Weimer und der Streit um die „entpreisten“ Antifa-Buchläden: Der neue Index

Weimer und der Streit um die „entpreisten“ Antifa-Buchläden: Der neue Index

Weimer, die Linksextremen und die Bücher (Symbolbild/Collage:Jouwatch)

Die jüngste Kontroverse um den Deutschen Buchhandlungspreis 2026 wirkt auf den ersten Blick wie ein besonders pointierter Akt staatlicher Willkür – und wird genauso inszeniert. Kulturstaatsminister Wolfram Weimer – parteilos, aber mit konservativer Handschrift – strich drei Buchhandlungen („Zur schwankenden Weltkugel“ in Berlin, „The Golden Shop“ in Bremen und „Rote Straße“ in Göttingen) nachträglich von der Liste der Preisträger. Begründung: „verfassungsschutzrelevante Erkenntnisse“, eingeholt im sogenannten Haber-Verfahren. Staatliche Fördergelder, so die offizielle Linie, dürften nicht an Institutionen fließen, die mit linksextremistischem Gedankengut in Verbindung stehen. Die Empörung ließ nicht lange auf sich warten: Andere Buchläden solidarisierten sich, die Essener Buchhandlung Schmitz tat der “Westdeutschen Allgemeinen Zeitung” gar kund, den Preis nicht anzunehmen. “Kulturpreise sind kein Ort der Terrorabwehr!”, ließ Hanser-Chef Jo Lendle verlauten, Vorsitzender des Verlegerausschusses im Börsenverein des deutschen Buchhandels. Grünen-Politiker Sven Lehmann sprach von „politischer Willkür“ und warnte vor einem „Klima der Vorzensur“. Teile des Kulturbetriebs inszenierten die Streichung als autoritären Übergriff, als Beginn einer “McCarthy-Ära” im deutschen Literaturwesen; die betroffenen Buchhandlungen wollen klagen.

Und genau hier liegt die intellektuelle Falle, in die sich die empörte Kulturszene begibt – und die den eigentlichen Skandal erst sichtbar macht: Die lautstarke Verteidigung von Meinungsfreiheit und Pluralismus kommt aus genau jenen Milieus, die seit mindestens einem Jahrzehnt eine systematische, informelle und einseitige Selektion nach politisch-moralischen Kriterien betreiben. Der Staat greift nun zu einem formalen, wenn auch hochproblematischen Instrument – und wird dafür moralisch gevierteilt. Dabei ist es die gleiche Szene, die jahrelang de facto einen privaten Index führte, die hier nun “Zensur!” plärrt, sobald der Staat denselben Mechanismus ausnahmsweise einmal in die andere Richtung dreht. Der AfD-Kulturpolitiker Götz Frömming lobte prompt: “Offenbar hat Weimer aus unserer konstruktiven Oppositionsarbeit sowie aus der Berichterstattung alternativer Medien über die Vergabe des Verlagspreises im vergangenen Jahr gelernt und nun Konsequenzen gezogen – gut so.

Die stille Selektion ist längst Normalzustand

Der deutsche Buchhandel versteht sich traditionell als Hort geistiger Vielfalt. Diese Selbstbeschreibung ist jedoch zur reinen Folklore verkommen. Viele Sortimente werden heute nicht primär nach ästhetischer oder intellektueller Qualität kuratiert, sondern nach politischer Verträglichkeit. Bücher von Autoren wie Botho Strauß (in neueren Phasen), Götz Kubitschek, Ellen Kositza, Martin Sellner, aber auch von Figuren wie Michel Houellebecq in bestimmten Kontexten oder gar Thilo Sarrazin verschwinden aus den prominenten Auslagen, werden erst gar nicht bestellt oder landen – wenn überhaupt – im hintersten Winkel. Dieser Mechanismus erstreckt sich besonders auf „rechte Bücher“, die oft ohne irgendeine Nachweisführung unter dem Vorwurf von angeblichem “Rassismus”, “Rechtsextremismus” oder „Hassrede“ boykottiert werden. Der Beispiele sind Legion: Thilo Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“ (2010) wurde in manchen Buchhandlungen ignoriert oder nur widerwillig geführt, trotz Bestseller-Status. Rolf Peter Sieferles „Finis Germania“ (2017) löste eine Welle der Empörung aus, mit Aufrufen zu Boykotten und Entfernung aus Regalen. Akif Pirinçcis „Die große Verschwulung“ (2015) wurde von Kritikern als homophob gebrandmarkt und verschwand prompt aus vielen Sortimenten.

Sogar Udo Ulfkottes „Gekaufte Journalisten“ (2014) oder Bücher von Autoren wie Matthias Matussek und Uwe Tellkamp stoßen auf Widerstand, weil sie systemkritische oder konservative Positionen vertreten, die als „rechts“ codiert werden. Die Debatte in Bibliotheken ist hier exemplarisch: Seit 2018 wird offen diskutiert, ob „rechte“ Literatur – etwa aus Verlagen wie Antaios oder Kopp – überhaupt zugänglich gemacht werden sollte, unter Verweis auf „Schutz vor Diskriminierung“ und moralische Hygiene. Das Ergebnis ist dasselbe: Der Zugang zu Ideen wird nicht durch Rechtsstaatlichkeit, sondern durch moralische Hygiene geregelt. Der Effekt ist subtil, aber durchschlagend: Kein offizielles Verbot, kein zentraler Index wie bei der Kirche oder der DDR, sondern eine dezentrale, milieugetriebene Vorauswahl. Die Sichtbarkeit von Texten wird durch das politisch homogene Personal des Buchhandels, durch Lektoren, Einkäufer und Filialleiter entschieden – oft unter dem Druck von Aktivistengruppen, Social-Media-Kampagnen und der Furcht vor Shitstorms. Wenn jetzt Sebastian Guggolz, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, betont: “Die Würdigung der kulturellen Leistung einer Buchhandlung von einer etwaigen politischen Ausrichtung ihres Sortiments abhängig zu machen, lehnen wir grundsätzlich ab”, dann ist das ein Indiz ideologisch begründeter Doppelmoral.

Buchhandlungen und Buchmessen als Schlachtfeld der Gesinnungsästhetik

In diesem Klima der Ausgrenzung haben „rechte“ Buchhandlungen eine zentrale Rolle übernommen, um die Vielfalt zu wahren, die der Mainstream verweigert. Ein prominentes Beispiel ist das Buchhaus Loschwitz in Dresden, gegründet 1995 von Susanne Dagen und Michael Bormann. Es ist nicht nur eine literarische Buchhandlung mit Schwerpunkten auf Belletristik, Lyrik, Kunstbüchern und Saxonica, sondern auch ein kultureller Knotenpunkt, der seit 2005 mit dem angegliederten KulturHaus Loschwitz Veranstaltungen organisiert. Hier finden Lesungen, Diskussionen und Ausstellungen statt, die ein breites Spektrum abdecken – von unpolitischen Themen bis hin zu konservativen und rechten Positionen. Kritiker sehen im Buchhaus Loschwitz einen „rechten Knotenpunkt„, weil es Autoren wie Götz Kubitschek oder Figuren aus der Neuen Rechten einlädt und Verbindungen zur Identitären Bewegung oder AfD-nahen Kreisen pflegt. Es wurde bereits Ziel von Anschlägen und Boykotten: 2019 wurde es als „Gemischtwarenladen“ diffamiert, der rechte Inhalte mit unpolitischen mische, um sie zu normalisieren. Dennoch bleibt es ein Ort des Widerspruchs, der die Ausgrenzung rechter Stimmen kompensiert und eine Gegenöffentlichkeit schafft. Solche Buchhandlungen wie Loschwitz demonstrieren, dass der Kulturbetrieb nicht mehr monopolisiert ist – sie sind Bollwerke gegen die einseitige Kuratierung.

Besonders drastisch zeigte sich dieser Mechanismus auf der Frankfurter Buchmesse. Seit Jahren eskaliert dort der Konflikt um die Präsenz „rechter“ Verlage (Antaios, Edition Faust, Jungeuropa, Compact und andere). Als 2021 die afrodeutsche Autorin Jasmina Kuhnke ihre Teilnahme boykottierte, weil sie sich durch die Anwesenheit solcher Verlage bedroht fühlte, wurde daraus ein Grundsatzstreit: Darf ein Verlag, der im Rahmen der Rechtsordnung operiert, überhaupt noch ausstellen? Die Messeleitung hielt damals an einem minimalistischen Prinzip fest – Legalität genügt. Genau dieses Minimalprinzip wurde von weiten Teilen des Literaturbetriebs als Skandal empfunden. Die implizite Doktrin lautet seither: Literatur muss nicht nur „legal“, sondern moralisch korrekt sein. Wer diese Korrektheit verfehlt, hat keinen Platz im kulturellen Diskurs – unabhängig davon, ob seine Texte ästhetisch ambitioniert, argumentativ stark oder intellektuell relevant sind. Ähnliche Boykotte gab es auch von linker Seite: Die Autorin Margarete Stokowski, eine prominente linke Feministin, sagte 2018 eine Lesung in der Münchner Buchhandlung Lehmkuhl ab, weil diese rechte Bücher im Sortiment führte – darunter Werke von Thilo Sarrazin und Akif Pirinçci.

Rechte Verlage: Treiber der Pluralität

Stokowski argumentierte, sie wolle nicht in einem Raum auftreten, der solche Inhalte “normalisieren” und “rechte Autoren bereichern” würde. Dieser Boykott linker Autoren wie Stokowski unterstreicht die Einseitigkeit: Während rechte Inhalte systematisch ausgegrenzt werden, werden linke Positionen als Standard etabliert, und Abweichungen als „gefährlich“ gebrandmarkt. Rechte Verlage bilden das Rückgrat dieser Gegenbewegung. Zu ihnen zählen etablierte Häuser wie Antaios (geleitet von Götz Kubitschek, mit Fokus auf neurechte Intellektualität), “Junge Freiheit” (konservativ-national), Manuscriptum (verlegt AfD-Politiker wie Alexander Gauland und Björn Höcke), dazu Compact, Jungeuropa oder Kopp. Historisch reichen sie zurück zu Post-1945-Verlagen wie Arndt oder Orion-Heimreiter, die far-right-Ideen pflegen. Diese Verlage bedienen ein Spektrum von wertkonservativ bis rechtsextrem, mit Titeln zu Themen wie Immigration, Identität, Geschichtspolitik und Kritik am „Mainstream„. Sie werden oft vom Verfassungsschutz beobachtet, doch sie operieren legal und füllen Lücken, die der etablierte Betrieb lässt. Ihre Präsenz auf Messen löst regelmäßig Tumulte aus, wie 2018 in Frankfurt, wo Stände verwüstet wurden.

Ein besonders perfides Kapitel des verdeckten Kulturkampfs schreibt die akademische Literaturwissenschaft, die unter dem Deckmantel wissenschaftlicher Objektivität politische Etikettierungen vornimmt und damit die Ausgrenzung intellektuell legitimiert. Exemplarisch steht hierfür Torsten Hoffmann, Literaturwissenschaftler an der Universität Stuttgart und Leiter des DFG-geförderten Projekts „Neurechte Literaturpolitik“. In seinem Aufsatz „Bücher mit Rechtsdrall“, erschienen in den “Frankfurter Heften” (Ausgabe 9/2025), etikettiert Hoffmann konservative und systemkritische Autoren pauschal als Teil einer „neurechten Metapolitik“. Ernst Jünger und Botho Strauß werden retrospektiv als „rechts“ abgestempelt, Martin Mosebach und Uwe Tellkamp als Strategen einer vermeintlich extremen Rechten verklärt – oft ohne textimmanente Analyse, sondern allein aufgrund der Verlagsherkunft oder thematischer Nähe zu Migration, Identität oder EU-Kritik. Hoffmanns Methode ist symptomatisch: Sie projiziert einen „Rechtsdrall“ auf alles, was vom linksliberalen Konsens abweicht, und instrumentalisiert akademische Autorität, um Diskurse zu kontrollieren. Der Effekt ist Rufmord durch Etikettierung: Wer als „rechts“ markiert wird, verliert Legitimität im etablierten Betrieb.

Akademische Etikettierung als Waffe und erzwungene Gegenöffentlichkeit

Besonders virulent wird dies, wenn Hoffmann die Buchmesse „Seitenwechsel“ Halle (Saale) und ihre Organisatorin Susanne Dagen angreift – sie werde zur Plattform für „einflussreichste Rechtsextremisten“ und schaffe Öffentlichkeit für das „extrem rechte Lager“. Solche mantraartig repetierten Vorwürfe ohne stichhaltige Beweise dienen der Delegitimierung paralleler Strukturen und fördern Boykotte, Drohungen und wirtschaftlichen Druck. Deshalb ist Hoffmanns Beitrag auch kein Beitrag zur seriösen Literaturkritik; er ist eine politische Salve, abgefeuert gegen alles, was er als „bürgerliche Literatur“ abstempelt. Wer Literatur so behandelt, will nicht Vielfalt, sondern Gleichschaltung. Hier zeigt sich die Asymmetrie besonders klar: Linke Autoren wie Bertolt Brecht oder Elfriede Jelinek werden nie als „linksextrem“ etikettiert, während konservative Kritik automatisch pathologisiert wird. Hoffmanns mit Steuermitteln finanzierte Arbeit tarnt Aktivismus als Wissenschaft und verstärkt so den dezentralen Index – diesmal aus universitären Seminarräumen heraus.

Die Folge dieser Entwicklung ist paradox und doch logisch: Ausgegrenzte Verlage und Autoren haben begonnen, eigene parallele Strukturen aufzubauen. Die erwähnte Buchmesse „Seitenwechsel“ war dafür das prominenteste Beispiel: Organisiert unter anderem von Dagen und ihrem Umfeld des Dresdner Buchhauses Loschwitz, positioniert sie sich ganz bewusst als Gegenentwurf zu Frankfurt und Leipzig. Die erste Auflage 2025 zog nach Veranstalterangaben über 6.000 Besucher an – ein für eine Nischenveranstaltung enormer Erfolg, der zeigt, dass ein echtes kulturelles Bedürfnis existiert, welches der etablierte Betrieb nicht mehr bedient. Natürlich stand die Messe von Anfang an in der Kritik: Über 30.000 Menschen unterzeichneten eine Petition gegen sie, da sie “Hass” und “Intoleranz” fördere; es gab Proteste mit rund 700 Demonstranten, und der Hallenser Stadtrat verurteilte sie. Dennoch verlief sie friedlich – mit prominenten Gästen wie Hans-Georg Maaßen und Uwe Tellkamp. Die nächste Auflage ist für November 2026 geplant. Der Versuch, bestimmte Stimmen zu isolieren, hat also nicht zu ihrem Verschwinden geführt – er hat, genau umgekehrt, sogar eine echte Gegenöffentlichkeit hervorgebracht, die zunehmend professionalisiert und selbstbewusst auftritt.

Der neue Index: Dezentral, unsichtbar, wirkmächtig

Erst der Streit um Berlinale-Chefin Tricia Tuttle, jetzt der Buchhandlungspreis: Erneut ist Wolfram Weimer angeschlagen – und wieder geht es im Kern um die Frage, wie stark sich Institutionen politisch positionieren dürfen, wenn sie staatliche Unterstützung bekommen. Der Deutsche Buchhandlungspreis geht mit Preisgeldern von jeweils 7.000 bis 25.000 Euro an etwa 100 besonders engagierte kleine Buchläden, was für die von Amazon & Co gebeutelten Betreiber eine wichtige Finanzspritze ist. Der Streit um den Buchhandlungspreis 2026 offenbart deshalb ein tieferliegendes Strukturproblem der deutschen Kulturlandschaft: Wir bewegen uns zwischen zwei Formen der Kontrolle. Der Staat prüft nun (wieder) auf Verfassungstreue – diesmal ausnahmsweise linksextremistische Tendenzen – und nutzt dazu ein undurchsichtiges Geheimdienstverfahren. Der Kulturbetrieb prüft seit Jahren auf politische und moralische Korrektheit – und tut dies ohne jede Transparenz, aber mit hoher Effizienz.

Beide Mechanismen folgen derselben Logik: Nicht mehr das Buch, der Autor oder die intellektuelle Leistung stehen im Zentrum, sondern die Gesinnung des Umfelds, des Milieus, der Szene. Der klassische Index verbotener Bücher war immer zentral, sichtbar und von einer einzigen Autorität – meist der Kirche – geführt. Der neue Index ist dezentral, unsichtbar und polyarchisch: Er entsteht durch Förderentscheidungen, Boykottkampagnen, kuratorische Sortimentspolitik, Social-Media-Mobbing, Veranstaltungsabsagen und – jetzt auch wieder – staatliche Ausschlüsse. Und obwohl er unsichtbar ist, ist seine Wirkung real. Eine Gesellschaft, die ihre Literatur nach politischer Loyalität vorsortiert – egal ob von links oder von rechts, egal ob informell oder staatlich – verändert nicht nur ihren Buchmarkt. Sie verändert die Grundlagen ihrer geistigen Freiheit. Sie gibt das Prinzip auf, dass der Widerspruch, die Provokation, ja die Zumutung Teil des literarischen Raums sein dürfen. Am Ende steht dann nicht mehr der Streit der Ideen, sondern die saubere Trennung in genehme und gefährliche Regale. Und wer einmal anfängt, Regale zu sortieren, der hört selten freiwillig wieder damit auf.