War Sherlock Holmes bipolar?

War Sherlock Holmes bipolar?

Sherlock Holmes (r.) und Dr. Watson (hier in der komödiantischen Verfilmung „Holmes & Watson“ von 2018 mit Will Farrell als Protagonist und John C. Reilly als sein Assistent): Psychologisch höchst aufschlussreich (Foto:Imago)

Überinterpretationen gehören so sehr zur DNA des hiesigen Deutschunterrichts wie die Tatsache, dass sogar die Lehrer dieses Landes nicht in der Lage sind, leserliche Sätze zu bauen – was sich später auch auf die schreibende Zunft auswirkt. Statt den schrecklich überhöhten Thomas Mann – sorry: Marcel Reich-Ranicki – zum siebten Mal zu lesen, wäre spätestens ab der Mittelstufe „Deutsch für Anfänger“ und später dann „Deutsch für Profis“ von Wolf Schneider angebracht. Doch zurück zur Überinterpretation. Sie kennen das: Da sitzen Sie mit Ihren 15 Lenzen im Unterricht und müssen sich mit der Frage herumschlagen, was wohl der Schiller über seinem Wallenstein dem gemeinen Leser so alles sagen will. Hierbei kommen die krudesten Theorien zum Vorschein – von defektem Stuhlgang bis hin zur Gürtelrose ist alles erlaubt. Da lobe ich mir doch meinen Bukowski, denn da ist man schnell fertig mit der Analyse: Es geht um Sex, Alkohol, um gute Menschen und um schlechte Menschen. Manchmal kann die Welt so einfach sein.

Und so wurde auch der Meisterdetektiv Sherlock Holmes in vielfacher Hinsicht überinterpretiert. Die bekannteste und gleichzeitig verblödeste Theorie ist, dass Holmes ein Verhältnis mit seinem Assistenten Watson hat. Tatsächlich gibt es einige wenige emotionale Momente in Arthur Conan Doyles weltberühmten Detektivgeschichten, beispielsweise, als der Mediziner und Chronist in „Die drei Garridebs“ angeschossen wird und sein bester Freund Holmes wiederum Todesangst um seinen besten Freund zu haben scheint. Aber dennoch führen beide keine Liebesbeziehung; es ist eher eine tiefe platonische Verbundenheit, die sicherlich das eine oder andere Merkmal des Verliebtseins mit sich trägt, sich jedoch keinesfalls in Erotik widerspiegelt.

Ein bipolares Leben muss kein schlechtes Leben sein

Doch es gibt eine andere Interpretation, die durchaus belegbar ist: Die nämlich, dass Sherlock Holmes womöglich bipolar ist. „Eine bipolare Störung ist eine psychische Erkrankung, die durch extreme Stimmungsschwankungen gekennzeichnet ist,“ erklärt mir dazu die Grok-KI. Und da beginnt bereits das Problem: Laut ICD-Definition ist jemand, der manisch-depressiv ist, krank und muss entsprechend geheilt werden. Doch was ist, wenn vom „Patienten“ das Bipolarsein als Teil seiner Persönlichkeit gezählt wird – so wie es ja auch Gehörlose gibt, die sich nicht behindert fühlen, oder Autisten, die sich weigern, pathologisiert zu werden, einfach, weil die sogenannte “Spektrumsstörung” zu ihrem Charakter gehört? Aufgrund der steten Medizinalisierung und Verbehinderung von normabweichenden Eigenschaften gibt es nicht wenige solcher Gruppen, die sich weigern, ihre „Diagnose“ überhaupt anderen mitzuteilen.

Manisch-depressiv zu sein ist so, als würde man zwischen zwei Welten pendeln: In der Manie fühlt sich alles grenzenlos an, Ideen sprudeln, die Energie scheint unerschöpflich – bis sich das Blatt wendet: In der Depression wird jede Bewegung zur Qual, Gedanken kreisen düster und die einfachsten Dinge werden zu unüberwindbaren Hürden. Es ist kein gebrochenes Bein, das irgendwann verheilt, sondern ein Leben mit extremen Höhen und Tiefen, das zwar anstrengend ist (für andere und für den Betroffenen selbst), aber nicht zwangsläufig schlecht sein muss. Zuweilen ist es auch einfach nur intensiv, kreativ und voller Leidenschaft, wenn auch selbstzerstörerisch und konsumanfällig.

Kaum Schlafbedürfnis, dafür hyperaktiv

Kurzum: Genau wie Sherlock Holmes! Der Detektiv, wie er in den Geschichten Doyles dargestellt wird, zeigt Verhaltensweisen, die auf eine bipolare Störung hindeuten. Seine Persönlichkeit schwankt auffällig zwischen Perioden intensiver Aktivität und Produktivität, oft begleitet von brillanter geistiger Klarheit – und dann wieder Phasen tiefer Lethargie und Rückzugs. Schauen wir uns einige Beispiele an: In seinen aktiven Episoden zeigt Holmes Merkmale, die an Manie erinnern: Unermüdliche Energie, außergewöhnliche Konzentration und ein nahezu übermenschliches Arbeitstempo. Ein Beispiel findet sich in “Eine Studie in Scharlachrot”, wo Dr. Watson Holmes’ Arbeitsweise beschreibt (es ist übrigens die Folge, in der sich die beiden kennenlernen): „Nichts konnte seine Energie übertreffen, wenn er einmal in Fahrt war. Tagelang konnte er ohne Rast arbeiten, von einem Problem zum nächsten springen, mit einer Konzentration, die fast unheimlich war.

Hier sehen wir ein vermindertes Schlafbedürfnis und eine Hyperaktivität, also beides Leitsymptome und “Klassiker” einer manischen Episode sind. Holmes‘ Fähigkeit, sich in seine Fälle zu vertiefen, oft ohne Rücksicht auf persönliche Bedürfnisse wie Essen oder Ruhe, könnte als Ausdruck einer manischen Hochstimmung interpretiert werden. Seine sprunghafte Kreativität und die Fähigkeit, scheinbar unmögliche Verbindungen herzustellen, könnten ebenfalls auf eine erhöhte geistige Agilität in solchen Phasen hinweisen.

Unfähig, die einfachsten Dinge zu meistern

Auf der anderen Seite gibt es zahlreiche Momente, in denen Holmes in tiefe Melancholie verfällt, insbesondere wenn er keinen Fall zu lösen hat. In “Das Zeichen der Vier” beschreibt Watson Holmes’ Zustand, wenn dieser untätig ist: „In solchen Zeiten habe ich ihn tagelang in einem Sessel liegen sehen, die Stirn in Falten gelegt, die Augen halb geschlossen, in eine Art Trance versunken, während er seine Geige kratzte oder sich mit seinen Chemikalien beschäftigte.“ Diese Beschreibung zeigt eine deutliche Antriebslosigkeit und einen Rückzug, die an eine depressive Episode erinnern.

Holmes selbst gibt in derselben Geschichte einen Hinweis auf seine innere Zerrissenheit, als er sagt: „Mein Geist rebelliert gegen Stagnation. Geben Sie mir Probleme, geben Sie mir Arbeit, geben Sie mir das vertrackteste Rätsel oder die komplizierteste Analyse, und ich bin in meinem Element. Dann kann ich auf künstliche Stimulantien verzichten. Aber ich verabscheue die dumpfe Routine des Daseins.“ Man kann eine manische Phase kaum besser beschreiben. Holmes deutet an, dass er ohne geistige Herausforderungen in eine Art existenzielle Leere fällt – ein Zustand, der mit depressiven Symptomen übereinstimmt. Sein Konsum von Kokain, der ebenfalls in “Das Zeichen der Vier” erwähnt wird, könnte als Versuch gesehen werden, diesen depressiven Phasen zu entkommen, was bei bipolaren Störungen nicht unüblich ist, wobei es jedoch in der Regel beim Versuch bleibt, bis dann der Rebound-Effekt die Depression verlängert und verstärkt.

Bitte keine Pathologisierung!

Der Wechsel zwischen diesen Zuständen ist ein weiteres Indiz. In Doyles wohl bekanntestem Werk “Der Hund der Baskervilles” bemerkt Watson, wie Holmes nach einem intensiven Arbeitsschub plötzlich in Schweigen und Nachdenklichkeit verfällt. Diese abrupten Übergänge zwischen Hyperaktivität und Rückzug deuten auf die zyklische Natur einer bipolaren Störung hin.

Natürlich ist Sherlock Holmes eine fiktive Figur. Dennoch lassen seine Verhaltensmuster – die extremen Hochs seiner detektivischen Genialität und die Tiefs seiner Lethargie – eine solche Interpretation zu. Seine Abhängigkeit von geistiger Stimulation, sein unregelmäßiger Lebensstil und seine Stimmungsschwankungen spiegeln Merkmale wider, die mit einer bipolaren Störung assoziiert werden. Das Wichtigste ist aber: Wer bipolar ist, muss nicht gleichzeitig pathologisiert werden. Natürlich gibt es Ausprägungen, gerade in Verbindung mit Erkrankungen wie paranoide Schizophrenie, die behandelt werden müssen – zumeist auch stationär; doch der “handelsübliche” Manisch-Depressive muss nicht krank sein. Er muss aber auch kein Sherlock Holmes sein, der seinen Gemütszustand einmal so beschrieb: „Stellen Sie sich vor, ich bin wie eine hochgejubelte Dampflok, die vor einem Feldweg steht.

5 Kommentare

  1. Das mit der Interpretation von Werken und deren Dichtern und Denkern zu dem jeweiligen Zeitgeist, der Interpretation, ist das so eine Sache. In der Zeit als ich viele Schulbänke, in der DDR, drückte kam dann Einige zu der Erkenntnis das man doch bald mal Genosse Goethe sagen sollte.
    Ich las aber mal Goethes „Dichtung und Wahrheit“ da sah es schon mal anders aus als uns es die Lehrer oder Dozenten weiß machen wollten.
    Als Rentner besuchte ich an einer Uni 1 Semester, Thema „Philosophische Ästhetik“. Da lernte man was da so alles für Spinner unter den Dichtern und Denkern so rum liefen. Bis hin zur geistigen Umnachtung. Siehe auch Friedrich Wilhelm Nietzsche.
    Selbst Aristoteles stand auf dem Standpunkt, alles was schön ist ist auch gut. Kierkegaard war da auch ein sonderbarer Typ auf diesem Gebiet. Usw.

  2. Arthur Conan Doyle hat die Figur Sherlock Holmes 1886 erschaffen, auch Locard und Agatha Christie haben später die Holmes Geschichten verschlungen. Ich glaubte immer, Holmes sei Morphinist oder nehme Kokain wie damals üblich und sogar im britischen Königshaus verbreitet, deshalb auch die Stimmungsschwankungen und auch diese Genialität.

  3. A.C. Doyle war nicht nur Schriftsteller sondern auch Arzt!
    Wer wenn nicht er hätte dies über Befindlichkeiten wissen können, bei den Eigenschaften, die er seiner Figur mitgab.
    Holmes ist einfach nur ein „Arbeitstier“ ,ein Analysator, der ein Endergebnis ausspuckt! Jahre später tat dies ein Mr. Spock auf der Enterprise!

    Arthur Conan Doyle

    https://de.wikipedia.org/wiki/Arthur_Conan_Doyle

  4. Ist es nicht müßig zu fragen, ob eine fiktive Romanfigur bipolar war oder nicht? Wir haben im gegenwärtigen Deutschland doch ganz andere Probleme.

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    1. Aber sicher doch! Statt zum Beispiel Schloss Neuschwanstein hätte man auch Sozialwohnungen bauen können.