Warum Deutschland lieber den Bahnsteig säubert als die Wirklichkeit

Warum Deutschland lieber den Bahnsteig säubert als die Wirklichkeit

Nächstes Maßnahmenplacebo und Ablenkungsmanöver, um den realen Ursachen der Gewalt ausweichen zu können: Alkoholverbot auf Bahnhöfen (Symbolbild:Imago)

Deutschland ist ein Land der Ersatzhandlungen geworden. Wo die Ursache unerquicklich, konfliktträchtig oder politisch peinlich wäre, bekämpft man lieber das Symptom. Wo die Wirklichkeit nach Klartext verlangte, erfindet der deutsche Verwaltungsgeist eine Zone. Und wo eine Zone nicht reicht, folgt ein Verbot. So entstehen jene eigentümlichen Schutzkulissen der Ge-genwart: Waffenverbotszonen, Messerverbotszonen, Aufenthaltsverbote, Kontrolltage, Präventionskonzepte, Sicherheitspartnerschaften. Das Ergebnis ist stets dasselbe: Die Ordnung simuliert Entschlossenheit, ohne den Grund der Unordnung anzutasten. Nun also ein Alkoholverbot auf Bahnsteigen, bundesweit. Diese Maßnahme gehört genau in diese Kategorie. Die Deutsche Bahn will den Konsum von Alkohol an ihren 5.400 Bahnhöfen spätestens ab Oktober 2026 untersagen; begründet wird das mit wachsender Gewalt gegen Mitarbeiter und Fahrgäste. Nach Bahnangaben gab es bis Anfang Juli bereits rund 1.630 Angriffe auf Beschäftigte, also etwa neun pro Tag. Auslöser dieser Verschärfung war eine eskalierte Ticketkontrolle auf der Strecke zwischen Offenburg und Karlsruhe, bei dem ein 26-jähriger DB-Sicherheitsmitarbeiter lebensgefährlich verletzt wurde. Das Verbot soll durch Sicherheitskräfte und Bundespolizei kontrolliert werden; auf Bahnsteigen und in Bahnhofshallen ist das Trinken künftig untersagt, in der Bahnhofsgastronomie und in den Zügen dagegen weiterhin erlaubt. Das könnte bei Fahrten zu Fußballspielen oder Volksfesten interessant werden…

Gerade diese Konstruktion verrät die ganze Hilflosigkeit des Unternehmens. Alkohol bleibt erlaubt, solange er in der richtigen räumlichen Verpackung konsumiert wird. Im Bistro ist er in Ordnung, im Zug ebenfalls, als verschlossene Flasche ohnehin – nur der Bahnsteig wird zum moralischen Gefahrenraum erklärt. Das Problem ist also offenkundig nicht der Alkohol als solcher. Das Problem ist die Ordnungslosigkeit eines öffentlichen Raums, den man nicht mehr anders befrieden kann, als ihm schrittweise seine Normalität zu entziehen. Der Bahnsteig wird so zur Versuchsanordnung deutscher Gegenwartspolitik: nicht Ursachen beseitigen, sondern Oberflächen regulieren.

Die Alkoholverbotszone als kleine Schwester der Messerverbotszone

Man kennt dieses Muster längst aus den Innenstädten. Dort, wo der Staat seine Autorität im Alltag nicht mehr durchsetzt, erklärt er „Messerverbotszonen“. Als ob das Problem das Messer wäre. Als ob nicht jeder halbwegs ehrliche Beobachter wüsste, dass die Klinge nur das Werkzeug ist, nicht der Grund und erst recht nicht der Täter. Dasselbe gilt nun für die Bahnsteige. Die Alkoholverbotszone ist die Messerverbotszone des Schienenverkehrs. Sie tut so, als sei die berauschende Flüssigkeit der eigentliche Störenfried. In Wahrheit dient sie dazu, über die eigentliche Störung nicht offen sprechen zu müssen: über enthemmte Gewalt, über den Verfall von Respekt vor Personal und Öffentlichkeit, über jene Mischung aus Aggression, Verwahrlosung und fehlender Sanktion, die den öffentlichen Raum immer häufiger vergiftet. Die Bahn selbst liefert den Beleg für diese Schieflage. Sie verweist auf den Rückgang von Konflikten am Hamburger Hauptbahnhof nach Einführung eines Alkoholverbots 2024. Das mag sogar stimmen; aber was folgt daraus? Nicht, dass die Ursache beseitigt wäre. Sondern nur, dass ein bestimmter Raum administrativ so behandelt wird, dass sich bestimmte Erscheinungsformen der Unordnung verlagern oder abschwächen. Der deutsche Staat liebt genau diese Art Erfolgsmeldung: nicht das Problem lösen, sondern es lokal statistisch entschärfen.

Man bekämpft den Ausdruck der Krise und verkauft den Rückgang des Ausdrucks als Überwindung der Krise. Dahinter steckt eine tiefere Mentalität. Die deutsche Gegenwartspolitik regiert nicht gern direkt. Sie benennt ungern Tätertypen, Milieus, kulturelle Ursachen oder Vollzugsdefizite. Sie liebt stattdessen das indirekte Regieren: mehr Regeln, mehr Hinweisschilder, mehr Hausordnungen, mehr Präventionsarchitektur. Der Vorteil ist offensichtlich: Man kann Handlungsfähigkeit vorspielen, ohne einen eigentlichen Konflikt austragen zu müssen. Niemand muss sagen, welche Gruppen besonders problematisch sind, welche Formen von Gewalt sich häufen, welche politischen Entscheidungen den öffentlichen Raum destabilisiert haben. Es genügt, den Bahnsteig alkoholfrei zu machen und die Maßnahme als Schutz der Mitarbeiter zu verkaufen. Das ist die deutsche Spezialität: Symbolpolitik in Verwaltungsform. Man erklärt nicht, warum Ordnung zerfällt; man beschriftet den Ort ihres Zerfalls neu. Der Bürger soll sehen: Hier geschieht etwas. Dass das Entscheidende gerade nicht geschieht, bleibt hinter dem Schild verborgen.

Der entkernte öffentliche Raum

Die Tragik daran ist, dass solche Maßnahmen nicht einmal völlig sinnlos sein müssen. Natürlich kann weniger Alkoholkonsum an bestimmten Brennpunkten Konflikte reduzieren. Natürlich kann ein Verbot im Einzelfall deeskalierend wirken. Aber genau deshalb sind sie politisch so verführerisch. Sie funktionieren punktuell genug, um ihre Kritiker als zynisch erscheinen zu lassen, und bleiben doch systemisch unzureichend. Der Staat gewinnt kleine taktische Entlastungen und verliert strategisch immer mehr Terrain. Denn jeder neue Verbotsraum sagt dem Bürger am Ende etwas anderes, als die Politik beabsichtigt. Er sagt: Hier ist der normale öffentliche Raum nicht mehr selbstverständlich beherrschbar. Hier gilt nicht mehr die einfache Norm bürgerlicher Selbstverständlichkeit, sondern eine Sonderordnung. Hier ist nicht die Freiheit Ausgangspunkt und der Eingriff Ausnahme, sondern die Ausnahme wird zur neuen Form des Alltags. Erst gewöhnt man sich an die Waffenverbotszone, dann an die Messerverbotszone, dann an die Kamera, dann an die Sonderstreife, dann an das Alkoholverbot. So schrumpft der öffentliche Raum nicht spektakulär, sondern scheibchenweise.

Der jüngste Vorfall im Zug zwischen Offenburg und Karlsruhe spielt in dieser Debatte eine besondere Rolle. Er taugt der Bahn als emotionaler Hebel für ihre neue Linie. Aber gerade hier wird sichtbar, wie schnell in Deutschland Anlass mit Ursache verwechselt wird. Ein betrunkener Fahrgast war an der Eskalation beteiligt, ein Mitarbeiter wird lebensgefährlich verletzt – also folgt das Alkoholverbot. Das ist dieselbe Logik, nach der man nach einem Messerangriff das Werkzeug ächtet, nach einer Schlägerei den Ort umzäunt oder nach einer Ruhestörung den Platz schließt. Die politische Phantasie reicht immer nur bis zum unmittelbar Sichtbaren. Dahinter beginnt das Tabu. Die Tübinger Kriminalpräventionsforscherin Rita Haverkamp bezweifelte im “Südwestrundfunk“ (SWR), dass das Verbot wegen der besonderen Struktur von Bahnhöfen überhaupt spürbar mehr Sicherheit bringt, und die Gewerkschaft der Polizei misstraut – ebenfalls im SWR – völlig zu Recht der Umsetzbarkeit ohne zusätzliches Personal.

Deutschland als Republik der Symptombekämpfung

Dabei liegen die eigentlichen Frage längst auf der Hand: Warum ist der Respekt vor Zugpersonal, Sicherheitskräften und öffentlicher Ordnung überhaupt in einem solchen Maß gesunken, dass neun Angriffe pro Tag auf Mitarbeiter gezählt werden? Wer sind die Angreifer? Warum ist die Schwelle zur Gewalt so niedrig geworden und wer konkret sind die Gewalttäter? Warum scheint die Autorität des Personals für einen wachsenden Teil des Publikums nicht mehr selbstverständlich zu sein – und wer ist dieses Publikum? Das sind die Fragen, die eine Regierung, ein Innenministerium, eine Bahnführung und eine politische Öffentlichkeit stellen müssten. Stattdessen reden wir über Bierdosen am Gleis. Die Bahn ist damit kein Sonderfall, sondern ein besonders anschaulicher Spiegel des Landes. Überall dasselbe Muster: Statt Migrationspolitik zu korrigieren, richtet man Schutzräume ein. Statt Kriminalität klar zu sanktionieren, verschärft man Hausordnungen. Statt kulturelle Auflösung zu benennen, formuliert man Verhaltenskodizes. Statt die Autorität des Staates wiederherzustellen, markiert man seine Schwäche mit immer neuen Verbotsschildern. Deutschland ist Weltmeister in der Kunst, Symptome zu bekämpfen und diese Bekämpfung dann für Politik zu halten.

Genau deshalb wirkt das Alkoholverbot auf Bahnsteigen so frustrierend. Nicht weil Ordnung unwichtig wäre. Im Gegenteil. Sondern weil man hier wieder einmal sieht, wie ein richtiger Impuls in eine falsche politische Form gegossen wird. Natürlich muss der öffentliche Raum sicherer werden. Natürlich müssen Bahnmitarbeiter geschützt werden. Natürlich muss Gewalt gegen Personal mit voller Härte verfolgt werden. Aber all das beginnt nicht mit dem aktionistischen Verbot des Dosenbiers auf Gleis 8; es würde mit der Bereitschaft beginnen, endlich die Wahrheit auszusprechen und die Wirklichkeit zu beschreiben wie sie ist. Und an dieser Redlichkeit mangelt es diesem Land weit mehr als an Verboten.

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7 Kommentare

  1. „Dahinter steckt eine tiefere Mentalität“:
    Falschheit, die vorherrschende Geistigkeit im Lande.
    😜

  2. „Natürlich müssen Bahnmitarbeiter geschützt werden.“

    Solchen Schutz benötigten sie über Generationen hinweg nicht.
    Erst seit 2015 stieg die Gewalt gegen das Zugpersonal stetig an.

    Woran mag es liegen? Am Klimawandel vielleicht? Oder steckt Putin dahinter?

    Mit „Kulturbereicherern“ kann es nichts zu tun haben, denn das wäre ja Rassismus.
    Der Islam scheidet auch aus, denn der ist bekanntlich äußerst menschenfreundlich und nächstenlieb.
    Bleibt also nur der weiße Mann als dringend tatverdächtig übrig.

    Konsequenz: Schilder mit der Aufschrift „Weiße sind hier unerwünscht.“
    Mit solchen Schildern hat man in Deutschland schließlich Erfahrung.
    (Spott aus)
    😜

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  3. Man kann 24/7 nur noch den Kopf schütteln, was hier abgeht. Da findet man einfach keine Worte mehr. Bald wird wegen einer Flasche Bier auf dem Bahnsteig, von „einem Mann“ ™ das Messer gezückt. Wetten?

  4. Wer soll das umsetzen? Wenn 3 oder 4 aggressive jungen Männer da stehen und Bierflaschen in der Hand haben , dann soll irgendeine Sicherheitsperson den sagen sie müssen aufhören oder gehen ? Die Pfeifen auf Verbote swohl Alkohol- als auch Waffenverbote — Staatsversagen ist das Problem

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  5. Hier wird die Wirklichkeit gesäubert und nicht der Bahnsteig. Unsere Bereicherer dürfen ja offiziell kein Alkohol konsumieren. Also weist man nochmal höflich darauf hin. Allerdings gelten solche Hinweise gerundsätzlich nur für biodeutsche Penner mit Machete, die im Bahnhof oder im Zug die Fahrgäste masserkrieren.

  6. Landgericht Dresden
    Gesicht zerschnitten: Opfer „zutiefst schockiert“ über mildes Urteil für Syrer
    Als er eine junge Deutsche in einer Dresdner Straßenbahn beschützte, zerschnitt ein Syrer dem Amerikaner John Rudat das Gesicht. Nach dem am Abend gesprochenen Urteil sagt das Opfer gegenüber der JF noch „viel Schlimmeres“ voraus.
    https://jungefreiheit.de/politik/deutschland/2026/gesicht-zerschnitten-syrer-zu-geringen-haftstrafen-verurteilt/

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