
Es mutet an wie eine Szene aus einem Film über die sizilianische Mafia: Zwei Autos mit abgedunkelten Scheiben verfolgen ein anderes Fahrzeug – und drängen es an einen gefährlichen Abgrund. Exakt dies hat sich am Samstag vor der Parlamentswahl in Bulgarien abgespielt. Pavel Stoimenov ist Spitzenkandidat für die Oppositionspartei VELITSCHIE (was so viel heißt wie „Größe“, „Bedeutung“); er war das Ziel dieser Attacke. Der bedrängten Situation hat er sich mit seinem Fahrzeug gerade knapp entziehen und die Polizei verständigen können. Die strafbewehrte Aktion bewertet der Landwirtschafts-Unternehmer als Versuch der Einschüchterung – vor dem Hintergrund, dass er Korruption, Missbrauch von EU-Subventionen und Betrugsdelikte in der Öffentlichkeit kritisiert und dabei auch konkrete Namen nennt; so beispielsweise den amtierenden Bürgermeister der Gemeinde Simitli, Apostol Apostolov, oder den Unternehmer Nikolay Pavlov, der von öffentlichen Aufträgen profitiert hatte.
Persönlich traf ich mit Pavel Stoimenov zusammen, nachdem er am Samstag-Mittag bei der Polizeistation in Blagoevgrad gerade seine Aussage gemacht und Anzeige erstattet hatte. Trotz des verstörenden Vorfalls wirkte er kontrolliert und gelassen. Ja, er sei überzeugt, dass das bulgarische Volk Repression und Bedrohung überwinden und die volle Freiheit, insbesondere auch bei Wahlen, erlangen werde. Das sagt er, das meint er – und das strahlt er aus. Dabei können ihn auch offene Drohungen nicht erschüttern.
”In Stücke reißen”
Er berichtet, dass er am Sonntag anlässlich einer für den Vormittag angesetzten Pressekonferenz des Wahlleiters Martin Busarov von einem Mann bedroht worden sei; dieser habe ihm zugerufen, er werde ihn „in Stücke reißen“ und „in einen Sack stopfen“. Der verbale Übergriff sei von ihm ebenfalls der Polizei gemeldet und Anzeige erstattet worden. Eine Bestätigung für diesen Vorfall ist in Medien oder auf sozialen Plattformen zwar nicht zu finden, und doch passt die Schilderung Stoimenovs in das Bild, das vor Ort zu gewinnen war.
So hat in der Gemeinde Simitli unlängst eine Unternehmerin den Betrieb ihres Döner-Restaurants einstellen müssen – weil – mitten im Zentrum (!) – von Seiten der Gemeindeverwaltung die Wasserversorgung unterbunden wurde. Dies berichtete mir die betroffene Gastronomin persönlich: Es handelte sich um Angelina Popova, die VELITSCHIE-Kandidatin für vor Ort, die damit zum weiteren Beispiel für die direkte Repression eines Bürgermeisters gegen unliebsame Konkurrenz wurde. Und ein weiterer Vorfall reiht sich hier nahtlos ein, der sich ebenfalls in Simitli am Sonntag im Wahllokal zutrug: Der Kandidat einer konkurrierenden Partei attackierte die Wahlbeobachter und Mitarbeiter von VELITSCHIE auf überaus scharfe verbale Weise. Daraufhin wurde die Polizei verständigt, Angelina Popova wurde zur örtlichen Polizeidienststelle gerufen, wo sie gegen den Mann Anzeige erstattete. Auch bei der Fahrt zur Polizeistation war ich dabei.
Systemwechsel ist möglich
Wie sind solche Vorfälle einzuordnen? Nun, in Bulgarien scheint „Demokratie“ in erster Linie zu bedeuten, dass man sich durchsetzen muss – und zwar offenbar‘ mit allen denkbaren Mitteln. Um das zu erreichen, werden offene Drohungen und Repressalien gegen politische Gegner offenbar ganz gezielt eingesetzt. Darüber wurde direkt an Wahlleiter Busarov Bericht erstattet und es wurde auch die örtlichen Presse informiert. Nach meiner Beobachtung hat sich die Polizei in all den hier geschilderten Fällen übrigens korrekt verhalten; doch wie viele Beamte mag es in Behörden und auf Polizeistationen geben, die sich in solche Aktionen einbinden lassen und an Einschüchterungen beteiligen?
Gleichwohl gibt es in Bulgarien eine stetig wachsende Zahl von Menschen, die sich dem Druck der Mächtigen widersetzen. Angelina Popov, Pavel Stoimenov und ihre vielen Mitarbeiter, die ich kennenlernen durfte, halten stand – und geben damit ein Beispiel für viele Landleute, bei denen Müdigkeit und Resignation dominieren. Sie vermitteln Zuversicht und zeigen: Ein Systemwechsel ist möglich – und er wird kommen! Diese Botschaft ist – speziell aus der Partei VELITSCHIE – unüberhörbar. Bei der Wahl soll die 2014 ins Leben gerufene, intern „Familie“ genannte Partei übrigens nur 3,10 Prozent der Stimmen bekommen und damit die 4-Prozent-Hürde deutlich verpasst haben. Wer’s denn glauben will…
- Auf Telegram teilen (Wird in neuem Fenster geöffnet) Telegram
- Auf X teilen (Wird in neuem Fenster geöffnet) X
- Auf Facebook teilen (Wird in neuem Fenster geöffnet) Facebook
- Auf WhatsApp teilen (Wird in neuem Fenster geöffnet) WhatsApp
- Einen Link per E-Mail an einen Freund senden (Wird in neuem Fenster geöffnet) E-Mail
- Drucken (Wird in neuem Fenster geöffnet) Drucken










2 Kommentare
warum nach Bulgarien reisen wo unser Land diese Zustände längst in den Schatten stellt
Brüsselokraturische Musterländer eben.