manchen Social-Media-Kanälen überwögen negative Nachrichten, die eine „Weltuntergangs-Stimmung“ verbreiteten. Hier geschieht etwas wissenschaftlich und politisch Interessantes: Ein Befund über politische Unzufriedenheit droht in einen Befund über die Wahrnehmung der Unzufriedenen umzuschlagen. Nicht mehr zuerst die Wirklichkeit wird problematisch, sondern der Blick auf die Wirklichkeit. Wer sie düster beurteilt, könnte zu viel Negatives konsumiert haben. Wer sich nach früheren Zuständen zurücksehnt, könnte nostalgisch verzerrt wahrnehmen. Wer oppositionell wählt, könnte in einer algorithmisch erzeugten Weltuntergangsstimmung leben.
Natürlich existiert Doomscrolling. Natürlich beeinflusst Medienkonsum Wahrnehmungen. Natürlich erzeugen Algorithmen Echokammern und belohnen Zuspitzung. Das alles kann Gegenstand seriöser Forschung sein. Aber aus einer Korrelation folgt noch keine Kausalität. Vielleicht beurteilt ein Bürger das Land nicht negativ, weil er alternative Medien konsumiert. Vielleicht konsumiert er alternative Medien, weil seine Beurteilung des Landes negativ geworden ist. Vielleicht sucht er dort Informationen, die er in anderen Medien vermisst. Vielleicht sind beide Phänomene Folgen einer dritten Ursache: einer tatsächlichen politischen, wirtschaftlichen oder sozialen Erfahrung. “Wenn 65 Prozent mit der Bundesregierung unzufrieden sind, sollte Wissenschaft zuerst nach politischen Ursachen fragen”, kritisiert der wissenschaftspolitische AfD-Fraktionssprecher Baden-Württembergs, Dr. Bernhard Pepperl Brettschneiders Deutung, die einer Abwertung des politischen Souveräns entspricht. “Demokratie lebt davon, Kritik als politisches Urteil ernst zu nehmen – statt sie zu psychologisieren.“
Die Wahl als Kassensturz
Genau diese Versuchung begegnet uns inzwischen regelmäßig. Nach Wahlniederlagen heißt es, eine Partei müsse ihre Politik „besser erklären“. Die Kommunikation müsse verbessert, die Erzählung geschärft, der Bürger stärker „mitgenommen“ werden. Als läge zwischen Regierenden und Regierten vor allem eine didaktische Störung. Der Wähler ist aber kein Kunde, dem man ein schlecht verkauftes Produkt noch einmal besser erklären muss. Vielleicht hat er das Produkt durchaus verstanden – und will es gerade deshalb nicht. Das ist der entscheidende Unterschied zwischen einem Kommunikationsproblem und einem Repräsentationsproblem. Beim Kommunikationsproblem stimmen Sender und Empfänger im Grunde überein; die Botschaft kommt nur nicht richtig an. Beim Repräsentationsproblem kommt sie durchaus an – und wird abgelehnt. Politisch ist der zweite Fall sehr viel unangenehmer. Denn er lässt sich nicht durch eine neue Kampagne, freundlichere Bilder, kürzere Sätze oder ein anderes Social-Media-Konzept beheben. Er verlangt eine Auseinandersetzung mit dem Inhalt. Wer 65 Prozent Unzufriedenheit mit der Bundesregierung misst, sollte deshalb nicht nur quantitativ feststellen, dass diese Menschen so unzufrieden sind. Er sollte mindestens ebenso ernsthaft qualitativ fragen, warum sie so unzufrieden sind.
An diesem Punkt werden Wahlen zu mehr als einem Wettbewerb zwischen Parteien. Sie werden zum Kassensturz politischen Vertrauens. Sachsen-Anhalt hat einen solchen Kassensturz gerade erlebt. Die CDU kam dort bei der Landtagswahl nur noch auf 17,2 Prozent. Der Blick richtet sich deshalb bereits auf die nächsten Wahlen. Die Nervosität in Berlin ist nicht schwer zu erklären. Natürlich ist jede Landtagswahl zunächst eine Landtagswahl. Landespolitische Kandidaten, Themen und Koalitionen spielen eine eigene Rolle. Es wäre methodisch unseriös, jedes Ergebnis schlicht auf Friedrich Merz zu reduzieren. Ebenso unseriös wäre es allerdings, so zu tun, als hätten Bundespolitik und Kanzler mit dem Wahlverhalten nichts zu tun. Gerade deshalb ist der Begriff der „indirekten Vertrauensfrage“ zwar staatsrechtlich unsinnig, politisch aber aufschlussreich. Wähler in Magdeburg, Schwerin oder Berlin stimmen nicht über den Bundeskanzler ab. Aber ihre Entscheidungen verändern die Machtverhältnisse seiner Partei, die Stimmung ihrer Funktionäre und die Erwartungen an ihre Führung. Das weiß auch die CDU. Sonst müsste ihr Präsidium nicht am Wahlabend zusammentreten.
Vertrauen ist ein Vorschuss
Der Kern des Problems liegt noch tiefer. Vertrauen richtet sich immer auf die Zukunft. Ich brauche kein Vertrauen, um festzustellen, was gestern geschehen ist. Vertrauen benötige ich dort, wo ich nicht wissen kann, was morgen geschieht. Ich gebe jemandem einen Vorschuss, weil Erfahrungen, Versprechen und Erwartungen mich annehmen lassen, dass er künftig in einer bestimmten Weise handeln wird. Politisches Vertrauen ist deshalb Kredit. Der Bürger sagt bei einer Wahl sinngemäß: Ich übertrage dir für vier oder fünf Jahre Macht, obwohl ich nicht jede Entscheidung kenne, die in dieser Zeit notwendig werden wird. Ich tue das, weil ich glaube, deine grundlegenden Maßstäbe zu kennen. Ich vertraue darauf, dass du sie auch unter veränderten Umständen nicht beliebig aufgibst. Und ich traue dir zu, mit Problemen fertigzuwerden, die heute vielleicht noch gar nicht sichtbar sind.
Deshalb ist politischer Vertrauensverlust so gefährlich für eine Regierung. Eine einzelne falsche Entscheidung kann korrigiert werden. Ein verlorenes Vertrauensverhältnis beschädigt dagegen auch Entscheidungen, die für sich genommen vernünftig sein mögen. Der Bürger betrachtet sie dann durch die Erfahrung früherer Enttäuschungen: aus Skepsis wird Erwartungsskepsis. Man glaubt nicht mehr: Diesmal wird es funktionieren – man erwartet: Es wird wieder nicht funktionieren. Damit sind wir wieder bei Friedrich Merz. Seine gegenwärtigen Werte sind deshalb nicht nur Popularitätswerte. Wenn ihm lediglich 14 Prozent zutrauen, Deutschland gut durch die anstehenden Aufgaben zu führen, betrifft das unmittelbar das Kompetenzvertrauen. Wenn seine eigene Partei nach Wahlniederlagen über Führung und Personal diskutiert, berührt das das persönliche Führungsvertrauen. Und wenn Wähler trotz eines Regierungswechsels den Eindruck haben, zentrale politische Erwartungen würden nicht erfüllt, berührt das schließlich das Repräsentationsvertrauen.
Das Merz-Problem
Diese drei Ebenen können sich gegenseitig verstärken. Wer einem Politiker nicht mehr glaubt, traut ihm irgendwann auch weniger zu. Wer ihm weniger zutraut, interpretiert Misserfolge als Bestätigung. Wer zugleich glaubt, seine Wahlentscheidung ändere ohnehin (zu) wenig, sucht politische Alternativen. Das muss niemand gutheißen. Man sollte es aber verstehen wollen. Und Verstehen beginnt damit, den Wähler als handelndes politisches Subjekt ernst zu nehmen. Vielleicht liegt darin die wichtigste Verschiebung, die gegenwärtig notwendig wäre. Politik redet gern über das Vertrauen, das Bürger haben sollen. Viel seltener redet sie über die Bedingungen, unter denen Bürger Vertrauen geben können. Die gemeinsame Erklärung der acht CDU-Ministerpräsidenten ist dafür fast paradigmatisch. „Die Menschen können darauf vertrauen, dass wir ihre Probleme angehen.“ Der Satz meint es vermutlich beruhigend.
Doch Vertrauen beginnt nicht mit der Aufforderung, zu vertrauen – es entsteht aus Erfahrung.
Wer verspricht und liefert, schafft Vertrauen. Wer Fehler einräumt und korrigiert, kann Vertrauen zurückgewinnen. Wer unterschiedliche Interessen sichtbar abwägt, schafft Berechenbarkeit. Wer dagegen ausbleibende Zustimmung immer wieder auf Kommunikation, falsche Wahrnehmung, Populismus, soziale Medien oder unzureichende Erklärung zurückführt, riskiert das Gegenteil. Er vermittelt dem Bürger irgendwann den Eindruck, nicht die Politik müsse sich vor dem Wähler rechtfertigen, sondern der Wähler seine Ablehnung vor der Politik. Damit wäre das demokratische Verhältnis auf den Kopf gestellt: Der Souverän säße plötzlich auf der Couch, und die Regierung führte das Diagnosegespräch. Deshalb ist die entscheidende Vertrauensfrage des kommenden Wahlabends nicht die Frage, ob acht Ministerpräsidenten hinter Friedrich Merz stehen. Auch nicht, ob das CDU-Präsidium dem Vorsitzenden das Vertrauen ausspricht. Nicht einmal die Frage, ob die Bundestagsfraktion geschlossen bleibt. All das ist politisch wichtig. Aber es ist abgeleitet. Das ursprüngliche Vertrauen kommt von unten.
Was sich nicht verteilen lässt
Eine Demokratie lebt davon, dass Bürger Macht zeitlich begrenzt übertragen und diese Übertragung zurücknehmen können. Gerade deshalb sind Wahlergebnisse nicht lästige Störungen eines politischen Projekts, die durch bessere Kommunikation überwunden werden müssen. Sie sind Rückmeldungen des Souveräns. Man kann sie bedauern. Man kann ihre Ursachen untersuchen. Man kann gegen die Entscheidungen anderer Bürger argumentieren. Aber man sollte sich hüten, ihre Botschaft vorschnell wegzutherapieren.
Vielleicht liegt darin die eigentliche Bedeutung des Wahlsonntags für Friedrich Merz und für die Union. Nicht jede verlorene Stimme ist eine Stimme über den Kanzler. Nicht jede gewonnene Stimme ist eine Bestätigung seiner Politik. Wahlen sind komplizierter. Doch in ihrer Summe beantworten sie immer auch eine elementare Frage: Wem geben Bürger noch den Vorschuss, für sie handeln zu dürfen? Acht Ministerpräsidenten können einem Bundeskanzler selbstverständlich ihr Vertrauen aussprechen. Ein Parteipräsidium kann sich geschlossen hinter seinen Vorsitzenden stellen. Eine Fraktion kann ihm applaudieren. Ein Koalitionspartner kann ihm Loyalität versichern. Nur eines können sie alle nicht: Sie können das Vertrauen der Wähler nicht untereinander verteilen. Sie können es nicht beschließen. Sie können es nicht erklären. Und sie können es dem Bürger erst recht nicht vorschreiben. Sie müssen es sich verdienen. Darüber entscheiden in einer Demokratie am Ende keine Präsidien. Darüber entscheiden Wahlen.
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6 Kommentare
Vertrauen? Wem denn?
Vertrauen kann man jemandem, den man lange genug kennt und weiß, daß er/sie das Vertrauen nicht mißbraucht.
Die Politiker, die sich auf Plakaten und auf Bühnen präsentieren, kenne ich nicht. Darum vertraue ich ihnen auch nicht.
Aus Erfahrung weiß ich, daß Politiker vorwiegend professionelle Lügner sind, denen es in erster Linie darum geht, gewählt zu werden, um an die Macht zu kommen.
Wenn die dann ihr Ziel erreicht haben, tun sie meist etwas ganz anderes als vorher angekündigt wurde.
Lüge, Gier und Verblendung heißen die Grundübel.
Pfui Dezibel!
😜
Nachtrag:
Sämtliche Altparteien sind für mich seit Jahrzehnten unwählbar, weil sie für mich nicht vertrauenswürdig sind.
Wenn ich die AfD wähle, dann nicht, weil ich der AfD vertraue, sondern weil ich hoffe, daß deren Leute es besser machen.
Wenn sie das durch Taten beweisen, werde ich ihnen vertrauen können. Vorher nicht.
Ergänzung:
Die Ehre eines Menschen reicht nur so weit, wie dieser sein Wort hält.
Wortbruch bedeutet Unehre.
Man nenne mir einen Politiker, der ohne später etwas zu relativieren sein Wort gehalten hat!
Mir fällt keiner ein.
😜
Kann das stimmen?
Schub für die deutsche Wirtschaft Auftragsbestand in der Industrie auf Rekordhoch
Die Auftragsbücher deutscher Industrieunternehmen sind so voll wie noch nie.
https://www.tagesschau.de/wirtschaft/konjunktur/industrie-aufrtagsbestand-rekord-100.html
In den Mainstream und alternativen Medien wurde in den letzten Tagen berichtet, dass eher im Gegenteil immer mehr Industrieunternehmen ins Ausland abwandern wollen, weil es immer schwieriger wird in Deutschland und die Zahl der Insolvenzen in Deutschland ist immer noch auf Rekordniveau…
@Vertrauen
Vertrauen – muß man sich verdienen !
Vertrauensvorschuß – wie beispielsweise für eine Regierung, einen Bürgermeister oder einen Richter und ein Gericht oder ein Arzt – kann man durch Fehlverhalten verspielen !
Und das haben die Eliten dieses Landes – die Politiker der Blockpartei, ihre Gerichte und auch die Mediziner – in meinen Augen in den letzten 20 Jahren gemacht – vollständig.
Seit Merkel das ganze Land auf Links gedreht hat, war niemand, dem man sein Leben in Teilen noch hätte anvertrauen können!
Zunehmend vorsichtig geworden, bei jeder Wahl immer wieder nur die neue merkelsche Blockpartei aufgezwungen zu bekommen, ist mein Vertrauen in die verwobenen Strukturen der etablierten Politiker fast schon auf dem Boden der Minuszahlen im Unendlichen angekommen.
Das heisst, dass mein Vertrauen letztendlich allein auf mir ruht. Keiner jener Politkasperl, die uns täglich verhohnepiepeln, hat auch nur den Deut einer Chance, dies in absehbarer Zeit zu ändern. Das führt bei mir dazu, dass „sie“ beschliessen können, was sie wollen – es erreicht mich nicht mehr! Es ist ein Zustand der Einpanzerung seines Selbst als Schutz vor Idiotien. Der Same der Freiheit kann viele Jahrzehnte überdauern. Aber er wird in einem Frühling der Freiheit wieder nach dem Licht streben und neues Leben, neues Denken hervorbringen. In diesem Sinne – warten wir darauf, dass sich der Winter in dieser Politik ausgetobt hat. Der Frühling wird kommen. So oder so!